Tag: Tilda Swinton

Constantine (Francis Lawrence, USA / Deutschland 2005)

Posted by – 31. Januar 2015

constantineScheiße, der Speer des Schicksals ist verschwunden. Das ist deswegen doof, weil, wer ihn in den Händen hält, bestimmt die Geschicke der Welt. Im zweiten Weltkrieg verschwunden, taucht er nun wieder auf als ein Schrottsammler namens Manuel (Jesse Ramirez) sie durch Unfall bei Ausgrabungen entdeckt. Ist aber erst mal egal, denn eigentlich geht es um den Exorzisten John Constantine (Keanue Reeves), der soviel wie möglich von der teuflischen Brut zurück in die Hölle schickt – um sich so seinen Weg in den Himmel zu erkaufen. Sein aktueller Fall: Die Zwillingsschwester von Angela Dodson (Rachel Weisz) hat sich umgebracht. Die glaubt aber nicht an einen Selbstmord und wendet sich an Constantine. Außerdem sind die Dämonen gerade besonders aggressiv. Da ist doch irgendwas im Busch.

Ich habe „Constantine“ gestern zum dritten Mal gesehen. Die ersten beiden Male fand ich ihn ganz nett, aber nicht überwältigend. Nun bin ich kurz davor, Meisterwerk zu rufen, so gut hat er mir diesmal gefallen. Die Stimmung stimmt, wie man so schön sagt. Visuell und inhaltlich einfallsreich reiht sich eine tolle Idee an die andere. Schon der Anfang, wenn der Herr Manuel die Speerspitze findet und dann von einem Auto angefahren wird, wow! Aber auch gleich danach, Constantins erster Job, bei dem er einen stinkigen Kriegerdämon aus einer jungen Frau in einen Spiegel umsiedelt und aus dem Fenster und versehentlich auf das Auto seines Partners Chas Kramer (Shia LaBeouf) schmeißt.. „If you would have told me there was a three hundred pound mirror you were dropping with a pissed-off demon, I would have moved it further“, beschwert sich Chas und ich lache jedes Mal. Das gefällt mir so an dem Film, jedenfalls ist es mir bei diesem dritten Sehen erst richtig bewusst geworden, dass er in sehr vielen kleinen Details überrascht. Die Physik des Übersinnlichen ist in „Constantine“ frisch und unverbraucht.

Zwar störten mich auch ein paar Details, beispielsweise, dass hier etwas lieblos mit den Nebenfiguren umgegangen wird (sind sie erst einmal verschieden, werden sie nicht einmal mehr erwähnt); oder dass der Film manchmal ein wenig zu langwierig seinen Plot entwickelt. Und wenn Manuel (hallo! willkommen zurück!) und der Speer des Schicksals dann zum Schluss wieder auftauchen, fällt irgendwo ein McGuffin tot vom Baum und dem einen oder anderen Zuschauer vielleicht auf, was für einen Unfug er da gesehen hat. „Constantine“ macht auf absolut faszinierende Art keinen Sinn, aber das macht unter anderem den Reiz dieses Höllentrips aus, diese unglaublich quatschige Geschichte, die sich während des Sehens trotzdem „richtig“ anfühlt, weil hier andere Gesetze gelten und alles völlig durcheinander und trotzdem am richtig Ort ist.

Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als Eure Schulweisheit sich träumen lässt, da sind Engel, ein Haufen hässliche Dämonen, der schnöde Mammon, Luzifer (Peter Stormare) persönlich und vieles mehr. Sogar der liebe Gott schimmert ab und zu durch. Was kann man sich mehr erhoffen?

Bild © Warner Bros.

