Tag: Visionen

Visions (Kevin Greutert, USA 2015)

Posted by – 19. April 2016

Da hat mal wieder wer Visionen: Eveleigh (Isla Fisher) ist verwickelt in einen Unfall, bei dem eine andere Familie ihr Baby verliert. Um das Trauma zu überwinden zieht sie mit ihrem Ehemann David (Anson Mount) auf ein Weingut nach Kalifornien zieht. Kaum dort angekommen wird sie von Visionen heimgesucht. Doch während ihr Mann sowie ihr Arzt (Jim Parsons) ihre Wahrnehmungen auf eine Schwangerschaftsdepression schieben, hat Eveleigh einen anderen Verdacht und stellt Nachforschungen an. – „Visions“ von Kevin Greutert ist kein guter Film. Aber interessant ist er irgendwie doch, weil hier Form und Inhalt auf frappierende Weise auseinanderklaffen und so, vermutlich unabsichtlich, den Twist im Finale gleich noch einmal überraschender machen. Wer hätte gedacht, dass der von Greutert so plump inszenierte Film nach einem auch nicht gerade preisverdächtigen Drehbuch von L.D. Goffigan und Lucas Sussman eine eigentlich ganz schöne Idee zugrunde liegt. Schade, dass „Visions“ niemand mit etwas mehr Sachverstand in die Hand genommen hat, da wäre mehr drin gewesen. Und apropos mehr: Auf Kino-Zeit.de schreibe ich etwas mehr dazu.

The Psychic (Lucio Fulci, Italien 1977)

Posted by – 20. März 2016

The PsychicUnter einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung versteht man eine Vorhersage, die nur deswegen eintritt, weil sie ausgesprochen wurde. So ergeht es auch Virginia (Jennifer O’Neill) in Lucio Fulcis „The Psychic“ (OT: Sette note in nero), die eines Tages die Vision eines Mordes an einer Frau hat. In der Villa ihres Mannes Francesco (Gianni Garko) erkennt sie Fragmente daraus wieder – und ruft die Polizei. Diese findet eine eingemauerte Leiche. Allerdings ist das nicht die Frau aus Virginias Vision. Zusammen mit dem Parapsychologen Luca Fattori (Marc Porel) stellt sie Nachforschungen an, bis sie der Wahrheit gefährlich nahe kommt…

Seit zwei Jahren lag eine DVD von Luci Fulcis „The Psychic“ bei mir ungesehen im Regal. Dabei gab es in letzter Zeit kaum einen Film, auf den ich mich mehr gefreut habe. Warum das lange Warten? Ich hatte mir den Film dooferweise in der RC1-Version gekauft, die meine Playstation leider nicht abspielen kann. Auf der letzten Filmbörse habe ich mir dann das Mediabook aus dem Hause „84 Entertainment“ von „The Psychic“ bzw. „Die sieben schwarzen Noten“, wie er hierzulande heißt, gegönnt. Das hat sich als ausgezeichnete Entscheidung herausgestellt, denn es ist bestimmt auch der an Extras reichen Veröffentlichung (vor allem dem Audiokommentar von Marcus Stiglegger) zu verdanken, dass ich den Film nicht nur nett, sondern schlussendlich sogar ziemlich gut, wenn nicht sogar toll fand.

Von Beginn an hat „The Psychic“ einen ganz eigenartigen Sog. Eigenartig deswegen, weil ich ihn zuerst gar nicht richtig wahrgenommen habe, sondern erst am Ende – vielleicht sogar erst richtig, als der Film schon vorbei war. Man kann den Zuschauer in gewisser Hinsicht mit der Protagonistin vergleichen, der, wie Virginia in ihrer Vision, irgendwie in diesem Film gefangen, ihm sozusagen ausgeliefert ist. „The Psychic“ hat in mehrfacher Hinsicht etwas Geschlossenes. Die Protagonistin ist ganz mit ihren Nachforschungen befasst, diese „Welt“ verlässt sie nie. Doch jedes Puzzleteil des Verstehens, ist gleichzeitig ein Stein, aus dem sie ihr Schicksalsgefängnis baut. Das ist inszenatorisch von Fulci sehr geschickt umgesetzt, so dass sich das Gefühl der Unausweichlichkeit subtil ins Hirn des Zuschauers fräst. Wie die Protagonistin wird auch er wie auf Autopilot durch die Geschichte gezogen, wie sie ahnt auch er zumindest eine Zeitlang nicht, welches Ende die Autoren Dardano Sacchetti und Roberto Gianviti unter der Mithilfe des Regisseurs vorgesehen haben.

