Tag: Liebesfilm

Passengers (Morten Tyldum, USA 2016)

Posted by – 8. Januar 2017

Stell dir vor: Du bist einer von 5.000 tiefgefroren Passagieren eines das Raumschiffs auf dem Weg zu deinen neuen Heimat. Doch etwas geht schief und du als einziger erwachst als einziger aus dem Kälteschlaf. 90 Jahre zu früh! Wenn ich daran denke, bekomme ich eine Gänsehaut. So ergeht es Jim Preston (Chris Pratt). Er ist Passagier auf dem Raumschiff Avalon, das sich auf dem Weg zur Kolonie Homestead II befindet. Dort wollen er und die anderen Passagiere sich ein neues Leben aufbauen. Seine Versuche die Lage zu klären oder in den abgesicherten Schiffsbereich zu gelangen, in dem die Crew schläft, scheitern. Muss er den Rest seines Lebens allein auf dem Schiff verbringen?

Besonders zu Beginn funktionierte „Passangers“ für mich auch noch sehr gut. Alles sieht sehr hübsch aus und ist kurzweilig inszeniert. Der Protagonist erwacht und ist allein. Er versucht einen Ausweg aus seiner Situation zu finden – vergeblich. An Nahrung und Entertainment mangelt es ihm auf dem gut ausgestatteten Schiff nicht, doch gegen die immer mehr von ihm Besitz ergreifende Einsamkeit ist auch der höfliche Serviceroboter der Schiffsbar (Michael Sheen) nur ein unzureichender Ersatz. Dabei läge die Lösung so nahe. Ein Jahr kann er widerstehen…– doch dann entscheidet er sich, mit Aurora (Jennifer Lawrence) eine weitere Passagierin aus dem Kälteschlaf zu erwecken. Die beiden verlieben sich. Dass er sie geweckt hat, verschweigt er ihr allerdings.

Auch dieses, romantische zweite Drittel des Films funktioniert für sich genommen vor allem Dank Pratt und Lawrence gut. Und trotzdem deuten sich spätestens hier bereits die Probleme des Films an. Was ist schief gegangen da draußen im All? Aus dem existenzialistischen Abenteuerfilm, der kurz angerissen wurde, wird eine Liebesgeschichte. Doch auch hier ist wieder nicht genug Zeit, die Beziehung zwischen den beiden wirklich auszuloten: die Annäherung der Figuren und der Konflikt zwischen ihnen (Auroa erfährt, dass Jim sie geweckt hat, findet sie das natürlich gar nicht so lustig) werden bald aufgegeben, um es im letzten Drittel noch einmal richtig krachen zu lassen. Auf einmal hat es der Zuschauer mit einem Katastrophenfilm zu tun. Da darf Mann noch einmal das Schiff retten und Frau bekommt auch etwas zu tun. Ehe es holterdiepolter noch mal romantisch wird. Unentschlossen durchs Weltall.

Eigentlich ist „Passengers“, der auf einem Drehbuch von Jon Spaihts beruht, nicht ein, sondern drei Filme in einem. Leider komplementieren sich die verschiedenen Themen nicht gegenseitig, sie stehlen einander Zeit, die es erfordert hätte, dem Abenteuer-, Liebes- und Katastrophenfilm im Film gerecht zu werden. Stell dir vor: Nach fast 2 Stunden Spielzeit weißt du aufgrund des Schlingerkurses am Ende auch nicht mehr, ob du hier eigentlich hinwolltest. So ist es mir ergangen. Und unterwegs wurde soviel über Bord geschmissen, dass dabei auch ein paar wichtige Dinge verloren gegangen sind. Meine Gänsehaut vom Anfang war jedenfalls nicht mehr da.

Bild © Sony Pictures Germany

Kino 2016: Meine Top 10

Posted by – 30. Dezember 2016

Auch in diesem Jahr habe ich – wieder – nicht sehr viel im Kino sehen können. Aber es hätte angesichts des beruflichen Hin und Her sowie einiger gesundheitlich unschöner Episoden auch noch weniger seinen können. Und so bin ich dankbar für das, was ich vor die Linse bekommen konnte und präsentiere hier voller Demut meine Top-10 des Jahres 2016. Berücksichtigt wurden wie immer ausschließlich Filme, die einen deutschen Kinostart hatten.

