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Don’t Look Now (Nicolas Roeg, UK / Italien 1974)

Posted by – 5. Mai 2012

“Unter allen Leidenschaften der Seele bringt die Traurigkeit am meisten Schaden für den Leib.” (Thomas von Aquin)

Das Familienglück von Laura (Julie Christie) und John Baxter (Donald Sutherland) wird jäh zerstört als ihre kleine Tochter Christine (Sharon Williams) ertrinkt. John hatte das Unglück kommen sehen, konnte aber nicht schnell genug eingreifen. Um ihre Trauer zu verarbeiten, reisen die beiden Eheleute nach Venedig, wo John die Restauration einer Kirche übernimmt. Ihr Sohn Johnny (Nicholas Salter) bleibt in England. Dann lernen John und Laura zwei alte Damen kenn, die behaupten, sie ständen in Kontakt zur toten Tochter.

„Don’t Look Now“ (der zur Abwechslung mal einen schönen deutschen Titel abgekommen hat) ist ein Film über Tod, Traurigkeit und Vorahnung. Schon am Anfang, als John sich Fotos ansieht, entdeckt er auf einem Bild etwas, das ihn misstrauisch macht. Er spürt, dass seine Tochter in Gefahr ist, ahnt zu dem Zeitpunkt aber noch nicht, dass dieses Bild gleichzeitig die Schablone für sein eigenes Schicksal ist. Wie auch „Die Vögel“ beruht Nicolas Roegs Film auf einer Kurzgeschichte von Daphne du Maurier und wie auch dort, geht es in „Don’t Look Now“ im weitesten Sinne darum, wie unsere Realität auf eine andere Wirklichkeit trifft, eine, in der die Regeln und Gesetze, die unser Leben strukturieren und ihm Sicherheit geben, nicht mehr gelten. Wie den Protagonisten in Roegs Film wird auch dem Zuschauer unmerklich der Boden unter den Füßen weggezogen. Dass das Übersinnliche eine Rolle spielt, wird durch die beiden alten schottischen Damen, von der eine angeblich das zweite Gesicht hat, schnell klar – wie stark die Wahn und Wirklichkeit  hier allerdings verflochten sind, stellt sich aber erst später heraus.

Roeg ist mit diesem Film etwas Besonderes gelungen. Die beklemmende Schwere der Geschichte, für die das marode Venedig der perfekte Austragungsort ist, die Kraft der einzelnen Szenen, Julie Christie und Donald Sutherland in Bestform, die exzellente Farbdramaturgie, der Schnitt,… – alles ist so wunderbar. Und so schmerzhaft! Zahlreiche Filme vor und nach Roeg haben sich mit dem Thema Schicksal beschäftigt, aber nur wenige haben eine Form gefunden, die Unausweichlichkeit und den damit verbundenen emotionalen Gehalt so gekonnt zu inszenieren. Spätestens am Schluss sieht der Zuschauer, dass der vermeintlich rationale John weit davon entfernt ist, mit dem Tod seiner Tochter Frieden geschlossen zu haben. Er beschwört die Vergangenheit herauf, hält an ihr fest und bestimmt dadurch seine Zukunft. Es ist wie bei den Renovierungsarbeiten, die er fortsetzt, obwohl er weiß, dass es sich um eine Fälschung handelt. Und weil John nicht loslassen kann – metaphorisch vorweggenommen bei seinem Sturz in der Kirche – folgt er am Ende auch dem Killerzwerg, den er für seine Tochter hält. Und stirbt. Die Vorahnung hat sich erfüllt. Eine Träne kullert meine Wange hinab.

Bild © Studiocanal