Tag: Teufel

Prince Of Darkness (John Carpenter, USA 1987)

Posted by – 19. Mai 2015

Prince Of DarknessWenn man sich über Carpenter-Filme unterhält, wundere ich mich regelmäßig, wie viele Filmfans „Prince Of Darkness“ sehr mögen, ohne sich wirklich durchringen zu können, ihn an die Spitze ihrer persönlichen Rangliste des Regisseurs zu stellen. Wobei – irgendwie kann ich es auch gut nachvollziehen. Schließlich geht es mir ähnlich. Bei mir rangiert der Film pi mal Daumen auf Platz 5 meiner Carpenter-Charts. Meine Einstellung zu dem Film ist mir bei der letzten Sichtung etwas klarer geworden und ich will versuchen, das hier mal ganz knapp zu notieren.

In diesem Film erzählt John Carpenter nach eigenem Drehbuch die Geschichte einer im wahrsten Sinne teuflischen Bedrohung: Im Keller einer lange geschlossenen Kirche wird eine seltsame Entdeckung gemacht. Ein Priester (Donald Pleasence) verständigt daraufhin eine Gruppe von Wissenschaftlern unter der Leitung Howard Birack (Victor Wong), die das Phänomen genauer untersuchen wollen. Doch ehe sie sich versehen, sitzen sie in der Falle – sie können die Kirche nicht verlassen. Und im Keller lauert der Prinz der Finsternis und wartet darauf, wiedergeboren zu werden.

Irgendwo zwischen den allseits bejubelten Meisterwerken und den Filmen, bei denen sich die meisten einig sind, dass sie wirklich gar nichts taugen, hat John Carpenter einige Filme gedreht, die sich im Mittelfeld versteckt halten. „Prince Of Darkness“, nach „The Thing“ und vor „Mouth Of Madness“ der zweite Teil von Carpenters sogenannter apokalyptischer Trilogie, ist so ein Film, der nie ganz zu den Klassiker aufgeschlossen hat, der sich angesichts seiner mannigfaltigen Stärken aber ohne Frage irgendwo im oberen Drittel verorten lässt. Schon der Anfang versetzt mich jedes Mal in Hochstimmung. Die zielführende Hinführung zum Plot, die dezente Vorstellung der gleichwohl markanten Figuren und dann die Location, diese wunderbar gruselige Kirche in einem ebenso gruseligen Teil von Los Angeles, die anfangs schwer fassbare Bedrohung, die innerhalb und außerhalb der Gemäuer lauert. Eingesperrt sein ist auch hier wieder ein ganz zentrales Thema. Je mehr Raum das Böse bekommt, desto unfreier werden die Figuren, die im Laufe des Filmes verschiedene Stadien der Gefangenschaft durchlaufen. Ja, „Prince Of Darkness“ hat alles, was Carpenter-Filme auszeichnet – und noch mehr.

Für manchen mögen hier auch die Probleme anfangen. Hat dieser apokalyptische Sci-Fi-Horror- und Zeitreisefilm von allem etwas zu viel? Zu viel pseudo-wissenschaftliches Gebrabbel enthält er mit Sicherheit, aber vielleicht ist das gar nicht so schlimm, so bluten einem wenigsten ordentlich die Ohren. Mich jedenfalls hat dieses relative Manko eigentlich nicht gestört, zumal der geniale Regisseur Carpenter die Schwächen des Drehbuchautors Carpenter mehr als ausgleicht. Ich empfinde den dadurch entstehenden Trash-Appeal sogar als ganz guten Ausgleich für die Horror-Seite des Films. Ja, ich würde sagen – nach „The Thing“ ist „Prince Of Darkness“ der spannendste Film, den John Carpenter je gemacht hat. Insofern habe ich meine Probleme auch eher mit dem letzten Drittel des Films, denn hier funktioniert er für mich dramaturgisch nicht mehr so gut. Mich würde sehr interessieren – geht es anderen ähnlich? Die Figuren sind zu dem Zeitpunkt eingeschlossen in drei verschiedenen Räumen. Sie können nicht heraus, aber auch nicht bleiben. Bei einer besteht sogar die Notwendigkeit, ihren Aufenthaltsort zu verlassen. Was auf dem Papier ganz reizvoll klingt, erweist sich im Film – möglicherweise noch nicht gleich beim ersten Sehen, aber bei jeder erneuten Sichtung etwas mehr – als zunehmend zäh. Mehr Gefängnisse erhöhen nicht den Grat an Gefangenschaft. Carpenter schneidet von Raum zu Raum und nach einer langen Weile, ohne besondere dramaturgische Notwendigkeit, mündet das Ganze in einem wenig glorreichen Finale. Die Wissenschaftler können den Prinzen der Finsternis recht unspektakulär auf einmal aus der Welt schubsen. Und ab dafür.