Toni Erdmann (Maren Ade, Deutschland / Österreich 2016)

Schon „Alle anderen“ von Maren Ade hat mir sehr gut gefallen. „Toni Erdmann“ fand ich trotzdem noch einmal ungleich besser, vielleicht weil sich hier mögliche Interpretationen nicht ganz so aufdrängen, wie in ihrem Beziehungsfilm von 2008. Auch in „Toni Erdmann“, meinem Film des Jahres, geht es um eine Beziehung. Diesmal um die von Vater (Peter Simonischek) und Tochter (Sandra Hüller). Papa beschließt, seine Tochter, eine erfolgreice Unternehmensberaterin in Bukarest zu besuchen. Doch das Treffen läuft für bei beide nicht so richtig gut, und der alte Herr beschließt, es noch einmal – diesmal allerdings in Verkleidung! – zu versuchen. Wieder sind es weniger die Individuen, die Ade interessieren, als vielmehr etwas Übergeordnetes, Allgemeineres. Ade selbst nennt ihren Film eine „Ausbruchsfantasie“ aus einem statischen Familiengebilde. Das kann ich nachvollziehen, reicht mir aber noch nicht weit genug, denn es geht in„Toni Erdmann“ ja um so viel mehr: Es geht um Alt und Neu, sich finden und sich verlieren, um Abschiede. Es geht aber auch um Verkleidungen, Masken, Rollen, in die wir schlüpfen. Und vieles mehr. Und doch gibt es nicht die Moral der Geschichte, keine Auflösung und keinen Punkt, auf den sich alles konzentriert. Sonst bin ich manchmal ein wenig skeptisch, wenn so gut wie alle einen Film großartig finden. Aber im Falle dieses Films verstehe ich es, bin glücklich darüber und schließe mich mit Freude der großen und immer noch wachsenden Bewegung an. „Toni Erdmann“ bleibt ein offenes, vielschichtiges Werk, in das man, jeder auf seine Weise und immer wieder neu auf Entdeckungsreise gehen kann. Ein Kunstwerk eben.

Vor der Morgenröte (Maria Schrader, Deutschland / Österreich / Frankreich 2015)

Als ich „Vor der Morgenröte“ kurz nach Kinostart gesehen habe, hätte ich nicht ahnen können, was für einen Sturm dieser kleine, ruhige Film in mir auslösen würde. Maria Schraders Film über die letzten Jahre des Schriftstellers Stefan Zweig ist das Portrait eines großen Denkers, dessen Weltbild von der Realität eingerissen wird. Man hat das Gefühl, die Regisseurin würde ihre Hauptfigur, beeindruckend gespielt von Josef Hader, während des Films immer weiter aus den Augen verlieren, aber das ist nur eine von mehren Irritationen, die die Zerrissenheit der Hauptfigur aufzeigt und das Seelenleben des Protagonisten nachzeichnet, der sich immer mehr selbst verliert. Dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann, bedeutete für Zweig nach jahrelangem stillem Kampf mit sich selbst letzten Endes den Weg in den Freitod. „Vor der Morgenröte“ ist einer der traurigsten Filme, die ich kenne.

Spotlight (Tom McCarthy, USA 2015)

Ein Film, der nachwirkt: In Tom McCarthys „Spotlight“ geht es um eine Gruppe von Journalisten, die in den frühen 2000er Jahren tausende Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche und deren systematische Vertuschung durch dieselbe aufdeckt. (Ich hatte hier schon kurz etwas dazu geschrieben.) Was mich an dem Film nach wie vor fasziniert, ist wie geduldig und unprätentiös er seine furchtbare Geschichte erzählt, die ja eigentlich gar keine Geschichte ist, sondern die Wirklichkeit – was alles nur noch furchtbarer macht! Doch „Spotlight“ ist nicht nur auf der inhaltlichen Seite überzeugend, auch die Form dieses Recherche-Thrillers und die Perspektive einiger hartnäckiger, investigativer Journalisten, die trotz ihres nur zähen Fortschritts einfach nicht aufgeben, hat mich beeindruckt. Hier zeigt sich: die Wahrheit ist nicht ohne Mühe zu haben und es braucht Menschen, die Strapazen auf sich nehmen, weil sie fern jeder Religion an eine bessere Welt glauben, welche aber nur zu erreichen ist, wenn man versucht, das Leid zu mindern und gegen jede Lüge eintritt, die versucht, Aufklärung und Bildung zu verhindern. Wie auch immer der derzeitige Stand der Aufarbeitung und Prävention innerhalb der katholischen Kirche sein mag – zunächst unter Papst Benedikt und nun unter Franziskus –, scheint es langsam voran zu gehen. Ich denke, Filme wie „Spotlight“ leisten durchaus einen Beitrag dazu, dass alles in Bewegung bleibt und nicht hinter einem „Vorhang des Schweigens“ zum Stillstand kommt.