Überhaupt ist auch dieser Film Fulcis wieder sehr schön. Durch Gegenlicht-Aufnahmen von Kameramann Sergio Salvati erhalten viele Momente etwas träumerisches, eine ganz eigene Aura und Schönheit, die im Kontrast zu der düsteren Geschichte steht. Gleiches gilt für den stimmungsvollen Score und die einprägsame, Titelmelodie von Franco Bixio, Fabio Frizzi und Vince Tempera. Wie schon in „A Lizard In A Womans Skin“ geht es in „The Psychic“ – das hat er mit mehreren Filmen von Dario Argento gemeinsam – um die Rekonstruktion und anfänglichen Fehlinterpretationen einer Wahrnehmung; und wie auch in Fulcis anderen Gialli ist auch „The Psychic“ wieder ein untypischer Vertreter des Genres, dessen Standards ihm in mehrfacher Hinsicht abgehen, ohne dass dieses Fehlen in irgendeiner Hinsicht ein Mangel wäre. Im Gegenteil, der freie Umgang mit dem Netzwerk an Giallo-Stilismen, macht diesen Film so reich und reizvoll. Und dass er mit der tückischen, sich selbst erfüllenden Prophezeiung bzw. Vision ein – wieder nicht ganz genretypisch – ein echtes Thema hat, das er spannend, originell und formal stimmig umsetzt. Ich sage jetzt auch mal etwas voraus: Wenn das so weiter geht, werde ich noch zum Fulci-Fan..

Bild © 84 Entertainment

Final Destination 3 (James Wong, USA 2006)

Posted by – 29. August 2014

final destination 3Anscheinend  hat mich die Todessehnsucht doch wieder überkommen. Denn trotz der angekündigten  „Final Destination“-Pause hab ich mir jetzt doch den dritten Teil angesehen. Schlecht ist auch der nicht. An seinen großen Wurf aus dem Jahr 2000 reicht James Wong, der wieder auf dem Regiestuhl Platz genommen hat, trotzdem nicht heran.

Auch im dritten Teil dreht sich das Todeskarussell weiter, diesmal ganz wörtlich, denn der Film beginnt auf einem Jahrmarkt. Dort wollen eine Gruppe Teens Achterbahn fahren, doch als Wendy (Mary Elizabeth Winstead) eine Vision von einem Unfall hat und durchdreht, werden sie und ein paar ihrer Freunde von Sicherheitsleuten aus der Achterbahn entfernt. Zum Glück, wie ich herausstellt. Denn der Unfall, den Wendy vorausgesehen hat, passiert wirklich. Ob wirklich Glück? Das ist hier die Frage, denn der Tod lässt sich nicht so leicht austricksen.

Was folgt ist das altbekannte Muster. Die Überlebenden sterben – und das auf grausam skurrile Weise. Mir angetan hat es besonders das besonders fiese Ableben zweier Tussen im Solarium („Dude, are we like the only cool people that come here or what?“), die, auch wenn das jetzt gar nicht so klingt, mir die liebsten Figuren im Film waren. Schade, dass sie gleich die ersten sind, die dran glauben müssen. Aber auch die anderen Figuren des Films haben mir eigentlich ganz gut gefallen. „The people in this movie are some of the stupidest people in the history of movies“, findet Richard Roeper von der  Chicago Sun-Times. Ich hab sie zumindest als die witzigsten der „Final Desitnation“-Reihe empfunden. Es gibt so viele schöne kleine Gags in den Dialogen zwischen ihnen, aber auch mal echtes Gefühl, z.B. bei der kurzen Umarmung zwischen Wendy und Kevin (Ryan Merriman). Das hat mir fast mehr Spaß gemacht als das handelsübliche Gemetzel (welches einfallsreich und brutal wie nie  auch nicht ohne ist).

