Tag: Videoabend

Onibaba (Kaneto Shindō, Japan 1964)

Posted by – 11. Oktober 2013

Onibaba#horrorctober – das heißt: Vom 1. bis zum 31. Oktober schaue ich mir 13 mir unbekannte Horrorfilme an. Mein erster Film, „Onibaba“ von Kaneto Shindō, war gleich einer, den ich ohne Zögern als Meisterwerk bezeichnen würde. Alle weiteren Filme, die ich in den nächsten 3 Wochen schauen werde, dürften es sehr schwer haben, mir ähnlich gut zu gefallen.

„Onibaba“ handelt von zwei Frauen, einer jungen (Jitsuko Yoshimura) und ihrer Stiefmutter (Nobuko Otowa), die während des Bürgerkrieges im Japan des 14. Jahrhunderts zu überleben versuchen. Die beiden wohnen in einem kleinen Haus in einem Schilfmeer und töten ahnungslose Samurai, um deren Rüstungen zu verkaufen. Dann kehrt ihr Nachbar Hachi (Kei Satō ) aus dem Krieg heim und berichtet, dass der Sohn der älteren bzw. der Mann der jüngeren Frau gefallen ist. Hachi und die junge Frau beginnen bald darauf eine Affäre – sehr zum Missfallen der Schwiegermutter.

Im Nachhinein bin ich etwas verwundert, dass der Film jetzt über ein Jahr ungesehen im Regal stand. Aber manchmal braucht es einfach einen besonderen Anlass – wie den #horrorctober. Dabei ist „Onibaba“ nicht einmal ein Horrorfilm im klassischen Sinne, sondern eher ein expressionistisches, mit schwarzer Farbe gemaltes Sozialdrama und eine düstere Parabel, wahlweise über den Krieg, der die Menschen verschlingt wie das Grasmeer die Frauen im Film. Oder über die zersetzende Kraft des Kapitalismus. Oder vielleicht einfach auch Gefühle wie Angst und Neid, die das menschliche Antlitz zu dämonischen Fratzen verzerren?

Unabhängig von allen inhaltlichen Deutungsmöglichkeiten – hier möchte ich mich nach dem ersten Sehen zunächst einmal heraushalten – muss ich sagen, dass mich der Film  schon allein durch seine visuelle Kraft weggeblasen oder besser: hinein gesogen hat. Einen Tag nach Filmsichtung fällt es mir immer noch nicht leicht, die richtigen Worte für das Gesehene zu finden. Dieses Grasmeer, der Wind… fange ich an und weiß schon nicht weiter. Ich würde gerade lieber Bilder oder Filmausschnitte posten und sagen – schau doch selbst! Und vielleicht breche ich diesen Text deswegen an hier auch einfach ab. An dieser Stelle kann ich erst einmal nur sagen, dass „Onibaba“ ein sehr intensives Filmerlebnis war, eines das nachklingt, und dass ich auch jetzt noch im Bann dieser unglaublichen und schwer zu beschreibenden Bilder bin. Aber schau selbst. Dieses Grasmeer, der Wind..

Übrigens: Der #horrorctober ist mittlerweile keine kleine Sache mehr. Die durch Initiative von Kontroversum-Kollege Patrick entstandene Aktion hat viele Mitstreiter gefunden. Hier gibt es eine (unvollständige) Liste der Leute, die mitmachen, mit Links zu ihren Blogs und Letterboxd-Accounts.

Bild © Eureka Entertainment
 

Suspiria (Dario Argento, Italien 1977)

Posted by – 20. September 2013

suspiria2Neulich haben wir im Rahmen unseres mehr oder weniger regelmäßigen Videoabends schon zum zweiten Mal Dario Argentos monumentalen „Susiria“ gesehen. Und gestern, kaum einen Monat später, hatte ich gleich noch einmal an anderem Orte die Gelegenheit ihn in Groß zu erleben. Und „erleben“ ist hier genau das richtige Wort.

