Tag: Tanz

Dracula: Pages From A Virgin’s Diary (Guy Maddin, Kanada 2002)

Posted by – 6. Mai 2015

Dracula- Pages From A Virgin's DiaryBram Stokers „Dracula“ wurde schon sehr oft für die Leinwand adaptiert. Als bekennender Vampirfilm-Fan im Allgemeinen und dieser speziellen Geschichte im Besonderen machen sich natürlich Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Irgendwann hat man alles gesehen. Zumindest dachte ich das, bis ich „Dracula: Pages From A Virgin’s Diary“ von Guy Maddin gesehen hatte.

Vielleicht zu Beginn ein wenig persönlichen Kontext: Diesen Film von Guy Maddin habe ich bei meinem ersten und leider auch einzigen Besuch in den Berliner Tilsiter Lichtspielen gesehen. Es war nach „My Winnipeg“, den ich auf der Berlinale gesehen hatte, „The Saddest Music In The World“ und „Brand Upon The Brain“ (beide auf dem TV) mein vierter Film des kanadischen Regisseurs und momentan einer der mir liebsten. Nicht nur, dass mich sein eigenwilliger Stil, Filme zu drehen, erneut begeisterte, auch war ich sehr erstaunt eine Adaption zu sehen, die dem klassischen Dracula-Stoff noch einmal neue Seiten abringen konnte. Das liegt sicher auch daran, dass Maddin für den Sender CBC die Ballettversion des Stoffes von Mark Godden und dem Royal Winnipeg Ballett für die Leinwand adaptiert hat – aber nicht nur. Auch inhaltlich setzt der Film wichtige Akzente.

Was mir vorher nie aufgefallen ist und was Maddins Film wunderbar herausarbeitet: In der Stokers Dracula-Geschichte geht mehr oder weniger explizit um Fremdenfeindlichkeit. Schließlich kauft der Graf aus Übersee nicht nur Grundstücke in England, er spannt (und saugt) den britischen Gentlemen auch die Damen aus. Kein Wunder also, dass der männliche Verehrerkreis um Lucy Westenra (Tara Birtwhistle), die Freundin von Mina Murray (CindyMarie Small), Jonathan Harkers Verlobte, ziemlich alle allergisch darauf regieren, als Lucy sich auf einmal seltsam verhält. Als Schuldiger wird von Professor Abraham van Helsing (David Moroni), einem Experten für fremdländische Bedrohungen, schnell Graf Dracula (Wei-Qiang Zhang) ausgemacht, den der Männertrupp danach erbarmungslos jagt – allerdings nicht ohne Mina vorher ins Jenseits zu befördern, schließlich ist sie durch den Kontakt mit dem Grafen irgendwie besudelt. Maddin & Mark Godden machen das unglaublich geschickt, wie sie dem Stoff frech ihren Stempel aufdrücken, z.B. indem sie Jonathan Harkers Reise zum Grafen, seine Erlebnisse auf dem Schloss in knapp einer Minuten und zudem erst spät im Stück als Rückblende abhandeln, dafür aber die sexuellen Aspekte des Stoffs ironisieren und seine xenophobe Tendenz wunderbar stimmig nicht ohne Humor herausarbeiten. So richtig schön tanzen die Frauen hier nur, wenn Dracula zugegen ist. Kein Wunder, dass Briten sich von dem Fremdling gehörig auf den Schwanz getreten fühlen und so sind das Unheimlichste an diesem insgesamt eher amüsanten Film die selbsternannten Vampirjäger, die erst ruhen, als sie den Ausländer, der ihnen die Frauen und ihr Geld stiehlt, ausgeschaltet haben.

Ich zögere gerade ein wenig, diesen Film mit dem Tag „Lieblingsfilm“ (neu im Blog!) zu versehen. Zwar mag ich ihn immer noch sehr, aber die gleiche Faszination wie im Kino konnte diese Zweitsichtung nicht entfalten. Man kann einen Film eben nur einmal zum ersten Mal sehen; außerdem sind Filme im Kino in der Regel einfach besser. Andererseits kann der Film für diejenigen, die glauben schon alles Wesentliche über Blutsauger zu wissen, eine kleine Offenbarung sein. Deswegen möchte ich ihn ganz dringend allen ans Herz legen, die sich für den Dracula-Stoff interessieren, wie denen, die bisher nichts damit anfangen konnten. In einem Genre, das heutzutage mehr tot als lebendig wirkt, erweist sich Maddins „Dracula: Pages From A Virgin’s Diary“ stilistisch wie inhaltlich frisch und äußerst vital.

