Tag: Thriller

Death Sentence (James Wan, USA 2007)

Posted by – 24. Januar 2017

Schönes Filmplakat: In reinem Schwarz-Weiß gehalten wächst die Silhouette eines Mannes im Anzug aus der Finsternis. In der Hand hält er einen Baseball-Schläger von dem es heftig tropft. Die Substanz lässt sich unschwer als Blut deuten.

Das Filmplakat gibt klar die Richtung des neuen Films von „Saw“-Regisseur James Wan vor. Es geht um den erfolgreichen Risikoanwalt und netten Familienvater Nick Hume (Kevin Bacon), der mit seinen beiden Söhnen Brendan (Stuart Lefferty), Lucas (Jordan Garrett) und seiner hübschen Frau Helen (Kelly Preston) ein beschauliches Leben führt. Das ändert sich allerdings auf dramatische Weise als Brendan vor den Augen seines Vaters auf brutale Weise von einer Gang ermordet wird. Vater Hume sieht rot: Anstatt die Polizei dabei zu unterstützen, den Schuldigen hinter Gitter zu bringen, beschließt er, das Recht selbst in die Hand zu nehmen. Aber Rache will gelernt sein und schon bald befindet sich der Selbstjustiuz-Anwalt und seine restliche Familie auf der Abschussliste der Gangster…

Regisseur James Wan sagt, er habe mit dieser Selbstjustiz-Geschichte (nach einem Drehbuch von Ian Jeffers, das wiederum auf dem gleichnamigen Roman von Brian Garfield beruht) eines der elementarsten Themen überhaupt aufgegriffen und ihm nur einen modernen Rahmen gegeben. „Es ist eine ganz klassische Geschichte, sie hat etwas von Shakespeare“, findet Wan und erläutert weiter im Presseheft: „Ein Mann ringt mit seinen inneren Dämonen. Er fühlt sich seiner Familie gegenüber in der Verantwortung und gerät in einen Strudel voller Gewalt und sieht sich ständiger Vergeltungsschläge ausgesetzt, die sein Leben zerstören. Letzten Endes muss er feststellen, dass Gewalt absolut sinnlos ist.“ Mag sie auch absolut sinnlos sein – das ist ja eh wie ein filmischer Gemeinplatz –, so ist sie doch leider das einzige in „Death Sentence“, das von gewisser filmischer Qualität ist. Der pseudo-moralische Guss, mit dem Wan seinen Film überzogen hat, ist es jedenfalls nicht – der ist genauso schwer genießbar wie eine Vielzahl von Klischees und eine Handvoll ungeschickter Entscheidungen von Wackelkameras über Found Footage bis hin zur Musikauswahl. Wäre der Film doch nur etwas mehr wie das Filmplakat, einfach und direkt, hätte er sich seiner Tragödie nur gedankenlos hingegeben, ohne die unglaubwürdigen Bemühungen, alles politisch korrekt erscheinen zu lassen.

Ganz so unzufrieden wie damals im Kino war ich mit „Death Sentence“ beim zweiten Sehen allerdings nicht. Drei Punkte lassen sich zu seiner Ehrenrettung anführen. Erstens: Kevin Bacon. Der hatte zwar in letzter Zeit häufig Pech mit seinen Filmen, aber wenn jemand in der Lage ist, aus uninteressanten Drehbüchern das Maximale herauszuholen, da er. Zweitens: Durchaus auch spannende Momente sowei zwei bis drei wirklich Action-Sequenzen. Die liegen Regisseur Wan offensichtlich wesentlich besser als alles, was Fingerspitzengefühl verlangt. Zum ersten Mal richtig mitreißend wird es, als Hume (der bis auf seinen Namen nichts mit dem berühmten Philosophen gemein hat, insofern ist die Wahl auch ziemlich lächerlich, da wird nur einmal mehr Anspruch und Tiefe suggeriert, die der Film einfach nicht hat) von der Gang verfolgt wird. Über die Straße, durch Häuser bis in ein Parkhaus zieht sich die Verfolgungsjagd, bei der Anwalt nur knapp dem Tod entgeht. Der Überfall der Gang auf Humes Haus ist kurz, aber ebenfalls spannend. Richtig zur Sache geht es noch mal am Ende, als der waffenbepackte Hume das Hauptquartier der Gang stürmt. Das hat zwar immer noch nichts von Shakespeare, dafür aber ein paar andere, hochkalibrige Qualitätsmerkmale. Drittens: Obwohl „Death Sentence“ in seinem Bemühen, es allen Recht zu machen, unglaubwürdig und letztlich unentschlossen wirkt, ist er trotz moralinsüßen Überzug eine ziemlich bittere Pille. Hinten raus würde ich ihn nicht als gelungen bezeichnen, aber er ist auf schizophrene Weise gescheitert. Und angesichts seines – anspruchsvollen – Rache- und Selbstjustiz-Themas ist das ja schon fast wieder ein kleiner Sieg in der Niederlage.