Auf der reinen Handlungsebene passiert in „Susiria“ recht wenig: Der Film handelt von Suzanne Banyon (Jessica Harper), die nach Freiburg reist, um dort Ballettunterricht zu nehmen. Doch schon bald häufen sich die unheimlichen Vorkommnisse in der Ballettschule und Suzy beginnt zu ahnen, dass in dem Gebäude dunkle Mächte am Werk sind. Ich habe vor ein paar Jahre auf Filmstarts.de schon einmal etwas zu dem Film geschrieben. Die Kritik beginnt mit dem Satz: „Manche Filme muss der Zuschauer erleben, um sie zu begreifen“.  Auch heute denke ich noch, dass einen Film von Argento zu verstehen nicht heißen kann, ihn zu analysieren und so eine den Bildern innewohnende, tiefere Bedeutung ans Tageslicht zu befördern. Nicht, dass sich auf diesem Wege  auch die eine oder andere Erkenntnis gewinnen ließe. Doch so ginge auch etwas verloren, etwas das seine Kraft vor allem erst auf sub-rationaler Ebene entfaltet. Man muss wie Alice dem Kaninchen in den Bau folgen bzw. sich wie Suzanne in die Ballettschule wagen. Einen Argento-Film zu verstehen, heißt für mich, sich dem Seherlebnis zu öffnen und dann nach innen zu fühlen. Dem einen erleichtert dies vielleicht ein alkoholisches Getränk, dem anderen die Inhalation indianischer Zauberkräuter. Auch ein kleiner Fieberschub schadet dem Filmgenuss sicher nicht. Was mir diesmal noch einmal in besonderem Maße bewusst geworden ist, ist, wie die verschiedenen Bestandteile des Films, die Kamera, die den Blick des Zuschauers führt, das Licht, die Farbkompositionen und natürlich die Musik der Progrock-Band Goblin ein Eigenleben führen. In manchen besonderen Momenten kommt mir der Film dann weniger vor wie ein einzelnes sakrales Monument, sondern wie etwas, das vielen uralten, lebenden Wesen besteht, wie in sich verschlungene Drachen, die sich nach tausendjährigem Schlaf langsam zu recken und strecken beginnen.

„Suspiria“ ist ein audio-visueller Rausch und wohl als Argentos wichtigsten Film zu bezeichnen, zumindest als denjenigen seiner Filme, dessen Vorzüge sich am leichtesten zeigen, ja, einen förmlich angreifen. Trotzdem, das zeigt mir die mittlerweile fünfte Sichtung, ist er keiner, den man sich schnell satt sieht. Im Gegenteil. Die Erfahrung wird immer reichhaltiger. Man spürt die Drachen immer deutlicher.

 Bild ©  Dragon
 

Killer Joe (William Friedkin, USA 2011)

Posted by – 16. November 2012

Letzte Woche Eklat beim Videoabend. Gastgeber macht „Killer Joe“ aus, weil dieser seiner Meinung nach ein „frauenverachtender Film für ein frauenverachtendes Publikum“ sei. Die anschließende Diskussion bringt uns nicht wieder zusammen. Den Rest des Films musste ich dann zu Hause gucken.

Die Welt, in die „Killer Joe“ den Zuschauer hineinstößt, ist eine schmutzige, eine böse Welt. Chris Smith (Emile Hirsch) hat Schulden, Um an die Lebensversicherung seiner Mutter zu kommen,  heuert der Tunichtgut kurzerhand den Polizisten Joe Cooper (Matthew McConaughey) an, der sich ein Zubrot als Killer verdient. Chris‘ Vater Ansel (Thomas Haden Church) hat nichts dagegen, schließlich soll er etwas von dem Geld abgekommen. Und weil Joe gerne im Voraus bezahlt wird, gibt ihm Chris seine junge Schwester Dottie (Juno Temple) als Pfand. Doch alle habe die Rechnung ohne Chris Stiefmutter Sharla gemacht (Gina Gershon).

