Tag: Mystery

Messiah Of Evil (Willard Huyck, Gloria Katz, USA 1973)

Posted by – 2. Mai 2016

Messiah Of Evil„Ein wenig seltsam ist es schon“, erinnere ich mich, diesen Text vor zwei Wochen schon einmal begonnen zu haben, „dass ich von „Messiah Of Evil“ zuvor noch nie etwas gehört habe“. Eigentlich hatte ihn, diesen Text, nämlich schon zu Dreiviertel fertig, aber dann ist er mir leider irgendwie verloren gegangen. Ich vermute technisches Versagen. Meine Lust, das Geschriebene zu rekonstruieren, hält sich in Grenzen. Aber der Film von Willard Huyck & Gloria Katz ist so gut, dass ich ihn auch nicht kompletten auslassen kann und zumindest ein paar Sätze tippen muss. Denn er enthält derart markante Szenen, dass es für Freunde des Phantastischen Films eigentlich undenkbar ist, wenn schon nicht den ganzen Film so noch nicht mal diese besagten Teile aus ihm zu kennen.

Der Inhalt ist schnell erzählt und ohnehin nicht das, was „Messiah Of Evil“ so besonders macht: Es geht um die junge Arletty (Marianna Hill), die auf der Suche nach ihrem Vater, einem Künstler, in das Küstenstädtchen Pointe Dune gerät. Das Haus ihres Vaters findet sie verlassen vor, dafür trifft sie im Dorf Thom, der sich für die örtliche Legende vom blutigen Mond interessiert, und seine beiden Begleiterinnen Laura (Anitra Ford) und Toni (Joy Bang). Die Dorfbewohner verhalten sich indes äußerst seltsam und scheinen mehr zu wissen, als sie zu verraten bereit sind.

Der Zuschauer ahnt zu diesem Zeitpunkt schon ein wenig mehr, nämlich, dass die Dorfbewohner nicht nur seltsam, sondern durchaus gewaltbereit sind und, wie sich kurze Zeit später herausstellt, eine Vorliebe für rohes Fleisch haben. Die erste Szene, in der das ganz deutlich wird, ist gleich eines der Highlights des Films. Laura ist genervt von ihrer Gesellschaft und zudem ein wenig eifersüchtig auf Thom, der heftig Arletty umgarnt. Daraufhin macht sie sich auf den Weg ins Dorf, wo sie einer Fußgängerin in den Supermarkt hinterhergeht. Was folgt, ist wohl einer der besten in einem Einkaufstempel spielenden Momente, die es überhaupt gibt. Auch dem Kino wird im weiteren Verlauf noch eine längere Sequenz gewidmet (diesmal macht Toni Bekanntschaft mit den Dorfbewohnern), von deren Existenz nichts gewusst zu haben, für mich rückblickend irgendwie bizarr anmutet.

Doch „Messiah Of Evil“ ist nicht nur ein Film mit einer Handvoll herausragender Szenen, er ist auch allumfassend atmosphärisch – ja er ist Atmosphäre; und wenn ich jetzt Argentos „Suspiria“ als Vergleich heranziehe, ist das sicherlich einerseits irreführend, andererseits auch wieder nicht. Wer sich Huycks & Katz’ Film weniger als zusammenhängende Geschichte, sondern mehr als stimmungsvolle Geisterbahnfahrt vorstellt, liegt gar nicht so falsch. Und wo wir gerade beim Vergleichen sind: Auch wenn die Ausstattung tatsächlich ein wenig an Argento erinnert (das Haus von Arlettys Vater ist ein Traum!!), hat mich der Film gleich in mehreren Momenten an John Carpenter erinnert; und auch wenn ich noch nichts derartiges gelesen habe, möchte ich wetten, dass Carpenter „Messiah Of Evil“ kannte und sich in Filmen wie „The Fog“ (das isolierte Küstenstädtchen) „Prince Of Darkness“ (die vor der Kirche lauernden Besessenen) oder „Mouth Of Madness“ (die Atmosphäre in der Stadt und der sich ausbreitende Wahnsinn) davon inspirieren ließ.

Viel mehr will ich in dieser Textrekonstruktion auch gar nicht sagen, höchstens noch einmal herausstellen, dass „Messiah Of Evil“ meiner Meinung nach ein ganz wichtiger Film ist, den sich jeder Fan der Phantasik, sofern noch nicht geschehen, ganz dringend anschauen sollte. Ob er wirklich zu den großen, vergessenen Meisterwerken gehört oder ich einfach mal wieder keinen Plan hatte, dürft ihr mir gerne in die Kommentare schreiben.

Bild © Alive

Berlinale 2016

Posted by – 23. Februar 2016

3 x Berlinale, 3 x deutsches Kino, 2 x Top und 1x Flop.

