Tag: Lucio Fulci

The Psychic (Lucio Fulci, Italien 1977)

Posted by – 20. März 2016

The PsychicUnter einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung versteht man eine Vorhersage, die nur deswegen eintritt, weil sie ausgesprochen wurde. So ergeht es auch Virginia (Jennifer O’Neill) in Lucio Fulcis „The Psychic“ (OT: Sette note in nero), die eines Tages die Vision eines Mordes an einer Frau hat. In der Villa ihres Mannes Francesco (Gianni Garko) erkennt sie Fragmente daraus wieder – und ruft die Polizei. Diese findet eine eingemauerte Leiche. Allerdings ist das nicht die Frau aus Virginias Vision. Zusammen mit dem Parapsychologen Luca Fattori (Marc Porel) stellt sie Nachforschungen an, bis sie der Wahrheit gefährlich nahe kommt…

Seit zwei Jahren lag eine DVD von Luci Fulcis „The Psychic“ bei mir ungesehen im Regal. Dabei gab es in letzter Zeit kaum einen Film, auf den ich mich mehr gefreut habe. Warum das lange Warten? Ich hatte mir den Film dooferweise in der RC1-Version gekauft, die meine Playstation leider nicht abspielen kann. Auf der letzten Filmbörse habe ich mir dann das Mediabook aus dem Hause „84 Entertainment“ von „The Psychic“ bzw. „Die sieben schwarzen Noten“, wie er hierzulande heißt, gegönnt. Das hat sich als ausgezeichnete Entscheidung herausgestellt, denn es ist bestimmt auch der an Extras reichen Veröffentlichung (vor allem dem Audiokommentar von Marcus Stiglegger) zu verdanken, dass ich den Film nicht nur nett, sondern schlussendlich sogar ziemlich gut, wenn nicht sogar toll fand.

Von Beginn an hat „The Psychic“ einen ganz eigenartigen Sog. Eigenartig deswegen, weil ich ihn zuerst gar nicht richtig wahrgenommen habe, sondern erst am Ende – vielleicht sogar erst richtig, als der Film schon vorbei war. Man kann den Zuschauer in gewisser Hinsicht mit der Protagonistin vergleichen, der, wie Virginia in ihrer Vision, irgendwie in diesem Film gefangen, ihm sozusagen ausgeliefert ist. „The Psychic“ hat in mehrfacher Hinsicht etwas Geschlossenes. Die Protagonistin ist ganz mit ihren Nachforschungen befasst, diese „Welt“ verlässt sie nie. Doch jedes Puzzleteil des Verstehens, ist gleichzeitig ein Stein, aus dem sie ihr Schicksalsgefängnis baut. Das ist inszenatorisch von Fulci sehr geschickt umgesetzt, so dass sich das Gefühl der Unausweichlichkeit subtil ins Hirn des Zuschauers fräst. Wie die Protagonistin wird auch er wie auf Autopilot durch die Geschichte gezogen, wie sie ahnt auch er zumindest eine Zeitlang nicht, welches Ende die Autoren Dardano Sacchetti und Roberto Gianviti unter der Mithilfe des Regisseurs vorgesehen haben.

Überhaupt ist auch dieser Film Fulcis wieder sehr schön. Durch Gegenlicht-Aufnahmen von Kameramann Sergio Salvati erhalten viele Momente etwas träumerisches, eine ganz eigene Aura und Schönheit, die im Kontrast zu der düsteren Geschichte steht. Gleiches gilt für den stimmungsvollen Score und die einprägsame, Titelmelodie von Franco Bixio, Fabio Frizzi und Vince Tempera. Wie schon in „A Lizard In A Womans Skin“ geht es in „The Psychic“ – das hat er mit mehreren Filmen von Dario Argento gemeinsam – um die Rekonstruktion und anfänglichen Fehlinterpretationen einer Wahrnehmung; und wie auch in Fulcis anderen Gialli ist auch „The Psychic“ wieder ein untypischer Vertreter des Genres, dessen Standards ihm in mehrfacher Hinsicht abgehen, ohne dass dieses Fehlen in irgendeiner Hinsicht ein Mangel wäre. Im Gegenteil, der freie Umgang mit dem Netzwerk an Giallo-Stilismen, macht diesen Film so reich und reizvoll. Und dass er mit der tückischen, sich selbst erfüllenden Prophezeiung bzw. Vision ein – wieder nicht ganz genretypisch – ein echtes Thema hat, das er spannend, originell und formal stimmig umsetzt. Ich sage jetzt auch mal etwas voraus: Wenn das so weiter geht, werde ich noch zum Fulci-Fan..