Der Zuschauer lernt Chris, Ansel und Sharla skrupellose, aber auch reichlich naive und chaotische Familie kennen und ist wie sie gar nicht mal so wenig froh, dass mit Joe Cooper ein Ordnungselement in die Geschichte tritt, einer, der die Dinge im Griff zu haben scheint. Man schmunzelt über die verpeilte Familie Smith und über den skurrilen Killer Joe. Und während man noch so schmunzelt, merkt man auf einmal, dass das alles so gar nicht zum Lachen ist. Denn Joe ist kein cooler Killer, sondern der absolute Oberarsch. Und die meisten anderen Figuren sind kaum besser.

Der Film ist hochgradig artifiziell, fast schon irreal. Genau wie Friedkins „Bug“ basiert er auf einem Theaterstück von Tracy Letts, der hier auch wieder das Drehbuch geschrieben hat. Friedkin und Letts verstehen es meisterhaft, vermeintlich reale Situationen „kippen“ zu lassen. „Killer Joe“ erinnert ein wenig an Filme wie „A Simple Plan“ oder „The Killer Inside Me“, wobei er beide an  Ruchlosigkeit und Raffinesse hinter sich lässt. Es sind vor allem zwei Szenen, die ich als besonders unangenehm empfunden habe. Ich möchte diese Momente hier nicht spoilern, aber trotzdem eine Warnung an alle Zartbesaiteten und solche aussprechen, die auf der Suche nach einem guten First-Date-Movie sind. Und ich möchte noch einmal zu der Frage zurückkehren, ob „Killer Joe“ ein „frauenverachtender Film“ ist – oder nicht. Meiner Meinung nach ist er das nicht. Auch wenn ein Großteil der impliziten und expliziten Gewalt gegen Frauen gerichtet ist, ist dies für mich kein ausreichender Grund. Es kommt ja auf die Art der Darstellung an. Ist die Gewalt  beschönigend dargestellt? Wird sie in irgendeiner Art und Weise gerechtfertigt? Wird die Frau auf die Rolle des Opfers reduziert? Alle diese Fragen würde ich mit nein beantworten. Die Gewaltdarstellungen des Films sind nicht leicht zu ertragen, die Frauenfiguren des Films sind weder weniger vielschichtig als die der Männer noch werden sie auf die Rolle des Opfers festgelegt. Im Gegenteil scheint mir die Täter/Opfer-Verteilung des Films ziemlich komplex zu sein. Ich weiß nicht, ob die hier vorgeschlagenen Kriterien schon zur Beurteilung ausreichen, ob ein Film eine verächtliche Einstellung gegen bestimmte Personengruppen an den Tag oder nicht. Aber mit ihnen geht es schon mal besser als ohne.

Doch auch, wenn ich keine misogyne Tendenzen erkennen kann, ist „Killer Joe“ für mich ein wahres Fäkalbad von einem Film, ein hundertminütiger Tauchgang durch die Kloake. Gemein wird das Ganze dadurch, weil man sich dieser Tatsache erst gegen Ende des Films bewusst wird. Doch dann ist es zu spät. Man(n) fühl sich schmutzig. Die Katharsis bleibt aus.

Bild © WVG Medien
 

Hellraiser (Clive Barker, UK 1987)

Posted by – 28. September 2012

„This isn’t for your eyes!“

Gestern war wieder Videoabend. Und jetzt habe ich endlich mal Clive Barkers „Hellraiser“ auf großer Leinwand gesehen. Was für ein Vergnügen!

Abenteurer Frank (Sean Chapman) erwirbt eine Puzzelbox, doch statt Lust bringt sie ihm nur Frust bringt und befördert ihn direkt in die Hölle. Ein paar Monate später ziehen Franks Halbbruder Larry (Andrew Robinson) und dessen Frau Julia (Clare Higgins) in das Haus in dem Frank verschwand. Sie ahnen nicht, dass Frank gar nicht fort ist, sondern als untotes Geschöpf zwischen den Sphären vor sich hin vegetiert. Doch ein Tropfen Blut gibt Frank die Kraft, wieder zurückzukommen…