X-Men: Apocalypse (Bryan Singer, USA 2016)

Die „X-Men“ sind für mich derzeit einfach die spannendste Superhelden-Truppe, weil sie dem Superhelden-Sein interessante Aspekte abgewinnen und die Filme darüber hinaus – hinter all dem, manchmal etwas den Blick verschleiernden Bombast – spannende Geschichten von elementaren Konflikten, aber letztlich eben immer auch von Menschen erzählen. Für den Kino-Zeit-Adventskalender habe ich mich ein wenig ausführlicher geäußert.

Arrival (Denise Villeneuve, USA 2016)

Schwierig. Weil ich  so viel erwartet habe – die letzten Filme von Denise Villeneuve, „Prisoners“, „Enemy“ und „Sicario“ fand ich überwältigend! –, weiß ich gerade nicht so genau, wohin mit diesem Film. Vielleicht gehört er gar nicht in diese Liste? Oder müsste er höher, müsste er niedriger platziert sein? In dem Film geht es um 12 Raumschiffe, die unvermittelt auf der Erde landen. Eine Linguistin (Amy Adams) soll die Sprache der Aliens entschlüsseln, bevor die ohnehin angespannte Weltlage eskaliert. ­– Fest steht, dass „Arrival“ mich von allen in diesem Jahr gesehen Filmen visuell am meisten beeindruckt hat. Doch der Film ist auch – in unterschiedlicher Ausprägung – selbstverliebt, bedeutungsschwanger, pathetisch und verrätselt. Und ich bin mir nicht sicher, ob zum Schluss alles so gut zusammen passt, wie es eine ambitionierte Konstruktion dieses Kalibers erfordert. Wie dem auch sei – für mich geht es in dem Film nur vordergründig oder sagen wir nicht zentral um Kommunikation, sondern eher um einen – spirituellen? – onto- wie phylogenischen Prozess der Selbsterkenntnis sowie die Akzeptanz der eigenen Sterblichkeit und der unserer Liebsten. Und dass es die Stärke des Menschen ist – eine Stärke, die ihn schließlich auf paradoxe Weise retten wird – sich allen noch ausstehenden Tragödien zum Trotz immer wieder für das Miteinander zu entscheiden. Ja doch, – „Arrival“ gehört in diese Liste, weil er mich vor allem in seinen letzten Szenen berührt hat und seitdem nicht loslässt.

Midnight Special (Jeff Nichols, USA / Griechenland 2015)

Ein Vater flieht mit seinem übersinnlich begabten Sohn quer durch die USA. So schön einfach lässt sich der aktuelle Film von Jeff Nicols („Take Shelter“,„Mud“) zusammenfassen. Doch einfach ist die Geschichte nicht, oder sagen wir besser – sie hat ihre Tücken, sie fordert heraus. Wenn man den Film als Metapher auf das Sterben und den Tod eines Kindes und der Trauer seiner Eltern sieht, gewinnt an emotionaler Intensität, die wahrscheinlich nicht nur junge Väter zu Tränen rührt. Ein wenig wundere ich mich, dass die Mehrheit „Arrival“ als großartigen Science-Fiction-Film mit Hintersinn bejubelt, der endlich mal anders ist und zeigt, was das Genre ausmacht, „Midnight Special“ aber verschmäht, weil er irgendwie durchs Raster fällt, er weder Fisch noch Fleisch und noch nicht mal etwas Halbes oder Ganzes sei. Dabei haben beide Filme, was ihre Andersartigkeit und ihren Verdienst ums Genre angeht, viele Gemeinsamkeiten. Die Sci-Fi-Aspekte sind kein Selbstzweck, sondern dienen in beiden Fällen dazu, sich einem verborgenen Sinn anzunehmen, wie es anders nicht möglich gewesen wäre. Unabhängig voneinander sind beide Filme verdammt gut und in gewisser Weise hat mich Nichols emotionale Vater-Sohn-Geschichte sogar mehr berührt als Villeneuves abstrakte Mutter-Tochter-Geschichte. Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen den beiden Regisseuren ist übrigens auch, dass jeder der beiden einen fantastischen Film nach dem nächsten dreht. Möge das noch lange so weitergehen!

