Tag: Mireille Dargent

Requiem For A Vampire (Jean Rollin, Frankreich 1971)

Posted by – 23. November 2014

Requiem For A VampireWahrscheinlich habe ich gar nicht das Recht, meine Meinung kund zu tun, schließlich habe ich den Film in schlechter Qualität im Originalton auf Youtube gesehen. Da ich des Französischen auch nach 5 Jahren Schulfranzösisch nicht mächtig bin, mögen mir einige inhaltliche Aspekte entgangen sein. Soviel habe ich verstanden bzw. mir zusammengereimt: Marie (Marie-Pierre Castel) und Michelle (Mireille Dargent) gelangen auf der Flucht nach einem Überfall zunächst auf einen Friedhof und dann zu einem Schloss. Entgegen dem ersten Anschein ist dieses allerdings nicht verlassen, sondern wird von einigen Vampiren und ihren menschlichen Helfern bewohnt. Die beiden Frauen sind dazu auserkoren, die Nachfolge der aussterbenden Rasse anzutreten.

Worum es genau geht ist aber wie so oft bei Rollin eh nicht so wichtig. Auch „Requiem For A Vampire“ (OT: Requiem pour un vampire bzw. Vierges et Vampires) lebt von seiner traumwandlerischen Atmosphäre und dieser typischen Rollin-Stimmung. Wenn man ein paar Filme des Mannes gesehen hat, fühlt man sich immer vertrauter mit seiner Symbolik und wiederkehrenden Mustern – ohne dass sich diese einem freilich komplett erschließen. Trotzdem, auch wenn Rollins Filme keine Rätsel sind, die man vollständig entschlüsseln könnte, so fühle ich mich bei meiner nunmehr vierten Begegnung mit diesem besonderen Regisseur auf seltsame Weise zu Hause in seinen malerischen Tableaus und Bilderwelten.

Was mir an „Requiem For A Vampire“ am besten gefallen hat, ist die Zeit, die sich Rollin für seine Geschichte nimmt. Wer einen Abgesang auf den Vampir dreht, der darf es nicht eilig haben. Bis die beiden freizügigen Freundinnen im Schloss ankommen, vergeht schon eine von seltsamer Stummfilmmusik umspielte Weile; bis dahin müssen sie sich erst einmal ihrer Clownskostüme entledigen, einen Kioskbesitzer verführen und ausrauben; und auf dem Friedhof, auf den es sie vor ihrer Ankunft im Schloss noch verschlägt, wird eine der beiden Frauen sogar lebendig begraben. Dort angekommen, fließt die Zeit wie ein Rinnsal Nektar durch Rollins Traumlandschaft. Wobei – das klingt jetzt süßer, als es gemeint ist. Denn der Film-Titel kommt nicht von ungefähr. „Requiem For A Vampire“ ist tatsächlich ein melancholisches „Adieu“ auf die Gattung der Blutsauger. Das Vampirdasein hat seinen Reiz verloren, die schief angeklebten Zähne, das karge, lediglich mit einigen billigen Requisiten bestückte Schloss, die tumben Gefolgsleute, die wahrscheinlich nur folgen, weil ihnen ab und an eine blanke Brust in die Hände hüpft – wer will da schon Vampir sein? Eben.

So ganz hat es „Requiem For A Vampire“ nicht geschafft, sich an die Spitze der mir bisher bekannten Rollin-Filme zu setzen – da thront immer noch unangefochten „The Night Of Hunted“ –, aber ich gebe zu, er hatte es auch schwer. Rollins Filme sind nicht dafür gemacht, sie auf einem kleinen Computerbildschirm zu sehen. Sie gehören ins Kino. Trotzdem hat mir auch diese Begegnung Lust gemacht, die Entdeckungsreise im Werk dieses wunderbaren Regisseurs fortzusetzen.

Bild © Redemption
 

The Iron Rose (Jean Rollin, Frankreich 1973)

Posted by – 14. April 2013

The Iron RoseIn „The Iron Rose“ verliert ein Pärchen zunächst eine Uhr, dann die Zeit und schließlich sich selbst. Und ich bin verwirrt, möchte aber trotzdem ein paar Sätze zu diesem faszinierenden Film loswerden.