Bild © Concorde Video

Sicario (Denis Villeneuve, USA 2015)

Posted by – 2. März 2016

SicarioNach der Bundeszentrale für Politische Bildung bezeichnet man als „Krieg“ einen „organisierten, mit Waffen gewaltsam ausgetragenen Konflikt zwischen Staaten bzw. zwischen sozialen Gruppen der Bevölkerung eines Staates“ (-> bpb). Bei der Vielzahl der Kriege, die derzeit weltweit ausgefochten werden und deren gefühlt zunehmender Komplexität, kann man schon mal den Überblick verlieren. Kriege, die Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern, verschwinden nicht selten ganz vom Radar, obwohl sie mit unverminderter Härte weitergehen. Ein ähnliches Schicksal hat den sogenannten „mexikanischen Drogenkrieg“ ereilt, auch wenn er uns immer mal wieder durch einen Zeitungsartikel oder Filme in Erinnerung gerufen wird. „Die Grenzen sind verschoben worden“, heißt es irgendwann in Denis Villeneuves großartigem „Sicario“, einem der Filme über diesen Krieg, und etwas später: „Das hier ist jetzt das Land der Wölfe“. Das muss auch die FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) erfahren, die von einer internationalen Einsatztruppe unter der Leitung des Agenten Matt Graver (Josh Brolin) für einen undurchsichtigen Auftrag rekrutiert wird. Ebenfalls mit von der Partie – der Söldner. Alejandro (Benicio Del Toro). Bald muss Kate feststellen, dass die Prinzipien, für die sie kämpft, im „Land der Wölfe“ keine Bedeutung haben.

Hat man das nicht alles schon gesehen? Die Parallelen zu „Traffic“ sind eindeutig, aber auch an „Zero Dark Thirty“ habe ich mich atmosphärisch und durch die Figurenkonstellation erinnert gefühlt. Doch Villeneuves Film hat geht weiter in seiner Aussage, ist komplexer und schwerer zu greifen als die genannten. Es ist ein ruppiger Film aber man kann leicht glauben, hinter den kraftvollen, teils magisch anmutenden Bildern von Kameramann Roger Deakins, unterlegt mit dem düsteren Score von Jóhann Jóhannsson, eine transzendente Note wahrzunehmen. Die Brutalität im mexikanischen Drogenkrieg kennt keine Grenzen. Das machen schon die ersten Szenen des Films deutlich, wenn Agentin Kate Macer mit ihrem Einsatzteam ein Haus stürmt und in den Wänden etliche, grausam zugerichtete Leichen findet. Doch geht es in dem Film weder um die direkten Auswirkungen des Krieges, noch um das komplizierte Verhältnis zwischen Mexiko und den USA; und es ist auch kein Film über eine toughe Polizistin.

Was ist er stattdessen? Zum einen ist der Film sicherlich das, was sein Titel sagt. „Sicario“ bezeichnet innerhalb des organisierten Verbrechens einen Auftragskiller. Und darum geht es. Auch. Wer in Villeneuves Film derjenige welcher ist, stellt sich allerdings erst im späteren Verlauf heraus. Hier bietet der Film ebenfalls verschiedene Deutungsmöglichkeiten an. Gleichermaßen – auch dies steckt in dem Begriff des „Auftragskillers“ irgendwie drin – geht es um komplexe Beziehungen. Jemand bekommt dafür Geld, einen Menschen umzubringen. Das alles geschieht aus einem ganz bestimmten Grund: Ein solcher Mord hat eine Geschichte – genauso wie er eine Zukunft haben wird. Jeder Akt der Gewalt erzeugt weitere Gewalt, ein Kreislauf; und falls die Mühlen sich zu langsam drehen, kann man mit Geld die ganze Sache jederzeit ein wenig beschleunigen.

Die Grenzen mögen sich verschoben haben und der gezeigte Kosmos nun von „Wölfen“ beherrscht werden. Doch nicht zwischen Staaten, sondern zwischen einer immer größer werdenden Anzahl von Akteuren. „Wölfisch“ wird der Krieg dadurch, dass er nach normalem Verständnis nicht mehr regelhaft abläuft. Es geht nicht mehr darum, den Konflikt zu gewinnen. Um was geht es dann? Warum ändert sich trotz der Anstrengung aller rivalisierenden Wolfsrudel nichts an dem Mächteverhältnis? Warum ist nicht endlich der mächtige Alphawolf USA in der Lage, den Gegner tödlich zu treffen? Eine Antwort könnte sein, dass ein Kräftegleichgewicht besteht. Niemand gewinnt, weil alle gleich stark sind. Diese Erklärung überzeugt mich allerdings nicht, ich favorisiere eine andere. Ich denke, dass der Drogenkrieg existent bleibt, weil er für alle genügend Vorteile bietet. Bezogen auf die oben genannte Definition der Bundeszentrale heißt das, dass bei Kriegen gar nicht unbedingt der Konflikt, verstanden als das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Interessen, im Mittelpunkt stehen muss. Bei unterschiedlichen Interessen würde sich das stärke Interesse irgendwann durchsetzen. Vielleicht ist es deswegen sinnvoller, den Krieg, von dem hier die Rede ist, als eine Art Beziehung zu interpretieren, bei der alle Partner mit genug Macht etwas davon haben. Dass diese polyamoröse Partnerschaft aka „der mexikanische Drogenkrieg“ jährlich mitunter 5-stellige Zahlen an Todesopfern zu verzeichnen hat, spielt keine Rolle. Es ändert sich nichts. Alles ist gut so wie es ist.

