Tag: Sharni Vinson

You’re Next (Adam Wingard, USA 2011)

Posted by – 9. Mai 2015

You're NextEs ist eine schwer zu meisternde Herausforderung für einen Filmemacher, sich der Geschichte des Horrorfilms und der Mechanismen des Genres bewusst zu sein, weiterhin eine bestimmte Ära erkennbar zu favorisieren – und dann einen eigenen Film zu drehen, der weder wirkt wie schamlos abgekupfert, angeberisches Zitat- oder Meta-Kino. Adam Wingard ist dieses Kunststück mit „You’re Next“ zwar geglückt, allerdings auf Kosten echter Alleinstellungsmerkmale.

Der Film handelt von einer wohlhabenden Familie, die sich anlässlich des Hochzeitstags des Sippenoberhaupts Paul (Rob Moran) und seiner Frau Aubrey (Barbara Crampton) in einem abgelegenen Landhaus einfindet. Dass sich nicht alle der Anwesenden grün sind, bekommt der Zuschauer schnell mit. Doch die Zwistigkeiten zwischen ihnen sind der Familienmitglieder geringste Sorge als beim Abendessen plötzlich Pfeile durchs Fenster fliegen und klar wird – jemand hat es auf ihrer aller Leben abgesehen. Dass die Bedrohung keine rein äußerliche ist, sondern die Gefahr von Innen kommt, ahnen die meisten Zuschauer bestimmt schon sehr bald. Beweise erhalten sie nicht viel später. Das tut der Spannung von Wingards blutiger, Home-Invasion-Farce mit Retro-Krimi-Einschlag allerdings keinen Abbruch – und das nicht nur, weil die Handlung noch die ein oder andere Wendung parat hält, sondern weil der Regisseur nach meinem Empfinden hier einfach sehr oft den richtigen Ton trifft: zum einen im wahrsten Wortsinne durch einen tollen, minimalistischen Score, zum anderen, weil er es weder in Sachen Humor, noch Gewalt und glücklicherweise auch nicht durch übermäßig offensichtliches Zitate-Dropping übertreibt. Wingards Film könnte fast ein Werk aus jedem Jahrzehnt der letzten 50 Filmjahre sein, ihm gelingt es, viele Stärken unterschiedlicher Zeiten miteinander zu vereinen.

Das ist alles sehr erfreulich, die benutzten Versatzstücken sind gekonnt aneinandergereiht und an Geschmack fehlt es Wingard offensichtlich auch nicht. Und doch fehlt das letzte bisschen, um in mir einen echten Sturm der Begeisterung zu entfachen. Dafür wirkt der Film in seiner zurückhaltenden, austarierten Art irgendwie etwas zu aufgeräumt, zu brav, so als würde Wingard der Mut fehlen, dem Stoff seinen Stempel aufzudrücken. Es kommt mir ein wenig so vor, als würde er durch eine 30-Zone fahren, aber denken, er sei in eine Spielstraße. Die Pflicht ist hier tadellos erfüllt, an der Kür darf der Regisseur, der schon für „Home Sick“, „A Horrible Way To Die“ und seine Kurzfilme im Rahmen der „V/H/S“-Reihe mir gegenüber lobend erwähnt wurde, meines Erachtens noch ein wenig arbeiten. Das würde sich lohnen. Ich habe das starke Gefühl, der Film ist weniger, als er hätte sein können. Zum Glück ist in diesem Fall auch weniger schon erheblich mehr als viele andere zeitgenössische Genre-Regisseure auf die Reihe bekommen. Ich hatte jedenfalls meinen Spaß und Freue mich darauf, noch weitere Filme von Adam Wingard zu sehen.

Bild © Splendid Film/WVG