Tag: Vincenzo Natali

Cube (Vincenzo Natali, Kanada 1997)

Posted by – 21. Mai 2015

CubeEingesperrt zu sein – das gehört wohl zu den furchtbarsten Erfahrungen überhaupt. Dass sich das klaustrophobische Gefängnis dann aber noch als bösartige Todesfalle entpuppt, macht die Sache natürlich nicht besser.

Sechs Menschen erwachen in einem Raum. Dieser hat die Form eines Kubus. Sechs Türen an jeder Seite führen in andere Räume, die dem vorherigen bis aufs Haar zu gleichen scheinen. Keiner der Verschleppten hat eine Ahnung, wie er in dieses Labyrinth geraten konnte und jeder versucht anders mit der Situation zurecht zu kommen. Ausbrecherkönig Rennes (Wayne Robson) will sich lieber alleine durchschlagen, die hochbegabte Matheschülerin Leaven (Nicole De Boer) hat einfach nur Angst, der Architekt und Zyniker Worth (David Hewlett) sitzt apathisch da und scheint keinen Überlebenswillen zu besitzen. Die Ärztin Holloway (Nicky Guadagni) sorgt sich vor allem um ihren Mitgefangenen, den Autisten Kazan (Andrew Miller). Cop Quentin (Maurice Dean WInt) will die Gruppe zusammenhalten. Der Zusammenhalt ist bitter nötig, denn bald stellen die Gefangenen fest, dass hinter jeder Tür eine Todesfalle lauern kann.

Manchmal gibt es Filmerlebnisse, die keiner so richtig mitbekommt. Vincenzo Natalis „Cube“ ist so ein Fall. Sein Film aus dem Jahre 1997 ist nicht nur ein unglaublich intensiver, schwer erträglicher klaustrophobischer Alptraum, sondern ebenso ein intellektuelles Puzzlespiel, das Sozialpessimismus mit ätzender Zivilisationskritik verbindet. Die Genialität seiner düsteren, bis ins Kleinste durchgeplanten Technologieparabel, die einst auf dem Fantasy Filmfeste für Furore sorgte, sprach sich erst nach und nach auch in größeren Kreisen herum. Mich hat er damals jedenfalls von den Socken gehauen.

Während die Protagonisten einen Moment brauchen, bis sie ihre nahezu aussichtslose Lage erkennen, weiß der Zuschauer bereits nach dem Intro, welches mörderische Potenzial das kubusartige Gefängnisses hat. Wie schlimm alles wirklich ist, dürfte damals wie heute auch die eingefleischtesten Genre-Kenner überrascht haben bzw. überraschen. Doch „Cube“ vorschnell als reinen Genrefilm abzustempeln, wird ihm nicht gerecht. Mögliche Kritikpunkte, wie das übertriebene Acting oder die teilweise artifiziell wirkenden Dialoge passen in gewisser Weise gut zu seiner theaterhaften Künstlichkeit. In mancherlei Hinsicht erinnert er an Jean-Paul Sartres Stück „Geschlossene Gesellschaft“, ohne ganz in dessen Beziehungs-Nihilismus zu erschöpfen. Auch hier sind die Figuren, bzw. die Chemie zwischen ihnen, der eigentlich Spengstoff. Dass der Mensch des Menschen Wolf ist, ist meiner Meinung nach trotzdem nur ein Nebenaspekt des Films. In der Schreckensformel dieses Konstrukts sind Individuen lediglich ein Teil der Gleichung. Es ist der „grenzenlose, menschliche Stumpfsinn“ für dessen Realität der Kubus ein Existenzbeweis ist.

Warum passiert das alles? Warum gibt es den Würfel und warum wurden Menschen in ihn verschleppt? Vincenzo Natalis Antwort ist gleichermaßen unbefriedigend wie einfach und bitter: Weil es möglich ist. Oder um es mit einem Zitat aus dem Film zu sagen: „Why put people in it?“ „Because it’s here. You have to use it or admit it’s pointless.“ „But IT IS pointless“ „That’s my point“.

Bild © Highlight

Splice (Vincenzo Natali, Kanada, Frankreich, USA 2009)

Posted by – 16. November 2013

spliceNormalerweise schreibe ich die Texte hier im Blog kurz nach dem Sehen der Filme. Im Falle von Vincenzo Natalis „Splice“ sind nach der zweiten Sichtung nun schon mehr als drei Jahre vergangen. Angeregt durch eine Diskussion über den Regisseur und vor allem diesen Film, möchte ich jetzt doch noch einmal ein paar Sätze aufschreiben. Vielleicht führt das dazu, dass der eine oder andere „Splice“ noch einmal eine Chance gibt. Obwohl  Natali 1997 mit „Cube“ einen künstlerisch bemerkenswerten und an den Kinokassen durchaus erfolgreichen Film abgeliefert hat, ist er immer noch kaum mehr als ein Geheimtipp. Daran haben auch die folgenden Spielfilme – der clevere Sci-Fi-Thriller „Cypher“ und die philosophische Komödie „Nothing“ – wenig geändert. Und auch mit dem doppelbödigen Monsterfilm „Splice“ ist Natali weder der kommerzielle Durchbruch noch der Einzug ins Herz der meisten Cineasten gelungen – was mir damals wie heute ein Rätsel ist.