Bild © Studiocanal

Now You See Me (Louis Leterrier, USA / Frankreich 2013)

Posted by – 6. September 2015

now you see meDie vier Zauberer Atlas (Jesse Eisenberg), Henley (Isla Fisher), Merritt (Woody Harrelson) und Jack (Dave Franco) werden von einem Unbekannten ausgewählt. Sechs Jahre sind sie als „ The Four Horsemen“ weltberühmt und geben, finanziert von dem Millionär Arthur Tressler (Michael Caine), riesige Shows. Doch die vier und der Unbekannte im Hintergrund verfolgen ein ganz anderes Ziel. Bald schon sind ihnen Detective Dylan Rhodes (Mark Ruffalo), die Interpol-Agentin Alma Dray (Mélanie Laurent) und der Spezialist für Trickbetrüger Thaddeus Bradley (Morgan Freeman) auf den Fersen.

Das perfekte Verbrechen hat ohne Frage viel mit Täuschung zu tun. Und so ist es auch eine reizvolle Idee, dass Zauberer ihre Kunst nutzen, um den Superheist durchzuführen. Was auf dem Papier interessant klingt, ist in fertiger Form nach einem Drehbuch von Ed Solomon, Boaz Yakin und Edward Ricourt allerdings unerwartet öde. Da kann auch die flotte Regie von Louis Leterrier nichts retten. Doch woran scheitert „Now You See Me“ genau? Meiner Ansicht nach liegt das vor allem an drei Dingen. Erstens: Der Haltung des Films bzw. seiner Autoren. Boaz Yakin, Edward Ricourt und Ed Solomon kommen sich selbst so schlau vor, dabei ist ihr Werk im Detail alles andere als das. Der große Plan, der am Ende dem staunenden Zuschauer offenbart wird, ist in Wirklichkeit so löchrig wie ein Schweizer Käse. Man darf staunen, dass er überhaupt funktioniert hat. So lange der Film unterhält, ist es vielleicht nicht ganz so wichtig, ob das alles Sinn macht, was mich zum zweiten Kritikpunkt bringt. Nach der Exposition und spätestens nach der ersten großen Show, in der die Zauberer eine Bank ausrauben, geht dem Film merklich die Luft aus. Keine der kommenden Shows erreicht den Unterhaltungswert der ersten, und das Finale ist dann der absolute Tiefpunkt an Entertainment. Doch selbst dieser dramaturgische Sinkflug des Films wäre vielleicht bei (dritter Kritikpunkt) weniger farblosen Figuren noch zu verschmerzen gewesen. Das was Steven Soderbergh bei den „Oceans“-Filmen geschafft hat, gelingt Leterrier hier nicht im Ansatz. Eisenberg, Fisher, Harrelson und Franco hinterlassen keinen bleibenden Eindruck und auch Altstars wie Freeman oder Cain können viel retten.

Die drei genannten Punkte waren für mich die Hauptgründe, dass der „Now You See Me“ für mich nicht funktioniert hat. Da muss ich gar nicht erst erwähnen, dass die Auflösung sehr unglaubwürdig war. Aber ich kann zumindest nachvollziehen, dass man den Film auch mögen kann. Er ist wie gesagt flott inszeniert und er hat das Potenzial das zu schaffen, was ein guter Zaubertrick schaffen sollte, nämlich die Aufmerksamkeit der Zuschauer vom Eigentlichen abzulenken. Wem es reicht, dass er nach etwas mehr als 100 leidlich unterhaltsamen Minuten erfolgreich getäuscht wurde, darf sich freuen. Nur wer sich wie ich hinterher darüber ärgert, dass hier nichts Substanz hatte, dass 99 Prozent des Films Täuschung für das letzte Aha-Prozent sind, sollte einen Bogen um diesen „Zaubertrick“ machen und es vielleicht doch lieber noch einmal mit „The Prestige“ oder „The Incredible Burt Wonderstone“ (meine Rezension dazu gibt’s hier) versuchen.

Bild © Concorde

The Guest (Adam Wingard, USA 2014)

Posted by – 9. Mai 2015

guestAls es an der Tür der Familie Peterson klopft, ahnt diese noch nicht, dass sich ihr Leben bald entscheidet ändern wird. Vor der Tür steht David (Dan Stevens), angeblich der Kamerad ihres gefallenen Sohnes Caleb. David wird schnell ein Freund der Petersons, vor allem Sohn Luke (Brendan Meyer) bewundert den selbstbewussten, schlagkräftigen Soldaten. Nur Tochter Anna (Maika Monroe) bleibt misstrauisch. Zu recht, wie sich bald herausstellt.

