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Kino 2015: Meine Top 10

Posted by – 26. Dezember 2015

In diesem Jahr kann ich keine ersthafte „Top 10“-Liste aufstellen. Dazu habe ich einfach zu wenig gesehen. Dachte ich. Und so hatte ich mich eigentlich schon entschlossen, die Liste entweder wegzulassen oder mich auf die „Top 5“ zu beschränken. Nur ca. 30 Mal war ich im Kino – so wenig wie seit 20 Jahren nicht. Doch bei der Filminventur 2015 ist mir aufgefallen, dass unter den 30 Filmen etliche gute bis sehr gute zu finden sind. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich in diesem Jahr recht ausgewählt ins Kino gegangen bin und mir vor allem Filme angesehen habe, von denen ich erwarten konnte, dass sie mir gefallen. Deshalb gibt es nun auch in diesem Jahr wieder eine „Top 10“-Liste. Auch wenn zumindest die letzten drei es in einem anderen Jahr vermutlich nicht auf das 10er-Treppchen geschafft hätten, sind es doch gute Filme, und ihr Listenplatz ist nicht total abwegig.

The Hunger Games: Mockingjay – Part 2 (Francis Lawrence, USA 2015)

„The Hunger Games: Mockingjay – Part 2“ ist ein toller Film, wenn auch nicht unbedingt der stärkste Teil der Reihe. Ehrlich gesagt, finde ich es auch sinnlos, zu entscheiden, welcher Teil der beste ist, weil sie nämlich zusammen gehören und ein ganz vorzügliches Gesamtwerk bilden. Nach meiner derzeitigen Gefühlslage braucht sich „Hunger Games“nicht hinter meinen Lieblingsreihen „Star Wars“ oder „Spider-Man“ verstecken. Francis Lawrence und allen Beteiligten ist hier etwas ganz Großes gelungen. Wieso weshalb warum lest ihr hier, hierhier und schließlich hier.

Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen (Dominik Graf, Deutschland 2015)

Mein Lieblingsfilm der letzten Berlinale, der auch einen regulären Kinostart hatte. Michael Althen hatte eine wunderbare Art, Kritiken über Filme zu schreiben. Die Dokumentation von Dominik Graf setzt dem 2011 verstorbenen Filmkritiker ein Denkmal. Ich hatte Tränen in den Augen. Meisterwerk.

Ex Machina (Alex Garland, USA 2015)

Bester Sci-Fi-Film der vergangenen 10 Jahre. Weil man hier etwas über den Menschen lernt, lernt man auch etwas über künstliche Intelligenz. Eine Maschine ist intelligent und menschenähnlich, wenn der Mensch nicht mehr unterscheiden kann, ob er mit seinesgleichen oder einem Roboter kommuniziert – so die gemeine Einschätzung. Alex Garland geht in seinem enorm stylischen Film noch einen Schritt weiter und sagt, sich gegenseitig zu betrügen, sei die wesentliche menschliche Eigenschaft. Wenn Maschinen darin genauso oder sogar besser sind, dann haben sie das Label KI wahrlich verdient. Hier etwas mehr dazu.

Mad Max: Fury Road (George Miller, USA / Australien 2015)

Ja, was soll man dazu sagen? „Mad Max: Fury Road“ ist kein Film, den man sich über’s Denken aneignet, sondern über’s Fühlen und Erleben. Er ist ein Film der Bilder, der Bewegung, der Action. Ich habe ihn 1,5 Mal gesehen. Das zweite Mal begonnen habe ich ihn auf dem Laptop-Bildschirm in einem Hotelzimmer, aber das war dann nix. Der ist nur was für’s Kino. Hier noch zwei weitere Gedanken zum Film.