Ich will jetzt gar nicht lange den Blog volljuchzen. Ich habe mich vor einiger Zeit schon auf Filmstarts ausführlich über dieses Kleinod ausgelassen. Vielleicht nur soviel: Einige kleinere Schwächen – z.B. die gestelzten Dialoge, das hölzerne Schauspiel (von quasi jedem außer Clare Higgins) oder die nicht immer gelungenen Spezialeffekte – muss man gar nicht wegdiskutieren. Ich zumindest sehe da keinen Sinn drin. Sie sind da. Aber sie spielen keine Rolle. Der Film hat eine solche Ausstrahlung, ist sinnlich, schlau und furchteinflößend, dass er mich bisher jedes Mal wieder gepackt hat. „Hellraiser“ bleibt für mich einer der interessantesten Horrorfilme – und zwar weil der Horror hier einem elementaren Gefühl entspringt: Der Sehnsucht

Also, guckt alle schnell diesen Film. Or: „your suffering will be legendary, even in hell.“

Bild © Boulevard Entertainment
 

Footprints On The Moon (Luigi Bazzoni, Italien 1975)

Posted by – 9. Juni 2012

Erfreulicherweise haben wir es geschafft, unseren Videoabend wiederzubeleben. Da treffen wir uns zu dritt oder zu viert, essen was Leckeres und schauen danach bei einem Gläschen Chatreuse einen Film auf großer Leinwand. Letzte Woche war dann „Footprints On The Moon“ (OT: Le Omre) an der Reihe.

Immer wieder träumt Alice Cespi (Florinda Bolkan) von einem Film, in dem ein Astronaut auf dem Mond zurückgelassen wird. Selbst Beruhigungsmedikamente helfen ihr nicht. Als sie eines Tages zur Arbeit kommt, erfährt Alice, dass sie anscheinend seit ein paar Tagen gefehlt hat. Wo sie in der Zwischenzeit war, weiß die verunsicherte Frau allerdings nicht. Eine Postkarte, die Alice in ihrem Mülleimer findet, führt sie schließlich auf die türkische Insel Garma. Überrascht muss sie feststellen, dass man sie hier anscheinend kennt.

Derzeit versuchen wir beim Videoabend, uns in die Welt des Giallo einzusehen. Bei  „Footprints On The Moon“ mussten wir dann aber feststellen, dass wir es nicht mit einem typischen Vertreter besagten Genres zu tun hatten. Was nicht weiter schlimm war, denn Bazzonis Film entpuppte sich allem Schubladendenken zum Trotz als düstere Variante des „Alice im Wunderland“-Themas und als wunderbar trauriges Filmerlebnis. Und das aus mehreren Gründen. Zum einen ist der Handlungsverlauf kaum vorhersehbar. Manch einer mag eine vage Ahnung haben – wie alles schlussendlich zusammenhängt, ist dann aber wirklich überrascht. Zum zweiten versteht es Bazzoni meisterhaft, für Atmosphäre zu sorgen. Selten war Einsamkeit so spürbar. Mit den grellen Stilmitteln normaler Gialli hat das alles nichts zu tun. Schon eher orientiert sich Bazzoni bei „Footprints“ an der Stimmung älterer Gruselfilme, meidet es allerdings geschickt, zu dick aufzutragen. Ein weiterer Grund, den Film zu mögen, ist Florinda Bolkan. „Footprints“ ist nach „A Lizard in a Woman’s Skin“ erst der zweite Film, den ich mit ihr sehe, aber schon jetzt glaube ich sagen zu können, dass es sich um eine ganz hervorragende Darstellerin für Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs handelt. Zu guter Letzt – und das ist es, was mich an diesem Film am meisten fasziniert hat – ist es Bazzonis Art, das Thema anzugehen. Ich habe mich schon immer für die unterschiedlichen Darstellungsformen psychischer Erkankungen interessiert, welche die sogenannte Realität als Konstrukt denunzieren. „Footprints“ geht hier erfrischend eigene Wege.

Zum Schluss bekommt der Zuschauer ein besseres Verständnis dafür, was es mit Alices Träumen auf sich hat. Was genau die neu enthüllten Informationen allerdings bedeuten, bleibt ein Geheimnis. Für mich war der Film deswegen nach dem Abspann noch lange nicht vorbei.