Right Now, Wrong Then (Hong Sang-soo, Süd-Korea 2015)

Von Hong Sang-soo kannte ich bisher nur „Nobody’s Daughter Haewon“, an dem mich nach meinen Notizen zur Berlinale 2013 vor allem „seine verträumte Erzählweise fasziniert hat, die gekonnt an der Grenze zur Belanglosigkeit entlangspaziert, diese aber niemals überschreitet“. Das gilt auch für „Right Now, Wrong Then“, der ebenfalls wunderbar leichtfüßig, aber doch mit einer gewissen schelmischen Boshaftigkeit die Geschichte von einem Regisseur erzählt, der sich in eine Frau verliebt und mit ihr einen Tag verbringt – um ab genau der Hälfte der Spielzeit des Films die gleiche Geschichte noch einmal zu erzählen. Allerdings haben die von den gleichen Schauspielern gespielten Figuren diesmal andere Charakter-Eigenschaften, so dass sich die Handlung ein wenig anders entwickelt. „Right Now, Wrong Then“ – heißt das, die zweite Episode ist die richtigere? Ohne Frage ist es die romantischere, in ihr finden die beiden Figuren auf eine schönere Weise zusammen als in der ersten. Oder ist doch der erste Durchlauf der, der irgendwie richtiger ist – vielleicht weil sein unsympathischer Protagonist in seiner Verlogenheit dort authentischer wirkt? Und was soll das eigentlich alles? Diese und ähnliche Fragen gehen mir seit dem Filmgenuss durch den Kopf. „Right Now, Wrong Then“ ist – jetzt wie damals – ein großer, stiller Spaß!

The Hateful Eight (Quentin Tarantino, USA 2015)

Als ich Quentin Tarantinos 8. Film Anfang des Jahres im Kino gesehen habe, war ich zunächst für ein paar Stunden, Tage vielleicht, der Meinung dies wäre wohl das bisher schwächste Werk des Meisterregisseurs. Haben wir das nicht alles schon gesehen? Nein, haben wir nicht und: „The Hateful Eight“ ist nicht sein schwächster, sondern einer seiner besten, weil wütendsten Filme. Es sind wie so oft nämlich auch hier die Widersprüche, die einen Film gut machen: Hass und Liebe, Geist und Grütze, Tragik und Komik, Bewegung und Ruhe, Gewalt und gute Laune – all das hat „The Hateful Eight“, Tarantinos gallig-grandioser achter (der es wie durch ein Wunder auf den achten Platz meiner Jahres-Top-10 gebraucht hat!). Dazu hatte ich auch schon mal etwas aufgeschrieben und zwar hier!

The Forbidden Room (Guy Maddin, Kanada 2015)

Ein Film im Film im Film im Film… Guy Maddin und Ko-Regisseur John Evans haben die Stummfilmära geplündert und ein cineastisches Panoptikum voller Ideen-Fragmente niemals gedrehter Filme erschaffen – ein eigenes filmisches, in sich verschachteltes Multiversum voller Absurditäten, das seinesgleichen sucht. Verstanden habe ich zwar nichts, überwältigt war ich aber trotzdem. Und auch wenn mir „The Forbidden Room“ selbst für Maddin-Verhältnisse ein wenig zu überfrachtet war, haben Botschaften aus einer anderen Welt wie diese auf jeden Fall einen Platz in meinen Top-10 verdient.

Batman V Superman: Dawn Of Justice (Zach Znyder, USA 2016)

„High-Rise“, „Dibbuk“, „Don’t Breathe“,„Der Bunker“, „Wild“ „The Witch“, „Der Nachtmahr“ und „The Lobster“ – ich habe verschiedene Filme an diese, zehnte Position der Liste gesetzt, aber es fühlte sich einfach nicht richtig an. Nein, „Batman V Superman: Dawn Of Justice“ MUSS einfach irgendeinen Platz in meiner Top-10 bekommen, weil er einfach seiner riesigen Probleme zum Trotz (alles an dem Film ist riesig!) ein gigantischer, ja ein wahrhaft monströser Film ist, wie er in diesem Kinojahr vergeblich seinesgleichen sucht. Mein ambivalentes Verhältnis zu „Batman V Superman: Dawn Of Justice“ , bei dem letztlich aber die Faszination überwiegt, habe ich ausführlich auf Kino-Zeit beschrieben. Dürft ihr gerne lesen; und ich würde mich freuen, wenn der eine oder die andere sich danach vielleicht entschließt, doch nicht so hart mit dem Film ins Gericht zu gehen – denn das hat er trotz aller Schwächen nicht verdient.