Victoria (Sebastian Schipper, Deutschland 2015)

Ich liebe „Absolute Giganten“ (hier zu meiner Filmstarts-Kritik), mag „Ein Freund von mir“, finde „Mitte Ende August“ (hier zur Kritik und zu einem Interview mit Sebastian Schipper) sogar noch etwas besser. Nach zwei Filmen, die nicht ganz an die Stärke des Debüts anschließen konnten, ist Sebastian Schipper mit „Victoria“ ein ganz starker Film gelungen. Der in Hannover geborene Filmemacher hat schon immer ein außergewöhnliches Gespür dafür, alltägliche Beziehungen in leicht überhöhter Form und trotzdem jederzeit nachvollziehbar auf die Leinwand zu bringen. In allen seinen Filmen geht es um Freundschaft. In „Victoria“, seinem düstersten, ruhelosesten und mitreißendsten Film, der aus einer einzigen, atemberaubenden Plansequenz besteht, geht es um deren Schattenseiten. Um in einer Berliner Partynacht nicht allein zu sein, schließt sich die junge Spanierin Victoria einer Gruppe von jungen, feiernden Männern an. Gemeinsam erleben sie einen wunderbaren Abend – bis alles irgendwann eskaliert. Ich habe immer noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke.

Whiplash (Damien Chazelle, USA 2014)

„Whiplash“ ist der Film, bei dem ich mir am unsichersten bin, an welche Stelle meiner Top 10 er gehört. Je nach Stimmung, die sich von Minute zu Minute ändern kann, ist er wahlweise noch höher platziert oder gar nicht in der Liste. Aber dass Chazelles Fim so ambivalent ist, ist gleichzeitig auch eine seiner größten Stärken. Ob er ein heimliches Loblied auf die Leistungsgesellschaft oder eine hintergründige Kritik an ihr ist, bleibt offen und liegt letztlich im Auge des Betrachters. Zur Kritik hier entlang:

Das ewige Leben (Wolfgang Murnberger, Österreich 2015)

Die Brenner-Filme sind großartig. Ich weiß gar nicht genau, welcher mir am besten gefällt, wahrscheinlich „Der Knochenmann“ (2009). Aber auch „Das ewige Leben“ ist ein ganz feiner Film, denn hier erfährt der Zuschauer mehr über die Person Simon Brenner als je zuvor. Wer ist dieser Mann, der seine Karriere bei der Polizei begann, dann Privatdetektiv wurde und sich seitdem von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob hangelt, dem das Scheitern zur zweiten Natur geworden ist und der trotzdem niemals locker lässt, auch wenn er dafür einiges einstecken muss? Doch nicht nur der Zuschauer erfährt viel. Auch der Brenner selbst erfährt einiges über sich und darüber, was ihm im Leben wichtig ist. Hier geht’s zu meiner Kino-Zeit-Kritik.

It Follows (David Robert Mitchell, USA 2014)

Die letzten drei Filme hätten es in einem anderen Jahr mit mehr Kinobesuchen vermutlich nicht in meine Top 10 geschafft. Bei „It Follows“ hätte ich mir direkt nach dem Kinobesuch nicht einmal vorstellen können, dass er auch nur entfernt ein Kandidat sein könnte, wie hier nachzulesen ist. Aber der Film ist ordentlich nachgereift und hat sich ganz heimlich, still und leise zu den besten Filmen gesellt, die ich in diesem Jahr gesehen habe. „It Follows“ ist so sehr Traum, dass er, wenn man das erst einmal so richtig begriffen hat, mir zumindest umso mehr Angst gemacht hat. Ganz ehrlich, nach „It Follows“ habe ich ein paar Male schlecht geträumt. Und ein schöneres Kompliment kann man einem Horror-Film ja wohl nicht machen.

