Tag: Roadmovie

Starman (John Carpenter, USA 1984)

Posted by 26. Juli 2015

StarmanDie Voyager Golden Record ist eine Datenplatte, die mit der Raumsonde Voyager in die Weiten des Universums gesendet worden ist. Mit ihrer Hilfe sollten Aliens von der Existenz der Menschheit erfahren. Extrem unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. John Carpenters „Starman“, der auf einem Drehbuch von Bruce A. Evans und Raynold Gideon beruht, spielt die Idee durch, was wäre wenn eine außerirdische Intelligenz die Einladung annimmt. Doch anders als in so vielen Science-Fiction-Filmen erweisen sich hier nicht die Besucher als feindlich, sondern die Menschheit als verdammt schlechter Gastgeber. Kaum angekommen, wird das UFO auch schon abgeschossen. Der „Starman“ an Bord überlebt, nimmt die Gestalt des verstorbenen Mannes (Jeff Bridges) von Jenny Hayden (Karen Allen) an und reist mit ihr quer durch die USA zu dem Ort, wo er in zwei Tagen wieder abgeholt werden soll. Und wie soll es anders sein: das Militär ist ihnen dicht auf den Fersen.

Da es niemand sonst so richtig tut, möchte ich hier eine Lanze für John Carpenters „Starman“ brechen, den ich nach einer Ewigkeit vor ein paar Tagen wieder einmal gesehen habe. Das Science-Fiction-Roadmovie, dem die typischen thematischen und stilistischen Erkennungsmerkmale des Regisseurs zwar fehlen, weiß nichtsdestotrotz zu überzeugen, weil es nämlich nicht nur ganz wunderbare, prägnante Momente (die Szene mit dem Baby!, herrliche Landschaftsaufnahmen), sondern auch inhaltlich einiges zu bieten hat. Dass der Mensch mehr ist als sein Körper, gehört zu einer häufig strapazierten Binsenweisheit des Wohlfühlkinos. Dass der Mensch wie jedes Lebewesen aber nun mal eben auch Körper ist und dass damit einiges zusammenhängt, wird gerne mal unter den Tisch gekehrt. Nicht umsonst besorgt sich das außerirdische Energiewesen in Carpenters Film erst einmal einen Körper, denn nur so kann es erleben, wie es ist ein Erdenbewohner zu sein und nur auf diesem Weg ist es in der Lage, eine Beziehung zu anderen Menschen aufzubauen. Doch es sind nicht nur die Chancen der Körperlichkeit, welche die Geschichte vorantreiben, sondern auch ihre Tücken. Der Starman ist gefangen im Fleisch, unddas mit allen seinen Bedürfnissen – Hunger, Schmerzen und vor allem Liebe – die zwar nicht das Ziel, aber doch die Beschaffenheit seiner Reise bestimmen. Und für Jenny Hayden ist die Gestalt des Außerirdischen natürlich alles andere als nebensächlich. Dass er aussieht wie ihr verstorbener Mann ist anfangs natürlich vor allem ein Grund für Irritation, Angst und Misstrauen. Doch schon bald ist es gerade seine Gestalt, die ihr hilft, Vertrauen zu fassen und sich schließlich sogar zu verlieben. Mit Blick auf viele seiner anderen Filme frage ich mich, ob es vielleicht dieser Aspekt gewesen sein könnte, der Carpenters Interesse an dem Stoff geweckt hat – dass unsere Körper letztlich unsere Freiheitsgrade bestimmen, dass wir in gewisser Weise sogar ihre Gefangenen sind, weil sie bestimmen, was wir tun und empfinden können.

Aber ich will diesen Gedanken auch nicht überstrapazieren. Denn wie gesagt, dies ist ein Carpenter-Film der etwas anderen Art, einer in dem der Regisseur seine Vielfältigkeit und sein großes thematisches Spektrum unter Beweis stellt. Hier geht es nicht um Angst, es geht um Liebe, weniger um Zwänge denn um Möglichkeiten und nicht carpenter-typisch ums Gefangensein, sondern um Freiheit. „Starman“ gehört zu den seltenen Filmen, welche die schönen Seiten der USA zeigen, in denen es um Hilfsbereitschaft geht und um guten Kuchen. Er ist damit ein wenig wie ein Märchen, in dem der Außerirdische wie die gute Fee dem Menschen seine Wünsche erfüllt. Nach der Begegnung mit dem Starman sind alle, die es zugelassen haben, bereichert. Sie hatten die Chance, etwas zu lernen. Und auch er selbst hat zum Schluss, wenn er sich auf den Rückweg zu seinem Planeten macht, wertvolle Erfahrungen dazugewonnen.