Das Problem, dass nach Teil eins eigentlich alles erzählt war, macht die zweite Fortsetzung zur Tugend: Hier wird gar nicht erst versucht, eine Geschichte zu erzählen. Im dritten Teil hat das Sterben  eine neue, abstrakte Dimension erreicht.

Persönliches Fazit: Wenn der Teufel ein Eichhörnchen ist, dann ist der Tod eine Tube Mayonnaise.

Bild © Warner Home Video
 

Final Destination 5 (Steven Quale, USA 2011)

Posted by – 9. August 2014

final destination 5So, jetzt habe ich auch den fünften Teil gesehen und muss eingestehen, viel mehr als hier und hier geschehen, kann ich zu der Final-Destination-Reihe nicht mehr sagen. Dazu sind sich die Filme zu ähnlich. Deswegen fasse ich mich kurz: In „Final Destination 5“ von Steven Quale schließt sich der Kreis des Todes: Nachdem ein paar junge Leute einem Brückenunglück nur knapp entkommen sind, holt sich der Sensemann dennoch einen nach dem anderen in gewohnt einfallsreicher Manier: Ob bei der chinesischen Massage, in der Sporthalle oder  beim Augenarzt – niemand ist sicher. Am Ende sitzen nur die beiden glücklichen Überlebenden in einem Flugzeug auf den Weg nach Paris. Leider ist es das Flugzeug, dass am Anfang des ersten Teils abstürzt.

„Final Destination 5“ ist im Wesentlichen so, wie die anderen Teile, Innovationen sucht man vergebens, doch hat er mir zumindest – verglichen mit dem zweiten Teil – wieder etwas besser gefallen. Die Tode sind einfallsreich und eklig, wenn man wie ich nicht gerade Fan von Augenoperationen ist, fällt es bei einer Szene schon schwer, die ganze Zeit hinzugucken. Auch der Score von Brian Tyler hat außergewöhnlich gut gefallen, er hat zu einer irgendwie entspannten Atmosphäre beigetragen, die dem Film gut zu Gesicht steht. Es ist schon interessant, wie es die Reihe geschafft hat, sich von allem Genre-Ballast zu befreien und sich ganz auf das Sterben zu konzentrieren. Trotzdem komme ich nicht umhin noch einmal zu beanstanden: Das ist alles nichts Neues, das ist genau das, was Teil eins auch schon und zwar wesentlich besser getan hat, nämlich originelle, schwarzhumorige „Unfälle“ aneinanderzureihen.

Allerdings hat sich meine Enttäuschung, die ich nach dem zweiten Teil empfunden habe, mittlerweile wieder relativiert: Vielleicht liegt der Reiz der Reihe, denke ich gerade, eben in der Eintönigkeit, mit der der Mensch in sisypho’esken Manier fortwährend scheitert. Eben noch glaubst du, dem Tod von der Schippe gesprungen zu sein, doch dann, Zack, fällt dir eine  Buddha-Statue auf den Kopf. Zeigt sich nicht gerade in den zufälligen, schicksalhaften Ereignissen, dem Hoffnungschöpfen gefolgt von der finalen Gewissheit, dass alles, was man zu wissen glaubte, nicht mehr wert ist, als ein Hauch Verwesung, eine tiefe, existenzialistische Wahrheit? Zuerst fand ich ja das ganze Gerede über Pläne des Todes, das sich zum Schluss als fataler Irrtum herausstellt, ziemlich doof. Ich fühlte mich getäuscht. Doch mittlerweile denke ich – das muss so. Der Tod hält sich eben an keine Regel, außer an die, dass jeder sterben muss, wenn er an der Reihe ist.

