Tag: Märchen

The Night Of The Hunter (Charles Laughton, USA 1955)

Posted by – 12. Februar 2014

night of the hunterA good tree cannot bring forth evil fruit. Neither can a corrupt tree bring forth good fruit. Wherefore by their fruits, ye shall know them.

In den 1920er Jahren zieht der Psychopath Harry Powell (Robert Mitchum), der sich als Wanderprediger ausgibt, mordend durch die Lande. Als er im Gefängnis erfährt, dass Ben Harper (Peter Graves) 10 000 Dollar versteckt hat, schleicht sich Powell nach dessen Hinrichtung bei seiner Familie ein. Während Bens Witwe Willa Harper (Shelley Winters) und ihre junge Tochter Pearl (Sally Jane Bruce) dem charismatischen Mann schnell verfallen, bleibt Sohn John (Billy Chapin) misstrauisch.

Dass „The Night Of The Hunter“, diese seltsame Mischung aus düsterem Märchen, expressionistischem Stummfilm und (Psycho-)Thriller, bei seiner Uraufführung durchgefallen ist, später dann aber als Meisterwerk gefeiert wurde, dass es der einzige Spielfilm des genialen Schauspielers und Theaterregisseurs Charles Laughton („Witness For The Prosecution“) war, dass Robert Mitchum sich so in seine Rolle hineingesteigert hat, dass er danach erst einmal ein paar Jahre mit niemandem über den Film reden wollte – all das kann man in nahezu jeder Review nachlesen. Ich will das nicht alles wiederholen. Ich sage erst einmal nur: Holy Fuck, wow, was für ein Film!

Und zwar ein unglaublich reichhaltiger, einer, der zahllose Anhaltspunkte bietet, sich mit ihm auseinanderzusetzen und der – je nachdem aus welchem Blickwinkel man ihn betrachtet – anders wirkt. Mein erster Impuls war, mich ihm über den Begriff der Gier zu nähern, doch diese Sicht fokussiert sich – so der zweite Impuls – vielleicht etwas zu sehr auf die beiden wichtigsten männlichen Figuren, den naiven Vater, der denkt, er könne seiner Familie durch geraubtes Geld zum Glück verhelfen und den bösen Egomanen und Stiefvater Powell. Nächster Gedanke: Vielleicht ist „The Night Of The Hunter“ auch ein Film über das Versagen, und zwar vor allem das Versagen der Erwachsen gegenüber Kindern? „You know, when you’re little, you have more endurance than God is ever to grant you again. Children are man at his strongest. They abide“, sagt die einzig positive Erwachsenfigur am Ende des Films. Ben Harper versagt, er raubt, mordet und hinterlässt seinen Kindern die Probleme, seine Frau versagt, indem sie wie ein neugieriges Insekt in das Netz des falschen Predigers tappt – und ihre Kinder dadurch zu Waisen macht. Aber nicht nur sie, das ganze Dorf versagt. Es erkennt nicht die Gefahr, die von dem falschen Prediger ausgeht. Ja, selbst als Willa schon aus dem Weg geräumt ist, nimmt niemand die Bedrohung wahr. Sogar der nette Onkel „Ihr könnt immer wenn ihr Probleme habt zu mir kommen“ Birdie (James Gleason) besäuft sich vor lauter Selbstmitleid und ist im entscheidenden Moment nicht für John und seine Schwester Pearl da.

Die komplette Welt der Erwachsenen versagt. Sie lassen die beiden Kinder in ihrem Kampf gegen das Böse und bei ihrer Flucht (die den Film auch zu einem Road- oder besser: Boat-Movie macht) ganz auf sich allein gesellt. Irgendwo hier transzendiert Laughtons Film und wird zum Märchen, in der archetypische Akteure zu Vertretern des Guten und Bösen schlechthin werden. John und Pearl sind Brüderchen und Schwesterchen, sind Hänsel und Gretel, sind Jorinde und Joringel, während sich in Powell Blaubart, Rumpelstilzchen und alle menschlichen Monster dieser Welt vereinen. Doch „The Night Of The Hunter“ ist kein phantastischer Film. Das Grauen, das von dem falschen Prediger ausgeht ist genauso real, wie die Gefahr der religiösen Hysterie, die sich durch den Film zieht. Und am Ende scheitert die Gemeinschaft, die anfangs ihrer Kinder nicht beschützen konnte ein weiteres Mal, als sich die vermeintlich Rechtschaffenden zu einem Lynchmob zusammenrotten und wieder einmal dem Demagogen folgen. Ein großartiger, ein wahnsinniger Film!