Bild © 84 Entertainment

On The Top Of The Other (Lucio Fulci, Frankreich / Italien / Spanien 1969)

Posted by – 12. März 2016

una sull'altra

Als seine Frau Susan (Marisa Mell) stirbt, erbt der Arzt George Dumurrier (Jean Sorel) eine hohe Geldsumme, was den Verdacht der Polizei und der Versicherung auf ihn lenkt. Kurze Zeit später lernt Dumurrier die Stripperin Monica Weston kennen, die seiner verstorbenen Frau zum Verwechseln ähnlich sieht.

Zunächst: Der unter dem internationalen Titel „On The Top Of The Other“ (OT: una sull’altra) vermarktete, aber auch unter den Namen „Perversion Story“ und „Nackt über Leichen“ bekannte Erotikthriller von Lucio Fulci, ist ein wahnsinnig gut aussehender, stilvoller, aber auch perfider Vertreter seiner Gattung. Es geht um Intrigen der Reichen und Schönen. Und schön und musikalisch reich ist der Film auch – schon alleine optisch sowie durch den jazzigen Score von Riz Ortolan bestens unterhält. Fulci und seinem Kameramann Alejandro Ulloa sind nicht nur etliche einprägsame Aufnahmen geglückt, welche die Besonderheiten des Krimiplots subtil untermauern, sondern ebenso viel stimmungsvolle Bilder von San Francisco. Wir sehen die Personen oft durch Glas oder ihre Reflektion in einem Spiegel; und auch sonst gibt es etliche schräge Perspektiven, experimentierfreudige Collagen und originelle Regie-Einfälle zu bewundern.

Doch es sind weniger seine offensichtlichen Reize, die den Hitchcock-inspirierten und an die Themen und die Ästhetik Brian de Palams erinnernden Thriller so interessant machen. Zum einen ist er der erste Ausflug Fulcis ins Giallo-Genre, zum anderen gehört er zu den wenigen Gelegenheiten, den Regisseur als rationalen, mehr oder weniger kohärenten Geschichtenerzähler zu erleben. Und noch ein dritter Aspekt macht diesen Giallo für mich spannend: Die Mechanismen der Zerstörung, die in Fulcis späteren Filmen vor allem körperlicher Natur sind, werden hier auf das gesamte Leben eines Mannes angewandt. Nach und nach gerät alles, letzten Endes selbst verschuldet, aus den Fugen, bis er schließlich in der Todeszelle landet. Doch ist es nicht nur die Destruktion selbst, sondern auch die Art ihres Voranschreitens, die Zwangsläufigkeit, die den Ereignissen dieses Films zugrunde liegt, die Unausweichlichkeit jedes einzelnen Schrittes bis hin zum Finale, die ein Charakteristikum vieler Filme Fulcis wie auch anderer Gialli sind. Hierzu passt übrigens auch sehr gut das Schauspiel von Jean Sorel, der mit kaum bewegter Mine seinen Alptraum durchlebt, so als wüsste er stets, dass er sein Schicksal verdient und keine Chance hat, die Geschichte von sich aus zu wenden.

„On The Top Of The Other“ ist ein Film, in dem Fulcis Werk noch nicht aus den Fugen geraten ist, in dem die Verhältnisse noch stimmen und die drei bisher vom mir beobachteten, inneren Prinzipien seines Schaffens – Zerstörung, Fatalismus und Sühne – mit dem Primat der Ästhetik im Einklang stehen. Fulci wirft einen Blick hinter die Fassaden der oberen Zehntausend und zeigt, wie selbstsüchtig, niederträchtig und intrigant es dort zugeht. Zum Schluss bekommt jeder, was er verdient. Wer Fulci vor allem wegen seiner inkohärenten Geschichten, der fiebrigen traumartigen Atmosphäre seiner Filme und der heftigen Gewalteruptionen mag, wird mit diesem Film möglicherweise zunächst fremdeln. Meiner Meinung nach ist das aber ein Grund mehr, ihn sich anzusehen und andere Seiten dieses vielfach unterschätzten Filmemachers kennenzulernen. Hier ist Fulcis Welt noch in Ordnung, „On The Top Of The Other“ ist eine runde Sache!