Star Wars – The Force Awakens (J. J. Abrams, USA 2015)

Wie so viele andere Menschen bin ich ein großer „Star Wars“-Fan und liebe Episode 4-6. Und wie ebenfalls nicht wenige, bin ich durch die Episoden 1-3 schwer traumatisiert worden. Als dann bekannt wurde, dass J. J. Abrams, der schon das StarTrek-Reboot vielleicht nicht kommerziell, aber doch künstlerisch gegen die Wand gefahren hatte, die Saga fortsetzen sollte, kümmerte mich das trotzdem nicht besonders, denn schlimmer als die letzten Filme konnte es ja nicht werden. Als Lawrence Kasdan zum Team der Fortsetzung hinzustieß und dann sogar der erste Trailer nicht so schlecht aussah, wurde mein Interesse schließlich doch geweckt. Lange Rede: Jetzt habe „Star Wars – The Force Awakens“ vor ein paar Tagen gesehen und… – Das krieg ich jetzt auf die Schnelle nicht in Worte gefasst, aber: Ich habe ein bisschen was zu mäkeln, aber der Daumen geht tendenziell hoch! Allein Daisy Ridley als Neu-Jedi Rey. So gut! Ein längerer Text folgt.

The Town That Dreaded Sundown (Alfonso Gomez-Rejon, USA 2014)

Ich habe immer noch nicht die Vorlage dieses Remake/Sequels gesehen, deswegen fehlt mir eigentlich ein wichtiger Baustein, um die Qualität des Film wirklich einschätzen zu können. Aber, wie hier schon im Blog geschrieben, muss ich immer noch sagen: Auffällig guter, prototypischer Vertreter des postmodernen Horrorfilms. „The Town That Dreaded Sundown“ ist ein starkes und trotz – ja in diesem Fall sogar auch wegen! – seiner Bezüge ein sehr eigenes Werk, das gekonnt zwischen Horror, Arthouse und Experimentalfilm oszilliert und dabei sogar hier und da einen psychotischen Witz durchblitzen lässt. Mit plumpem Zitatdropping des aktuellen Horrorfilms der Nach-„Scream“-Ära hat das nichts zu tun, der Film beeindruckt durch extremen Stilwillen und Inszenierungsfreude. Ich muss sagen, dass ich seit einiger Zeit nichts mehr gesehen habe, was so geschichtsbewusst und gleichzeitig so frisch und unverbraucht daher gekommen ist wie dieser Film. Sehr fein.

Es gibt noch eine Handvoll Filme, die ich eigentlich sehen wollte und von denen ich vermute, dass sie eine Chance auf einen Top-10-Platz gehabt hätten. Dazu gehören beispielsweise„Eisenstein in Guanajuato“,„Ich seh, ich seh“,„Duke Of Burgundy“„Everest“, „Sicario“, „Macbeth“ oder „Steve Jobs“. Aber dieses Jahr war echt wenig Zeit, so dass ich es einfach nicht hinbekommen habe. Es deutet sich allerdings an, dass sich bei mir nächstes Jahr etwas ändert. Im besten Fall bedeutet das, dass ich wieder mehr Zeit fürs Kino und Bloggen habe. Man darf mir gerne die Daumen drücken!

Elvis (John Carpenter, USA 1979)

Posted by – 5. Dezember 2015

ElvisJohn Carpenter einmal ganz anders. Mit dem Biopic über den großen Elvis Presley zeigt der Regisseur, der bis zu diesem Zeitpunkt schon „Dark Star“ (1974), „Assault on Precinct 13“ (1976), „Someone’s Watching Me!“ (1978) und „Halloween“ (1978) gedreht hatte, dass er nicht nur Horror, Comedy und Thriller kann, sondern dass er auch realistische Dramen beherrscht und durchaus in der Lage ist, das Leben einer berühmten Persönlichkeit inszenatorisch interessant und von inhaltlichem Mehrwert auf die Leinwand zu bringen. Eine Fähigkeit, die nicht viele Regisseure haben.