Apropos an der Reihe: Teil 3 und 4 sind noch nicht an der Reihe. Ich brauche eine kleine „Final Destination“-Pause.

Bild © Warner Home Video

Final Destination 2 (David R. Ellis, USA 2003)

Posted by – 5. August 2014

final destination 2Kimberly (Andrea Joy Cook) will mit ihren Freunden in den Urlaub, doch kurz vor dem Highway hat sie eine Vision von einer Massenkarambolage, bei der sie selbst und viele weitere Menschen ums Leben kommen. Sie blockiert daraufhin die Autobahnzufahrt. Dadurch entgehen sie und andere der Katastrophe, die tatsächlich eintritt. Doch der Tod lässt sich nicht so einfach austricksen!

Zu früh gefreut. Also nicht nur Kimberly und die anderen Überlebenden, sondern auch ich. Der erste Teil hat hohe Erwartungen geweckt, die der zweite Teil leider nicht einhalten konnte, obwohl ich ihn für sich genommen auch nicht schlecht fand. Er leidet jedoch an der Krankheit vieler Fortsetzungen, einfach die Formel des Vorgängers anzuwenden und dabei auf Steigerung zu setzen. Im Falle des Kernthemas dieses Films – der Tode holt sich einige Teen, die zuvor dem Tod entronnenen sind – mag das noch funktionieren. Welcher Horrorfan wünscht sich nicht, dass in Filmen ordentlich gestorben wird. Durch mehr und vor allem bizarrere Todesfälle kommt ein imaginierter Fan also auf seine Kosten. Ich gehöre allerdings nicht zu der Sorte Zuschauer, weswegen „Final Destinantion 2“ in dieser Hinsicht schon einmal nicht punkten konnte. Aber auch in einem anderen Bereich setzten die Autoren, wie der schon für den ersten Teil verantwortlich zeichnende Jeffrey Reddick und, hinzugekommen, J. Mackye Gruber und Eric Bress, auf Steigerung.

In „Final Destination“ wurde der „Plan des Todes“ noch recht simpel gehalten: Man starb in der Reihenfolge in der man auch normalerweise gestorben wäre. Ausnahme: Man wird gerettet, dann wird man in der Reihenfolge übersprungen. In „Final Destination 2“ wird’s kompliziert. Hier wird nicht nur in umgekehrter Reihenfolge gestorben (inkl. Überspring-Faktor) und ich habe ziemlich schnell den Überblick verloren, jetzt kann man den Tod sogar besiegen, wenn neues Leben geschaffen wird – weswegen die Beteiligten mit aller Kraft versuchen, eine schwangere Frau, die bei dem Autobahnunglück ebenfalls davon gekommen ist, zu retten. Irgendwo hier bin ich inhaltlich ausgestiegen und habe versucht, mich am kreativen Ableben der Figuren zu erfreuen. Hier will ich bei aller Kritik – die Bestatter-Szene mit Tony Todd, die diesmal noch erzwungener wirkt, wäre da noch zu nennen –  doch noch anmerken, dass „Final Destination 2“, abgesehen von den grundsätzlichen, inhaltlichen Problemen, die ich mit ihm hatte, wieder ein ganz ordentlicher Horrorfilm geworden ist, der auf der Spannungsebene gut funktioniert. Wer da nicht das ein oder andere Mal zusammenzuckt, hat bessere Nerven als ich. Der Auftakt auf der Autobahn mag, was den Ablauf des Unfalls angeht, nicht ganz logisch sein, aber er ist wieder hervorragend inszeniert, und das gilt im Großen und Ganzen auch für den Rest des Filmes. Mein Fall war’s trotzdem nicht. Die schlanke Idee des ersten Teils ist hier so aufgedunsen, dass ich mich gar nicht traue, mit dem dritten zu weiterzumachen… sondern gleich mit „Final Destination 5“ weitermache, der ein Prequel sein soll. Prequel – das klingt für mich irgendwie nach Minimalismus, na mal sehen…