Viel gruseliger sind da schon die letzten Sekunden, die für die letzte halbe Stunde mehr als entschädigt. Carpenter verabschiedet sich mit einem eindrucksvollen Bild, wenn nämlich deutlich wird, dass das Böse zwar vertrieben aber niemals völlig aus der Welt ist. Es blickt uns tagtäglich in unserem Ebenbild an. Und weil der Wissenschaftler ein Narzisst ist, wird er die verspiegelte Büchse der Pandora auch immer wieder von neuem öffnen.

Bild © Studiocanal

Constantine (Francis Lawrence, USA / Deutschland 2005)

Posted by – 31. Januar 2015

constantineScheiße, der Speer des Schicksals ist verschwunden. Das ist deswegen doof, weil, wer ihn in den Händen hält, bestimmt die Geschicke der Welt. Im zweiten Weltkrieg verschwunden, taucht er nun wieder auf als ein Schrottsammler namens Manuel (Jesse Ramirez) sie durch Unfall bei Ausgrabungen entdeckt. Ist aber erst mal egal, denn eigentlich geht es um den Exorzisten John Constantine (Keanue Reeves), der soviel wie möglich von der teuflischen Brut zurück in die Hölle schickt – um sich so seinen Weg in den Himmel zu erkaufen. Sein aktueller Fall: Die Zwillingsschwester von Angela Dodson (Rachel Weisz) hat sich umgebracht. Die glaubt aber nicht an einen Selbstmord und wendet sich an Constantine. Außerdem sind die Dämonen gerade besonders aggressiv. Da ist doch irgendwas im Busch.

Ich habe „Constantine“ gestern zum dritten Mal gesehen. Die ersten beiden Male fand ich ihn ganz nett, aber nicht überwältigend. Nun bin ich kurz davor, Meisterwerk zu rufen, so gut hat er mir diesmal gefallen. Die Stimmung stimmt, wie man so schön sagt. Visuell und inhaltlich einfallsreich reiht sich eine tolle Idee an die andere. Schon der Anfang, wenn der Herr Manuel die Speerspitze findet und dann von einem Auto angefahren wird, wow! Aber auch gleich danach, Constantins erster Job, bei dem er einen stinkigen Kriegerdämon aus einer jungen Frau in einen Spiegel umsiedelt und aus dem Fenster und versehentlich auf das Auto seines Partners Chas Kramer (Shia LaBeouf) schmeißt.. „If you would have told me there was a three hundred pound mirror you were dropping with a pissed-off demon, I would have moved it further“, beschwert sich Chas und ich lache jedes Mal. Das gefällt mir so an dem Film, jedenfalls ist es mir bei diesem dritten Sehen erst richtig bewusst geworden, dass er in sehr vielen kleinen Details überrascht. Die Physik des Übersinnlichen ist in „Constantine“ frisch und unverbraucht.

Zwar störten mich auch ein paar Details, beispielsweise, dass hier etwas lieblos mit den Nebenfiguren umgegangen wird (sind sie erst einmal verschieden, werden sie nicht einmal mehr erwähnt); oder dass der Film manchmal ein wenig zu langwierig seinen Plot entwickelt. Und wenn Manuel (hallo! willkommen zurück!) und der Speer des Schicksals dann zum Schluss wieder auftauchen, fällt irgendwo ein McGuffin tot vom Baum und dem einen oder anderen Zuschauer vielleicht auf, was für einen Unfug er da gesehen hat. „Constantine“ macht auf absolut faszinierende Art keinen Sinn, aber das macht unter anderem den Reiz dieses Höllentrips aus, diese unglaublich quatschige Geschichte, die sich während des Sehens trotzdem „richtig“ anfühlt, weil hier andere Gesetze gelten und alles völlig durcheinander und trotzdem am richtig Ort ist.

Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als Eure Schulweisheit sich träumen lässt, da sind Engel, ein Haufen hässliche Dämonen, der schnöde Mammon, Luzifer (Peter Stormare) persönlich und vieles mehr. Sogar der liebe Gott schimmert ab und zu durch. Was kann man sich mehr erhoffen?

Bild © Warner Bros.

Final Words (Manuel Antônio de Macedo, Brasilien 1993)

Posted by – 7. Dezember 2014

Madox FinalDie Apokalypse ist schriftgewordene Ekstase – Honoré de Balzac

Ich hatte neulich den Auftrag, einen Text über die Apokalypse bzw. apokalyptische Filme zu schreiben. (Anfangs hieß das Thema noch „Endzeit“, wozu mit wesentlich mehr eingefallen wäre.) Gar nicht so leicht, denn so viele Filme, ist mir nach einigem Nachdenken aufgegangen, die sich wirklich mit dem Untergangs beschäftigen und Bilder dafür finden, gibt es gar nicht. Entweder die Apokalypse wird gerade noch verhindert, oder sie wird im Vorspann des Films kurz abgehandelt. Zum Glück ist mir ein Film wieder eingefallen, den ich im Rahmen eines Brasilien-Specials mal auf einem Regionalsender gesehen habe. Meine Erinnerung ist zugegebener Maßen etwas nebulös und ich bitte vage und ungenauere Aussagen zu entschuldigen.

„Final Words“ (OT: O último relatório) von Manuel Antônio de Macedo, hierzulande auch bekannt unter dem korrekt übersetzten, aber doch irgendwie weniger schönen Titel „Der letzte Bericht“, ist in meiner Erinnerung das Manifest der Apokalypse schlechthin. Hier geht die Welt unter, aber so richtig! In ihm bekommt der arbeitslose Journalist Madox (Wilson Carrero) den Auftrag, den Tag des jüngsten Gerichts zu protokollieren. Ob von Gott oder dem Teufel beauftragt und warum gerade er, das weiß er selber nicht so genau. Auf jeden Fall steht eines Morgens ein offensichtlich nicht-menschliches Geschöpf vor seiner Apartmenttür in São Paulo und weiht den ungläubigen Reporter in seine neue Aufgabe ein. Widerspruch ausgeschlossen und schwupps geht auch schon die Welt unter.

So schön und detailverliebt wie in de Macedos TV-Film hat man das allerdings noch nie erlebt, da öffnen sich die Himmelspforten, schwarz wird zu weiß, oben zu unten; der Boden reißt auf, ihm entströmen die Himmels- und Höllenscharen, welche die Menschen ihrer Bestimmung zuführen, frei nach dem Motto „Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“. Und der gute (faule?) Madox ist gezwungen, über alles haarklein zu berichten. Ein Haufen Arbeit, was die über sechsstündige Laufzeit des Films durchaus rechtfertigt. Viel passiert auf der reinen Handlungsebene nicht, Langeweile kommt in diesem apokalyptischen Doku-Thriller, der die bürokratische Seite des Weltuntergangs zeigt, zumindest für den Zuschauer, trotzdem nicht auf. Während die Szenen im Pugatorium nichts für schwache Nerven sind, entbehren die Interviews mit den vor der Himmelspforte Wartenden allerdings nicht einer gewissen Komik, ach was, sie sind zum Schreien! Wenn der Teufel ein Eichhörnchen ist, sind die himmlischen Heerscharen Schafe im Wolfsfell. Freud und Leid liegen auch am Ende unserer Tage und in diesem letzten Bericht nicht allzu viele Seiten auseinander.

