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Malastrana (Aldo Lado, Deutschland / Italien / Jugoslawien 1971)

Posted by – 22. März 2016

MalastranaMal gleich mit der Tür ins Haus gefallen: „Malastrana“ (OT: La corta notte delle bambole di vetro) ist einer der besten Filme, die ich in den letzten Monaten gesehen habe. Auf meiner Liste der bereits gesehenen, gemeinhin als „Gialli“ bezeichneten italienischen (Psycho-)Thriller, würde ich in spontan zu den Top-10 zählen. Lado Aldos Geschichte ist ein unglaublich pessimistischer, über alle Maßen deprimierender Alptraum, gegen den sich die Romane von Franz Kafka fast schon heiter erweisen. Selbst ein paar Tage nach meiner ersten Begegnung mit diesem Film sitzt mir die Erfahrung tief in den Knochen und lässt mich frösteln.

Das fängt schon mit der Prämisse des Films an: Der Protagonist, ein amerikanischer Journalist namens Gregory Moore (Jean Sorel), liegt tot auf dem Tisch des Leichenbeschauers. Scheinbar tot! Ist er aber nicht, er hat nur keine Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Die Obduktion ist bereits angesetzt. Die Geschichte von „Malastrana“ entspinnt sich an Gregorys Erinnerungen, sein eingesperrter Verstand versucht dahinter zukommen, was ihn in diese Lage gebracht hat. Gregory erinnert sich: Seine Freundin Mira (Barbara Bach) hatte ihn besucht. Als er nach einer Party, bei der er Mira eine Reihe Leuten vorgestellt hat, noch einen Arbeitstermin wahrnehmen muss und wieder nach Hause zurückkehrt, ist sie fort. Er macht sich auf die Suche, Polizei und Kollegen sind ihm dabei kaum eine Hilfe. Bei seinen Recherchen findet er heraus, dass seit jüngst eine ganze Reihe von jungen Frauen vermisst wird. Je tiefer er gräbt, desto größer werden die Widerstände. Bald gibt es die ersten Toten…

„Malastrana“ (= ein Stadtteil Prags, tschechisch: Malá Strana) ist natürlich auch eine Parabel auf den totalitären Staat, in dem die Reichen elitäre Geheimbünde, unterstützt von korrupten Polizisten, die Herrschaft übernommen haben. Ein Menschenleben ist hier nicht viel wert – das eines einheimischen Mädchens allerdings noch weniger als das eines amerikanischen Journalisten. Das Gleichnis ist allgegenwärtig, doch ich hatte nie das Gefühl, dass Lado die Parallelen zwischen dem paralysierten Journalisten und dem ohnmächtigen Individuum im Faschismus übertreibt, sondern dass ihm in erster Linie daran gelegen ist, seine ungewöhnliche Geschichte möglichst effektiv zu präsentieren. Die Bilder von Kameramann Giuseppe Ruzzolini vermitteln das Gefühl von Einsamkeit und Schwere, die tieftraurige Cello-Musik von Meister Ennio Morricone tut sein Übriges, den Zuschauer immer tiefer in den Abgrund zu reißen. Es ist kaum übertrieben, Lado zu bescheinigen, dass er mit „Malastrana“ der Stadt Prag ein ähnlich atmosphärisches Denkmal gesetzt hat, wie es zwei Jahre später Nicolas Roeg mit „Don’t Look Now“ für Venedig gelingen sollte.

Von Aldo kenne ich bisher „Night Train Murders“ und „Who Saw Her Die“, die mir beide ebenfalls sehr gut gefallen haben. „Malastrana“ – oder auch „Short Night of the Glass Dolls“ wie er international heißt – ist meiner Meinung nach aber noch einmal ein Stück stärker, weil er das Gefühl der Machtlosigkeit sehr eindrucksvoll einfängt. Wenn man sich mal klar macht: Die Geschichte, die wir sehen, besteht ja lediglich aus den Erinnerungen des paralysierten Protagonisten. Jede Entdeckung, die er macht, jedes weitere Puzzlestück des Rätsels, schafft lediglich ein Gefühl von Fortschritt. In Wirklichkeit aber ist alle Souveränität in diesem Film eine Illusion. Ein besseres Verständnis seiner Situation ist die einzige Freiheit, die dem unfreien Individuum bleibt. Bitterer kann die Moral der Geschicht’ wohl nicht.

Bild © Camera Obscura