Bild © Warner Home Video
 

Final Destination (James Wong, USA / Kanada 2000)

Posted by – 28. Juli 2014

Final Destination„Der Lebenslauf des Menschen besteht darin, dass er, von der Hoffnung genarrt, dem Tod in die Arme tanzt“ – Arthur Schopenhauer

Fast fünfzehn Jahre hat es gedauert (Mann, wie die Zeit vergeht!), bis ich „Final Destination“ gestern Abend noch einmal gesehen habe. Damals auf dem Fantasy Filmfest hat er mir recht gut gefallen und ich erinnere mich noch, wie spannend ich ihn seinerzeit fand. Und auch das Quäntchen Humor – nicht zu viel, nicht zu wenig – war nach meinem Geschmack. Genauso nervenaufreibend wie beim ersten Mal finde ich ihn jetzt nicht mehr, dafür hatte ich mehr Gelegenheit, die Stimmung auf mich wirken zu lassen und mich auf Details zu konzentrieren.

Schon der Vorspann hat beim erneuten Sehen schwer beeindruckt. Der Wind weht durchs Zimmer und vermittelt dem Zuschauer ein Gefühl davon, dass manchmal nur ein Hauch über Leben und Tod entscheidet. Die folgende halbe Stunde gehört dann auch mit zum Besten, was ich aus dem Grusel/Mystery-Bereich kenne: Die „Zeichen“, die Protagonist Alex (Devon Sawa) am Flughafen und dann im Flugzeug bemerkt und (richtig) deutet – das ist alles ganz wunderbar inszeniert, dezente Andeutungen und donnergrollende Omen halten sich perfekt die Waage. Das ist wie wenn ich selbst im Flugzeug sitze. Meine panikgeschärfte Wahrnehmung sieht auch überall Zeichen der drohenden Katastrophe: Sehen die Passagiere vertrauenerweckend aus? Hat der Captain nicht etwas müde Augen? Das Geräusch beim Einfahren des Fahrwerks, ist das nicht anders als sonst? Und genauso ergeht es Alex. Er sieht voraus, dass es ein Unglück geben wird und verlässt mit ein paar Mitschülern und einer Lehrerin das Flugzeug, welches tatsächlich kurz nach dem Start explodiert. Doch die dem Tode knapp Entronnenen haben lediglich eine kurze Gnadenfrist bekommen. Denn der Sensenmann lässt sich nicht so gerne ins Handwerk pfuschen…

„Final Destination“ hat ein großartiges, vor allem im Auftakt unglaublich präzises Drehbuch, das von Jeffrey Reddick eigentlich für eine „Akte X“-Folge geschrieben wurde. Statt einem fassbaren Bösewicht ist es hier Gevatter Tod selbst, der für das Ableben der Figuren verantwortlich ist. Alex hat am Flughafen einige seiner Mitschüler gerettet, doch ihre Zeit war ohnehin abgelaufen, und jetzt holt sich der Sensenmann, was eigentlich bereits das Seine war. Dabei tritt er nie in Erscheinung, er ist nicht mehr als ein Luftzug, ein dunkler Schatten, ein Tröpfchen Wasser. Er ist der Zufall, die Kausalkette, die über einige Umwege doch immer zum Tod seines Opfers führt. Ein wenig merkt man der Story zwar an, dass sie eigentlich für ein kürzeres Format gedacht war, aber immer wieder, wenn man denkt, ihm würde die Puste ausgehen, holt der Film noch einmal ganz tief Luft und überrascht den Zuschauer mit einem neuen spektakulär-überraschenden Todesfall. Sehr gelungen finde ich dabei den Witz, der dezent, aber doch vorhanden, das Sterben wie auch den Weg dorthin begleitet. Oft stört mich Humor in Horrorfilmen, aber hier machen sich James Wong und Jeffrey Reddick nicht über die Opfer lustig, sondern stellen in fast schon existenzialistischer Manier die Absurdität des Lebens und Sterbens generell heraus. Und im Finale wird – das ist mir bei zweiten Sehen erst aufgefallen – sogar der Sensenmann selbst ein wenig auf die Schippe genommen, wenn er von seiner anfänglichen Präzisionsarbeit abweicht und herrlich ungestüm Jagd auf seine Opfer macht.