P.S. Interessant finde ich , was ich gerade in einem Text von Andreas Busche auf Fluter gelesen habe, nämlich, dass Michael Baute und Volker Patenburg auf die Idee gekommen sind, den Film in seine 93 Minuten zu zerlegen, und jede Minute von Filmgrößen wie Thomas Arslan, Christian Petzold, Angela Schanelec uvm. einzeln unter die Lupe nehmen zu lassen. Ich muss zugeben, auch wenn das Ergebnis heißt “93 Minutentexte. The Night of the Hunter”. Ich glaube zwar nicht, dass man dem Film durch eine Zerstücklung Herr wird, das Buch interessiert mich dennoch. Dort erfahre ich hoffentlich mehr über die Tiersymbolik des Films.

Bild ©  Koch Media
 

Valerie And Her Week Of Wonders (Jaromil Jireš, CSSR, 1970)

Posted by – 23. Juni 2013

ValerieDie Tschechoslowakische „Neue Welle“ der späten Sechziger Jahre steht für kreative Energie und mutige, unverbrauchte und originelle Filme. „Valerie And Her Week Of Wonders“ (OT: Valerie a tyden divu) – der Film von Jaromil Jires nach dem gleichnamigem Roman von Vítězslav Nezvals aus dem Jahr 1935 kann dieser Bewegnung wohl zugerechnet werden – war meine erste, ein wenig ernüchternde Begegnung mit ihr.

Alles beginnt damit, dass der 13-jährigen Valerie (Jaroslava Schallerová) ihre Ohrringe gestohlen werden. Der Dieb, Orlík (Petr Kopriva), bringt sie allerdings kurze Zeit später zurück und weist Valerie darauf hin, dass nur diese Ohrringe sie retten können. Am nächsten Tag kommt eine Truppe Schauspieler in ihr Dorf , um auf der Hochzeit von Hedvika (Alena Stojáková) zu spielen. In Menge entdeckt Valerie eine seltsame Person, bleich, mit fürchterlichen Zähnen. Seltsamerweise scheint auch ihre Großmutter (Helena Anýzová)  mit einem Mal verändert.

„Valerie And Her Week Of Wonders“ war für mich am ehesten wohl so etwas wie ein verästeltes Coming-of-Age-Movie; der Film enthält aber auch Spuren von Märchen, Fantasy und Horror, wirkt als Ganzes jedoch eher wie ein surrealistisches Kunstprojekt und ist als Film ein ganz und gar entrücktes, aus der Welt gefallenes Etwas. Und genau hier haben für mich als Zuschauer die Probleme angefangen: Ich will die Leistungen von Jaromil Jireš in keiner Weise herabwürdigen. „Valerie And Her Week Of Wonders“ ist mit Sicherheit ein außergewöhnlicher Film mit einer eigenen Bildsprache. Doch,in einem Niemandsland, wo keine erkennbaren Regeln gelten, wo alles möglich ist, fällt es mir sehr schwer interessiert zu bleiben. Die Lebenden verhalten sich wie die Toten; und die Toten erstehen wieder auf. Es gibt keine Fallhöhe, kein Drama.

Fazit für mich: Ich habe wenig mitgenommen und wenn, dann eher Frust als Wunder. Dass ich nach „Valerie And Her Week Of Wonders“ zuerst überlegt habe, wohin ich die DVD ins Regal stelle (entweder alphabetisch oder zu den Vampiren oder zu den zu verschenkenden Filmen?), spricht wohl nicht für mich, aber vielleicht auch nicht für den Film.

