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True Detective – Season 1 (Cary Fukunaga, USA 2014)

Posted by – 15. November 2014

True DetectiveIn Louisiana wird 1995 eine Frauenleiche entdeckt. Die beiden Ermittler Rustin „Rust“ Cohle (Matthew McConaugheyn) und Detective Martin Hart (Woody Harrelson ) werden mit der Aufklärung des Falls beauftragt. Die Partner wider Willen könnten unterschiedlicher nicht sein: Hart ist Pragmatiker, Christ und notorischer Fremdgänger. Cohle ein grüblerischer Misantroph mit dunkler Vergangenheit. Während Hart den Fall möglichst schnell zu den Akten legen will, vermutet Cohle einen Serienmörder hinter der Tat. 17 Jahre später werden Cohle und Hart getrennt voneinander zu dem Fall befragt, nach und nach enthüllt sich, was damals wirklich geschehen ist. Es wird klar: Der Mörder ist immer noch auf freiem Fuß.

Ich kann nicht behaupten, dass ich die Welt der Serien wirklich im Blick hätte. Aber auch mir fällt auf, dass die Anzahl der hervorragend produzierten Serien hat in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Für gewöhnlich interessieren mich diesen potenziell unendlich weitererzählbaren Fortsetzungsgeschichten, die sich meinem Vorurteil nach viel zu sehr am Geschmack des Zuschauers ausrichten, nicht besonders. Mit „True Detective“ verhält es sich aber anders: Das Konzept von der Serie sieht für jede Staffel eine in sich abgeschlossene Handlung mit neuem Schauspielerensemble vor. Staffel eins, geschrieben von Nic Pizzolatto und durchweg inszeniert von Cary Fukunaga, hat es nicht eilig, den Zuschauer das ganze Ausmaß ihrer Geschichte zu offenbaren. Und auch sonst unterscheidet sich „True Detective“ von anderen Serien. So sucht man die Mikrodramaturgie einer herkömmlichen Serien-Episode vergebens. Das Ganze ist eher wie ein 8-stündiger Film, ganz aus einem Guss, eine düstere Meditation über das Leben und Menschen, die versuchen, die große Leere mit Sinn zu füllen. Die Grenze zwischen gut und Böse ist fließend, wann Gewalt gerechtfertigt ist, ist relativ. Und doch gibt es einen Unterschied zwischen dem, was menschlich und dem, was einfach nicht mehr okay ist. Hart und Cohle wissen nicht immer was richtig ist, doch sie eint der Glaube an das Verbrechen, das sie gemeinsam untersuchen. Das Ganze ist manchmal eher philosophische Reflexionen als Krimi, und folgerichtig stehen am Ende mehr Fragen als Antworten.

Ein bisschen Kritik muss aber auch noch sein: Zum einen bin das Gefühl nicht loswerden, die Geschichte wäre etwas künstlich in die Länge gezogen worden. Hätte man aus dem Stoff, der manchmal reichlich bedeutungsschwanger daher kommt, nicht auch einen knackigen, 2-stündigen Film machen können? Denn viel passiert ja eigentlich nicht, in den 8 Episoden. Sicherlich, viele Details sind wichtig für die Atmosphäre und machen das Verhältnis zwischen den Protagonisten plastischer. Aber ich habe wieder einmal festgestellt, dass ich die Kunst des Scharfschützen desjenigen vorziehe, der einfach ein paar Ladungen Schrot in den Wind ballert. Zum anderen bin ich mit den beiden Protagonisten bin ich nicht ganz warm geworden. Schon klar, dass so ein Hard-Boild-Krimi markige Figuren braucht und Matthew McConaugheyn und Woody Harrelson machen ihre Sachen ohne Frage ganz hervorragend. Aber mussten die Charaktere wirklich so Machoheinis und alle Frauen entweder Opfer von Männergewalt, frustrierte Ehefrauen (Michelle Monaghan) oder leichte Mädchen sein, die sich nichts Schöneres vorstellen können, als mit Martin Hart das Kopfkissen zu teilen? Innerhalb der düsteren, manchmal fast schon nihilistisch wirkenden Ausrichtung er Serie scheint diese Figurenkonstellation ja durchaus sinnvoll, leider bin ich bis zum Schluss das Gefühl nicht losgeworden, dass Fukunaga und Pizzolatto ihre beiden Detectives tatsächlich für die einzig wahren halten und diesen angestaubten Heldentyp ein bisschen zu unreflektiert abfeiern.