Bild © Tartan Video

All That Jazz (Bob Fosse, USA 1979)

Posted by – 24. April 2015

All That JazzGenie, Workaholic, Frauenheld – Joe Gideon (Roy Scheider) ist ein gefeierter Regisseur und Choreograph am Broadway. Gerade ist er dabei, ein neues Stück vorzubereiten – da streikt sein Körper. Joe hat die letzten Jahre über seine Verhältnisse gelebt, zu viel Arbeit, zu viele Drogen und zu wenig Schlaf zollen nun ihren Tribut. Nach einem Herzanfall wird er ins Krankenhaus eingeliefert.

Der Film ist mir auf den Radar geraten, weil ich nach „A Chorus Line“ neulich Lust hatte, mir noch ein paar Sachen aus der Welt des Showbiz und der Bühne anzusehen. Die Geschichte von Richard Attenboroughs Musical-Verfilmung – das Casting für ein Broadway-Stück – wird allerdings schon in den ersten Minuten von Fosses Film quasi im Zeitraffer abgehandelt. Und auch der Rest des Films, in dem es um den Niedergang von Joe Gideons geht, ist wahnsinnig schnell erzählt. Die Geschichte wird allerdings nicht streng chronologisch ausgebreitet. Bereits am Anfang ist der Regisseur in einer Art Zwischenwelt, in der er mit einer Frau (Jesssica Lange) über sein Leben räsoniert. Ob sie ein Engel ist oder ein Abbild seiner irdischen Wünsche, bleibt offen. Der Stress, der ansonsten in seinem Leben hervorsticht, ist in diesen Momenten verschwunden, charmant und abgeklärt, nicht ohne seine Bereitschaft für einen Flirt durchscheinen zu lassen, redet er mit dem hübschen Wesen; nicht ganz so entspannt geht es während seiner letzten Lebensmonate zu, seine Liebschaften wachsen ihm über den Kopf und er hat starke Zweifel, ob er sein neues Stück in den Griff bekommt. Der Film ist in diese Phasen wie Joes Leben – ein einziger Rausch.

Was den Film auszeichnet, sind vor allem drei Dinge: Erstens hat es genau mit dieser erwähnten Rauschhaftigkeit tun. Nicht nur die Traumsequenzen, auch Gideons Leben wirkt wie ein Fiebertraum, seine letzten Monate, die exemplarisch für sein ganzes Lebens stehen können, sind ein nervöses Blitzlicht-Stakkato, in denen es für den Protagonisten und den Zuschauer keinen ruhigen Moment gibt. Zweitens, sein Hauptdarsteller, Roy Scheider, der so viele Kollegen, die sich an ähnlichen Rollen versucht habe, an die Wand spielt und hier wohl die beste Leistung seiner Karriere abliefert. Man glaubt ihm diese Figur, ihr Getriebensein und ihre Manie, alles für ihr neues Stück zu geben. Der Mann tut einem leid, aber man möchte ihn nicht zum Innehalten auffordern, denn man weiß, was ihn treibt und was er tun muss – koste es was es wolle! Drittens sind die beeindruckenden Musical-Einlagen zu nennen bis hin zur abschließenden Traumsequenz, in der Gideon sein neues Stück vorweg imaginiert. Mir persönlich gefällt die kleine Nummer am besten, die Gideons Tochter (Erzsebet Foldi) und seine Geliebte (Ann Reinking) für ein eine kleine Einlage eingeübt haben und die sie dem müden Choreografen in seinem Wohnzimmer vortanzen.

In Deutschland wurde „All That Jazz“ unter dem Titel „Hinterm Rampenlicht“ vermarktet. Das passt auch insofern ganz gut, als dass der Film selbst ein wenig im Schatten zu stehen scheint. Der Film erhielt zwar 9 Oscar Nominierungen und gewann davon auch vier – Bestes Szenenbild, Beste Kostüme, Bester Schnitt und Beste Musik – so richtig im Rampenlicht war er dennoch nie. Bevor ich durch einen Tipp auf ihn gestoßen bin, hatte ich nie von ihm gehört, was mir, jetzt da ich ihn gesehen habe, ziemlich eigenartig vorkommt. „All That Jazz“ ist ein wahnsinniger und wahnsinnig guter Film und jedenfalls einer der besten, die ich in den letzten Wochen und Monaten gesehen habe. Anhand einiger Wochen aus dem Leben eines Künstlers wird ein ganzes Leben, ja eine komplette Branche auf der Grenze von Schaffensdrang und Selbstausbeutung eindrucksvoll portraitiert. Wie gesagt: Wahnsinn!

Bild © Twentieth Century Fox

A Chorus Line (Richard Attenborough, USA 1985)

Posted by – 22. April 2015

A Chorus LineFür die Besetzung eines Broadway-Musicals sucht Zach (Michael Douglas) geeignete Tänzerinnen und Tänzer. In einem schwierigen Auswahlprozess müssen diese ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen und Zach überzeugen, dass sie die Richtigen für den Job sind. Auch Cassie (Alyson Reed), Zachs Ex-Freundin, ist unter den Bewerberinnen.