„Splice“ handelt von den Biowissenschaftlern Clive (Adrian Brody) und Elsa (Sarah Polly), die für ein Pharmaunternehmen arbeiten. Dem Paar ist es nicht nur gelungen, ein geklontes Lebewesen zu erschaffen, das für die Produktion von Medikamenten dient, sondern heimlich auch Tier- und Pflanzengenen mit menschlichen Genen zu kreuzen. Das Ergebnis: Ein humanoides Hybridwesen. Da das Wesen, das die beiden Forscher Dren nennen, im Forschungslabor nicht sicher ist, entführen die Wissenschaftler ihre Schöpfung kurzerhand und verstecken es in Elsas Geburtshaus, einer abgelegenen Hütte im Wald. Doch Dren ist nicht nur ein Forschungsobjekt, sondern hat ganz eigene Wünsche und Bedürfnisse.

Die Nähe zu Mary Shellys „Frankenstein“ ist unübersehbar, aber es ließen sich noch eine ganze Reihe anderer Filme nennen, auf die Natali – mal mehr, mal weniger explizit – Bezug nimmt. Man kann „Splice“ also mit Recht als eine Art Best Of des Monsterfilms bezeichnen, und das Finale ist dann auch eine ganz deutliche Verbeugung an die Filme der Hammer Studios der 1950er Jahre. Doch Natali will mehr als das. Aus den Versatzstücken des Genres kreiert er eine Groteske über eine dysfunktionale Familie, die ihre Wünsche auf ihr Kind projiziert (in gewisser Weise ist „Frankenstein“ das ja auch schon) und damit ein Monster erschafft: Elsa selbst stammt aus problematischen Verhältnissen und hat deswegen Angst, ein eigenes Kind zu bekommen. In Dren sieht sie nun die Chance, sich als Mutter auszuprobieren. Clive hingegen hätte das Wesen anfangs am liebsten getötet, doch je mehr das Experiment die Gestalt einer jungen, exotischen Frau annimmt, desto mehr fühlt er sich zu ihr hingezogen. Und irgendwann ist es eigentlich gar nicht mehr so klar, wer hier eigentlich das Monster ist. Die weniger bekannte französische Darstellerin Delphine Chaéac macht ihre Sache als Dren nebenbei bemerkt sehr überzeugend. Wie die postmodernen Eltern des Films erlebt auch der Zuschauer durch sie ein Wechselbad der Gefühle. Nicht nur den ausgeklügelten Special Effects, sondern auch Chaéac hat Natali es zu verdanken, dass er mit Dren (rückwärts für „Nerd“) ein Filmmonster erschaffen konnte, das seinesgleichen sucht.

Mein einziger Kritikpunkt am Film wäre, dass er etwas zu sehr auf das Ziel, weniger auf den Weg dahin ausgerichtet ist. Deswegen macht er vielleicht auch besonders beim ersten Sehen Spaß. Ein starker Film, bei dem es auch bei mehrmaligem Sehen etwas zu entdecken gibt, ist „Splice“ nichtsdestotrotz. Natali untermauert mit ihm seinen Ruf als intelligenter, vielseitiger und meiner Meinung nach sträflich unterschätzter Filmemacher, der nicht nur spannende, sondern auch tiefgründige Geschichten erzählen kann und darüber hinaus alle Register des Genre-Kinos beherrscht. Seltsamer Weise scheinen das andere Menschen anders zu sehen.

P.S. Das erste Mal habe ich „Splice“ auf Fantasy Filmfest Nights 2010 gesehen. Text von damals gibt’s hier.

Bild © Universum
 

Fantasy Filmfest 2013 (1)

Posted by – 25. August 2013

fff13

Ich schaue mir wieder einiges auf dem Fantasy Filmfest an. Hier werde ich in den kommenden Tage ein paar Sätze zu den gesehenen Filmen posten. Zunächst zu Tag eins und zwei.