Bild © X-rated

Notizen #2

Posted by – 21. Dezember 2015

Ich merke jetzt schon, dass mich diese Rubrik eher nervt als zu kompensieren, dass ich gerade so wenig Zeit für Film, Kino und Schreiben habe. Nur so ein paar Sätze über ihn zu schreiben, das hat kein Film verdient. Und mir bringt es eigentlich auch nicht viel. Bei knappen 1000 Zeichen springt das Hirn noch nicht an. Aber egal – das habe ich zuletzt gesehen:

The Dark Knight (Christopher Nolan, USA / UK 2008)

Mein drittes Mal „The Dark Knight“. Ich bleibe bei meiner Meinung: Dies ist der beste Batman-Film, der bisher gemacht worden ist. Warum? Auch, weil hier Nolans Stärken (realistischer Ansatz, tolles Design) mit einer guten (Kriminal-)Geschichte zusammenkommen. Aber vor allem natürlich weil Heath Leadgers Darstellung des Jokers so überragend ist. Gut und böse, Ordnung und Chaos, Ying und Yang – dieser „Batman“ traut sich an die großen Fragen und bleibt trotzdem mit beiden Füßen fest auf dem Boden. Toll.

Man Of Tai Chi (Keanu Reeves, USA, China, Hongkong 2013)

Ich kann schon verstehen, warum dieser Film so wohlwollend aufgenommen wurde. Kenau Reeves versucht in „Man Of Tai Chi“ das Prügelkino der 1980er und 90er Jahre ins neue Jahrtausend zu transferieren. Und das gelingt ihm gar nicht mal so schlecht, bei allen Stärken und Schwächen, die das Genre ausmacht. Meine Probleme mit „Man Of Tai Chi“ lagen vor allem darin begründet, dass ich die Kämpfe mäßig fand und ich auch keinen wirklichen Spannungsanstieg im Verlauf des Films feststellen konnte. Keanu Reeves als Endgegner war ein Flop. Ich bin sicher, dass man als Liebhaber des Genres auch noch etliche positive Aspekte des Films nennen kann, aber ich belasse es mal bei diesen kurzen Anmerkungen und der Feststellung, dass mich der Film nicht besonders gut unterhalten hat.

The Punisher (Jonathan Hensleigh, USA / Deutschland 2004)

Hatte ich irgendwann schon mal gesehen. Fand ich damals so lala und diesmal leider auch nicht viel besser. Mich stört nichts so richtig, aber es gibt auf der anderen Seite auch wenig echte Stärken, die „The Punisher“ zu einem Superhelden-Film mit Erinnerungswert machen. Vielleicht ist es sogar sein Superhelden-untypisches Setting, das ihn innerhalb der Marvelfilme noch am besten auszeichnet. Nimmt man ihn als Action-Film, hat er wiederum zu wenig Alleinstellungsmerkmale. Highlight des Films ist sicherlich der Fight des Punishers gegen den Herren im gestreiften T-Shirt, und auch sonst gibt es den ein oder anderen Moment, in dem ich freundlich Richtung Fernseher genickt habe, aber alles in allem hat der Film einfach zu wenig, um mein Interesse zu wecken und zu halten. Meiner Lust, mich mal näher mit den „Punisher“-Comics auseinanderzusetzen, habe ich durch den Film jetzt erst mal einen Dämpfer verpasst. Ist aber nicht schlimm. Mehr Zeit für andere Sachen.

Bone Tomahawk (S. Craig Zahler, USA 2015)

Und nach dem Film alle so: Äh? Ratlose Blicke. Nicht falsch verstehen, die Geschichte um ein paar Cowboys, die zwei Geiseln aus der Gewalt von Kannibalen-Indianern befreien wollen, ist jetzt auf den ersten Blick für einen Genre-Film nichts Ungewöhnliches, aber für den zweiten dann eben schon. Was genau an ihm nicht stimmt, ist gar nicht so leicht zu sagen. Vielleicht lässt es sich am besten so beschreiben: Der Film ist absolut leer. Aber – kann das wirklich sein? Soviel Trara, so bekannte Schauspieler, offensichtliche Können seitens S. Craig Zahler – und dann ist da nichts sonst? „Bone Tomahawk“ war der einzige Film, den ich in diesem Jahr auf den Fantasy Filmfest White Nights gesehen habe und noch zwei Wochen nach Sichtung, weiß ich nicht so recht, was ich davon halten soll. Ist da was? Ist nichts? Ich weiß es nicht…