Ein komisches Gefühl hat „Final Destination“ auch diesmal bei mir hinterlassen. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich ihn zutiefst verstörend finde. Selten haben sich Menschen einem so übermächtigen Feind gegenüber gesehen wie dem Schicksal. Aber am Ende finde ich es fast auch ein wenig beruhigend, dass man ihm nichts entgegensetzen kann: Wenn die Feinmechanik unserer Lebensuhr die Glocke schlagen lässt, ist es mit mathematischer Gewissheit unwiderruflich vorbei. Den Tod überlisten, da man weiß, wie er arbeitet und weil man die Gleichung kennt? Unmöglich. Auch wenn es kurz den Anschein haben mag, jedes Schnippchen, das man dem Tod schlägt, ist nichts als ein weiteres Element im großen Plan. Insofern ist – und das ist mir auch erst bei dieser Neusichtung aufgegangen – „Final Destination“ auch irgendwie ein Film übers Filmemachen. Die elegante Macht des Schicksals ist vergleichbar mit der Macht des Filmemachers, der im Hintergrund die Fäden in der Hand hält und für die perfekte Illusion sorgt. Da ist es fast ein bisschen schade, dass der Tod im Film sichtbar eingreift und aktiv die Dinge beeinflusst. So zieht sich das Wasser, das für Tod Waggners („Tod“ ist in diesem Falle mal ein Vorname, gespielt wird die Figur von Chad E. Donella) Ableben verantwortlich ist, nach dessen Dahinscheiden wieder zurück. Hier flackert die Illusion des Films wie die des perfekten Kausalnexus kurz auf und lässt die im Hintergrund wirkenden Mächte schemenhaft hervortreten. Das ist für mich ein kleiner Riss in der sonstigen Eleganz und Makellosigkeit des Films. Dies und auch die eine oder andere Länge oder weniger gelungene Szene (z.B. Tony Todd als dem Zuschauer die Geschichte erklärender Bestatter) mindert den Gesamtgenuss geringfügig. Trotzdem: Ein wirklich gelungener Film, ich freue mich auf die Fortsetzungen!

Bild © Studiocanal

Retribution (Guy Magar, USA 1987)

Posted by – 15. Februar 2014

RetributionNach über 30 Berlinale-Filmen brauche ich ein wenig Erholung. Schon die ersten Minuten von „Retribution“ prügeln mir ins Gedächtnis zurück, warum Filme gucken eine so tolle Sache sein kann. Selbstbewusst, mit festem Griff, nimmt Magar den Zuschauer an die Hand und zerrt ihn in die Geschichte. Am Anfang steht der Selbstmordversuch von George (Dennis Lipscomb), eines erfolglosen, depressiven Künstlers. Doch er überlebt den Sprung aus dem 4. Stock, sieht sich danach aber von grauenhaften, morbiden Alpträumen geplagt. Nicht einmal seine Psychologin Jennifer (Leslie Wing) kann ihm helfen. Plötzlich wird L.A. von einer Mordserie erschüttert, deren Details George aus seinen Träumen kennt. Hat George etwas damit zu tun?