Carpenters Film beginnt mit einem Quasi-Selbstmord: Elvis, der gerade im International Hotel eingecheckt ist, „erschießt“ einen Fernseher, in dem gerade über ihn berichtet wird. Der Anfang, der im Jahr 1970 spielt, ist gleichzeitig das chronologische Ende der Geschichte. Danach erzählt Carpenter vom Großwerden des Stars Elvis Aaron Presley, dessen bewegtes Leben (1935 – 1977) auch heute noch die Welt rührt. Was macht Carpenter anders, was macht er besser als so viele Kollegen? Nun, in Biopics soll dem Protagonisten ein Denkmal gesetzt werden. Das Ergebnis sind in der Regel ziemlich vorhersehbare und damit öde Geschichten vom Aufstieg und Fall ihrer Helden, die meist auf Glorifizierung und übertriebenes Sentiment setzen und sich dabei im Allgemeinen verlieren. Natürlich erfüllen auch solche Filme ihren Sinn, schließlich möchte man etwas für die Vitrine, und das Erinnerungsstück soll bitteschön auch hübsch anzusehen sein. Legitim – aber langweilig. Vielleicht tue ich dem Genre gerade Unrecht und mir kommen im Moment nur die falschen Filme in den Sinn. Aber was ich von einem Biopic erwarte, ist, dass man eine Meinung zu seinem Subjekt hat. Einfach nur die Wikipedia-Fakten aneinanderzureihen, ein bisschen Aufstieg, ein bisschen Liebe, ein bisschen Krise, hach, so eine Berühmtheit hat es schon nicht leicht, das reicht mir nicht. Carpenters Films jedenfalls kann ich diese Art von Vorwürfen nicht machen, sein Film ist spezifisch, er hat etwas zu sagen, das über die Platituden anderer Musiker- und Starbiografien hinausgeht.

Elvis hatte viel Energie, sogar für zwei, aber auch für zwei sollte sie nicht für sein ganzes Leben reichen. Er hatte von Anfang an ein Bild von sich, dem er nacheiferte. Er ist geworden, was er wollte. Aber dieses Bild seiner Selbst war nicht differenziert genug – äußerlich geprägt von seiner Musik, seinem Look, den Statussymbolen, die ihm sein Ruhm verschafft hat, aber innerlich, emotional, verkümmert. Sspätestens ab dem Moment als seine Mutter stirbt ­– wobei es zu den größten Stärken des Films zählt, dieses quasi-telepahtisch, irritierend intime Verhältnis überhaupt in dieser Form herauszuarbeiten – ist Elvis verloren. Mit der äußeren Fülle ging schon die innere Leere einher, und der Verlust seiner Mutter ließ ihn innerlich ins Bodenlose stürzen. Seine Kraft war noch da, mit großer Anstrengung stellte er sich dem körperlichen Verfall und gefühlten Sinnlosigkeit entgegen, sein Bild von sich, das ihm wie ein Leuchtfeuer in der Nacht die Orientierung gab, wurde zum einzigen Bezugspunkt seines immer unglücklicher werdenden Lebens. Neben Carpentens behutsamer Regie, die das Innenleben seines Protagonisten andeutet ohne es plakativ auszustellen, ist es vor allem Russels meisterhafter Darsteller-Leistung zu verdanken, dass Elvis für den Zuschauer lebendig wird und man als Zuschauer zunehmend den Stress, der sich in dem Star aufbaut, spürt und ein Gefühl dafür bekommt, wie und warum Elvis mehr und mehr verbrennt.

Und wenn ich oben gesagt habe, „Carpenter einmal ganz anders“, dann muss ich das zum Schluss wieder ein Stück zurücknehmen. Denn das, was man bei diesem Regisseur oft verkennt, ist, dass er nicht nur im Spannungsfach ein absoluter Meister ist. Auch wenn es vielleicht etwas verdächtig klingt, dass ich als bekennender Biopic-Verächter und jemand, der mit Elvis eigentlich wenig anfangen kann, hier so ein Loblied singt – das hat nichts damit zu tun, dass ich ein großer Carpenter-Fan bin. Dieser Film ist meiner Meinung nach wirklich toll und eine viel zu wenig beachtete Perle sowohl des Genres als in dem Werk dieses großartigen Filmemachers. Wenn Elvis tatsächlich noch irgendwo lebt, dann in Carpenters Film.