Contraband (Lucio Fulci, Italien 1980)

Wieder ein Fulci zu dem man eigentlich ganz viel sagen könnte und sollte, aber angesichts des anstehenden Artikels zu „Das Haus an der Friedhofsmauer“ drückt sich mein Gehirn gerade davor, überhaupt irgendwas Sinnvolles zu diesem Regisseur auszuspucken. Immerhin habe ich mit „Contraband“ (OT: Luca il contrabbandiere) einen der letzten Filme, den ich mir zur Vorbereitung noch zu Gemüte führen wollte, angesehen und endlich mal wieder einen Fulci gesehen, der mir ziemlich viel Spaß gemacht hat: Schmutzig, düster, trostlos, kraftvoll inszeniert, auffällig stringent und sehr spannend. Guter Fulci, wenn man einmal davon absieht, dass er an ein, zwei Stellen wirklich unnötig brutal ist.

Notizen #1

Posted by – 24. September 2015

Von meinem Ziel, über jeden Film, den ich sehe, etwas zu schreiben, wie so manches Blogger-Vorbild es schafft, bin ich leider weit entfernt. Bedauerlicherweise sehe ich auch nicht, dass sich das in naher Zukunft ändert. Die Freuden des Vaterseins sind etwas, das man mit Zeit bezahlt. Ganz abgesehen von der Notwendigkeit, Geld zu verdienen. Und dies und jenes. Die Fülle der Welt, könnte man sagen, und die Knappheit der Zeit sind schuld. Und natürlich meine angeborene Faulheit. Jedenfalls überlege ich schon länger, ob es nicht vielleicht gut wäre, ab und an einen Sammelpost zu verfassen, in dem ich über die Filme, zu denen mir etwas einfällt, zumindest kurz etwas sage. Dafür spricht, dass ich mein Filme-Sehen, wenn auch nicht vollständig, so doch umfassender dokumentieren würde. Dagegen spricht, dass ich möglicherweise manchmal den leichten Weg des Kurztexts wählen und mich vor einer etwas gründlicheren Auseinandersetzung mit einem Film drücken könnte. (Stichwort Faulheit.) Wie dem auch sei – ich werde es nur herausfinden, wenn ich es ausprobiere.

Avengers 2: Age of Ultron (Joss Whedon, USA 2015)

Zunächst das Positive: Es gibt wahrscheinlich wenig Regisseure/Autoren, die es so hinbekommen, wie Joss Whedon, mit 10 und mehr Figuren zu jonglieren, ohne dass der Zuschauer das Gefühl bekommt, einer von ihnen würde zu kurz kommen. Dieses Kunststück ist dem Erfinder von „Buffy“, „Firefly“ und „Dollhouse“ auch in „Avengers 2: Age of Ultron“ wieder einmal gelungen. Ansonsten: Stagnation auf hohem Niveau. Schöne Effekte, aber wenig, das mich wirklich berührt hat. Ausnahmen sind da vielleicht die ersten beiden Auftritte von Ultron. Doof: Insgesamt wieder keinen guten Bösewicht hinbekommen. Quicksilver & Scarlett Witch: Verschenkt.

The Warriors (Walter Hill, USA 1979)

Nachdem ich neulich von „Trespass“ so positiv überrascht war, habe ich als Nachfolge-Hill mal „The Warriors“ aus dem Regal gezogen. Ein schönes Wiedersehen! Der Film spielt in der Welt rivalisierender New Yorker Straßengangs. Als ein Treffen, das eigentlich dazu gedacht war, die Gruppen zusammenzuführen, eskaliert, befinden sich die „Warriors“ auf einmal auf der Flucht. Gejagt von der Polizei und den anderen Gangs müssen Swan (Michael Beck) und die verbleibenden Mitglieder seiner Gruppe versuchen, sich in heimatliche Gefilde durchzuschlagen. „The Warriors“ ist Atmosphäre pur. Mir gefällt außerdem, dass die Figuren immer in Bewegung sind, und mich der Film mal an einen Traum, mal an ein Computerspiel erinnert.