Die Prüfung (Till Harms, Deutschland 2016)

687 Bewerber, 10 Plätze, 9 Dozenten, 10 Tage… Aus diesen Bestandteilen macht Till Harms einen richtig guten Dokumentarfilm. Ich fand ja schon „Die Spielwütige“von Andres Veiel so toll und Harms Doku schlägt in die gleiche Kerbe. Doch während Veiel die Studenten das gesamte Studium begleitet, konzentriert Harms sich auf den Auswahlprozess und vor allem die Menschen, die hier entscheiden. Es geht ihm nicht in erster Linie um die Studenten in spe , sondern darum, wie Menschen Kunst beurteilen und mit welcher Rhetorik sie das eine als gut, das andere als weniger gelungen betrachten. Meine Kritik auf Kino-Zeit gibt es hier.

Auf einmal (Aslı Özge, Deutschland 2016)

Plötzlich ist alles anders: Die Party ist vorüber, eine Tote in deinem Zimmer. Du verstehst nicht, deine Freundin versteht nicht, alle halten zu dir – zuerst. Je schwächer du wirst, je schwerer werden die Gewichte an deinen Beinen. Und dann verstehst du: Je schwächer du wirst, desto stärker werden deine Feinde. Nicht mit dir! Jemand tot. Ein anderer wird befördert. Die Schwachen gehen unter, die Starken überleben. Du entledigst dich aller Gewichte. Und die herrschende Klasse sitzt ein wenig fester im Sattel. Auf einmal ist alles wie immer. Hier geht’s zu meiner ausführlichen Kritik auf Kino-Zeit.

Wir sind die Flut (Sebastian Hilger, Deutschland 2016)

„Wir sind das Volk“. „Wir sind Weltmeister“. „Wir sind Papst“. Und nun sind wir auch noch die Flut. Um wen es sich bei diesem Wir handelt, bleibt, wie so vieles in Sebastian Hilfigers film, offen. Nach „Wir sind die Flut“ waren wir aber vor allem erst einmal ein bisschen genervt. Und auch traurig. Warum tun sich deutsche Filmemacher so schwer mit dem fantastischen Film? Nicht nur, dass sie ihn in der Regel meiden – wenn sie sich dran versuchen, wird es in der (von Ausnahmen bestätigten) Regel ganz großer Mist. Warum? Das fragen wir uns. Und mit „wir“ meine ich mich. Für meine Kritik zum Debakel bitte hier entlang.

Cube (Vincenzo Natali, Kanada 1997)

Posted by – 21. Mai 2015

CubeEingesperrt zu sein – das gehört wohl zu den furchtbarsten Erfahrungen überhaupt. Dass sich das klaustrophobische Gefängnis dann aber noch als bösartige Todesfalle entpuppt, macht die Sache natürlich nicht besser.

Sechs Menschen erwachen in einem Raum. Dieser hat die Form eines Kubus. Sechs Türen an jeder Seite führen in andere Räume, die dem vorherigen bis aufs Haar zu gleichen scheinen. Keiner der Verschleppten hat eine Ahnung, wie er in dieses Labyrinth geraten konnte und jeder versucht anders mit der Situation zurecht zu kommen. Ausbrecherkönig Rennes (Wayne Robson) will sich lieber alleine durchschlagen, die hochbegabte Matheschülerin Leaven (Nicole De Boer) hat einfach nur Angst, der Architekt und Zyniker Worth (David Hewlett) sitzt apathisch da und scheint keinen Überlebenswillen zu besitzen. Die Ärztin Holloway (Nicky Guadagni) sorgt sich vor allem um ihren Mitgefangenen, den Autisten Kazan (Andrew Miller). Cop Quentin (Maurice Dean WInt) will die Gruppe zusammenhalten. Der Zusammenhalt ist bitter nötig, denn bald stellen die Gefangenen fest, dass hinter jeder Tür eine Todesfalle lauern kann.

Manchmal gibt es Filmerlebnisse, die keiner so richtig mitbekommt. Vincenzo Natalis „Cube“ ist so ein Fall. Sein Film aus dem Jahre 1997 ist nicht nur ein unglaublich intensiver, schwer erträglicher klaustrophobischer Alptraum, sondern ebenso ein intellektuelles Puzzlespiel, das Sozialpessimismus mit ätzender Zivilisationskritik verbindet. Die Genialität seiner düsteren, bis ins Kleinste durchgeplanten Technologieparabel, die einst auf dem Fantasy Filmfeste für Furore sorgte, sprach sich erst nach und nach auch in größeren Kreisen herum. Mich hat er damals jedenfalls von den Socken gehauen.