We Need To Talk About Kevin (Lynne Ramsay, UK/USA 2011)

Posted by – 21. Oktober 2012

Die ersten Tränen der Kinder sind Bitten. Wenn man nicht Acht darauf gibt, so werden sie bald Befehle.“ – Jean-Jacques Rousseau

Auf dem Fantasy Filmfest Nights verpasst, danach immer wieder Gutes über ihn gehört und nun endlich gesehen: „We Need To Talk About Kevin“ von Lynne Ramsay nach einem Roman von Lionel Shriver. Für mich als Pädagogen sind Filme über das Scheitern von Erziehung natürlich immer interessant und manchmal aufschlussreich. Doch in diesem Fall muss ich sagen, dass der Film als Film und als Kommentar zu einer Mutter-Kind-Beziehung mehr Fragen als Antworten produziert hat.

„We Need To Talk About Kevin“ ist ein Film über eine Familie – Frau Eva (großartig: Tilda Swinton), ihr Mann Franklin (naiv: John C. Reilly) und die beiden Kinder Kevin (eindimensional: Ezra Miller; in jungen Jahren gespielt von Jasper Newell und Rock Duer) und Celia –, aber vor allem ist es ein Film über eine Mutter und ihren Sohn. Kevin bleibt Eva von Anfang an fremd. Jeder gemeinsame Moment scheitert. Zum Beispiel als Eva dem Jungen – fast wie bei der Haustierdressur – einen Ball zurollt und erwartet, dass er ihn zurückrollt; oder als sie mit ihm rechnen übt, ihn dabei aber völlig unterschätzt und abermals brüskiert. Eva tut, wovon sie glaubt, dass es eine gute Mutter tun sollte, doch sie fühlt es nicht. Anders herum scheint Kevin kein Urvertrauen zu seiner Mutter entwickelt zu haben, denn schon in jungen Jahren spürt er, wie sie immer mehr von ihm wegtreibt.

Kevin ist immer außen vor. Er ist  nie Teil der Familie. Und am Ende wird er zum Amokläufer. Aber das ist nicht weiter verwunderlich, schließlich war er ja auch schon die ganze Zeit ein Monster, ein Unmensch, einer, der außerhalb der Gesellschaft stand. Denn wer nach Außen gedrängt wird, das lehrt die (Film-)Geschichte, der trinkt irgendwann Blut, verwandelt sich bei Vollmond in ein Tier, oder macht – wie Kevin – mit Pfeil und Bogen jagt auf seine Mitschüler. So weit, so einleuchtend. Und trotzdem war der Antagonist, Kevin genau das, was mich an dem Film am meisten irritiert hat.  Warum hat sich Ramsay entschlossen, Kevin so diabolisch dar zu stellen? Die einzige Antwort, die mir einfällt wäre, dass wir den ganzen Film nur durch die Augen Evas sehen und ihr Sohn nun mal so teuflisch auf sie wirkt. Schließlich hat dieses Menschenkind ihr schönes Hippieleben zerstört. Doch „We Need To Talk About Kevin“ scheint mir kein Psychofilm zu sein, so dass mich diese Erklärung nicht befriedigt.

Im weitesten Sinne geht es vermutlich darum, wie man seine Monster selber produziert und das zusammen mit der Frage, ob man überhaupt Einfluss darauf hat. Evas Ablehnung ihres Sohns ist eine natürliche Reaktion, die sich aus ihrer Biografie und ihrem Charakter ergibt. Doch wenn Eva die Wahl gehabt hätte, anders zu fühlen und anders zu handeln – hätte sie den Amoklauf verhindern können? Eines ist sicher: Wer glaubt, dass alles ist wie es ist, weil alles war, wie es war, der wird sich immer seinem Schicksal fügen müssen. Ich bin mir gar nicht sicher, ob das nur meine Assoziationen sind, oder ob eine Auseinandersetzung dieser Art von Ramsay intendiert war. Ich vermute eher nicht. Aber worum genau geht es Ramsay dann? Um den Alptraum der Mutterschaft? Oder darum, dass Kevins frühe Tränen irgendwann zu Pfeilen werden? Die Thematik des jugendlichen Amokläufers scheint mir jedenfalls durch die unterkomplexe Darstellung des Antagonisten und die fragmentarische und zumindest auf mich gekünstelt wirkende Erzählweise nur noch weiter mystifiziert zu werden.

Bild © Euro Video