Bild © Edel Germany

All That Jazz (Bob Fosse, USA 1979)

Posted by – 24. April 2015

All That JazzGenie, Workaholic, Frauenheld – Joe Gideon (Roy Scheider) ist ein gefeierter Regisseur und Choreograph am Broadway. Gerade ist er dabei, ein neues Stück vorzubereiten – da streikt sein Körper. Joe hat die letzten Jahre über seine Verhältnisse gelebt, zu viel Arbeit, zu viele Drogen und zu wenig Schlaf zollen nun ihren Tribut. Nach einem Herzanfall wird er ins Krankenhaus eingeliefert.

Der Film ist mir auf den Radar geraten, weil ich nach „A Chorus Line“ neulich Lust hatte, mir noch ein paar Sachen aus der Welt des Showbiz und der Bühne anzusehen. Die Geschichte von Richard Attenboroughs Musical-Verfilmung – das Casting für ein Broadway-Stück – wird allerdings schon in den ersten Minuten von Fosses Film quasi im Zeitraffer abgehandelt. Und auch der Rest des Films, in dem es um den Niedergang von Joe Gideons geht, ist wahnsinnig schnell erzählt. Die Geschichte wird allerdings nicht streng chronologisch ausgebreitet. Bereits am Anfang ist der Regisseur in einer Art Zwischenwelt, in der er mit einer Frau (Jesssica Lange) über sein Leben räsoniert. Ob sie ein Engel ist oder ein Abbild seiner irdischen Wünsche, bleibt offen. Der Stress, der ansonsten in seinem Leben hervorsticht, ist in diesen Momenten verschwunden, charmant und abgeklärt, nicht ohne seine Bereitschaft für einen Flirt durchscheinen zu lassen, redet er mit dem hübschen Wesen; nicht ganz so entspannt geht es während seiner letzten Lebensmonate zu, seine Liebschaften wachsen ihm über den Kopf und er hat starke Zweifel, ob er sein neues Stück in den Griff bekommt. Der Film ist in diese Phasen wie Joes Leben – ein einziger Rausch.

Was den Film auszeichnet, sind vor allem drei Dinge: Erstens hat es genau mit dieser erwähnten Rauschhaftigkeit tun. Nicht nur die Traumsequenzen, auch Gideons Leben wirkt wie ein Fiebertraum, seine letzten Monate, die exemplarisch für sein ganzes Lebens stehen können, sind ein nervöses Blitzlicht-Stakkato, in denen es für den Protagonisten und den Zuschauer keinen ruhigen Moment gibt. Zweitens, sein Hauptdarsteller, Roy Scheider, der so viele Kollegen, die sich an ähnlichen Rollen versucht habe, an die Wand spielt und hier wohl die beste Leistung seiner Karriere abliefert. Man glaubt ihm diese Figur, ihr Getriebensein und ihre Manie, alles für ihr neues Stück zu geben. Der Mann tut einem leid, aber man möchte ihn nicht zum Innehalten auffordern, denn man weiß, was ihn treibt und was er tun muss – koste es was es wolle! Drittens sind die beeindruckenden Musical-Einlagen zu nennen bis hin zur abschließenden Traumsequenz, in der Gideon sein neues Stück vorweg imaginiert. Mir persönlich gefällt die kleine Nummer am besten, die Gideons Tochter (Erzsebet Foldi) und seine Geliebte (Ann Reinking) für ein eine kleine Einlage eingeübt haben und die sie dem müden Choreografen in seinem Wohnzimmer vortanzen.