Während die Protagonisten einen Moment brauchen, bis sie ihre nahezu aussichtslose Lage erkennen, weiß der Zuschauer bereits nach dem Intro, welches mörderische Potenzial das kubusartige Gefängnisses hat. Wie schlimm alles wirklich ist, dürfte damals wie heute auch die eingefleischtesten Genre-Kenner überrascht haben bzw. überraschen. Doch „Cube“ vorschnell als reinen Genrefilm abzustempeln, wird ihm nicht gerecht. Mögliche Kritikpunkte, wie das übertriebene Acting oder die teilweise artifiziell wirkenden Dialoge passen in gewisser Weise gut zu seiner theaterhaften Künstlichkeit. In mancherlei Hinsicht erinnert er an Jean-Paul Sartres Stück „Geschlossene Gesellschaft“, ohne ganz in dessen Beziehungs-Nihilismus zu erschöpfen. Auch hier sind die Figuren, bzw. die Chemie zwischen ihnen, der eigentlich Spengstoff. Dass der Mensch des Menschen Wolf ist, ist meiner Meinung nach trotzdem nur ein Nebenaspekt des Films. In der Schreckensformel dieses Konstrukts sind Individuen lediglich ein Teil der Gleichung. Es ist der „grenzenlose, menschliche Stumpfsinn“ für dessen Realität der Kubus ein Existenzbeweis ist.

Warum passiert das alles? Warum gibt es den Würfel und warum wurden Menschen in ihn verschleppt? Vincenzo Natalis Antwort ist gleichermaßen unbefriedigend wie einfach und bitter: Weil es möglich ist. Oder um es mit einem Zitat aus dem Film zu sagen: „Why put people in it?“ „Because it’s here. You have to use it or admit it’s pointless.“ „But IT IS pointless“ „That’s my point“.

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Honeymoon (Leigh Janiak, USA 2014)

Posted by – 2. März 2015

Honeymoon„Nach den Flitterwochen kommen die Zitterwochen“ heißt es doch so schön. Manchmal allerdings gibt es die Gänsehaut auch schon währenddessen. Bea (Rose Leslie) und Paul (Harry Treadaway) sind frisch verheiratet. Ihre Flitterwochen verbringen sie in einer einsamen Hütte im Wald. Alles scheint perfekt – bis Paul eines Nachts aufwacht – und seine Frau verschwunden ist. Er sucht und findet sie schließlich verwirrt und nackt wie angewurzelt im Wald stehend. Bea behauptet, dass es ihr gut gehe und sie sich an nichts erinnern könne. Doch in den nächsten Tagen stellt Paul Veränderungen an seiner Frau fest, die ihn misstrauisch machen.

Schon auf dem letzten Fantasy Filmfest wollte ich diesen Film sehr gerne sehen. Hinter der Werbeprosa im Programmheft meinte ich einen besonderen Film zu erahnen. Ganz falsch lag ich mit meiner Intuition nicht, denn Leigh Janiak ist mit „Honeymoon“ tatsächlich ein interessanter Film gelungen. Der Regisseurin geht es mehr um die Missverständnisse und Kommunikationsprobleme innerhalb einer Beziehung, als darum, dem Zuschauer klassischen Kost zu servieren. Zwar ist auch ihr Film recht spannend, und es gibt eine geheimnisvolle, übernatürliche Bedrohung, diese Elemente scheinen mir jedoch eher dazu zu dienen, um den hintergründigen Konflikt zwischen den Ehepartnern mit metaphorischen Mitteln herauszuarbeiten.

Dafür dass die beiden– aller Zärtlichkeit und Liebesbeteuerungen zum Trotz – schon vor Beas offensichtlicher Veränderung nicht ganz im Einklang schwingen, gibt es von Anfang an subtile Hinweise. Nicht erst durch seinen Kommentar nach dem Sex über ihre Gebärmutter lassen sich, wenn man will, Misstöne zwischen den beiden feststellen. Er ist derjenige mit der Definitionsmacht, er beurteilt die Waldhütte, die Beas Familie gehört, sagt wie das Essen gekocht werden muss usw. Und schon in dem vermeintlich zärtlichen „Honeybee“, seinem Kosenamen für sie, deutet sich eine Schieflage in der Beziehung an. So lange er die Macht hat, läuft der Laden; doch als seine Frau auf einmal „anders“ ist, gerät die Beziehung außer der Balance. Seine Frau verhält sich anders als gewohnt – er verliert die Kontrolle, er wird aggressiv, sie beginnt sich zu entziehen, er erklärt sie für krank. Je fester sein Griff, desto mehr entgleitet ihm seine Frau. Doch „Honeymoon“ ist kein Film über die Fehler eines (Ehe-)Mannes, denn ähnliches gilt für Bea: seit ihrer „Verwandlung“ ist sie viel zu sehr bei sich und ihrem Unterleib, als ihren Partner noch wahrnehmen zu können. Ein paar beflissentlich notierte und auswendig gelernte Erinnerungsschnipsel reichen nicht, die halbherzigen Versuche, die Beziehung für die restlichen Tage am Leben zu halten, laufen ins Leere. Ihr letzter Akt der Liebe ist von einem tödlichen Unverständnis die Natur ihres Mannes betreffend gekennzeichnet.