Bild © Sony Pictures

The Hitcher (Robert Harmon, USA 1986)

Posted by 18. Juli 2015

HitcherIch komme bedauerlicher Weise gerade nicht besonders oft dazu, mir einen Film anzugucken. Und selbst zu den wenigen, die ich sehe, schaffe ich es leider nicht immer, etwas aufzuschreiben. Für Robert Harmons „The Hitcher“ muss ich dem zeitintensiven Alltag jetzt aber noch eine Stunde abringen, denn zu diesem Film nichts zu sagen – das geht einfach nicht. Robert Harmons Wahnsinnswerk aus Feuer und Wasser, Staub, Blut und Zelluloid gehört zu der Handvoll Filme, die eine besonders wichtige Rolle bei meiner cineastischen Sozialisation gespielt haben.

Schon der Anfang: Da fährt der junge und zu Beginn noch reichlich naive Jim Halsey (C. Thomas Howell) einsam über den Highway. Er hat den Auftrag, einen Wagen von Chicago nach San Diego zu überführen. Er kämpft mit aller Kraft gegen die Müdigkeit an und denkt im ersten Augenblick, dieser Anhalter (Rutger Hauer), der am Straßenrad im Regen steht, wäre seine Rettung. Doch der Mann, der sich als John Ryder vorstellt, entpuppt sich nicht als die erwünschte Abwechslung von der monotonen Autofahrt – zumindest nicht so, wie Jim es sich vorgestellt hat. Ryder ist ein Psychopath, das wird schon in den ersten Minuten dieses Films klar. „Say ‚I want to die’“ fordert er den junge Mann auf. (Ich. Gänsehaut. Jedes Mal.) Doch dieser entscheidet sich für das Leben und schafft es sogar, Ryder aus dem Auto zu schmeißen. Was folgt ist ein spannendes, von einer seltsam ambivalenten Atmosphäre getragenes Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Kurier und dem Anhalter. Die endlose Straße bietet keine Zuflucht. Wo immer der eine auftaucht, ist der andere schon gewesen und hat sein blutiges Werk verrichtet.

Die Motive des geheimnisvollen Killers bleiben im Verborgenen. Es ist fast so, als hätte sich Jim durch seinen ersten kleinen Etappensieg als würdiger Mitspieler erwiesen, vielleicht sieht Ryder auch etwas in dem jungen Fahrer, das er zum Vorschein bringen will. „Stop me“ fordert er ihn an einer Stelle auf, aber man weiß nicht, ob es sein Ernst ist oder ob es zu seinem sadistischen Spiel gehört. Hier verhält es sich mit Ryder ein wenig wie mit dem ganzen Film, dessen vielleicht größte Stärke es ist, dass man bei ihm nicht weiß, woran man ist und dass man ihn auf viele Arten deuten kann: als apokalyptischen Highway-Western, als brutale Coming-of-Age-Parabel (vielleicht sogar mit homoerotischem Subtext?) oder auch als den ultimativen Kampf des Guten gegen das Böse. Gerade einige weniger unlogische Momente heben die surrealen Aspekte des Films hervor und manchmal wähnt man sich beinahe in der Halluzination eines schizophrenen Killers. Die Bilder des Films leben, sie flirren in der Hitze über dem Asphalt, verschwimmen beim Blick durch die schmierige Windschutzscheibe und verlieren sich im explodierenden Licht des nächtlichen Regens. Jedenfalls scheinen sie bei jeder Sichtung ihr Erscheinungsbild geringfügig zu ändern. Doch ob hier zwei gegeneinander oder einer gegen sich selbst kämpft – sicher scheint nur: hier findet eine Auseinandersetzung statt, die so kraftvoll und elementar wohl nur selten ins Bild gesetzt worden ist.

Mit dem Gewehr streicht Jim zum Schluss dem vor ihm auf der Straße liegenden Anhalter eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Geste hat beinahe etwas Zärtliches, Intimes. Vielleicht, weil er neben aller Qual Ryder auch etwas zu verdanken hat? Durch ihn ist er in eine Welt eingeführt worden, in der Mann-Sein vor allem bedeutet, zu töten. Diese Botschaft macht den ohnehin nicht gerade heiteren Film gleich noch etwas trostloser.

Bild © Momentum

The Night Of The Hunter (Charles Laughton, USA 1955)

Posted by 12. Februar 2014

night of the hunterA good tree cannot bring forth evil fruit. Neither can a corrupt tree bring forth good fruit. Wherefore by their fruits, ye shall know them.

In den 1920er Jahren zieht der Psychopath Harry Powell (Robert Mitchum), der sich als Wanderprediger ausgibt, mordend durch die Lande. Als er im Gefängnis erfährt, dass Ben Harper (Peter Graves) 10 000 Dollar versteckt hat, schleicht sich Powell nach dessen Hinrichtung bei seiner Familie ein. Während Bens Witwe Willa Harper (Shelley Winters) und ihre junge Tochter Pearl (Sally Jane Bruce) dem charismatischen Mann schnell verfallen, bleibt Sohn John (Billy Chapin) misstrauisch.