In Deutschland wurde „All That Jazz“ unter dem Titel „Hinterm Rampenlicht“ vermarktet. Das passt auch insofern ganz gut, als dass der Film selbst ein wenig im Schatten zu stehen scheint. Der Film erhielt zwar 9 Oscar Nominierungen und gewann davon auch vier – Bestes Szenenbild, Beste Kostüme, Bester Schnitt und Beste Musik – so richtig im Rampenlicht war er dennoch nie. Bevor ich durch einen Tipp auf ihn gestoßen bin, hatte ich nie von ihm gehört, was mir, jetzt da ich ihn gesehen habe, ziemlich eigenartig vorkommt. „All That Jazz“ ist ein wahnsinniger und wahnsinnig guter Film und jedenfalls einer der besten, die ich in den letzten Wochen und Monaten gesehen habe. Anhand einiger Wochen aus dem Leben eines Künstlers wird ein ganzes Leben, ja eine komplette Branche auf der Grenze von Schaffensdrang und Selbstausbeutung eindrucksvoll portraitiert. Wie gesagt: Wahnsinn!

Bild © Twentieth Century Fox

A Chorus Line (Richard Attenborough, USA 1985)

Posted by – 22. April 2015

A Chorus LineFür die Besetzung eines Broadway-Musicals sucht Zach (Michael Douglas) geeignete Tänzerinnen und Tänzer. In einem schwierigen Auswahlprozess müssen diese ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen und Zach überzeugen, dass sie die Richtigen für den Job sind. Auch Cassie (Alyson Reed), Zachs Ex-Freundin, ist unter den Bewerberinnen.

Zu Filmgenres, mit denen ich überhaupt nichts anfangen kann, gehören Tanzfilme komischer Weise nicht. Warum das so ist, kann ich selbst nicht ganz nachvollziehen. Vielleicht liegt es daran, dass Tanzfilme oft Filme über ein wie auch immer geartetes Bildungssystem sind. Das interessiert mich Erziehungswissenschaftler natürlich. Oder es ist ihre strukturelle Ähnlichkeit mit Kung-Fu-Filmen? Oder ihr exotischer Sexappeal (im wirklichen Leben liegen mir wenige Tätigkeiten so fern wie Tanzen)? Wer weiß.. „A Chorus Line“ erfüllt jedenfalls alle diese Kriterien und noch mehr. Ihn nach sehr langer Zeit mal wieder zu sehen, war eine seltsame Erfahrung, vermutlich auch, weil es einfach ein verdammt seltsamer Film ist!

Ich kann mich noch gut erinnern, was mich früher an dem Film fasziniert hat: sein zwiespältiger Protagonist, der Regisseur und Choreograph Zach. Die meiste Zeit des Films sitzt er im Parkett des Zuschauerbereichs und ist für die Tänzer nur eine Stimme aus dem Off. Das ist manchmal fast, als wenn der Gott des alten Testaments zu den Menschen spricht und erbarmungslos mitteilt, was er entschieden hat. Du bist raus, du auch, du darfst bleiben. Als ich den Film das erste Mal gesehen habe – ich war bestimmt nicht älter als 10 Jahre – fand ich es unglaublich und verwirrend, dass die Hauptfigur so.. unfreundlich sein darf. Klar, was ein echter Held ist, der kann immer nett sein, schließlich muss er dem Bösen eins auf die Nase geben. Aber Zach ist kein Held dieser Sparte, er ist einfach nur ein selbstverliebtes Arschloch. Mein Damals-Selbst, das bis dahin eher von James T. Kirk, Colt Seavers und Curtis Newton geprägt war, fand die Tatsache der Möglichkeit einer solchen Figur jedenfalls faszinierend.