 Bild © Shameless
 

The Perfume Of The Lady in Black (Francesco Barilli, Italien 1974)

Posted by – 6. Mai 2012

Hiermit bringe ich die Reihenfolge der Texte in diesem Blog durcheinander. Eigentlich möchte ich meine Gedanken direkt nach Filmsichtung notieren, damit der Eindruck möglichst frisch ist. Im Falle von Francesco Barillis Debüt „The Perfume Of The Lady in Black“ (OT: Il profumo della signora in nero) sind jetzt allerdings schon mehrere Wochen vergangen, dass wir ihn im Rahmen unseres wiederbelebten Videoabends gesehen haben, und ich merke, dass meine Erinnerung schon jetzt sehr blass geworden ist. Trotzdem möchte ich den Film, der mir insgesamt gut gefallen hat, nicht ohne ein paar Worte davon kommen lassen.

„The Perfume Of The Lady in Black“ handelt von Silvia Hacherman (Mimsy Farmer), die eines Abends im Spiegel eine fremde Frau erblickt. Doch das ist erst der Anfang einer Reihe unheimlicher Erlebnisse, mit denen sie konfrontiert werden wird. Haben ihre zwielichtigen Freunde etwas damit zu tun? Oder verliert Silvia einfach den Verstand?

Ich bin ein bisschen hin- und hergerissen bei diesem Film. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich bisher nichts dazu geschrieben habe. „The Perfume Of The Lady in Black“ beginnt angenehm langsam und es dauert ein wenig, bis der Zuschauer die Stoßrichtung des Films erkennt und sich die unheimlichen Vorzeichen häufen und schließlich in einem splattrigen Finale kulminieren. Was mir gefallen hat: Mimsy Farmer. Anfangs wirkt ihre Figur Silvia noch selbstbewusst, mit beiden Beinen im Leben stehend, doch nach und nach entgleitet ihr die Realität. Man kann sich an Polanskis „Ekel“ (Frau dreht durch), „Rosmaries Baby“ (zwielichtige Freunde und Nachbarn) oder auch gelegentlich an Hitchcocks „Psycho“ erinnert fühlen. Ich musste auch sofort an „Spasmo“ denken, auch wenn die Atmosphäre beider Filme völlig unterschiedlich ist. Doch zwischen Christian und Silvia gibt es einige Parallelen. Ebenfalls wunderbar bei „The Perfume Of The Lady in Black“ ist die Inneneinrichtung der Räume, die einem das Gefühl vermittelt, auf einem Drogentrip zu sein. Und das passt ja auch zur Geschichte. Nicht so gut gefallen haben mir die anderen Figuren, z.B. Roberto (Maurizio Bonuglia), Silvias Lover, dem man anmerkt, dass er in dem Film eigentlich gar keine richtige Funktion erfüllt. Kein Wunder: In den Extras der DVD erfährt man, dass sein Charakter nachträglich in das Drehbuch integriert wurde. Als Romantic Interest war er ein Zugeständnis an das finanzierende Studio. Aber auch die Wendung, die der Film ganz am Ende nimmt, esist mir nicht ganz geheuer. Sicherlich, das Thema Schwarze Magie wurde schon vorher angesprochen, das Finale war für meinen Geschmack etwas zu abgehoben und losgelöst vom Rest.

Im Moment ist „The Perfume Of The Lady in Black“ für mich ein sehr eigener Film und eine interessante, visuell ansprechende Mischung aus Giallo, Psychothriller und Okkultismusspuk – wobei auf den letzten Aspekt meinethalben hätte verzichtet werden können. Eine abschließende Meinung kann ich mir gerade noch nicht bilden.