„Falsche Freunde gleichen unseren Schatten“, las ich kürzlich. „Sie halten sich dicht hinter uns, solange wir in der Sonne gehen und verlassen uns, sobald wir ins Dunkel geraten.“ Dieses Zitat von Unbekannt passt auch sehr gut auf meine nach „You’re Next“ nunmehr zweiten Film von Adam Wingard, der mir gleich noch einmal ein gutes Stück besser gefallen hat. Wieder geht es um das Thema Familie und wieder ist diese in gewisser Weise dysfunktional. War sie in „You’re Next“ durch Missgunst und Gier ausgehöhlt, haben die Petersons die Trauer um Caleb nicht verarbeitet und lassen deswegen allzu breitwillig einen Fremden ins Haus, der ihnen die Illusion der Nähe zu ihrem verstorbenen Sohn schenkt. Ob der Vater Spencer (Leland Orser) schon früher ein Alkoholproblem hatte, die Mutter Laura (Sheila Kelley) ähnlich passiv war, Anna sich mit gerne mit Versagern einließ und ob Luke in seiner Schule schon immer das Opfer – oder ob all das erst die Folge von Calebs Tod war, erfährt der Zuschauer nicht. Doch durch das Auftauchen von David passiert etwas im Familiengefüge. Und die Änderungen sind nur zu ihrem besten und deutlich, wie sehr das Kind bzw. große Bruder fehlt und wie wenig es den Petersons bisher gelungen ist, diese Leerstelle zu füllen. Dem ersten Anschein zum Trotz ist David ist kein Ersatz für den verlorenen Sohn, sondern erweist sich für das brüchige Familien-Gefüge als äußerst zerstörerisch – nicht zuletzt weil der falsche Freund selber nicht nur einen leichten Knacks hat. Und so werden aus kleinen plötzlich sehr große Probleme bis zum Schluss kein Stein mehr auf dem anderen liegt.

Doch „The Guest“ ist – auch wenn das vielleicht bis hierhin so klingt – alles andere als ein differenziertes Psychodrama, fast möchte ich sagen im Gegenteil! Die angesprochenen Aspekte über die nicht verarbeiteten Traumata der Familie machen den Film zusätzlich interessant, weil sie wie David für die Petersons Projektionsflächen für den Zuschauer sind, doch bleiben sie letztlich Leerstellen und weiteres Nachdenken über die Zusammenhänge deswegen bloße Spekulation. Wer ist der unbekannte Gast? Ein Fremder? Der Freund des Sohnes oder vielleicht sogar dieser selbst? Auf diese und weitere Fragen, die man sich stellen könnte, gibt es keine Antworten. Aber das ist nicht weiter schlimm, weil Wingards Film auch als straighter Thriller mit einigem Campappeal ganz prächtig funktioniert! Er ist extrem unterhaltsam, markant und angenehm substanzlos – ohne dumm zu sein; und wie schon „You’re Next“ wirkt er irgendwie aus der Zeit gefallen, vereint dabei aber die Vorzüge verschiedener Epochen. Wahnsinnig guter Score auch. Aber anders als bei genanntem Film hat man bei „The Guest“ allerdings nicht mehr den Eindruck, Wingard würde mit angezogener Handbremse inszenieren, sondern mit durchgedrücktem Gaspedal statt den Parcours zu fahren, direkt das Ziel ansteuern. Ich habe mich mehrfach gefragt, ob der Film nicht ein Remake ist sei, weil es irgendwie schwer vorstellbar ist, dass erst jemand wie Adam Wingard im Jahre 2014 daherkommen muss, um diese „Righ in your face“-Story zum ersten Mal zu erzählen. Aber bei der anschließenden Recherche habe nichts dementsprechendes herausfinden können. Schon das zeigt, meine ich, was für Kinnhaken von einem Film „The Guest“ geworden ist.

Bild © Splendid Film/WVG

Nightcrawler (Dan Gilroy, USA 2014)

Posted by – 1. April 2015

nightcrawlerJake Gyllenhaal… – ach nein, ich fange anders an: Dass Journalismus und die Sensationen, über die er berichtet, gemeinsam ein System bilden, in dem nicht einfach das eine ein Resultat des anderen ist, sondern dass die Zusammenhänge komplexer sind, weiß man nicht erst seit gestern. Trotzdem sind die Ausprägungen der Verflechtungen – vielleicht durch die neuen Medien, vielleicht durch den mentalen Wandel – heute weit stärker als noch vor 20 oder 30 Jahren. Vom Katastrophen- und Sensationsjournalismus und dem Wettrennen um mediale Aufmerksamkeit handelt Dan Gilroys Regiedebüt „Nightcrawler“. Oder besser gesagt um einen Soziopathen, der gleichzeitig Produkt wie Motor und Inovator dieser schönen neuen Medienwelt ist.