Elvis (John Carpenter, USA 1979)

Posted by – 5. Dezember 2015

ElvisJohn Carpenter einmal ganz anders. Mit dem Biopic über den großen Elvis Presley zeigt der Regisseur, der bis zu diesem Zeitpunkt schon „Dark Star“ (1974), „Assault on Precinct 13“ (1976), „Someone’s Watching Me!“ (1978) und „Halloween“ (1978) gedreht hatte, dass er nicht nur Horror, Comedy und Thriller kann, sondern dass er auch realistische Dramen beherrscht und durchaus in der Lage ist, das Leben einer berühmten Persönlichkeit inszenatorisch interessant und von inhaltlichem Mehrwert auf die Leinwand zu bringen. Eine Fähigkeit, die nicht viele Regisseure haben.

Carpenters Film beginnt mit einem Quasi-Selbstmord: Elvis, der gerade im International Hotel eingecheckt ist, „erschießt“ einen Fernseher, in dem gerade über ihn berichtet wird. Der Anfang, der im Jahr 1970 spielt, ist gleichzeitig das chronologische Ende der Geschichte. Danach erzählt Carpenter vom Großwerden des Stars Elvis Aaron Presley, dessen bewegtes Leben (1935 – 1977) auch heute noch die Welt rührt. Was macht Carpenter anders, was macht er besser als so viele Kollegen? Nun, in Biopics soll dem Protagonisten ein Denkmal gesetzt werden. Das Ergebnis sind in der Regel ziemlich vorhersehbare und damit öde Geschichten vom Aufstieg und Fall ihrer Helden, die meist auf Glorifizierung und übertriebenes Sentiment setzen und sich dabei im Allgemeinen verlieren. Natürlich erfüllen auch solche Filme ihren Sinn, schließlich möchte man etwas für die Vitrine, und das Erinnerungsstück soll bitteschön auch hübsch anzusehen sein. Legitim – aber langweilig. Vielleicht tue ich dem Genre gerade Unrecht und mir kommen im Moment nur die falschen Filme in den Sinn. Aber was ich von einem Biopic erwarte, ist, dass man eine Meinung zu seinem Subjekt hat. Einfach nur die Wikipedia-Fakten aneinanderzureihen, ein bisschen Aufstieg, ein bisschen Liebe, ein bisschen Krise, hach, so eine Berühmtheit hat es schon nicht leicht, das reicht mir nicht. Carpenters Films jedenfalls kann ich diese Art von Vorwürfen nicht machen, sein Film ist spezifisch, er hat etwas zu sagen, das über die Platituden anderer Musiker- und Starbiografien hinausgeht.

Elvis hatte viel Energie, sogar für zwei, aber auch für zwei sollte sie nicht für sein ganzes Leben reichen. Er hatte von Anfang an ein Bild von sich, dem er nacheiferte. Er ist geworden, was er wollte. Aber dieses Bild seiner Selbst war nicht differenziert genug – äußerlich geprägt von seiner Musik, seinem Look, den Statussymbolen, die ihm sein Ruhm verschafft hat, aber innerlich, emotional, verkümmert. Sspätestens ab dem Moment als seine Mutter stirbt ­– wobei es zu den größten Stärken des Films zählt, dieses quasi-telepahtisch, irritierend intime Verhältnis überhaupt in dieser Form herauszuarbeiten – ist Elvis verloren. Mit der äußeren Fülle ging schon die innere Leere einher, und der Verlust seiner Mutter ließ ihn innerlich ins Bodenlose stürzen. Seine Kraft war noch da, mit großer Anstrengung stellte er sich dem körperlichen Verfall und gefühlten Sinnlosigkeit entgegen, sein Bild von sich, das ihm wie ein Leuchtfeuer in der Nacht die Orientierung gab, wurde zum einzigen Bezugspunkt seines immer unglücklicher werdenden Lebens. Neben Carpentens behutsamer Regie, die das Innenleben seines Protagonisten andeutet ohne es plakativ auszustellen, ist es vor allem Russels meisterhafter Darsteller-Leistung zu verdanken, dass Elvis für den Zuschauer lebendig wird und man als Zuschauer zunehmend den Stress, der sich in dem Star aufbaut, spürt und ein Gefühl dafür bekommt, wie und warum Elvis mehr und mehr verbrennt.