Bild © Raro Video / Nocturno
 

Don’t Look Now (Nicolas Roeg, UK / Italien 1974)

Posted by – 5. Mai 2012

„Unter allen Leidenschaften der Seele bringt die Traurigkeit am meisten Schaden für den Leib.“ (Thomas von Aquin)

Das Familienglück von Laura (Julie Christie) und John Baxter (Donald Sutherland) wird jäh zerstört als ihre kleine Tochter Christine (Sharon Williams) ertrinkt. John hatte das Unglück kommen sehen, konnte aber nicht schnell genug eingreifen. Um ihre Trauer zu verarbeiten, reisen die beiden Eheleute nach Venedig, wo John die Restauration einer Kirche übernimmt. Ihr Sohn Johnny (Nicholas Salter) bleibt in England. Dann lernen John und Laura zwei alte Damen kenn, die behaupten, sie ständen in Kontakt zur toten Tochter.

„Don’t Look Now“ (der zur Abwechslung mal einen schönen deutschen Titel abgekommen hat) ist ein Film über Tod, Traurigkeit und Vorahnung. Schon am Anfang, als John sich Fotos ansieht, entdeckt er auf einem Bild etwas, das ihn misstrauisch macht. Er spürt, dass seine Tochter in Gefahr ist, ahnt zu dem Zeitpunkt aber noch nicht, dass dieses Bild gleichzeitig die Schablone für sein eigenes Schicksal ist. Wie auch „Die Vögel“ beruht Nicolas Roegs Film auf einer Kurzgeschichte von Daphne du Maurier und wie auch dort, geht es in „Don’t Look Now“ im weitesten Sinne darum, wie unsere Realität auf eine andere Wirklichkeit trifft, eine, in der die Regeln und Gesetze, die unser Leben strukturieren und ihm Sicherheit geben, nicht mehr gelten. Wie den Protagonisten in Roegs Film wird auch dem Zuschauer unmerklich der Boden unter den Füßen weggezogen. Dass das Übersinnliche eine Rolle spielt, wird durch die beiden alten schottischen Damen, von der eine angeblich das zweite Gesicht hat, schnell klar – wie stark die Wahn und Wirklichkeit  hier allerdings verflochten sind, stellt sich aber erst später heraus.

Roeg ist mit diesem Film etwas Besonderes gelungen. Die beklemmende Schwere der Geschichte, für die das marode Venedig der perfekte Austragungsort ist, die Kraft der einzelnen Szenen, Julie Christie und Donald Sutherland in Bestform, die exzellente Farbdramaturgie, der Schnitt,… – alles ist so wunderbar. Und so schmerzhaft! Zahlreiche Filme vor und nach Roeg haben sich mit dem Thema Schicksal beschäftigt, aber nur wenige haben eine Form gefunden, die Unausweichlichkeit und den damit verbundenen emotionalen Gehalt so gekonnt zu inszenieren. Spätestens am Schluss sieht der Zuschauer, dass der vermeintlich rationale John weit davon entfernt ist, mit dem Tod seiner Tochter Frieden geschlossen zu haben. Er beschwört die Vergangenheit herauf, hält an ihr fest und bestimmt dadurch seine Zukunft. Es ist wie bei den Renovierungsarbeiten, die er fortsetzt, obwohl er weiß, dass es sich um eine Fälschung handelt. Und weil John nicht loslassen kann – metaphorisch vorweggenommen bei seinem Sturz in der Kirche – folgt er am Ende auch dem Killerzwerg, den er für seine Tochter hält. Und stirbt. Die Vorahnung hat sich erfüllt. Eine Träne kullert meine Wange hinab.

Bild © Studiocanal
 

A Lizard in a Woman’s Skin (Lucio Fulci, Frankreich/Italien/Spanien 1971)

Posted by – 24. März 2012

Es ist schon einige Zeit her, dass ich mir das letzte Mal etwas von Lucio Fulci angesehen habe. Mit seinen Splatterfilmen bin ich bisher noch nicht so richtig warm geworden. Und „Don’t Torture A Duckling“ (OT: Non si sevizia un paperino) habe ich irgendwann mal todmüde nachts gesehen, ohne ihn richtig genießen zu können. Jedenfalls war ich schon fast dabei, Fulci unter „nicht mein Ding“ weg zu sortieren. Deswegen bin ich sehr froh, dass ich jetzt die Gelegenheit hatte, seinen Giallo „A Lizard In A Woman’s Skin“ (auch bekannt unter dem Namen „Schizoid“, OT: Una lucertola con la pelle di donna) zu erleben. Nach diesem formidablen Film habe ich große Lust, mich im Werk von Fulci noch etwas weiter umzutun.