Der Film wirkt wie ein im Entstehen begriffenes Gemälde, dessen Formen nur undeutlich zu erkennen und dessen Umrisse mit bunten Farbklecksen gezeichnet sind, oder vielmehr vor den Augen des Zuschauers mit schnellen Strichen und Tupfern immer mehr Gestalt annehmen. So entsteht ein Bild, das unverkennbar ein Produkt der 1980er Jahre ist, und das mich anfangs stimmungsmäßig ein klein wenig an „Jakob’s Ladder“ mit einer Prise „Scanners“ erinnert, aber dennoch sehr eigenständig daher kommt. Guy Magar, ein Regisseur von dem ich vorher noch nichts gehört hatte, vielleicht weil er bis auf wenige Ausnahmen für’s Amerikanische TV gedreht hat, macht in diesem Film alles richtig. Die Story um einen dem Tode entronnenen Künstler, der zum Werkzeug einer fremden Macht wird, erfindet sicherlich den übernatürlichen Rache-Thriller nicht neu, gibt dem Zuschauer aber audio-visuell die volle Breitseite und lässt auch, was die Intensität der Mordszenen angeht, die meisten Genre-Vertreter hinter sich: Da schlitzt sich z.B. eine Frau selber den Bauch auf, ein Mann, trennt sich selbst mit einem Bunsenbrenner die Hand vom Arm und ein anderer wird in einen Schweinetorso gestopft und hinterher zersägt. Das ist alles ganz schön heftig. Auf der anderen Seite überrascht „Retribution“ mit viel Zärtlichkeit. Die Beziehung zwischen George und der Prostituierten Angle (Suzanne Snyder) ist wirklich rührend wie überhaupt die ganze Straßenstrich- und Kunst-Szene, in der sich der Protagonist bewegt, was „Retribution“ zusätzliche Charisma-Punkte gibt.

Warum der Film hierzulande zu unbekannt ist, verwundert mich. Ich kann nur vermuten, dass es an dem Fehlen eines charismatischen Bösewichts à la Freddy, Jason o.ä. liegt. Bei mir jedenfalls hat diese Mischung aus Gewalt und Gefühl, visuellem Ideenreichtum und fiebriger Achtziger-Neon-Optik und nach vorne erzählter Geschichte voll ins Schwarze getroffen. „Retribution“ (= dt. Vergeltung), dessen deutscher Titel „Die Rückkehr des Unbegreiflichen“ wie so oft keinerlei Beziehung zum Film aufweist, ist meine Horror-Neu-Entdeckung des Monats, ja, vielleicht des Jahres. Ich würde nicht einmal ausschließen, dass ich Magars Horror-Granate irgendwann zu meinen persönlichen Klassikern des Genres zählen werde.

Bild © e-m-s
 

Don’t Look Now (Nicolas Roeg, UK / Italien 1974)

Posted by – 5. Mai 2012

„Unter allen Leidenschaften der Seele bringt die Traurigkeit am meisten Schaden für den Leib.“ (Thomas von Aquin)

Das Familienglück von Laura (Julie Christie) und John Baxter (Donald Sutherland) wird jäh zerstört als ihre kleine Tochter Christine (Sharon Williams) ertrinkt. John hatte das Unglück kommen sehen, konnte aber nicht schnell genug eingreifen. Um ihre Trauer zu verarbeiten, reisen die beiden Eheleute nach Venedig, wo John die Restauration einer Kirche übernimmt. Ihr Sohn Johnny (Nicholas Salter) bleibt in England. Dann lernen John und Laura zwei alte Damen kenn, die behaupten, sie ständen in Kontakt zur toten Tochter.

„Don’t Look Now“ (der zur Abwechslung mal einen schönen deutschen Titel abgekommen hat) ist ein Film über Tod, Traurigkeit und Vorahnung. Schon am Anfang, als John sich Fotos ansieht, entdeckt er auf einem Bild etwas, das ihn misstrauisch macht. Er spürt, dass seine Tochter in Gefahr ist, ahnt zu dem Zeitpunkt aber noch nicht, dass dieses Bild gleichzeitig die Schablone für sein eigenes Schicksal ist. Wie auch „Die Vögel“ beruht Nicolas Roegs Film auf einer Kurzgeschichte von Daphne du Maurier und wie auch dort, geht es in „Don’t Look Now“ im weitesten Sinne darum, wie unsere Realität auf eine andere Wirklichkeit trifft, eine, in der die Regeln und Gesetze, die unser Leben strukturieren und ihm Sicherheit geben, nicht mehr gelten. Wie den Protagonisten in Roegs Film wird auch dem Zuschauer unmerklich der Boden unter den Füßen weggezogen. Dass das Übersinnliche eine Rolle spielt, wird durch die beiden alten schottischen Damen, von der eine angeblich das zweite Gesicht hat, schnell klar – wie stark die Wahn und Wirklichkeit  hier allerdings verflochten sind, stellt sich aber erst später heraus.