Gyllenhaal, Jake, spielt Louis Bloom, diesen Mann, der nur auf den ersten Blick unbeholfen wirkt, in Wirklichkeit aber, wie er selber sagt, ein „schneller Lerner“ ist – und dabei völlig ohne Skrupel. Das Credo des American Dream, den Willen zum Erfolg, hat er in sich aufgesogen und verinnerlicht, Werte des Zusammenlebens sind allerdings nur noch Variablen in seinem zweckrationalen Kalkül. Bloom arbeitet sich hoch, der Zuschauer verfolgt seine anfangs noch linkischen Versuche, zunächst überhaupt einen Job zu bekommen und sich dann als freier Journalist einen Namen zu machen, mit wachsendem Unwohlsein. Dass mit diesem Mann etwas nicht stimmt, das wird schnell klar. Wie weit er für seine selbstgesteckten Ziele zu gehen bereit ist, das offenbart sich erst im Laufe dieses Thrillers.

Gyllenhaal ist das absolute, unhintergehbare Zentrum des Films, der Faktor, der dieses ambitionierte Stück Film zu einer besonderen Erfahrung macht. Seine Figur ist zweifellos ein Produkt der Leistungsgesellschaft, vgl. „Whiplash“, und beispielhaft eine Kreatur des amerikanischen Traums bzw. Albtraums in seiner schlimmsten Ausprägung. Schon zuletzt in „Prisoners“ hat Gyllenhaal mehr noch als alle anderen Darsteller einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nach „Nightcrawler“ drängen sich Vergleiche mit Robert de Niro, der in „Taxi Driver“, „Raging Bull“ oder „Cape Fear“ unvergessliche Charaktere schuf, förmlich auf. Es ist wohl nicht übertrieben, zu sagen: Gyllenhaal ist derzeit einer der interessantesten Hollywoodstars. Und für mich der wichtigste Grund, warum ich „Nightcrawler“ sehr gerne gesehen habe.

Dass der Film als Ganzes bei mir etwas weniger Eindruck gemacht hat als dem medialen Echo zufolge bei einigen anderen, mag daran liegen, dass ich ihn für meinen Geschmack als etwas zu ausformuliert und damit teilweise redundant empfunden habe. Schon der Anfang, der zusätzliche Informationen über seine Hauptfigur liefert, wäre meines Erachtens nicht nötig gewesen. Und auch das Grundthema, die Kritik am Sensationsjournalismus und die Analyse, wie er sich im Wechselspiel mit Charakteren wie Bloom herausbildet, ist nicht schlecht, aber doch irgendwie recht offensichtlich und ein wenig formelhaft umgesetzt. Das führt zu Abzügen in der B-Note und dazu, dass mir „Nightcrawler“ insgesamt etwas weniger gefallen hat, als der bereits erwähnte, wunderbar ambivalente „Whiplash“. Nichtsdestotrotz, ein feiner Film und wie gesagt: Gyllenhaal.

Bild © Concorde Filmverleih

Prisoners (Denis Villeneuve, USA 2013)

Posted by – 22. Februar 2015

Prisoners

Die Familien Dover und Birch feiern gemeinsam Thanksgiving. Nach dem Essen gehen die Töchter Anna Dover und Joy Birch draußen spielen – und sind kurz darauf spurlos verschwunden. Die Polizei nimmt zwar den Fahrer (Paul Dano) eines verdächtigen Wohnmobils fest, dem lässt sich jedoch nichts nachweisen. Während Detective Loki (Jake Gyllenhaal) weiterhin nichts unversucht lässt, den Täter zu finden, hält der Vater von Anna, Keller Dover (Hugh Jackman), den Mann am Steuer des Wohnmobils jedoch nicht für unschuldig – und entführt ihn.

Ich habe mich kurz gefragt, ob ich den Text mit dem Satz „Endlich habe ich den Film auch gesehen“ beginne. Weil mir „Enemy“ so gut gefallen hat, habe ich mich tatsächlich sehr auf „Prisoners“ gefreut. Nach dem Film ist die Stimmung allerdings eine andere, jetzt fühle ich mich gefangen in der Geschichte, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen will. „Prisoners“ wird mitunter in einem Atemzug mit „Big Bad Wolves“ genannt. Und bin froh, dass Vielleneuves Film bis auf eine ähnliche Prämisse so gut wie gar nichts mit Aharon Keshales & Navot Papushados dümmlicher Selbstjustiz-Comedy gemein hat. Was hat er, was Filme ähnlichen Themas nicht haben, was macht gerade diesen Film zu einem schwarzen Loch, aus dem kein Lichtstrahl entweicht? Seit ein paar Tagen arbeitet es in mir, doch ich finde weder Eingang noch Ausgang. In seiner Absolutheit erinnert mich der Monolith „Prisoners“ an Filme wie „The Silence Of The Lambs“ oder „Seven“, nicht nur, weil dem Zuschauer ebenfalls ein klares Happy End verweigert wird. Villeneuves Film nach einem Drehbuch von Aaron Guzikowski ist in dieser Hinsicht sogar besonders perfide, weil eine Andeutung am Ende den geprügelten Zuschauer kurz die Illusion von Hoffnung geben mag.