Eine zweite Staffel steht schon in den Startlöchern. Ich hoffe, dass da ein paar noch nicht ganz perfekt angezogenen Schrauben nachjustiert werden.

Bild © Warner Home Video
 

The Fear (Michael Samuels, UK 2012)

Posted by – 15. Februar 2014

the fearDas älteste und stärkste Gefühl ist Angst, die älteste und stärkste Form der Angst, ist die Angst vor dem Unbekannten“, schreibt H. P. Lovecraft. Und ich frage mich, ob vielleicht sogar noch eine weitere Steigerung möglich ist, und das größte Grauen darin liegt, wenn man sich selbst unbekannt wird. Dies zumindest legt Michael Samuels vierteilige Mini-Serie „The Fear“ nahe.

Die Serie handelt von dem ehemaligen Gangster Richie Beckett (Peter Mullan) der mittlerweile ein eine angesehene Persönlichkeit in Brighton gebracht hat. Als seine Söhne, Matt (Harry Lloyd) und Cal (Paul Nicholls), die in zwielichtige Geschäfte verwickelt sind, Probleme einer albanische Familie bekommen, würde Richie gerne helfen, doch auch erst selbst hat Probleme: In letzter Zeit ist er mürrisch, schläft schlecht und hat immer größere Erinnerungslücken. Bei einem Treffen mit den Albanern kommt es zur Katastrophe: Richie attackiert plötzlich das Familienoberhaupt der rivalisierenden Gang. Das bedeutet Krieg. Doch muss Richie nicht nur den Verfall seines Herrschaftsgebiets mit ansehen, sondern auch miterleben, wie seine Welt verschwindet und sein Verstand aufgrund einer Demenzerkrankung zu Staub zerfällt.

Selten wurde der physische so eng und bildhaft an den physischen Verfall gekoppelt wie hier. Mich hat „The Fear“ an eine Mischung aus Martin Suters „Small World“ und eine düstere Variante der „Sopranos“ erinnert. Doch werden diese Vergleiche Samuels Miniserie nicht gerecht. Richies Krankheit so absolut, so endgültig und hoffnungslos, dass es mir immer wieder eine Gänsehaut beschert hat. Es gibt keine Helden und auch ein Happy End, aber das sollte jedem von den ersten Minuten klar gewesen sein. Nach dem Fall kommt irgendwann der Aufprall. Der Rest ist Vergessen.

Etwas ausführlicher schreibe ich über die Serie in der März-Ausgabe des AGM Magazins.

Bild © Polyband/WVG
 

The Phantom (Paolo Barzman, USA / Kanada 2009)

Posted by – 28. April 2013

The PhantomVor vielen Jahren habe ich auch mal das eine oder andere „Phantom“-Comic gelesen. Insofern hatte ich zumindest ein Grundinteresse an diesem zweiteiligen Film. Manchmal sind es ja gerade die Sachen mit besonders schlechtem Artwork, die dann doch positiv überraschen. Leider hat die Comic-Verfilmung von Paolo Barzman selbst diese vage Hoffnung enttäuscht.

Chris Moore (Ryan Carnes) interessiert sich weniger für die Uni als mit seinem Kumpel über die Dächer der Stadt zu flitzen. Doch als ihm eine geheime Organisation mitteilt, dass er tatsächlich der Spross eines Superhelden „Phantom“ ist und seine Adoptiv-Eltern plötzlich  umgebracht werden, muss der junge Mann Verantwortung übernehmen und sich entscheiden, ob er das Erbe seiner Vorfahren antreten will.

Es gibt eine ganze Reihe von „Phantom“-Verfilmungen. Ohne einen davon gesehen zu haben, erlaube ich mir trotzdem anzunehmen, dass Barzmans Umsetzung zu den schlechtesten gehört. Hier stimmt eigentlich gar nichts. Story (dumm), die Figuren (uninteressant), die Schauspieler (mäßig), das Design (billig) usw. Dabei fand ich zumindest  den Anfang, als die Hauptfigur als junger, eigensinniger Parcours-Sportler vorgestellt wird,  noch ganz interessant. Doch damit ist es spätestens vorbei, als er auf eine Geheimorganisation trifft, die ihn mit seinem Erbe vertraut macht und er in seinen kugelsicheren, kraftverstärkenden, aber trotzdem völlig deppert aussehenden Trainingsanzug schlüpft. Mein persönliches Highlight am Film? Dass Chris, wenn er nicht gerade in seinem Kostüm unterwegs ist, eine lila Mütze auf hat. Corporate Color quasi. Bis auf die lustige Mütze ist „The Phantom“ leider ein ziemlich mickriges Filmchen. Selbiges war als Pilot für eine Serie gedacht, die verständlicherweise nie produziert wurde.