Ich finde es etwas schade, dass sich Janiak zum Schluss doch nicht ganz verkneifen kann, auf ein paar abgegriffene Standards in ihrer Inszenierung zurückzugreifen. Es soll wohl für Spannung sorgen, schadet dem Film meines Erachtens aber eher, als dass es nützt. Zu kritisieren wäre weiterhin, dass sich der Film bisweilen ein wenig wie eine künstlich in die Länge gezogene Short Story anfühlt, was wohl vor allem an einigen Szenen irgendwo zwischen Halbzeit und Finale liegt. Nichtsdestotrotz hebt sich Janiaks Kinodebüt angenehm von der typischen Genrekost ab. Sie wollte sichtbar mehr, als einfach einen spannenden Film zu drehen – und das ist ihr gelungen. „Honeymoon“ ist ziemlich bedeutungsoffen. Ob man die Ereignisse im Film beispielsweise als Metapher auf eine Schwangerschaft, eine Vergewaltigung, normale Kommunikationsprobleme zwischen zwei Menschen oder einfach als fantastischen Stoff sehen will, ist jedem frei gestellt. In anderen Horrorfilmen ist es oft so, dass ein übernatürliches Ereignis die schlechten Seiten an den Menschen hervorkehrt. Hier ist anders herum. Hier sind es die feinen, dann immer sichtbarer werdenden Risse in der Beziehung, die Fleisch werden und sich in düsterem Wurzelwerk manifestieren, das aus den Körpern der Figuren schlangengleich herauswindet.

Bild © Alive

When Animals Dream (Alexander Arnby, Dänemark 2014)

Posted by – 27. Februar 2015

When Animals DreamIch habe den Film zwar schon vor ein paar Monaten im Kino gesehen, hier aber noch nachträglich eine kleine Erinnerungsstütze:

Marie (Sonia Suhl), die mit ihrem Vater (Lars Mikkelsen), ihrer an den Rollstuhl gefesselten, apathischen Mutter (Sonja Richter) in einem kleinen dänischen Dorf wohnt. Seit einiger Zeit schon verändert sich Maries Körper, was von ihrem Vater und dem Dorfarzt (Stig Hoffmeyer) misstrauisch beobachtet wird. Als die Wandlung offenkundig wird, interessieren sich auch die anderen Dorfbewohner für sie. Vornehmlich auf junge Männer hat Marie eine besondere Wirkung, die von Begehren bis zu offen gezeigtem, aggressivem Verhalten reicht. Als die Stimmung umschlägt, ist nur Daniel (Jakob Oftebro) bereit, der verfolgten Frau zu helfen.

Zugegeben, neu ist Arnbys Verknüpfung des „Werwolf“- und „Coming of Age“-Themas nicht. Besser gefällt mir z.B. „Ginger Snaps“, weil ich ihn reichhaltiger fand und spritziger fand. Wenn Jon Fawcetts Film ein kleines, freches Mädchen ist, dann ist Arnbys ein Lethargiker. Tatsächlich geht es dem Regisseur weniger darum, dem Genre-Fan klassische Lykantrophenkost zu servieren als seine Geschichte möglichst behut- und einfühlsam zu erzählen, was ihm ein wenig auf Kosten des Unterhaltungswerts auch recht gut gelingt. Ihm geht es um die Entwicklung der Protagonistin, einer jungen Frau, die anders ist und die davon träumt, ihre Wünsche auch ausleben zu dürfen; und vielleicht geht es sogar ganz allgemein um die Rolle der Frau und den Druck der Gesellschaft, sich möglichst widerstandslos in sie einzufügen. Arnbys Film wirkt wie eine morbide Fabel zu diesem Thema, die sich in verträumter Weise mit dem sexuellen Erwachen einer seiner Protagonistin – und der Reaktion ihrer Umwelt darauf – auseinandersetzt. Träume können schön sein, wie schon der von Weichzeichnern, Überblendungen und Unschärfen gekennzeichnete Anfang des Films suggeriert – aber auch grausam. Während das Tier davon träumt, ein Mensch zu sein, ist der Mensch wach viel zu oft eine Bestie. Das zeigt der Verlauf des Films, wenn die Dorfbewohner zur Hetzjagd auf die haarige Marie ausrufen. Hier zeigt sich: Zum wichtigstem im Leben gehören gute Freunde, solche, die uns beistehen, wenn wir in Not sind. Diesen Aspekt teilt „When Animals Dream“ mit dem Meisterwerk „Let the Right One In“. Wie dieser ist Arnbys Film nämlich nicht nur ein originelles Coming-of-Age, sondern auch ein starkes Plädoyer für Toleranz.