In „Prisoners“ ist wirklich jeder ein Gefangener – im ganz wörtlichen Sinne oder auch im übertragenen: ein Gefangener seiner Geschichte, seiner Erziehung und persönlichen Traumata, seiner Weltanschauung und (falschen) Theorien etc. – und wahrscheinlich ist es auch der Titel, der am ehesten einen Weg in diesen hermetischen Film weist, der vordergründig ein reines Genre-Produkt, aber gleichwohl offensichtlich so viel mehr ist. Was genau, da bin ich mit meinen Gedanken noch nicht am Ende. Deswegen verbleibe ich mit der, bei Texten zu diesem unaufgeregt gleichwohl exzellent inszeniertem Film, unumgänglichen Feststellung, dass die Schauspieler durch die Bank wirklich Großartiges leisten. Jede ihrer Figuren ist plastisch und absolut glaubwürdig in ihren Ängsten, ihrem Getriebensein, und in dem vermeintlichen Akt von Freiheit, mit dem sie gegen die Mauern ihres Kerkers rennen.

Derzeit ist der Film noch ein mächtiger schwarzer Fels in der Brandung meiner Gedanken; aber er ist auch ein existenzielles Filmerlebnis, allerdings eines, das dem Zuschauer an die Substanz gehen kann. „Pray for the best, but prepare for the worst“, heißt es im Film. Aber auf das Böse, wie es im dort gezeigt wird, kann man nicht vorbereitet sein.

Bild © Universal Pictures

In The Cut (Jane Campion, USA / Australien 2003)

Posted by – 8. Januar 2015

In The CutNach fast drei Wochen unfreiwilliger Film-Abstinenz habe ich endlich mal wieder was gesehen. Und zwar „In The Cut“, welches ein sonderbar uneindeutiger Film ist und das nicht nur weil sich Meg Ryan vor meinem inneren Auge mehrmals in Nicole Kidman verwandelt hat (die ja, aber das wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht, tatsächlich für die Rolle vorgesehen war). Der ganze Film ist ein seltsam oszillierendes Etwas irgendwo zwischen Pulp, Poesie und Politik. Erzählt wird die Geschichte der Englischlehrerin Frannie (Meg Ryan), die zunächst in einer Bar beobachtet, wie ein Paar Sex hat. Den Mann kann sie nicht erkennen, sieht nur seine auffällige Tätowierung am Handgelenk. Kurze Zeit später steht die Polizei in Gestalt von Detective Giovanni Malloy (Mark Ruffalo) vor ihrer Tür. Die beobachtete Frau ist tot, umgebracht von einem Serienkiller, Frannie wurde in der Bar gesehen und der Kopf der Toten wurde in ihrem Garten gefunden.

Virginia Woolf meets Brian de Palma: Jane Campions Film ist ein klassischer, atmosphärischer Serienkillerfilm auf der einen, ein mit wahnsinnig vielen Bezügen, Symbolen etc. bis zum bersten vollgestopftes Kunstwerk auf der anderen Seite. Beide Seite haben hier Qualitäten, so ganz fügt sich das aber nicht zu einem homogenen Ganzen zusammen. Viele tolle Momente gibt es ohne Frage, mitunter war ich beinahe berauscht von den Bildern, die wie Blicke durch ein schmutziges Fenster auf eine Welt wirkten, die man sonst nicht zu sehen bekommt. Diese Fantasiefragmente sind manchmal kaum mehr als Szenen aus einem Groschenroman, dann wirken sie wieder wie eine geistreiche Reflexion über… ja, über was eigentlich? Irgendwas mit Männern und Frauen sicherlich. Frauen wollen Liebe, die Männer sind bestenfalls vulgäre Sex-Maniacs, in der Regel aber völlig durchgeknallte Wracks, was man ihnen nur nicht auf den ersten Blick ansieht. Ob sich Campions Einschätzung auf das Genre bezieht, in dem er beheimatet ist oder auf die wirkliche Welt, gibt der Film nicht preis.

Ein wenig hat mich „In The Cut“ an die Satz-Schnipsel an Frannies Wand erinnert (sie sammelt Poesie, die sie an ihre Zimmerwand heftet): Jeder Satz ist für sich genommen schön, doch tritt man einen Schritt zurück und sieht sich das „Kunstwerk“ aus der Entfernung an, verlieren die Details ihre Bedeutung. Neue Muster entstehen, die aber noch nicht so recht ein Bild ergeben wollen. Was bleibt ist ein großes Durcheinander.

Bild © Euro Video

Someone’s Watching Me! (John Carpenter, USA 1978)

Posted by – 27. Oktober 2014

Someone's Watching Me#Horrorctober 10

Rape is when a man consciously keeps a woman in fear

Die Live-Regisseurin Leigh Michaels (Lauren Hutton) zieht nach Los Angeles in das Hochhaus „Arkham Tower“, wird dort aber schon bald vom gegenüberliegenden „Blake Tower“ aus von einem Unbekannten beobachtet und zunehmend bedrängt. Die Polizei ist keine Hilfe, nur ihr neuer Freund Paul (David Birney) und ihre Arbeitskollegin Sophie (Adrienne Barbeau) stehen zu ihr.

