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Maps To The Stars (David Cronenberg, USA / Kanada 2014)


maps to the starsEs gehen Geister um in Hollywood: Die Schauspielerin Havana (Julianne Moore) z.B. wird von ihrer toten Mutter (Sarah Gadon) heimgesucht. Wie besessen versucht sie in deren Fußstapfen zu treten. Der 13-jährige Kinderstar Benjie Weiss (Evan Bird) sieht ebenfalls Gespenster. Ihm erscheint ein totes Mädchen (Kiara Glasco). Und dann betritt ein ganz reales Gespenst die Bildfläche: Benjies Schwester Agatha (Mia Wasikowska), die vor Jahren Benjie mit Medikamenten ruhiggestellt und anschließend das Haus in Brand gesetzt hatte…

Es gibt kaum einen anderen Filmemacher, der so stark an seinem Thema arbeitet, ohne sich jemals zu wiederholen. David Cronenberg ist als Regisseur und Autor wie ein Forscher, der immer weitere Fragen stellt und immer neue Aspekte seines Forschungsgegenstandes enthüllt. Auch „Maps To The Stars“ ist wieder ein echter Cronenberg, in der sich der kanadische Filmemacher noch weiter in die Untiefen menschlicher Existenz(ver)form(ung)en wagt.

„Wissenschaft, die sich gegen den Menschen wendet“ war das Thema, auf das man Cronenberg am Anfang seiner Karriere oft reduziert hat. Doch dies sollte sich nur als ein Aspekt von etwas viel Größerem herausstellen, nämlich der Wandlungsfähigkeit des Menschen schlechthin. Anfangs waren es noch die vor allem körperlichen Transformationsszenarien einer der grenzenlosen Wissenschaft ausgelieferten Welt, die Veränderung des menschlichen Körpers, seine Verschmelzung mit der Maschine. Body Horror nannte man das. Doch immer deutlicher wurde, dass es Cronenberg um den Übergang zu neuen Existenzformen geht, die nicht mehr nur den menschlichen Körper, sondern ebenso dessen Geist umfassen. Denn Transformation bedeutet bei Cronenberg mehreres – sie ist zivilisatorische Dystopie, Vision eines tief greifenden, gesellschaftsverändernden Wandels, vor allem aber die Mutation des Individuums und seiner Persönlichkeit. Und wo könnte man die Verformungen der menschlichen Seele besser erforschen als in Hollywood?

In „Maps To The Stars“, der auf der Romanvorlage „Dead Stars“ von Bruce Wagner beruht, geht es nicht nur um einen Brand, welcher der Auslöser der Geschichte ist – auch der Film selbst ist ein hellgleißender, feuriger Himmelskörper, der in Hollywood, dem Filmzentrum dieser Welt, zu Boden geht und alles in seiner Glut zu Asche werden lässt. Doch das Feuer ist kein Purgatorium, es reinigt nicht. Aus der Asche erheben sich die Geister der Verstorbenen, um ihre inzestuösen Nachfahren zu peinigen – bis diese aus Verzweiflung selbst in die Flammen steigen. Ein Teufelskreis, aber vielleicht auch der perverse, generationsübergreifende Mechanismus, aus dem die (Alp-)Traumfabrik die Energie für ihre Produkte schöpft. Eine bitterböse, nachthimmelschwarze, aber auch stellar funkelnde Satire hat Cronenberg seinem Publikum hier geschenkt. Und apropos Stern: Noch nie war ein Cronenberg-Film so voller Stars. Neben den genannten sind außerdem zu sehen: Olivia Williams als Benjies Mutter und John Cusack als sein Vater, Robert Pattinson als ehrgeiziger Chauffeur und Carrie Fisher ganz groß (!!!) als – Carrie Fisher. Zu zeigen, wie formbar dieses Wesen „Mensch“ ist, wäre ohne diese großartigen Darsteller nicht möglich gewesen.

Bild © MFA
 

Cosmopolis (David Cronenberg, Kanada 2012)

Posted by 3. Juni 2012

Vorgestern Morgen habe ich „Cosmopolis“ im International gesehen. Vor dem Kino campierten trotz Regen gut 20 weibliche Teenies, wohl, weil sie hofften einen Blick oder mehr von Robert Pattinson zu erhaschen. Der hatte sich nämlich für die später am Tag stattfindende Premiere angekündigt. Die Kinder saßen da und froren – die Presse wurde eingelassen, um sich den Film anzusehen. Zwei unterschiedliche Systeme, die, obwohl sich beide mit Sicherheit ein übergeordnetes System teilen, nichts miteinander zu tun haben. Es gibt keine Schnittstelle. Obwohl in beiden Systemen der Name Robert Pattinson vorkommt, bedeutet er hier und da etwas anders.

Ja, wenn man „Cosmopolis“ gesehen hat, dann denkt man über Systeme und über das durch sie gezähmte Chaos nach.