Weitere Vorbilder waren für Arnby nach eigenem Bekunden übrigens so unterschiedliche Filme wie Brian de Palmas „Carrie“ und Debra Graniks „Winter’s Bone“. Die Kraft dieser Vorlagen wird zwar nicht ganz erreicht, sehenswert und wichtig ist der Film über den Wolf im Weibe aber trotzdem.

Bild © Prokino

True Detective – Season 1 (Cary Fukunaga, USA 2014)

Posted by – 15. November 2014

True DetectiveIn Louisiana wird 1995 eine Frauenleiche entdeckt. Die beiden Ermittler Rustin „Rust“ Cohle (Matthew McConaugheyn) und Detective Martin Hart (Woody Harrelson ) werden mit der Aufklärung des Falls beauftragt. Die Partner wider Willen könnten unterschiedlicher nicht sein: Hart ist Pragmatiker, Christ und notorischer Fremdgänger. Cohle ein grüblerischer Misantroph mit dunkler Vergangenheit. Während Hart den Fall möglichst schnell zu den Akten legen will, vermutet Cohle einen Serienmörder hinter der Tat. 17 Jahre später werden Cohle und Hart getrennt voneinander zu dem Fall befragt, nach und nach enthüllt sich, was damals wirklich geschehen ist. Es wird klar: Der Mörder ist immer noch auf freiem Fuß.

Ich kann nicht behaupten, dass ich die Welt der Serien wirklich im Blick hätte. Aber auch mir fällt auf, dass die Anzahl der hervorragend produzierten Serien hat in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Für gewöhnlich interessieren mich diesen potenziell unendlich weitererzählbaren Fortsetzungsgeschichten, die sich meinem Vorurteil nach viel zu sehr am Geschmack des Zuschauers ausrichten, nicht besonders. Mit „True Detective“ verhält es sich aber anders: Das Konzept von der Serie sieht für jede Staffel eine in sich abgeschlossene Handlung mit neuem Schauspielerensemble vor. Staffel eins, geschrieben von Nic Pizzolatto und durchweg inszeniert von Cary Fukunaga, hat es nicht eilig, den Zuschauer das ganze Ausmaß ihrer Geschichte zu offenbaren. Und auch sonst unterscheidet sich „True Detective“ von anderen Serien. So sucht man die Mikrodramaturgie einer herkömmlichen Serien-Episode vergebens. Das Ganze ist eher wie ein 8-stündiger Film, ganz aus einem Guss, eine düstere Meditation über das Leben und Menschen, die versuchen, die große Leere mit Sinn zu füllen. Die Grenze zwischen gut und Böse ist fließend, wann Gewalt gerechtfertigt ist, ist relativ. Und doch gibt es einen Unterschied zwischen dem, was menschlich und dem, was einfach nicht mehr okay ist. Hart und Cohle wissen nicht immer was richtig ist, doch sie eint der Glaube an das Verbrechen, das sie gemeinsam untersuchen. Das Ganze ist manchmal eher philosophische Reflexionen als Krimi, und folgerichtig stehen am Ende mehr Fragen als Antworten.

Ein bisschen Kritik muss aber auch noch sein: Zum einen bin das Gefühl nicht loswerden, die Geschichte wäre etwas künstlich in die Länge gezogen worden. Hätte man aus dem Stoff, der manchmal reichlich bedeutungsschwanger daher kommt, nicht auch einen knackigen, 2-stündigen Film machen können? Denn viel passiert ja eigentlich nicht, in den 8 Episoden. Sicherlich, viele Details sind wichtig für die Atmosphäre und machen das Verhältnis zwischen den Protagonisten plastischer. Aber ich habe wieder einmal festgestellt, dass ich die Kunst des Scharfschützen desjenigen vorziehe, der einfach ein paar Ladungen Schrot in den Wind ballert. Zum anderen bin ich mit den beiden Protagonisten bin ich nicht ganz warm geworden. Schon klar, dass so ein Hard-Boild-Krimi markige Figuren braucht und Matthew McConaugheyn und Woody Harrelson machen ihre Sachen ohne Frage ganz hervorragend. Aber mussten die Charaktere wirklich so Machoheinis und alle Frauen entweder Opfer von Männergewalt, frustrierte Ehefrauen (Michelle Monaghan) oder leichte Mädchen sein, die sich nichts Schöneres vorstellen können, als mit Martin Hart das Kopfkissen zu teilen? Innerhalb der düsteren, manchmal fast schon nihilistisch wirkenden Ausrichtung er Serie scheint diese Figurenkonstellation ja durchaus sinnvoll, leider bin ich bis zum Schluss das Gefühl nicht losgeworden, dass Fukunaga und Pizzolatto ihre beiden Detectives tatsächlich für die einzig wahren halten und diesen angestaubten Heldentyp ein bisschen zu unreflektiert abfeiern.