The Conjuring (James Wan, USA 2013)

Jetzt habe ich endlich auch „The Conjuring“ gesehen und ich verstehe weder die Hater noch die Fürsprecher. Für mich war er ein in ziemlich jeder Hinsicht durchschnittlicher Gruselfilm. Deshalb gibt es nicht groß etwas zu meckern, weiß aber auch nicht, was an diesem Mix von Genrestandards besonders toll gewesen sein soll. James Wan traut sich nix, und so ist das Positivste, das ich über ihn sagen kann, dass er manche Fehler moderner Grusel- und Horrorfilme nicht macht. Zu einem Highlight des Genres macht es das „The Conjuring“ aber nicht.

City of the Living Dead (Italien, Lucio Fulci, 1980)

Ich darf demnächst mal was Längeres über Lucios Fulcis „The House By The Cemetery“ (OT: Quella villa accanto al cimitero) schreiben und deswegen wollte ich mir gerne noch mal die so genannte „Hell“-Trilogie vergegenwärtigen. „City Of The Living Dead“ (OT: Paura nella città dei morti viventi), besser bekannt unter dem deutschen Titel „Ein Zombie hing am Glockenseil“, hatte ich bis vor Kurzem erst ein Mal (damals noch auf VHS in einer verstümmelten Videotheken-Fassung) gesehen. Wie mit fast allem von Fulci, das ich bisher gesehen habe, hat mich auch dieser Film nicht besonders angesprochen, auch wenn manche Szenen natürlich im Gedächtnis bleiben. Wahrscheinlich ist Fulci ohnehin ein Mann des Augenblicks. Andererseits gehören Fulcis Filme zu denen, wo ich das Gefühl nicht loswerde, dass da mehr ist, als man sieht. Muss ich dringend noch einmal gucken.

High Noon (Fred Zinnemann, USA 1952)

Dafür, dass ich mit Western wenig anfangen kann, finde ich „High Noon“ von Fred Zinnemann ganz schön toll. Vielleicht weil der Film eigentlich gar kein klassischer Western ist, sondern eher ein sozialpsychologisches Experiment mit einer universellen, zeitlosen Aussage. Auch wenn seine Handlung nicht auf einen Raum beschränkt ist, erinnert er mich doch ein wenig an „12 Angry Men“, weil er ähnlich systematisch vorgeht. Während bei Sidney Lumets ein Geschworener nach und nach seine Kollegen überzeugt, dass ein wenig Zweifel hinsichtlich der Schuld des Angeklagten angebracht wäre, greift bei Zinnemann der Zweifel immer weiter um sich, so dass ein Town Marshall schlussendlich ohne Unterstützung seiner Freunde, Kollegen – ja seines ganzen Dorfes! – seinem Erzfeind gegenübersteht.

WarGames (John Badham, USA 1983)

Weil ich neulich mal etwas für eine „John Badham“-Publikation zu „Nick Of Time“ schreiben durfte, habe ich mir in den letzten Wochen und Monaten einige Filme dieses großartigen Filmemachers angesehen. Mein Favorit? „WarGames“! Ich mag ihn nicht nur, weil ich ihn wahnsinnig unterhaltsam, sondern auch auf verschiedenen Ebenen sehr clever finde. Es geht ums Denken, Wahrnehmen und Beurteilen, dabei zeichnet der Film und seine Geschichte selbst die Funktionsweise des Gehirns nach. Ein Gehirn deutet nach Gerhard Roth die ihm zukommenden Daten nach drei Prinzipien, 1. dem Ort, wo die Daten verarbeitet werden, 2. werden die Informationen verschiedener Sinnesareale in einer parallelen Konsistenzprüfung auf ihre Stimmigkeit geprüft und 3. werden sie konsekutiven Konsistenzprüfungen mit früheren Daten (Gedächtnisdaten) auf Widerspruchsfreiheit hin analysiert. In „WarGames“ verkennt nicht nur der Computer – wie Computer das in Filme ja ziemlich oft tun – die Realität, auch der Mensch missinterpretiert die Tatsachen und hätte die Welt beinahe in einen alles vernichtenden Atomkrieg manövriert, weil er – und das zeigt Badham hier sehr geschickt – nur innerhalb des Systems mit eigenen Zuständen interagiert. Der Supergau als Folgefehler. Meisterwerk.