„Schönschmerz“ und „Gutweh“ sind wohl die Begriffe, der das Gefühl, das der Film auslöst, am ehesten beschreiben. „Final Words“ ist ein Film über das Ende. Doch gibt es kaum eine zweite Geschichte, die so stark den Wunsch auslöst, zu wissen, wie es weitergeht. Insofern bewahrheitet sich mal wieder, dass jedem Ende auch ein Anfang innewohnt. De Macedos tragikomisches Stück TV lässt den Zuschauer nicht allein, sondern vermittelt – gerade ob der Endgültigkeit seiner Geschichte – paradoxerweise Hoffnung. Und vielleicht ist das die Erkenntnis, die ich aus meinem Streifzug durch die Filmwelt der Apokalypse mitgenommen habe und die dieser Film mir noch einmal in besonderer Weise ins Gedächtnis zurückgerufen hat, dass es nämlich nie um das Ereignis als solches geht, sondern um das Gefühl. Der Weltuntergang am frühen Morgen kann einem dem Sprichwort nach ja den ganzen Tag versauen. Wenn die Welt allerdings so schön wie hier untergeht, zehrt man da Jahre von.

Bild © Mil Imagens
 

Faust (Alexander Sokurow, Russland 2011)

Posted by – 29. April 2012

“Wenn das Gewölbe widerschallt, fühlt man erst recht des Basses Grundgewalt”… Ich habe den Faust in der Schule gelesen und war durchaus angetan von der Wortgewalt des Textes und dem Inhalt der Geschichte. In  Johann Wolfgang von Goethes „Faust“ schließt der Gelehrte, Doktor Heinrich Faust, einen Pakt mit dem Teufel. Zum Preis seiner Seele der Teufel dem Doktor Einsicht in die tiefsten Dinge ermöglichen. Mephisto fädelt darauf hin eine Liebschaft zwischen dem Doktor und der jungen Margarete ein. Ganz klar, dass das nicht gut ausgeht.

Bei Aleksandr Sokurov heißt Mephisto Mauritius (Anton Adassinsky), doch ist nicht die einzige Änderung, die der russische Filmemacher an dem Stoff vorgenommen hat. Der Teufel ist hier kein charismatischer Verführer, sondern ein unförmiges, fast schon Mitleid erregendes Wesen und auch Heinrich Faust (Johannes Zeiler), ein armer, gleichwohl egoistischer und gieriger Mann, der  mit dem Intellektuellen aus Gothes Fassung wenig gemein hat. Sein Gehilfe Wagner (Georg Friedrich) hat die Grenzen zum Wahnsinn noch offensichtlicher überschritten. Die Figuren in Sokurovs Version drängeln sich förmlich durch die Szenen, schmiegen sich aneinander oder wirken, als wollten sie sich verschlingen. Hinzu kommen Sokurovs schwindelerregende Experimente mit verschiedenen Kameralinsen, die mir ein Gefühl der Desorientierung vermitteln. Angenehm ist das nicht. Aber interessant.

Doch auch wenn dieser „Faust“ hier auch ein faszinierender Film sein mag – mich konnte er nicht ganz überzeugen. Zwar habe ich die Stimmung als sehr unangenehm empfunden (was ich mochte!) und fand darüber hinaus die Neuinterpretation der Figuren zumindest spannend, doch mir fehlte ein Moment, den ich in Goethes Faust so mag: Die Unzufriedenheit des Protagonisten mit der Welt, die Sehnsucht, nach etwas anderem und die Bereitschaft, dafür seine Menschlichkeit zu opfern (ha, so beschrieben, ist Clive Barkers „Hellraiser“ auch nur eine Version des Faust..). Sehnsucht bleibt in dieser Version auf der Stecke. Außerdem hat sich mir nicht erschlossen, was der Zweck dieses Neuansatzes sein soll. Aber das mag an mir liegen und daran, dass ich Sokurovs andere Filme nicht kenne. „Faust“ ist nach „Moloch“, „Taurus“ und „Solntse“ der vierte und letzte Teil seiner Tetralogie über die Beschaffenheit der Macht.

Vermutlich sollte ich erst Sokurovs anderen Werke studieren, ehe ich mir ein Urteil über seinen „Faust“ erlaube. Aber soviel schon mal: Es ist ein herausfordernder, alles andere als angenehmer Film, der, wenn er wirklich Geheimnisse versteckt hält, diese zumindest nicht allzu bereitwillig freigibt. Und es ist auf jeden Fall ein Film, nach dem ein großer Schluck Vodka nichts schaden kann.

Bild © Ascot Elite