Eine zweite Staffel steht schon in den Startlöchern. Ich hoffe, dass da ein paar noch nicht ganz perfekt angezogenen Schrauben nachjustiert werden.

Bild © Warner Home Video
 

Highlander (Russell Mulcahy, Großbritannien / USA 1986)

Posted by – 24. August 2014

highlanderLeute, schon dieser mit Queens „Princes Of The Universe“ unterlegte Vorspann, gefolgt vom hammergeilen Anfang, der Kamerafahrt durch das Wrestling-Stadion auf eine im Schatten sitzende Person auf der Zuschauertribüne – die kurz darauf in die Tiefgarage eilt und sich dort mit einem anderen Mann ein Schwertduell liefert, das in einem orgasmischen Hupkonzert ejakuliert: der absolute Wahnsinn! Und das ist nur der Anfang, eigentlich bleibt es so gut, hier folgt eine Szene zum Niederknien der nächsten, sie drängeln sich sozusagen gegenseitig aus dem Bild bis zum alles entscheidenden Kampf des ekstatischen Finales.

Der Mann auf der Tribüne ist Russel Nash alias Conner MacLeod (Christopher Lambert) vom Clan der MacLeod, ein unsterblicher Schotte, der sich mit anderen Unsterblichen seit Jahrhunderten durch das Weltgeschehen kämpft. Wer seinen Kopf verliert ist endgültig tot, und bisher hat MacLeod sich ziemlich geschickt dabei angestellt, seinen zu behalten. Am Ende kann es nur einen geben, dem winkt eine ganz besondere Belohnung. Nur noch ein paar Unsterbliche sind übrig, MacLeods härtester Konkurrent ist der zottelige Krieger Kurgan (zum Niederknien: Clancy Brown), der auch schon seinen Lehrmeister Ramirez (Sean Connery) auf dem Gewissen hat.

Für mich war „Highlander“, als ich ihn als Jugendlicher zum ersten Mal gesehen habe, eine Art Offenbarung, die mir mit einem Schlag eine ganze Reihe toller Ideen in mein begieriges Hirn ballerte: Unsterbliche, von düsteren Mächten am Leben gehaltene Schwertkämpfer, von Blitzen und Explosionen begleitete Enthauptungen, ein mysteriöser Preis; und natürlich die visuelle Seite des Films, auch heute noch bewundere Mulcahys sehr gutes Gespür für Bilder und den Einsatz von Musik, indem sich sein Hintergrund als Regisseur von Musikvideos deutlich zeigt. Ein wenig schade ist es, dass das Drehbuch von Gregory Widen stark überarbeitet wurde, die Urfassung soll noch etwas düsterer und mehr auf die unterschiedlichen Figuren und deren Hintergründe ausgerichtet gewesen sein, aber auch so ist „Highlander“, von der einen oder anderen unfreiwillig komischen Stelle („Hi, I’m Candy“ – „Of course you are“) abgesehen, alles andere als ein fröhlicher Film. Bei meinem letzten Sehen ist mir aufgefallen, was für eine seltsame martialische Botschaft er doch aufzuweisen scheint.