Bild © Bildstörung / Alive
 

Hellraiser (Clive Barker, UK 1987)

Posted by – 28. September 2012

„This isn’t for your eyes!“

Gestern war wieder Videoabend. Und jetzt habe ich endlich mal Clive Barkers „Hellraiser“ auf großer Leinwand gesehen. Was für ein Vergnügen!

Abenteurer Frank (Sean Chapman) erwirbt eine Puzzelbox, doch statt Lust bringt sie ihm nur Frust bringt und befördert ihn direkt in die Hölle. Ein paar Monate später ziehen Franks Halbbruder Larry (Andrew Robinson) und dessen Frau Julia (Clare Higgins) in das Haus in dem Frank verschwand. Sie ahnen nicht, dass Frank gar nicht fort ist, sondern als untotes Geschöpf zwischen den Sphären vor sich hin vegetiert. Doch ein Tropfen Blut gibt Frank die Kraft, wieder zurückzukommen…

Ich will jetzt gar nicht lange den Blog volljuchzen. Ich habe mich vor einiger Zeit schon auf Filmstarts ausführlich über dieses Kleinod ausgelassen. Vielleicht nur soviel: Einige kleinere Schwächen – z.B. die gestelzten Dialoge, das hölzerne Schauspiel (von quasi jedem außer Clare Higgins) oder die nicht immer gelungenen Spezialeffekte – muss man gar nicht wegdiskutieren. Ich zumindest sehe da keinen Sinn drin. Sie sind da. Aber sie spielen keine Rolle. Der Film hat eine solche Ausstrahlung, ist sinnlich, schlau und furchteinflößend, dass er mich bisher jedes Mal wieder gepackt hat. „Hellraiser“ bleibt für mich einer der interessantesten Horrorfilme – und zwar weil der Horror hier einem elementaren Gefühl entspringt: Der Sehnsucht

Also, guckt alle schnell diesen Film. Or: „your suffering will be legendary, even in hell.“

Bild © Boulevard Entertainment
 

La Fée (Dominique Abel, Fiona Gordon und Bruno Romy, Frankreich 2010

Posted by – 3. September 2012

Ich weiß nicht, ob ihr es wisst, aber ich beschäftige mich ja beruflich mit Wünschen. Auch wenn er ansonsten nicht zu meinen bevorzugten Genres gehört, ist „La Fée“ von Dominique Abel, Fiona Gordon und Bruno Romy zumindest in dieser Hinsicht interessant.

Denn Dom (Dominique Abel), arbeitet als Nachtwächter in einem kleinen Hotel in Havre. Und man kann nicht behaupten – soviel wird schon in den ersten Minuten des Films deutlich – dass der Mann besonders vom Glück verfolgt wäre. Wahrscheinlich will er auch deswegen nicht so recht glauben, dass die Frau namens Fiona (Fiona Gordon), die eines Tages vor ihm steht, tatsächlich, wie sie behauptet, eine Fee ist. Doch als die ersten beiden Wünschen in Erfüllung gehen (ein Roller und lebenslang kostenlos Benzin) glaub er’s dann doch. Aber noch ehe sich der Nachtportier über seinen dritten Wunsch im klaren wird, merkt er, wie sehr er sich zu Fiona hingezogen fühlt.

In „La Fée“ wird deutlich: So leicht ist das mit dem Wünschen gar nicht. Auch wenn mir der sehr slapstickhafte, mitunter auch an Improvisationstheater erinnernde Film ansonsten nicht so sehr lag, hat mich zumindest dieser Aspekt interessiert. Warum hat Dom solche Probleme, sich für seinen dritten Wunsch zu entscheiden? Das viel mir dann wirklich erst kurz vorm Ende wie Schuppen von den Augen: Dom kann sich deswegen nicht für seinen dritten Wunsch entscheiden kann, wer er – zusammen mit Fiona – bereits wunschlos glücklich ist. Schöne Sache.

Bild © Pandastorm Pictures