Dass „The Night Of The Hunter“, diese seltsame Mischung aus düsterem Märchen, expressionistischem Stummfilm und (Psycho-)Thriller, bei seiner Uraufführung durchgefallen ist, später dann aber als Meisterwerk gefeiert wurde, dass es der einzige Spielfilm des genialen Schauspielers und Theaterregisseurs Charles Laughton („Witness For The Prosecution“) war, dass Robert Mitchum sich so in seine Rolle hineingesteigert hat, dass er danach erst einmal ein paar Jahre mit niemandem über den Film reden wollte – all das kann man in nahezu jeder Review nachlesen. Ich will das nicht alles wiederholen. Ich sage erst einmal nur: Holy Fuck, wow, was für ein Film!

Und zwar ein unglaublich reichhaltiger, einer, der zahllose Anhaltspunkte bietet, sich mit ihm auseinanderzusetzen und der – je nachdem aus welchem Blickwinkel man ihn betrachtet – anders wirkt. Mein erster Impuls war, mich ihm über den Begriff der Gier zu nähern, doch diese Sicht fokussiert sich – so der zweite Impuls – vielleicht etwas zu sehr auf die beiden wichtigsten männlichen Figuren, den naiven Vater, der denkt, er könne seiner Familie durch geraubtes Geld zum Glück verhelfen und den bösen Egomanen und Stiefvater Powell. Nächster Gedanke: Vielleicht ist „The Night Of The Hunter“ auch ein Film über das Versagen, und zwar vor allem das Versagen der Erwachsen gegenüber Kindern? „You know, when you’re little, you have more endurance than God is ever to grant you again. Children are man at his strongest. They abide“, sagt die einzig positive Erwachsenfigur am Ende des Films. Ben Harper versagt, er raubt, mordet und hinterlässt seinen Kindern die Probleme, seine Frau versagt, indem sie wie ein neugieriges Insekt in das Netz des falschen Predigers tappt – und ihre Kinder dadurch zu Waisen macht. Aber nicht nur sie, das ganze Dorf versagt. Es erkennt nicht die Gefahr, die von dem falschen Prediger ausgeht. Ja, selbst als Willa schon aus dem Weg geräumt ist, nimmt niemand die Bedrohung wahr. Sogar der nette Onkel „Ihr könnt immer wenn ihr Probleme habt zu mir kommen“ Birdie (James Gleason) besäuft sich vor lauter Selbstmitleid und ist im entscheidenden Moment nicht für John und seine Schwester Pearl da.

Die komplette Welt der Erwachsenen versagt. Sie lassen die beiden Kinder in ihrem Kampf gegen das Böse und bei ihrer Flucht (die den Film auch zu einem Road- oder besser: Boat-Movie macht) ganz auf sich allein gesellt. Irgendwo hier transzendiert Laughtons Film und wird zum Märchen, in der archetypische Akteure zu Vertretern des Guten und Bösen schlechthin werden. John und Pearl sind Brüderchen und Schwesterchen, sind Hänsel und Gretel, sind Jorinde und Joringel, während sich in Powell Blaubart, Rumpelstilzchen und alle menschlichen Monster dieser Welt vereinen. Doch „The Night Of The Hunter“ ist kein phantastischer Film. Das Grauen, das von dem falschen Prediger ausgeht ist genauso real, wie die Gefahr der religiösen Hysterie, die sich durch den Film zieht. Und am Ende scheitert die Gemeinschaft, die anfangs ihrer Kinder nicht beschützen konnte ein weiteres Mal, als sich die vermeintlich Rechtschaffenden zu einem Lynchmob zusammenrotten und wieder einmal dem Demagogen folgen. Ein großartiger, ein wahnsinniger Film!

P.S. Interessant finde ich , was ich gerade in einem Text von Andreas Busche auf Fluter gelesen habe, nämlich, dass Michael Baute und Volker Patenburg auf die Idee gekommen sind, den Film in seine 93 Minuten zu zerlegen, und jede Minute von Filmgrößen wie Thomas Arslan, Christian Petzold, Angela Schanelec uvm. einzeln unter die Lupe nehmen zu lassen. Ich muss zugeben, auch wenn das Ergebnis heißt „93 Minutentexte. The Night of the Hunter“. Ich glaube zwar nicht, dass man dem Film durch eine Zerstücklung Herr wird, das Buch interessiert mich dennoch. Dort erfahre ich hoffentlich mehr über die Tiersymbolik des Films.

Bild ©  Koch Media