Wenn Carol Hammond (Florinda Bolkan) träumt, dann von ihrer Nachbarin Julia (Anita Strindberg). Julia führt ein ausschweifendes Leben, während Carol, Tochter eines angesehenen Politikers (Leo Genn), in einer Ehe mit ihrem Mann Frank (Jean Sorel) fest sitzt. In ihren erotischen Träumen haben die Frauen ein Verhältnis – bis die Stimmung umschlägt und Carol Julia ersticht. Und anscheinend nicht nur im Traum: Auch im wirklichen Leben wurde  Carols Nachbarin umgebracht..

Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Giallotypisch werden dem Zuschauer eine Reihe von Verdächtigen präsentiert. Ist Carol selbst die Täterin? Hat ihr Mann etwas damit zu tun?  Oder ihre Tochter? Oder vielleicht ihr Vater? Auch Carols Psychiater, dem die Frau ihre Träume erzählte, wirkt nicht ganz unverdächtig. Oder war es doch der rothaarige Hippie, dem recht schnell ein Geständnis zu entlocken ist? Man weiß es nicht. Und das gehört sich in einem Giallo ja auch so. Sicherlich trägt auch bei „A Lizard In A Woman’s Skin“ das Rätsel um die Frage, wer denn nun die Nachbarin ermordet hat, viel zur Spannung des Films bei. Zumal die Story hier – im Gegensatz zu manch anderen Gialli – nicht bloßes Beiwerk ist. Trotzdem, auch wenn die Substanz stimmt, die psychologische Geschichte erzählenswert ist, ist der Stil, den Lucio Fulci hier offenbart, Wahnsinn. Dario Argento („Deep Red“) wird – zu recht – für sein Stilbewusstsein über den Klee gelobt, aber genauso oft für seine flachen Geschichten kritisiert. Was Fulci und Kameramann Luigi Kuveiller (übrigens auch Kameramann bei Argentos „Deep Red“) hier zeigen, muss sich hinter keinem Film von Argento und wahrscheinlich auch keinem anderen Giallo verstecken.

Es sind nicht nur eine Handvoll guter bis großartiger Szenen – wie Carols Traum zu Beginn des Films, oder die grandiose Fluchtsequenz, die von atemraubenden Settings bis zu surrealen Szenen (Stichwort Hunde) alles bietet –, sondern es ist der durchweg anspruchsvolle „Kitt“, der die Highlights zusammenhält und den Film als Ganzes, stimmig, anspruchsvoll und visuell berauschend macht. Hier trüben keine mäßigen Darstellerleistungen den Gesamteindruck. Florinda Bolkan („Don’t Torture A Duckling“) reißt nichts an sich. Mich hat ihr Spiel dennoch gefesselt, irgendwas ging von ihr aus, das mich durch den Film geführt hat und sie, trotz ihrer Zurückhaltung zum körperlichen und geistigen Zentrum der Geschichte gemacht hat.

Letztlich faszinierte mich an „A Lizard In A Woman’s Skin“ auch, dass ich mir zum Schluss nur zum Teil erklären konnte, was genau ich an ihm eigentlich so gut finde. Zumindest nach dem ersten Sehen wirkt er, als wäre er mehr als die Summe seiner Teile. Die Geschichte ist komplex und die Bilder scheinen nicht immer die Wahrheit zu erzählen, es bleibt Unsicherheit darüber, was man eigentlich gesehen hat, was stimmt und was nicht, was Traum, was Wirklichkeit war. Ich persönlich mag diese Offenheit sehr gerne, sie führt dazu, dass ich länger über den Film nachdenke, ihn wirken lasse, mir Fragen stelle, auf ihn zurück komme. All das ist bei „A Lizard In A Woman’s Skin“ der Fall. Und zusätzlich gehen mir einige der Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Ohne den Film jetzt hier nach einer ersten Sichtung abfeiern zu wollen – was will man mehr?

Bild © Umbrella