Nachdem die letzten neun Filme meines #horrorctober ein echtes Highlight leider schmerzlich vermissen ließen, habe ich mit Nummer 10, John Carpenters TV-Film „Someone’s Watching Me!“ jetzt doch noch ein kleines Meisterwerk erwischt. Seinen TV-Charakter merkt man „Someone’s Watching Me!“ nicht sonderlich an. Bis auf die Musik hat der Film alles, was einen Carpenter dieser Zeit auszeichnete: Eine klare Idee, in klaren Bildern und ruhiger Erzählweise vorgetragen, ein großes Interesse an Räumlichkeit und damit verbunden eine klaustrophobische Stimmung sowie das Quäntchen Humor, das in seinen Spannungsfilmen häufig übersehen wird. Der Film wirkt ein wenig wie eine Fingerübung zu „Halloween“, während dessen Vorproduktion Carpenter ihn gedreht hat. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass das Hochhaus – neben Lauren Hutton der zweite Hauptdarsteller des Films – Carpenter dazu inspiriert hat, „Halloween 2“ in einem Hochhaus spielen zu lassen. Der Plan wurde allerdings zugunsten des Krankenhauses, in dem mehr als die Hälfte des Films stattfindet, fallen gelassen.

Was ich an „Someone’s Watching Me!“ gleichwohl bemerkenswert finde, ist zum einen die starke gesellschaftskritische Ausrichtung des Film, der sich ganz offensichtlich mit dem Verhältnis zwischen Frau (in einer Männerwelt) und Mann (und dessen Allmachtsphantasien) auseinandersetzt und zum anderen eine markante Kritik an der zunehmenden Technisierung der Gesellschaft, ich will sogar behaupten, das Thema Überwachung ist hier bereits vorwegnimmt. Anders als manche Kolleginnen und Kollegen sehe ich normalerweise nicht überall Phalli, aber die Hochhäuser stehen so erigiert herum, das ist bestimmt kein Zufall… Und es passt ja auch ganz wunderbar zum Inhalt des Films, der eben nicht nur eine „Rear Window“-Referenz und ein Lehrstück in Sachen Spannungskino ist, nein, er nimmt auch zahlreiche Standards zukünftiger Horrorfilme vorweg und ist eben auch eine starke Metapher für eine frauenfeindliche Gesellschaft. Im Hinblick auf Geschlechterverhältnisse zeigt der Film ein konservatives, aber durchaus realistisches Horrorszenario der total überwachten Frau, ist aber gleichzeitig für das Jahr 1978 auch ein erstaunlich mutiger Film mit einer emanzipierten Protagonistin. Toll gespielt von Lauren Hutton – erst stark, vorgerecktes Kinn, selbstbewusst, lustig, dann zunehmend mit gesenktem Kopf, zurückhaltend, verängstigt. Die Gewalt gegen sie geht aber nicht allein von dem anonymen Stalker aus; Versuche, sie zu kontrollieren kommen von überall: von ihrem Chef, ihrem Macho-Kollegen, den Männern in der Bar. Auch der Grund nach Los Angeles zu ziehen, war ein Mann. Der starke Druck von außen bekommt sie allerdings nicht klein – sie bleibt unangepasst, kämpft, will sich nicht vertreiben lassen.

Es klingt bestimmt durch, ich bin wirklich sehr angetan. „Someone’s Watching Me!“ ist die Sorte Film, die mich glücklich macht: Von zurückhaltender Schönheit, schnörkellos und trotzdem über alle Maßen reichhaltig. Und hier noch ein kleines Loblied auf die sozialen Medien. Da mir der Film mit über 20 Euro selbst für die gebrauchte DVD zu teuer war, und alle Online-Streaming-Dienste, für die ich zahle, ihn nicht im Programm führen, habe ich bei Twitter nachgefragt, zufällig im Besitz des Filmes und verleihbereit wäre. Und tatsächlich fand sich jemand, der mir den Film freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. So schlecht ist die Welt also doch nicht.

Bild © Warner Home Video 
 

The Usual Suspects (Bryan Singer, USA / Deutschland 1995)

Posted by – 20. August 2014

die üblichen verdächtigenVor ein paar Tagen habe ich ihn mal wieder zufällig im TV gesehen, zwar auf deutsch, aber dafür ohne Werbeunterbrechung. Ein wirklich toller Film, der auf mehreren Ebenen funktioniert. Zum einen als spannender Krimi, zum anderen als Meisterstück einer unzuverlässigen Erzählung. Darum geht’s: Nach einer Schiffsexplosion mit 27 Toten im Hafen von San Pedro, wird der Kleinkriminelle Verbal Kint (Kevin Speacy) von der Polizei verhört. Er soll zu den Drahtziehern des Massakers gehört haben. Nach und nach enthüllt Kint, was „wirklich“ passiert ist. Demnach soll der geheimnisvolle Gangsterboss Keyzer Soze hinter den Vorfällen stecken.

Wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte nicht weiterlesen. Denn schon in diesem Satz verrate ich, dass Verbal Kint hinter allem steckt und er – wenn vielleicht auch nicht Keyzer Soze – entgegen dem ersten Anschein ein verdammt cleverer Gauner ist, der jeden nach Belieben manipulieren kann. Ja, eigentlich könnte nahezu der komplette Film nur die lebendig ausgeschmückte Geschichte Kints sein, die dieser der Polizei auftischt. Das Großartige darin ist, wie gut der Film funktioniert – auch beim mehrmals sehen! – obwohl alles, was man als Zuschauer sieht, Lug und Trug sein könnte. Vielleicht ist außer den groben Rahmendaten überhaupt nichts wahr. Und selbst die „harten Fakten“ müsste man konsequenterweise noch in Zweifel ziehen. Ich kann ehrlich gut verstehen, wenn jemand damit nicht klar kommt, sich möglicherweise sogar vom Film betrogen fühlt. Ich spreche da sogar aus Erfahrung, ist es nun doch schon ein fast 20jähriger Disput zwischen mir und meinem besten Freund, der den Film aus diesem Grund überhaupt nicht mag.

Ich hingegen finde es charmant, dass sich die Illusion, die ja bekannterweise eine Illusion ist – schließlich gucken wir hier einen Film –, schlussendlich zu erkennen gibt. Auf der einen Seite möchten wir getäuscht werden, wir möchten, eine Weile zumindest, glauben was wir sehen oder hören, so funktionieren fiktive Geschichten nun einmal. Dass sich in Singers Film sich in seiner vollen Künstlichkeit zu erkennen gibt, hätte mich wahrscheinlich auch ärgern können, nicht selten wird hierdurch die Kraft der Geschichte geschwächt, und oft ist es nur das Ego des Regisseurs, das hier zum Vorschein kommt. Michael Hanekes „Caché“ und „Funny Games“ z.B. mag ich aus diesem Grund nur bedingt. In diesem Fall, und das ist das wirkliche Kunststück der Üblichen Verdächtigen, wird die Fiktion durch die Offenbarung ihrer selbst nur noch schöner! Wie Singer und McQuarrie, der sein Drehbuch zu Recht einen Oscar bekommen hat, das genau hinbekommen haben, weiß ich auch nicht.  Jetzt auf das besagte Drehbuch zu verweisen (warum hat McQuarrie eigentlich danach nie wieder etwas ähnlich Gutes hinbekommen?) oder Singers besonnene aber doch ausdrucksstarke Regie oder die wahnsinnig gute Darsteller-Riege zu loben, die den Film mit Leben erfüllen, man hat sie alle lieb, wären letztlich nur die rezensions-typischen Null-Aussagen.

Auf den letztgenannten Punkt, die Darsteller, möchte ich aber trotzdem noch kurz eingehen, vor allem auf das meiner Meinung nach wirklich ganz fantastische Schauspiel von Gabriel Byrne. Der hat die anspruchsvolle Aufgabe, mit seiner Figur dem Doppelbluff des Drehbuchs gerecht zu werden: Er muss den freundlichen, den geläuterten Dean Keaton verkörpern, den, den Kint in seiner Story imaginiert – und gleichzeitig die Möglichkeit offen halten, dass er eigentlich der Drahtzieher-Keaton ist, der Oberboss, für den ihn die Polizei hält. Byrne oszilliert virtuos zwischen diesen Varianten sehr überzeugend. Ja, wahrscheinlich ist es dies, was auch für die anderen, ebenfalls großartigen Darsteller (Spacey, del Torro, Baldwin, Pollack,…), wie für den ganzen Film gilt: Er ist mehr, als etwas einzelnes, er ist ein Spektrum an Möglichkeiten, ganz so wie jede gute Geschichte, die ganz anders sein kann, je nachdem wer sie erzählt und wer sie sich anhört.

Bild © Columbia TriStar
 

Wara No Tate (Takashi Miike, Japan 2013)

Posted by – 25. Juni 2014

Nachdem ich neulich von „13 Assassins“ schon so angetan war, habe ich nun gleich ein weiteres Highlight neueren Datums des japanischen Tausendsassas Takashi Miike gesehen. „Wara No Tate“ heißt der Film, was soviel bedeutet wie „Schild aus Stroh“. Der Titel spielt darauf an, wie fragil unser Rechtssystem ist, und dass das Recht schnell dort endet, wo der Betrag – in diesem Fall ein Kopfgeld von einer Milliarde Yen – hoch genug ist. „Wara No Tate“ handelt von einer Gruppe Polizisten, die einen Kinder-Mörder nach Tokio überführen soll. Auf dessen Kopf ist allerdings besagte Belohnung ausgesetzt, so dass quasi jeder – egal ob normaler Bürger oder Staatsdiener – hinter ihnen her ist. Es ist Miike wunderbar gelungen, verschiedene Artendes Bösen gegenüberzustellen: den psychopathischen Killer, der aus Lust tötet und den selbstgerechten Medienmagnaten, der sich Genugtuung ohne Rücksicht erkaufen will. Der Film lässt einen mehr als einmal moralisch taumeln. Und sehr spannend ist er obendrein! Eine längere Kritik von mir zum Film gib es auf Kino-Zeit.de.