To be continued

Manhattan Baby (Lucio Fulci, Italien 1982)

Posted by – 18. Juli 2015

Manhattan BabyIch habe noch so einige Lücken, was das Werk von Lucio Fulci angeht. Und das darf natürlich nicht sein. Deswegen werde ich mir in den folgenden Wochen alles, was mir von ihm in die Hände fällt, zu Gemüte führen. Den Anfang meiner planlosen Reise durch sein Schaffen macht der allgemein eher wenig geschätzte „Manhattan Baby“ (OT: L’Occhio del male), an dem weder die Splatter-Gourmets unter Fulcis Anhängern, noch diejenigen, die eher seine atmosphärischen, häufig surrealistischen Werke zu schätzen Gefallen gefunden haben. Auch mich konnte der Film nicht gerade zu Jubelstürmen hinreißen, aber ein wohlgesonnenes „hat was“ ist auf jeden Fall drin.

Zum „Inhalt“ (es geht um ein verfluchtes Amulett, mit dessen Hilfe der Geist eines bösen Pharaos von den Kindern eines Wissenschaftlers Besitz ergreift), muss man nicht viel sagen. Die Geschichte scheint, wie so oft bei Fulci, als notwendiger aber lästiger Ballast. Doch anders als beispielsweise im Vorgänger „The New York Ripper“ (OT: Lo Squartatore di New York), mit dem „Manhattan Baby“ den Handlungsort teilt, geht es dem Italiener hier auch nicht darum, möglichst unappetitliche Situationen in Szene zu setzen, sondern um… – ja um was eigentlich? Auf den ersten Blick ist sein Film ein recht konventionelles Gruselstück, auf den zweiten aber auch wieder nicht, weil das alles nicht besonders spannend ist und auch nicht wirklich Sinn ergibt. Figuren kommen und gehen, manchmal sterben sie, mitunter verschwinden sie auch einfach, hier leuchten mal die Augen blau, da liegt auf einmal Wüstensand auf dem Boden des Kinderzimmers, in der Schublade ist ein Skorpion, und im Finale erwachen Tierpräparate zum Leben. Kraut und Rüben. Der Film wirkt wie eine luschig erzählte Mischung aus „Poltergeist“, „The Exorcist“ und „The Mummy“ (nur ohne Mumie), in der nicht einmal der böse Pharao weiß, was er eigentlich will. Qualitativ hochwertig ist das sicherlich nicht – den Vorwurf, der Film wäre irgendwie konventionell oder der Expressionist Fulci habe sich hier nicht richtig ausgelebt, kann man so aber nicht stehen lassen. Trotz der etwas zähen Story, die nicht so richtig in Gang kommen will und viel Leerlauf, gibt es auch immer wieder geniale Momente, in denen der Regisseur zeigt, was er kann bzw. worauf es ihm eigentlich ankommt. In seinen Filmen bricht stets das Böse in die Welt, doch im Gegensatz zum Stilisten Dario Argento tut es das bei Fulci mit brachialer Gewalt: Wände brechen auf, Körper werden von Spießen durchbohrt, das Blut schießt aus Augen und Ohren… Nein, subtil ist das was Fulci uns hier zeigt nicht. Auch wenn er in „Manhattan Baby“ ein wenig verhaltener zu Werke geht als in manch anderen seiner Filme, scheint auch dieser Film mit einigem Hass inszeniert zu sein. Ich weiß nicht viel über Fulci. Aber ein glücklicher Mann, das merkt man hier, war er bestimmt nicht.

Trotzdem will ich mich nicht beschweren, denn „Manhattan Baby“ hatte wie gesagt etwas. Und wenn es nur dieses vage Gefühl ist, dass hinter der Geschichte und den Bildern eines Films mehr ist, als man rational erfassen kann. Und dass ein Amulett eben manchmal nicht nur ein Amulett ist, sondern etwas, in dem der Geist eines bösen Pharaos schlummert. Ich freue mich schon darauf, den „bösen Geist“ in den Filmen von Fulci noch etwas besser kennenzulernen.

Bild © Marketing Film

A Lizard in a Woman’s Skin (Lucio Fulci, Frankreich/Italien/Spanien 1971)

Posted by – 24. März 2012

Es ist schon einige Zeit her, dass ich mir das letzte Mal etwas von Lucio Fulci angesehen habe. Mit seinen Splatterfilmen bin ich bisher noch nicht so richtig warm geworden. Und „Don’t Torture A Duckling“ (OT: Non si sevizia un paperino) habe ich irgendwann mal todmüde nachts gesehen, ohne ihn richtig genießen zu können. Jedenfalls war ich schon fast dabei, Fulci unter „nicht mein Ding“ weg zu sortieren. Deswegen bin ich sehr froh, dass ich jetzt die Gelegenheit hatte, seinen Giallo „A Lizard In A Woman’s Skin“ (auch bekannt unter dem Namen “Schizoid”, OT: Una lucertola con la pelle di donna) zu erleben. Nach diesem formidablen Film habe ich große Lust, mich im Werk von Fulci noch etwas weiter umzutun.