Heute finde ich den Film immer noch seltsam, aber das liegt weniger an dem übellaunigen Choreographen als an eigentlich allem anderen. Dass Richard Attenborough Zachs Figur als Workaholic und beleidigte Leberwurst mit Gott-Komplex inszeniert hat, empfinde ich heute nicht weniger sonderbar als damals, aber, will sagen – die Eigenartigkeit des Restes stiehlt diesem Irritationsmoment die Show. Wahrscheinlich ist einfach zu viel gefühlte Künstlichkeit in Form von Theater und Musical in diesem Film, als dass ich nicht befremdet sein könnte von seinen Figuren, die selbst, als sie ihre „wahre Persönlichkeit“ preisgeben sollen, so unnatürlich sind, wie man es als jemand mit Vorurteilen wahrscheinlich von Menschen aus dem Showbiz erwarten würde. Ihre Künstlichkeit darf man also durchaus als ein Thema des Films verstehen, der zumindest zum Teil eine Kritik an der Branche und bestimmt auch ein wenig Satire ist. So richtig einfühlen in die Leute und ihre Schicksale kann ich mich aus diesem Grund aber leider nicht. Und es erklärt noch nicht, warum „A Chorus Line“ sich so seltsam anfühlt. Eine Vermutung: Vielleicht liegt es daran, dass er eben nicht nur Kritik und Satire ist, sondern auf eine ganz anrührend naive Art ernst gemeint. Zach ist nicht nur ein Depp, irgendwie ist er gleichzeitig auch der coole Regisseur und Frauenheld; und die Tänzer sind nicht nur Karikatur-Vertreter ihrer Milieus, sondern auch Menschen mit Schicksalen, die dem Zuschauer zu Herzen gehen sollen. „A Chorus Line“ zu sehen ist, als würde man auf mehrere Filme schauen.

Neben dieser Musical-Verfilmung kenne ich von Attenborough nur noch „Ghandi“, den ich schon etliche Male gesehen habe und sehr mag sowie „Chaplin“, an den ich mich nicht mehr so recht erinnern kann. „A Chorus Line“ ist ein Film, der breitschultrig seit 30 Jahren seinen Platz behauptet und der – obwohl es mir diesmal irgendwie fast ein bisschen unangenehm war, ihn zu sehen – auch einer, das kann ich kaum abstreiten, von seltener Energie und Kraft.

Bild © AVU

Whiplash (Damien Chazelle, USA 2014)

Posted by – 19. Januar 2015

WhiplashI was there to push people beyond what’s expected of them. I believe that’s an absolute necessity! – Terence Fletcher

Der Schlagzeugschüler Andrew (Miles Teller) hat ein Ziel: Er will ganz nach oben. Sein Lehrer, Terence Fletcher (J.K. Simmons), hat ebenfalls eine Mission. Er unterrichtet nicht einfach nur gute Schüler. Er will Musiker entdecken, die zu den besten der Welt gehören. Fletcher nimmt Andrew unter seine Fittiche und schreckt vor nichts zurück, um Andrew zu Höchstleistungen zu pushen.

„Whiplash“ bezeichnet im Englischen nicht nur den Peitschenriemen, sondern ist auch der medizinische Ausdruck für ein Schleudertrauma. Die Symptome sind Schwindel, Benommenheit, stechende Schmerzen, Hör- und Sehstörungen, Spasmen,… Andrew kann davon ein Lied singen. Damien Chazelles schmerzhaftes Musik-Drama erinnert ein wenig an eine düstere Version von Peter Weirs „Dead Poets Society“, in dem statt des gütigen John Keating nun ein fanatischer Terence Fletcher seine Jungs antreibt. Doch entgegen dem ersten Anschein ist „Whiplash“ keine Kritik am (amerikanischen) Schulsystem, zumindest nicht nur, denn hier haben sich zwei gefunden, die sich brauchen, ja – die ohne einander gar nicht könnten. Der Film erklärt sich nicht allein aus dem Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip der Institution bzw. des Lehrers, hier gehören zwei dazu: Andrew ist nicht einfach das passive Material, aus dem Fletcher seine Vision des Weltmusikers formt. Leben und vor allem Lernen heißt Leiden – und dem jungen Mann selbst schlummert der absolute Wille zum Erfolg. Er ist seines Glücks (oder Unglücks?) nicht weniger Schmied als das Schulsystem oder der Lehrer, in dem Andrew aller ihm innewohnen Grausamkeit zum Trotz den passenden Mentor für seine Selbstoptimierungs-Passion gefunden hat. Insofern ist „Whiplash“ weniger der böse Zwilling von „Dead Poets Society“, sondern eine weniger morbid-fantastische vielleicht sogar weiter reichende Variation von Darren Aronofskys „Black Swan“. Bei Chazelle geht es um die Transformation des Menschen der Leistungsgesellschaft. (Oder vielleicht auch des Mannes? Es ist bestimmt kein Zufall, dass alles Feminine in der Welt von Fletcher, Andrew & co mit Schwäche gleichgesetzt ist…)