Während der Frau ein Platz auf der Tribüne zugewiesen ist, wird das Weltgeschehen bestimmt von der ewigen Auseinandersetzung des Mannes. Ich bin sonst eigentlich niemand, der in jeder Waffe gleich eine Schwanzverlängerung sieht, aber bei „Highlander“ ist die sexuelle Ebene der Geschichte schon sehr präsent. Der Orgasmus wird als der kleine Tod bezeichnet, wenn jedoch ein Unsterblicher einen anderen tötet, dann ist das schon ein großer! Erst sorgt die Sprinkleranlage oder ein umkippender Wassertank für das richtige Maß an Feuchtigkeit, dann blitzt und donnert es, Metall birst, Glas zerspringt und der Sieger kommt hart! Die Szene, in der sich MacLeod von Love Interest Brenda (Roxanne Hart) erst einmal erstechen lassen muss, bevor er Lust auf Beischlaf hat, ist hier ebenso zu nennen, wie die Rückblende, in der MacLeod beim Degenduell wieder und wieder erfolglos erstochen wird, bis sein frustrierter Kontrahent seinen Adjutanten erschießt, um wenigstens irgendwen umzubringen. Ob das jetzt freiwillig, unfreiwillig oder gar nicht komisch ist, weiß ich gerade auch nicht. Jedenfalls macht dieser Aspekt einen der wenigen Kritikpunkte an dem Film, dass ich mir nämlich stärkere Frauenrollen gewünscht hätte – ja warum eigentlich keine Highlanderin? – gegenstandslos, ja dann muss das so, dann ist „Highlander“ nämlich nicht nur ein ganz fantastischer Phantastischer Film, dann ist er auch ein nicht besonders freundlicher Kommentar zur Lage der Welt, die durch die Todesgeilheit des Mannes maßgeblich bestimmt wird. Ob das weibliche Geschlecht die Geschicke unserer Erde besser gelenkt hätte, ist bei den Frauenfiguren des Films allerdings ebenso fraglich.

Bild © Studiocanal

Suspiria (Dario Argento, Italien 1977)

Posted by – 20. September 2013

suspiria2Neulich haben wir im Rahmen unseres mehr oder weniger regelmäßigen Videoabends schon zum zweiten Mal Dario Argentos monumentalen „Susiria“ gesehen. Und gestern, kaum einen Monat später, hatte ich gleich noch einmal an anderem Orte die Gelegenheit ihn in Groß zu erleben. Und „erleben“ ist hier genau das richtige Wort.

Auf der reinen Handlungsebene passiert in „Susiria“ recht wenig: Der Film handelt von Suzanne Banyon (Jessica Harper), die nach Freiburg reist, um dort Ballettunterricht zu nehmen. Doch schon bald häufen sich die unheimlichen Vorkommnisse in der Ballettschule und Suzy beginnt zu ahnen, dass in dem Gebäude dunkle Mächte am Werk sind. Ich habe vor ein paar Jahre auf Filmstarts.de schon einmal etwas zu dem Film geschrieben. Die Kritik beginnt mit dem Satz: „Manche Filme muss der Zuschauer erleben, um sie zu begreifen“.  Auch heute denke ich noch, dass einen Film von Argento zu verstehen nicht heißen kann, ihn zu analysieren und so eine den Bildern innewohnende, tiefere Bedeutung ans Tageslicht zu befördern. Nicht, dass sich auf diesem Wege  auch die eine oder andere Erkenntnis gewinnen ließe. Doch so ginge auch etwas verloren, etwas das seine Kraft vor allem erst auf sub-rationaler Ebene entfaltet. Man muss wie Alice dem Kaninchen in den Bau folgen bzw. sich wie Suzanne in die Ballettschule wagen. Einen Argento-Film zu verstehen, heißt für mich, sich dem Seherlebnis zu öffnen und dann nach innen zu fühlen. Dem einen erleichtert dies vielleicht ein alkoholisches Getränk, dem anderen die Inhalation indianischer Zauberkräuter. Auch ein kleiner Fieberschub schadet dem Filmgenuss sicher nicht. Was mir diesmal noch einmal in besonderem Maße bewusst geworden ist, ist, wie die verschiedenen Bestandteile des Films, die Kamera, die den Blick des Zuschauers führt, das Licht, die Farbkompositionen und natürlich die Musik der Progrock-Band Goblin ein Eigenleben führen. In manchen besonderen Momenten kommt mir der Film dann weniger vor wie ein einzelnes sakrales Monument, sondern wie etwas, das vielen uralten, lebenden Wesen besteht, wie in sich verschlungene Drachen, die sich nach tausendjährigem Schlaf langsam zu recken und strecken beginnen.

„Suspiria“ ist ein audio-visueller Rausch und wohl als Argentos wichtigsten Film zu bezeichnen, zumindest als denjenigen seiner Filme, dessen Vorzüge sich am leichtesten zeigen, ja, einen förmlich angreifen. Trotzdem, das zeigt mir die mittlerweile fünfte Sichtung, ist er keiner, den man sich schnell satt sieht. Im Gegenteil. Die Erfahrung wird immer reichhaltiger. Man spürt die Drachen immer deutlicher.

 Bild ©  Dragon
 

Lord Of Illusions (Clive Barker, USA 1995)

Posted by – 28. Dezember 2012

Lord Of IllusionsAlle paar Jahre wieder schaue ich „Lord Of Illusions“ – und jedes Mal bin erneut überrascht, wie stark dieser, gemeinhin als Clive Barkers schwächste Arbeit angesehener Film immerhin noch ist. Hier nur ganz kurz ein paar Worte, auf Filmstarts.de gibt es von mir eine ausführliche Kritik zu dem Film.