Und wenn ich oben gesagt habe, „Carpenter einmal ganz anders“, dann muss ich das zum Schluss wieder ein Stück zurücknehmen. Denn das, was man bei diesem Regisseur oft verkennt, ist, dass er nicht nur im Spannungsfach ein absoluter Meister ist. Auch wenn es vielleicht etwas verdächtig klingt, dass ich als bekennender Biopic-Verächter und jemand, der mit Elvis eigentlich wenig anfangen kann, hier so ein Loblied singt – das hat nichts damit zu tun, dass ich ein großer Carpenter-Fan bin. Dieser Film ist meiner Meinung nach wirklich toll und eine viel zu wenig beachtete Perle sowohl des Genres als in dem Werk dieses großartigen Filmemachers. Wenn Elvis tatsächlich noch irgendwo lebt, dann in Carpenters Film.

Bild © Edel Germany

Mud (Jeff Nichols, USA 2012)

Posted by – 20. Mai 2014

„Shotgun Stories“ war für mich einer der schönsten Entdeckungen auf der Berlinale 2007 und auch die Freude über „Take Shelter“ vor 2 Jahren war groß! „Mud“, eine  Mischung aus Abenteuer-, Jugend- und „Coming-of Age“-Film, aus Thriller und Familiengeschichte, hat einige Parallelen zum Nichols Debüt. Nicht nur ihren Handlungsschauplatz – den unwirklichen Süden der USA – haben beide Filme gemein. Die Landschaft spielt für Nicols immer eine wichtige Rolle, es ist als würden sich das Land und die auf ihm lebenden Leute gegenseitig bedingen. Doch interessanter als die Gemeinsamkeiten, sind die Unterschiede. „Mud“ ist nicht nur der Name des von Matthew McConaughey grandios gespielten Outlaws, es ist auch Farbe des Films, seiner sumpfigen Landschaften und heruntergekommenen Siedlungen wie auch sein warmer, fast herzlicher (Erzähl-)Ton. Aber Schlamm ist eben auch ein Stoff, der Dinge verbindet und sie zusammenhält. Und auch insofern ist der Titel gut gewählt, funktioniert McConaugheys Figur für den Film und vor allem für den Protagonisten, den Jungen Ellis, wie ein Katalysator, der seine Lebensgeschwindigkeit erhöht, ihn mit der Welt in Kontakt bringt und ihn auf ein neues Seins-Niveau hievt, der seine Lebensform transzendiert. Es um Beziehungen, es geht um Freundschaften. Aber vor allem geht es um die Liebe! Ich etwas ausführlicher dazu: hier.

„Goodbye First Love“ (Mia Hansen-Løve, Frankreich, Deutschland 2011)

Posted by – 9. November 2013

Eine JugendliebeNach den ganzen Horrorfilmen des letzten Monats brauche ich ein bisschen Abwechslung. Die Wahl fällt auf „Goodbye First Love“ (OT: Un Aour De Jeunesse) von Mia Hansen-Løve. Mittlerweile, so könnte man denken, muss die x-te dummbräsige Teeny Romanze den Boden doch schon unfruchtbar gemacht haben für echte, aufrichtige Liebesfilme, oder nicht? Zum Glück nicht. Hansen-Løves beweist, dass es noch etwas zu erzählen gibt, so bittersüß und so weise, dass es weh tut.

Der Anfang vom Ende: Die fünfzehnjährige Camille (Lola Créton) und der neunzehnjährige Sullivan (Sebastian Urzendowsky) sind ein Paar. Doch Sullivan wird Camillie bald verlassen, denn er möchte für ein Jahr mit Freunden nach Südamerika reisen. Und so kommt es. Anfangs bleiben die beiden in Kontakt, nach und nach werden die Briefe jedoch weniger. Camille verzweifelt, versucht sich das Leben zu nehmen, scheitert, versucht neu anzufangen. Ihr Architekturstudium gibt ihr neues Selbstbewusstsein und auch die Beziehung zu ihrem Dozenten Lorenz (Magne Havard Brekke) scheint ihr gut zu tun. Überraschend taucht Sullivan wieder auf.