Kurz könnte man denken, der Film selbst ist der Leistungslogik, die er kritisiert auf den Leim gegangen. Am Ende erweisen sich die Methoden des Lehrers als die richtigen. Die Welt hat einen neuen Supermusiker. Außerdem waren Blut, Schweiß und Tränen selten so ästhetisch und das Leiden so schön wie in „Whiplash“. Doch gerade deshalb, weil sich Chazelle nicht zu offensichtlich positioniert, weil es ihm gelingt, die Ambivalenzen seiner Geschichte herauszuarbeiten und er auch das Schöne, Reizvolle dieser hässlichen neuen (Männer-)Welt zeigt, kann sein Film funktionieren. Und wenn wir uns am Schluss mit Andrew freuen, saust die unsichtbare Peitsche nieder. Ihre brennenden Striemen wird der ein oder andere bestimmt noch lange nach dem Filmgenuss spüren.

Bild © Sony Pictures Germany

The Lords Of Salem (Rob Zombie, USA 2012)

Posted by – 27. September 2013

lordsDass ich gar nichts mit Rob Zombie anfangen könnte, wäre übertrieben. Aber wie man hier, hier und hier lesen kann, habe ich zumindest ein zwiespältiges Verhältnis zu seinen Filmen. Mit „The Lords Of Salem“, Zombies Version von „Rosemary’s Baby“, hat der Regisseur und Musiker nun einen Film gemacht, bei dem ich nicht anders kann als fasziniert zu sein.

Heidi (Sheri Moon Zombie) betreibt zusammen mit Whitey (Jeff Daniel Phillips) und Munster (Ken Foree) den lokalen Radiosender „Big H Radio Team“ in Salem. Als ihr eine Schallplatte von den ‚Lords’ vor die Tür gelegt wird und Heidi diese abspielt, hat sie seltsame Visionen, die in den kommenden Tagen immer stärker werden.

Mehr muss über den Inhalt gar nicht verraten werden. Zumal: Eine richtige Geschichte erzählt Zombie in „The Lords Of Salem“ auch gar nicht. Überdies legt er kaum Wert auf die Figurenzeichnung. So erfahren wir von Heidi nur, dass sie einmal drogenabhängig war. Das macht aber nichts, denn  Zombies Film funktioniert weniger als plausible Narration, sondern als coenästhetischer Fiebertraum und wilder Höllenritt. Dass Zombie so etwas kann, hat er ja schon im Finale von „House Of 1000 Corpses“ unter Beweis gestellt, aber hier, bei „The Lords Of Salem“, gelingt ihm das noch einmal wesentlich besser. Auch wenn der Film den einen oder anderen campigen Moment hat, ist er im Ganzen in seinen Mitteln doch wohldosiert. Zombie weiß, dass man mittlerweile mit übertriebener Gewalt und heftigen Erschreckmomenten keinen Horrorfan mehr hinterm Ofen hervorlocken kann. Gruselig, ja sogar verstörend ist sein neuer Film trotzdem. Irgendwie gelingt es Zombie, dem Zuschauer den Boden unter den Füßen wegzureißen und ihn in eine tiefe schwarze Grube fallen zu lassen. Es ist eine zu tief beängstigende Orientierungslosigkeit, die den Zuschauer während des Sturzes überfällt, eine, die den moralischen Kompass außer Kraft setzt und die sich im weiteren Verlauf immer mehr in nagende Angst verwandelt. Was, Herr Zombie, wartet dort am Boden dieser Grube auf uns? Nichts Gutes, wie ich mir denke. Ich jedenfalls werde nach dem Film keine Platten mehr rückwärts hören.

Bild © Momentum Pictures Home Ent