Der Film handelt von Privatdetektiv Harry D’Amour (Scott Bakula), der in Los Angeles eigentlich einen Fall von Versicherungsbetrug aufklären soll. Doch es kommt anders: Dorothea Swann (Famke Janssen) engagiert den Detektiv, um ihren Mann, den berühmten Bühnenmagier Philip Swann, zu beschatten. Als Swann kurz darauf bei einer Show stirbt, führen D’Amour Nachforschungen ihn zu einer Gruppe Kultisten und deren Anführer Nix (Daniel von Bargen) und damit in eine Welt voll Habgier, Hass und echter Magie…

Barkers Filme handeln von einer Sehnsucht, dass es hinter der sichtbaren Welt noch eine andere gibt. Interessant an „Lord Of Illusions“ finde ich, dass er im Gegensatz zu „Hellraiser“ und „Cabal“ auf Romantisierung dieser anderen Welt völlig verzichtet. Es ist ein schmutziger, ein trostloser Film, dessen zahlreiche Qualitäten im Vergleich mit den anderen beiden Filmen etwas versteckt liegen. Die persönlichen Dramen um Philip Swann und seine Beziehung zu Nix, die Geschichte der Kultisten spielen sich abseits der Leinwand ab, können aber erahnt werden. Außerdem hat der Film unglaublich starke (Neben-)Figuren, über die man jeweils einen eigenen Film drehen könnte. (Btw: Ich wünsche mir eine Serie um Geisterjäger Harry D’Amour.)

Die Kritik auf Filmstarts ist schon etwas älter, doch im Großen und Ganzen bin ich immer noch der gleichen Meinung.  Eine Aussage möchte ich allerdings revidieren.  Ich schreibe, dass Barker ein „dichter, atmosphärischer Horror-Film-Noir“ gelungen sei, „der, wenn auch im Großen und Ganzen etwas vorhersehbar, positiv aus dem Genre heraussticht.“ Vorhersehbar? Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wie ich darauf gekommen bin. Heute finde ich den Film alles andere als vorhersehbar. Im Gegenteil. „Lord Of Illusions“ ist ein sehr spannender, atmosphärischer Horror-Film-Noir, der viele kleine und größere Überraschungen enthält und den ich hiermit allen Fans des Fantastischen Films – vor allem denen, die ihn noch nicht kennen! – dringend ans Herz legen möchte.

Bild © MGM 
 

Twixt (Francis Ford Coppola, USA 2011)

Posted by – 7. Dezember 2012

Die Zeiten von „Der Pate“, „Apocalypse Now“ oder „Dracula“ sind lange vorbei. Und selbst die Klassiker von Francis Ford Coppola gehören nicht gerade zu meinen Lieblingsfilmen. Umso überraschter war ich, als ich heute Coppulas aktuellen Film angesehen habe. „Twixt“ ist vage, unberechenbar und hinter seiner B-Movie-Fassade wunderschön.

Hall Baltimore (Val Kilmer) hat sich auf Hexen-Romane spezialisiert, doch seine Karriere hat schon bessere Zeiten gesehen. Als ihn eine Lesetour in das verschlafene Nest Swann Valley führt, wittert Baltimore den Stoff für eine neue Geschichte: In dem Städtchen sind vor kurzem mehrere Morde geschehen, die einem Serienkiller zugeschrieben werden. Als Baltimore im Traum erst der Geist eines der ermordeten Mädchen (Elle Fanning) und dann Edgar Allan Poes (Ben Chaplin) erscheint, weiß er – er ist auf der richtigen Spur. Zusammen mit dem Sheriff Bobby LaGrange (Bruce Dern) beginnt er die Hintergründe der Morde zu recherchieren.

„Twixt“ ist ein wunderbares Beispiel dafür, was möglich ist, wenn Coppola seinen Visionen freien Lauf lassen darf.  Was auf den ersten Blick „nur“ ein schaurig schönes Gothic-Märchen ist, gewinnt auf den zweiten immer mehr Facetten und Komplexität. Was echt ist und was ein Traum lässt sich bald nicht mehr unterscheiden. Und auch der rote Faden des Films verliert sich zusehends im Nebel. „Twixt“ ist: ein Metafilm, ist: ein rätselhaftes, faszinierendes Etwas zwischen allen Stühlen, ist: ein Kommentar und gleichzeitig sehr persönliches Dokument zum kreativen Prozess, der entfernt an „Mulholland Drive“, „Barton Fink“ oder „Synecdoche, New York“ erinnert und einlädt, sich tiefer mit dem Werk dieses Filmemachers zu beschäftigen.

Bild © Studiocanal