„Alte Liebe rostet nicht“, weiß der Volksmund zu erzählen und es wundert deswegen auch nicht, dass Camille sich sofort von neuem in Sullivan verliebt, eine Liebe, die dieser mit charmanten, großspurigen Schwüren erwidert. Die beiden haben in den letzten Jahren viel erlebt, sie sind nicht mehr die gleichen. Und trotzdem sind die alten  Verhaltensmuster noch da und werden fast sofort wieder wirksam. Hansen-Løve erweist sich als hervorragende Beobachterin der Beziehungs-Dynamik ihrer Protagonisten, aber auch als Regisseurin mit einen guten Gespür für Bilder. In den sonnendurchfluteten Landschaften, den Schneestürmen in Paris, der verspielten städtischen Architektur Berlins und der Bauhaus-Kälte Dessaus, spiegeln sich alle Facetten von Camilles Gefühlswelt wider. Das erzählerische Unterstatement reibt sich allerdings manchmal etwas an den intensiven Bildern und dem sehr präsenten Score, auf der anderen Seite entsteht gerade durch diese Reibung Spannung. Ohne den einen oder andren bunten Farbtupfer, wäre das Gesamtbild möglicherweise etwas zu grau geraten.

Eine Jugendliebe (so auch der deutsche Titel des Films), eine Episode im Leben eines Menschen, so wichtig und doch nur eine Etappe auf unserem Weg. Nach dem Ende vom Anfang muss es weitergehen. Das schafft nicht jeder. Menschen, die in der Vergangenheit leben, nennt man Nostalgiker. Ob Camille zu dieser Gruppe gehört, überlässt die letzte Einstellung von dem Zuschauer. Diese Offenheit ist mehr als bloßes Gehabe, durch sie bekommt der Zuschauer ein Gefühl der manchmal quälenden Vagheit, die das Leben durchzieht. Es gibt keine einfachen Antworten. Hansen-Løve weiß das. „Goodbye First Love“ ist ein sehr erwachsener Film.

Bild © good!movies
 

Black Narcissus (Michael Powell, Emeric Pressburger, England, 1947)

Posted by – 17. September 2013

BlackNarcisusVorher

Annika vom Blog „Die Filme, die ich rief“ befindet sich gerade auf einer filmischen Zeitreise. Unter dem Motto „Annika und die Wilde 13“ schaut sie 100 Filme, von 1913 bis 2013, aus jedem Jahr einen Film. Und weil so eine Reise manchmal sehr einsam sein kann, wollen wir ab und an ein kleines Stück des Weges mit ihr teilen. (Wir sind in diesem Fall Sebastian und ich.) Wir besuchen Annika im Filmjahr 1947. Auf dem Programm steht „Black Narcissus“ von Michael Powell und Emeric Pressburger. Bevor ich vor ein paar Wochen „The Red Shoes“ gesehen hatte, waren mir die beiden Filmemacher – ehrlich gesagt – gar kein Begriff. Nach dem grandiosen Ballett-Film bin ich allerdings sehr neugierig auf weitere Werke der beiden. Konkrete Erwartungen an „Black Narcissus“ habe ich nicht, aber Nonnen in einem indischen Bergkloster, hey – das klingt vielversprechend.

Mittendrin

Berge. Wind. Der Wind heult durch die ehemalige Palastanlage, die den arbeitsamen Nonnen nun als Kloster dient. Der fremde Ort, die fremden Menschen, die Höhe, Zweifel an der Mission. Ein Neffe des indischen Generals, ein verstoßenes Mädchen. Die Nonnen haben Kopfschmerzen, sie können nicht schlafen, Erinnerungen an ihre früheren Leben erwachen, an eine Zeit bevor sie sich dem Glauben verschrieben haben. Mr. Dean, britischer Verwalter des Orts zieht die Blicke der scheuen Frauen auf sich. Sind die Gefühle echt? Die Berge sind es nicht. Und der heilige Mann? Der schweigt.

Hinterher

Ein Tag ist Zwei Wochen sind vergangen, seit ich „Black Narcissus“ gesehen habe und ich bin immer noch etwas ratlos. Ratlos, weil mir der Film einerseits gut, ja sogar sehr gut gefallen hat, ich aber andererseits das Gefühl nicht loswerde, dass an ihm etwas nicht stimmte oder viellicht: dass ihm etwas fehlte. Er war opulent, die Geschichte vielschichtig und mit Deborah Kerr als Schwester Clodagh, Kathleen Byron als Schwester Ruth und David Farrar als Mr. Dean konnten mich auch die Darsteller überzeugen. Auf jeden Fall war es ein außergewöhnliches Filmerlebnis. Das Bühnenbild wurde zu Recht mit einem Oscar prämiert. Viele Kameraeinstellungen sind zum Niederknien. Und die Atmosphäre in dem Kloster ist sehr eigen. Aber genau an dieser Stelle, der Stimmung des Films, dabei wie er sich anfühlt oder eher wie er sich für mich anfühlen sollte, entstand ein emotionales Loch. Fünf Nonnen reisen in ein abgelegenes Dorf im Himalaya um in fast 3000 Metern Höhe eine Schule und ein Hospital aufzubauen. Und dann erzählen mir Powell & Pressburger eine bzw. drei Liebesgeschichte(n)? Ich glaube, mich hätte an dem Szenario eigentlich etwas anders interessiert. Ich hätte sehen wollen, wie es sich anfühlt dort oben auf dem Berg, wie die Frauen mit der Dorfbevölkerung in Konflikt kommen, wie sie krank werden, an ihrem Glauben zweifeln, den Verstand verlieren. Irgendwie so etwas. All das spielt auch tatsächlich eine Rolle, aber meiner Ansicht nach eben eine zu kleine.