The Philosophers (John Huddles, USA 2013)

Ein Teilbereich der Philosophie beschäftig sich mit der Frage: „Was sollen wir tun?“ John Huddles treibt dies in seinem Film „The Philosophers“ ins Extreme und lässt eine Philosophieklasse in Gedankenexperimenten überlegen, wie sie sich im Falle eines Atomkriegs verhalten würden: Der rettende Bunker hat nur für eine begrenzte Anzahl von Personen Platz. Wer darf hinein? Und wer ist verzichtbar? Ich bin sehr angetan davon, wie Huddles es schafft, sein „Kopfkino“ stets spannend zu halten und zum Schluss sogar noch Emotionen als der prä-rationale Ur-Grund zu identifizieren, der jedes Denken bedingt und jede Entscheidung mindestens ebenso stark beeinflusst wie ein kühl durchdachtes Argument. Da verzeihe ich dem Film ein paar platte Exkurse in die Küchenphilosophie gern. Mehr von mir dazu im AGM-Blog.

 Haunter (Vincenzo Natali, Kanada 2013)

„Groundhog Day“, „The Others“, A Nightmare On Elm Street“, „Shining“, „Twin Peaks“, Nothing“, „Sinister“,… – Vincenzo Natalis „Haunter“ kommt am Anfang ein wenig wie ein Best-Of des Fantastischen Films der letzten 50 Jahre daher, entpuppt sich aber im Verlauf als etwas ganz Eigenes, ein wilder Ritt durch verschiedene Zeitebenen und Genres sowie ein Dekaden überspannender Geisterkrimi der etwas anderen Art, in dem ein junges, mutiges Gespenst seinen Mörder stellt. Ich halte Natali für einen sehr vielseitigen und außergewöhnlich einfallsreichen Filmemacher, der sich seinen Sujets stilistisch virtuos aber gleichwohl variable nähert. Und trotzdem deutet sich mittlerweile die – meist technisch, in diesem Fall aber metaphysisch induzierte – Iteration von Identität(en) als Natalis Kernthema an. In dieser Hinsicht erinnert er fast ein wenig an seinen kanadischen Kollegen David Cronenberg. Und ich muss sagen, ich mag das! Eine Anmerkung noch zu „Haunter“, der mir insgesamt ganz ausgezeichnet gefallen hat: Die Hauptdarstellerin Abigail Breslin – mit der habe ich bis zum Schluss leider etwas gefremdelt.

Devil’s Pass (Renny Harlin, USA, UK, Russland 2013)

Ich mag Berg- und Schnee-Filme. Mit Renny Harlins „Devil’s Pass“ (aka: The Dyatlov Pass Incident) bin ich allerdings nicht glücklich geworden. Fünf Studenten aus Oregon machen sich auf nach Russland, um den bis heute ungeklärten Tod von neun Ski-Wanderern im nördlichen Ural aus dem Jahr 1959 zu untersuchen. Dabei müssen sie allerdings schnell feststellen, dass es am Hang des Berges Cholat Sjachl nicht mit rechten Dingen zugeht. Zuerst spielen GPS und Kompass verrückt, dann entdecken sie Fußspuren und eine abgeschnittene Zunge und schließlich den Eingang zu einem Bunker. Seltsam, die Bunkertür lässt sich nur von außen öffnen… In seinen besten Momenten erinnert „Devil’s Pass“ an eine Mischung aus „Blairwich Project“ und „Lost“, wirklich gute Ideen kommen allerdings nur in homöopathischen Dosen vor. Schön, dass das alles auf wahren Begebenheiten beruht, ärgerlicher als die hanebüchene Auflösung des Ganzen ist allerdings Harlins Versuch, die Geschichte aus (pseudo-)dokumentarischem Material zusammenzusetzen. So ungekonnt habe ich das noch nicht gesehen, also echt jetzt! Bleibt zu hoffen, dass wir das alles auch bald hinter uns haben. Jedenfalls arbeiten Filme wie „Devil’s Pass“ hart daran, dass  bald aber auch wirklich niemand mehr „Found Footage“ sehen will.

Raze (Josh C. Waller, USA 2013)

Auf nahezu jedem Fantasy Filmfest gibt es einen Film, der heftige Kontroversen auslöst.  „Raze“ von Josh C. Waller, ein Film über Frauen, die gezwungen sind, sich in illegalen Wettkämpfen zu Tode zu prügeln, könnte der diesjährige Kandidat sein. Handwerklich ist Wallers Film jedenfalls exzellent gearbeitet. Die Farbdramaturgie und der Scores haben mich ein wenig an Vincenzo Natalis „Cube erinnert. Inhaltlich sehe ich eher Parallelen zu „Martyrs“. Ob „Raze“ auf maximalen Effekt ausgerichtete Exploitation ist oder ein Film, über den es sich länger nachzudenken lohnt – das habe ich bis jetzt noch nicht entscheiden können. Ein intensives Kinoerlebnis war er ohne Frage. (Eine längere Kritik von mir gibt’s hier.)

Bild © Fantasy Filmfest