Die Handlung von „The Iron Rose“ (OT: La Rose de Fer; in Deutschland als „Die Eiserne Rose“ oder „Friedhof der toten Seelen“ bekannt), meiner ersten, sehnsüchtig erwarteten Begegnung mit einem Film des französischen Enfant Terrible Jean Rollin, lässt sich so zusammenfassen: Ein frisch verliebtes Pärchen gelangt bei einem Fahrradausflug auf einen Friedhof, auf dem es beschließt zu picknicken – und verirrt sich. Wobei man hier schon einwenden dürfte, dass „verliebt“ vielleicht ein wenig übertrieben ist. Die beiden haben sich tags zuvor auf einer Familienfeier kennengelernt. Sie (Mireille Dargent) war fasziniert von ihm (Françoise Pascal), weil er der langweiligen Festivität durch ein morbides Gedicht etwas Leben eingehaucht hatte. Der anschließende Flirt mündete in besagter Fahrradtour. Doch obwohl ein gewisses Knistern zwischen den beiden unverkennbar war, werden erste Spannungen deutlich, als sie den Ausgang des Friedhofs nicht mehr finden. Während er die Sache herunterspielt und meint, dass man sich auf einem Provinzfriedhof ja wohl nur schlecht langfristig verirren könne, ist sie sichtlich nervöser, sogar ängstlich. Das unterschiedliche Verhalten der Figuren angesichts des Friedhofs und dem, wofür er steht, lässt sich meiner Meinung nach gut als Ausgangspunkt für einen Deutungsversuch nutzen.

Er, der anfangs noch wie ein Rebell und Freigeist wirkt, in dem er die Festgesellschaft mit seiner Einlage provoziert, weil er beim Flirt nichts anbrennen lässt und einen Friedhof als Picknickplatz wählt, der mutig in ein Grab hinabsteigt (wo er seine Uhr verliert) und die Frau überredet, ihm zu folgen, er, der mit dem Morbiden, dem Tod nur kokettiert – er bricht im Angesicht seiner Endlichkeit ein. In gewissem Sinne war er ein Betrüger und Materialist. Das zeigt sich im Film sehr schön daran, wie dringend er seine Uhr wiederfinden will. Sie hingegen ist empfindsam und ehrlich in Bezug auf das, was sie fühlt. Manchmal scheint sie fast wie ein Kind, das Fangen und Verstecken spielen will. Das Labyrinth des Friedhofs kostet sie fast den Verstand. Doch sie kämpft nicht dagegen an, sie akzeptiert und überwindet schließlich ihre Angst. Sie hat die Furcht hinter sich gelassen, aber damit auch weltliche Kategorien. Als er schließlich seine Uhr und damit die Zeit wieder findet, ist das für ihn das Ende. Und ein trauriges dazu. Sie tanzt noch eine Nacht beseelt über den Friedhof. Und als sie ihm dann folgt, tut sie es im Einklang mit sich, der Welt und der Unendlichkeit. Sie ist frei.

Wenn „The Iron Rose“ nicht diese Körperlichkeit und extreme Sinnlichkeit hätte, würde ich sagen, Rollin hat einen buddhistischen Film gemacht, in dem der immerwährende Leidenskreislauf, den das Leben bedeutet, nur überwunden werden kann, in dem das Selbst aufgegeben wird. Aber: Hätte sich Rollin, wäre das tatsächlich sein Anliegen gewesen, nicht etwas weniger an der nackten Haut seiner Hauptdarstellerin Dargent erfreuen müssen? Vielleicht ist genau das aber gerade der verschmitzte Witz des Films, durch den Rollin sich und seine Einstellung zum Leben sympathisch positioniert. Der Titel, die eiserne Rose als groteskes Symbol für unendliche, aber kalte, tote Liebe, würde diese Lesart noch einmal stützen.

Bild © VZ-Handelsgesellschaft