Eric Packer (Robert Pattinson) ist reich, sehr reich. Eine Kathedrale zu kaufen, um sie in seinem Apartment wieder zu errichten, stellt für den Multimilliardär kein Problem dar. Heute ist Eric auf dem Weg zum Frisör. Aufgrund von Unruhen kommt seine Limousine allerdings nur langsam voran, seine Geschäfte erledigt er deswegen in seinem Wagen.  Dass es ein Attentäter auf ihn abgesehen haben könnte, lässt Eric kalt. Es beunruhigt ihn allerdings, dass sich der Yuan anders entwickelt als von ihm vorhergesehen; und dass seine Prostata asymmetrisch ist.

Das kognitive System Eric Packer sitzt im System Limousine. Außerhalb: System Welt, bestehend aus unendlich vielen anderen Systemen. Eines davon ist das sogenannte Finanzsystem, ein anderes heißt Benno Levin (Paul Giamatti). Allen Systemen gemeinsam ist, dass sie nach ihren eigenen Regeln funktionieren und nur ihre eigene Sprache verstehen. Das stellt System Zuschauer im Allgemeinen und System Björn im Besonderen natürlich vor erhebliche Schwierigkeiten.

Natürlich sucht man den ganzen Film über nach Mustern, nach irgendetwas, dass einen Ansatz zur Interpretation der Geschichte liefert. Asymmetrien und Symmetrien, Muster und Chaos spielen in „Cosmopolis“ eine große Rolle. Eric und die Personen, die er trifft, reden unentwegt. Tiefsinniges wechselt sich mit Banalitäten ab, Sinnvolles und Unsinn sind nicht voneinander zu unterscheiden. Auf der inhaltlichen Ebene ist „Cosmopolis“ daher auch, so scheint es mir zumindest, nicht beizukommen. Darauf deuten schon Vor-und Abspann hin, die jeweils ein abstraktes Gemälde zeichnen. Am Anfang steht das Chaos, am Ende die vermeintliche Ordnung. Und so zeigt sich auch der Film als eine Suche nach Bedeutung in dem Strom der vorbeirauschenden Informationen. Was ist wichtig und was ist es nicht, fragt sich der Zuschauer.

Der Sitz in Erics Limousine gleicht einem Thron. Er ist seiner Umwelt überlegen, weil er zu wissen scheint, was passiert. „Du weißt Dinge. Ich glaube, das ist es, was du machst“, sagt seine Frau an einer Stelle des Film zu ihm. Aber auch Eric muss merken, dass er das Finanzsystem, die Quelle seines Reichtums, aber auch die Ereignisse um ihn herum nicht wirklich versteht. Eric glaubt, Muster erkennen zu können, muss aber feststellen, dass dort eigentlich nur Chaos ist. Diese Erkenntnis steht in einem eigenartigen Spannungsverhältnis zu den Bildern im Vor- und Abspann. Ist die Ordnung, die das Bild am Ende suggeriert, wohlmöglich nur Illusion?

„Cosmopolis“ ist eindeutig ein Cronenberg, auch wenn der Regisseur hier formal noch eigenwilliger vorgeht als man es ohnehin von ihm gewohnt ist. Eric sitzt in seiner Limousine, die seine Schaltzentrale, sein Rechen- und Analysezentrum ist. Ob man dies als eine Reise nach Innen oder eine Auslagerung des Gehirns sehen will, macht keinen Unterschied. Wichtig ist, dass Cronenberg seine Transformationsszenarien wieder ein Stück weiter denkt und sein Oeuvre abermals bereichert. Mir fällt ehrlich gesagt kein zweiter Filmemacher ein, der so stark an seinem Thema arbeitet, ohne sich jemals zu wiederholen. Cronenberg ist als Filmemacher wie ein Forscher, der immer weitere Fragen stellt und immer neue Aspekte seines Forschungsgegenstandes enthüllt. Mit „Cosmopolis“, der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Don DeLillo, scheint mir sein Werk intellektuell seinen Höhepunkt erreicht zu haben, weil er die Frage nach der Verwandlung des Menschen weiterführt und zu einer skeptischen Antwort gelangt, die sich gleichzeitig auch auf den eigenen Schaffensprozess anwenden lässt. Ist Kontrolle eine Illusion? Ich bin sehr gespannt, wie Cronenberg nach diesem Film weitermacht.

Bei „Cosmopolis“ habe ich die seltene Erfahrung gemacht, während des Schauens eine längere Zeit genervt zu sein – das lag vor allem an den Dialogen, bei denen ich mir nie sicher war, ob sie tiefsinnig oder absoluter Käse waren –, nur, um ihn danach noch großartiger zu finden. Ich gebe zu, dass ich  auch schon mal versucht habe, mir Filme schön zu denken (bei „Benjamin Button“ war das z.B. der Fall). Aber das funktioniert immer nur eine Zeit lang. Es bleibt abzuwarten, wie es sich mit „Cosmopolis“ verhält, wenn ich ihn verarbeitet habe. Im Moment ist es für mich ein ganz großer Film.

Bild © Falcom Media