Wenn Carol Hammond (Florinda Bolkan) träumt, dann von ihrer Nachbarin Julia (Anita Strindberg). Julia führt ein ausschweifendes Leben, während Carol, Tochter eines angesehenen Politikers (Leo Genn), in einer Ehe mit ihrem Mann Frank (Jean Sorel) fest sitzt. In ihren erotischen Träumen haben die Frauen ein Verhältnis – bis die Stimmung umschlägt und Carol Julia ersticht. Und anscheinend nicht nur im Traum: Auch im wirklichen Leben wurde  Carols Nachbarin umgebracht..

Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Giallotypisch werden dem Zuschauer eine Reihe von Verdächtigen präsentiert. Ist Carol selbst die Täterin? Hat ihr Mann etwas damit zu tun?  Oder ihre Tochter? Oder vielleicht ihr Vater? Auch Carols Psychiater, dem die Frau ihre Träume erzählte, wirkt nicht ganz unverdächtig. Oder war es doch der rothaarige Hippie, dem recht schnell ein Geständnis zu entlocken ist? Man weiß es nicht. Und das gehört sich in einem Giallo ja auch so. Sicherlich trägt auch bei „A Lizard In A Woman’s Skin“ das Rätsel um die Frage, wer denn nun die Nachbarin ermordet hat, viel zur Spannung des Films bei. Zumal die Story hier – im Gegensatz zu manch anderen Gialli – nicht bloßes Beiwerk ist. Trotzdem, auch wenn die Substanz stimmt, die psychologische Geschichte erzählenswert ist, ist der Stil, den Lucio Fulci hier offenbart, Wahnsinn. Dario Argento („Deep Red“) wird – zu recht – für sein Stilbewusstsein über den Klee gelobt, aber genauso oft für seine flachen Geschichten kritisiert. Was Fulci und Kameramann Luigi Kuveiller (übrigens auch Kameramann bei Argentos „Deep Red“) hier zeigen, muss sich hinter keinem Film von Argento und wahrscheinlich auch keinem anderen Giallo verstecken.

Es sind nicht nur eine Handvoll guter bis großartiger Szenen – wie Carols Traum zu Beginn des Films, oder die grandiose Fluchtsequenz, die von atemraubenden Settings bis zu surrealen Szenen (Stichwort Hunde) alles bietet –, sondern es ist der durchweg anspruchsvolle „Kitt“, der die Highlights zusammenhält und den Film als Ganzes, stimmig, anspruchsvoll und visuell berauschend macht. Hier trüben keine mäßigen Darstellerleistungen den Gesamteindruck. Florinda Bolkan („Don’t Torture A Duckling“) reißt nichts an sich. Mich hat ihr Spiel dennoch gefesselt, irgendwas ging von ihr aus, das mich durch den Film geführt hat und sie, trotz ihrer Zurückhaltung zum körperlichen und geistigen Zentrum der Geschichte gemacht hat.

Letztlich faszinierte mich an „A Lizard In A Woman’s Skin“ auch, dass ich mir zum Schluss nur zum Teil erklären konnte, was genau ich an ihm eigentlich so gut finde. Zumindest nach dem ersten Sehen wirkt er, als wäre er mehr als die Summe seiner Teile. Die Geschichte ist komplex und die Bilder scheinen nicht immer die Wahrheit zu erzählen, es bleibt Unsicherheit darüber, was man eigentlich gesehen hat, was stimmt und was nicht, was Traum, was Wirklichkeit war. Ich persönlich mag diese Offenheit sehr gerne, sie führt dazu, dass ich länger über den Film nachdenke, ihn wirken lasse, mir Fragen stelle, auf ihn zurück komme. All das ist bei „A Lizard In A Woman’s Skin“ der Fall. Und zusätzlich gehen mir einige der Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Ohne den Film jetzt hier nach einer ersten Sichtung abfeiern zu wollen – was will man mehr?

Bild © Umbrella