Zu Filmgenres, mit denen ich überhaupt nichts anfangen kann, gehören Tanzfilme komischer Weise nicht. Warum das so ist, kann ich selbst nicht ganz nachvollziehen. Vielleicht liegt es daran, dass Tanzfilme oft Filme über ein wie auch immer geartetes Bildungssystem sind. Das interessiert mich Erziehungswissenschaftler natürlich. Oder es ist ihre strukturelle Ähnlichkeit mit Kung-Fu-Filmen? Oder ihr exotischer Sexappeal (im wirklichen Leben liegen mir wenige Tätigkeiten so fern wie Tanzen)? Wer weiß.. „A Chorus Line“ erfüllt jedenfalls alle diese Kriterien und noch mehr. Ihn nach sehr langer Zeit mal wieder zu sehen, war eine seltsame Erfahrung, vermutlich auch, weil es einfach ein verdammt seltsamer Film ist!

Ich kann mich noch gut erinnern, was mich früher an dem Film fasziniert hat: sein zwiespältiger Protagonist, der Regisseur und Choreograph Zach. Die meiste Zeit des Films sitzt er im Parkett des Zuschauerbereichs und ist für die Tänzer nur eine Stimme aus dem Off. Das ist manchmal fast, als wenn der Gott des alten Testaments zu den Menschen spricht und erbarmungslos mitteilt, was er entschieden hat. Du bist raus, du auch, du darfst bleiben. Als ich den Film das erste Mal gesehen habe – ich war bestimmt nicht älter als 10 Jahre – fand ich es unglaublich und verwirrend, dass die Hauptfigur so.. unfreundlich sein darf. Klar, was ein echter Held ist, der kann immer nett sein, schließlich muss er dem Bösen eins auf die Nase geben. Aber Zach ist kein Held dieser Sparte, er ist einfach nur ein selbstverliebtes Arschloch. Mein Damals-Selbst, das bis dahin eher von James T. Kirk, Colt Seavers und Curtis Newton geprägt war, fand die Tatsache der Möglichkeit einer solchen Figur jedenfalls faszinierend.

Heute finde ich den Film immer noch seltsam, aber das liegt weniger an dem übellaunigen Choreographen als an eigentlich allem anderen. Dass Richard Attenborough Zachs Figur als Workaholic und beleidigte Leberwurst mit Gott-Komplex inszeniert hat, empfinde ich heute nicht weniger sonderbar als damals, aber, will sagen – die Eigenartigkeit des Restes stiehlt diesem Irritationsmoment die Show. Wahrscheinlich ist einfach zu viel gefühlte Künstlichkeit in Form von Theater und Musical in diesem Film, als dass ich nicht befremdet sein könnte von seinen Figuren, die selbst, als sie ihre „wahre Persönlichkeit“ preisgeben sollen, so unnatürlich sind, wie man es als jemand mit Vorurteilen wahrscheinlich von Menschen aus dem Showbiz erwarten würde. Ihre Künstlichkeit darf man also durchaus als ein Thema des Films verstehen, der zumindest zum Teil eine Kritik an der Branche und bestimmt auch ein wenig Satire ist. So richtig einfühlen in die Leute und ihre Schicksale kann ich mich aus diesem Grund aber leider nicht. Und es erklärt noch nicht, warum „A Chorus Line“ sich so seltsam anfühlt. Eine Vermutung: Vielleicht liegt es daran, dass er eben nicht nur Kritik und Satire ist, sondern auf eine ganz anrührend naive Art ernst gemeint. Zach ist nicht nur ein Depp, irgendwie ist er gleichzeitig auch der coole Regisseur und Frauenheld; und die Tänzer sind nicht nur Karikatur-Vertreter ihrer Milieus, sondern auch Menschen mit Schicksalen, die dem Zuschauer zu Herzen gehen sollen. „A Chorus Line“ zu sehen ist, als würde man auf mehrere Filme schauen.

Neben dieser Musical-Verfilmung kenne ich von Attenborough nur noch „Ghandi“, den ich schon etliche Male gesehen habe und sehr mag sowie „Chaplin“, an den ich mich nicht mehr so recht erinnern kann. „A Chorus Line“ ist ein Film, der breitschultrig seit 30 Jahren seinen Platz behauptet und der – obwohl es mir diesmal irgendwie fast ein bisschen unangenehm war, ihn zu sehen – auch einer, das kann ich kaum abstreiten, von seltener Energie und Kraft.

Bild © AVU