Bild © Koch Media
 

Cracker (Michael Winterbottom, Andy Wilson, Simon Cellan Jones, Tim Fywell, Julian Jarrold, Jean Stewart, Roy Battersby, Charles McDougall, UK 1993-1995)

Posted by – 3. März 2013

CrackerSerien. Viele sind zumindest kurzweilig. Und einige wenige gefallen mir auch richtig gut. Den Stellenwert von Filmen erreichen sie für mich dennoch nicht. Es mag stimmen, dass das Mehr an Erzählzeit, über das Serien verfügen, auch Chancen in sich birgt. Trotzdem: Für mich sind sie meist kein geschlossenes Ganzes – schon weil sie auf Biegen und Brechen so lange weitererzählt werden wie die Quote stimmt. Dass verschiedene Autoren und Regisseure an ihnen herumwerkeln macht die Sache auch nicht besser.

Aus diesem Grund habe ich eigentlich nie besonders viel Lust, mich zu Serien zu äußern. Im Falle von „Cracker“ möchte ich nicht nur eine Ausnahme machen. Ich möchte für diese Serie – oder sagen wir besser Filmreihe – sogar richtig laut die Werbetrommel rühren. Im Mittelpunkt von „Cracker“ (in Deutschland unter dem Titel „Für alle Fälle Fitz“ bekannt) steht der übergewichtige, kettenrauchende, fremdgehende, alkohol- und spielsüchtige Eddie „Fitz“ Fitzgerald (Robbie Coltrane), der die Mordkommission von Manchester als Profiler unterstützt. Doch nicht nur Mörder und Polizeikollegen machen dem launischen Psychologen zu schaffen, auch seine Ehe mit Judith (Barbara Flynn) stellt ihn vor große Herausforderungen.

Was die von Jimmy McGovern erdachte Serie von anderen Vertretern ihrer Art unterscheidet, ist zum einen die Länge einer Episode: kaum eine dauert unter 2 Stunden. Doch auch dramaturgisch hebt sich „Crackers“ von seinen Artgenossen ab: Hier geht es nicht um Hooks, Cliffhanger, Twists und möglichst ökonomisches Erzählen. Ruhig, präzise und einfühlsam werden die verschiedenen Kriminalfälle erzählt. Eine Folge dauert so lange wie sie eben dauert. Und wird erzählt, wie es der Geschichte am besten tut.

Diese hervorragend geschriebene und von Coltrane sowie allen anderen Darstellern (Robert Carlyle, John Simm und Christopher Eccleston verhalf die Serie zum Durchbruch!) famos gespielte Filmreihe hat ein von mir besonders geschätztes und erwähnenswertes Merkmal: Sie wagt sich nah – für viele Zuschauer bestimmt zu nah –an die Täter heran. Der Zuschauer erlebt nicht nur die grausamsten Taten, die Verbrechen werden für ihn sogar verständlich. Die Möglichkeit, die Täter als Monster, als Un-Menschen zu klassifizieren und das Gesehene dadurch erträglicher zu machen, gibt es nicht mehr. Jede Folge „Cracker“ ist wie die 2-stündige Reise in den Kopf eines Psychopathen. Es ist klar, dass man nach so einem „Urlaub“ nicht mehr der gleiche ist. Was auch der Grund für jede Menge Kritik sein dürfte, die die Serie bei Erstausstrahlung 1993 einstecken musste. Was „Cracker“ aufbietet, hat mit normaler Fernsehunterhaltung nichts mehr zu tun. Es geht ziemlich an die Nieren. Und so habe ich die Folgen auch nicht am Stück schauen können, sondern brauchte nach jeder Episode einige Wochen Erholung.

Und das soll auch mein Fazit sein: „Cracker“ braucht definitiv Zeit, aber diese Zeit ist gut investiert. Jede Folge ist ein Trip in die dunklen Seiten der menschlichen Psyche, eine manchmal amüsante, aber oft auch qualvolle Reise, von der man verändert zurückkehrt. Warum man das ertragen wollen sollte? Weil das Leid Teil der Welt ist. Und weil es sich vielleicht mindern lässt, wenn wir wissen, wie es entsteht und welche Formen es annehmen kann.

Bild © ITV Studios Home Entertainment