Vielleicht wollte ich einfach einen anderen Film sehen. Da können Powell & Pressburger natürlich nur sehr bedingt etwas für. Der Academy hat „Black Narcissus“ damals jedenfalls gut gefallen. Deswegen gab es auch zwei Oscars, einmal für die beste Kamera, einmal für das beste Szenebild. Und Menschen so im Allgemeinen mögen ihn auch: Auf der Internet Movie Data Base hat der Film eine Wertung von fast 8/10; und auf Rotten Tomatoes sind alle Reviews „fresh“. Trotz der genannten Probleme mache ich es wie der heilige Mann im Film, ich schweige und reihe mich still in die positiven Wertungen ein. Ich freue mich nämlich schon auf meinen nächsten Powell & Pressburger (bei dem es sich wahrscheinlich um „Life And Death Of Colonel Blimp“ handeln wird). Und noch mehr freue ich mich, wenn sich die Wege auf Annikas filmischer Weltreise mal wieder kreuzen. Vielleicht ja schon in 10 Jahren, 1957. Da steht David Leans „The Bridge On The River Kwai“ auf dem Programm und den wollte ich eh schon seit langem mal nachholen

Hier geht es zu Annikas, hier zu Sebastians Text.

Bild © KSM
 

Return Of The Living Dead 3 (Brian Yuzna, USA 1993)

Posted by – 16. Dezember 2012

Return_of_the_living_dead_3Liebe ist Stärker als der Hunger auf Gehirne. Zumindest eine Zeitlang.

Unter der Aufsicht von Offizier Colonel John Reynolds (Kent McCord) experimentiert das Militär weiterhin am hochgiftigen Trioxin 245, das Tote wieder zum Leben erweckt. Zu doof, dass Reynolds Sohn Curt (J. Trevor Edmond) mit seiner Freundin Julie (Melinda Clarke) die Versuche beobachten und Curt, nachdem Julie bei einem Motorradunfall ums Leben kommt, der Idee verfällt, seine Freundin mit Hilfe von Toxin 245 zurückzuholen. Zwar gelingt die „Wiederbelebung“, doch entwickelt Julie danach einen eigenartigen Hunger auf Menschenfleisch.

Eigentlich bin ich ja kein großer Freund von Experimenten mit dem Zombiefilm, aber diese Zombie-Variation von Brian Yuzna gefällt mir ausnahmsweise sehr. Nach einem Drehbuch von John Penney lotet Yuzna hier die Idee aus, dass der Zombie doch keine willenlose Fressmaschine ist, sondern im Prinzip der Mensch bleibt, der er vorher war – nur halt mit gnadenlosem Hunger auf Gehirne. Die Zombies sind auf einmal Individuen, die über Selbstbewusstsein und –kontrolle verfügen, was mit der deprimierenden Grundprämisse des klassischen Zombiefilms nicht mehr allzu viel zu tun hat und „Return Of The Living Dead 3“– aller körperlicher Schmerzen zum Trotz – sich fast schon als Feelgood-Movie unter den Zombiefilmen macht.

Yuznas ist ein launiger, fantasievoller Genremix aus Zombiefilm, Body Horror, Sozialkritik und Coming-of-Age gelungen. Coming-of-Age? Ja, ich finde schon. Yuzna geht hier mit Themen wie der Loslösung vom Elternhaus, dem Konflikt mit Autoritäten, den bizarren Versuchen, die flügge werdenden Jugendlichen zu zähmen, der ersten Liebe u.ä. deutlich auf die Probleme Heranwachsender ein. Auch Julies auto-aggressives Verhalten kann in diesem Zusammenhang als Symbol der gesellschaftlichen Kälte und der jugendlichen Rebellion gedeutet werden. Insofern ist „Return Of The Living Dead 3“ fast schon ein bisschen Rock’n Roll.

Bild © Lions Gate