Roeg ist mit diesem Film etwas Besonderes gelungen. Die beklemmende Schwere der Geschichte, für die das marode Venedig der perfekte Austragungsort ist, die Kraft der einzelnen Szenen, Julie Christie und Donald Sutherland in Bestform, die exzellente Farbdramaturgie, der Schnitt,… – alles ist so wunderbar. Und so schmerzhaft! Zahlreiche Filme vor und nach Roeg haben sich mit dem Thema Schicksal beschäftigt, aber nur wenige haben eine Form gefunden, die Unausweichlichkeit und den damit verbundenen emotionalen Gehalt so gekonnt zu inszenieren. Spätestens am Schluss sieht der Zuschauer, dass der vermeintlich rationale John weit davon entfernt ist, mit dem Tod seiner Tochter Frieden geschlossen zu haben. Er beschwört die Vergangenheit herauf, hält an ihr fest und bestimmt dadurch seine Zukunft. Es ist wie bei den Renovierungsarbeiten, die er fortsetzt, obwohl er weiß, dass es sich um eine Fälschung handelt. Und weil John nicht loslassen kann – metaphorisch vorweggenommen bei seinem Sturz in der Kirche – folgt er am Ende auch dem Killerzwerg, den er für seine Tochter hält. Und stirbt. Die Vorahnung hat sich erfüllt. Eine Träne kullert meine Wange hinab.

Bild © Studiocanal
 

Take Shelter (Jeff Nichols, USA 2011)

Posted by – 22. März 2012

Curtis (Michael Shannon) führt ein gutes Leben. Eigentlich hat er wenig Grund zum Klagen. Er und seine Frau Samantha (Jessica Chastain) sind glücklich verheiratet. Zusammen haben sie eine Tochter (Tova Stewart). Doch dann beginnen Curtis‘ Albträume zu  quälen: er träumt von einem aufkommenden Sturm, öligem Regen und tot vom Himmel fallenden Vögeln. Obwohl Curtis Mutter unter Schizophrenie leidet und der junge Familienvater deswegen auch bei sich psychische Probleme vermutet, kann er nicht anders, als seine Visionen ernst zu nehmen. Sein Ziel ist es von da an, einen Schutzbunker im Garten zu bauen. Seine Umgebung beobachtet ihn argwöhnisch und  seine Ehe wird durch sein Tun auf eine harte Probe gestellt.

Ein Sturm zieht auf. Ein gewaltiger, doch lautloser Sturm, einer, der alles vernichten wird und von dem noch niemand etwas ahnt. Niemand, außer Curtis. Michael Shannon spielt Curtis mit malenden Kiefern, so als hätte der Sturm in ihm schon sein vernichtendes Werk begonnen. Seiner Präsenz und seiner Fähigkeit, diesem stillen Wahnsinn, eine Gestalt zu geben (dieses hat er auch schon in Filmen wie „Bug“ oder „My Son, My Son, What Have You Done“ gezeigt), ist es zu verdanken, dass „Take Shalter“ der Film geworden ist, der er ist. Dem Zuschauer fällt es immer schwerer die Bedrohung zu lokalisieren. Speist sie sich direkt aus dem Wahnsinn, den Visionen oder geht sie nachher vielleicht von Curtis selbst aus? Ein Sturm zieht auf. Vielleicht. Aber zunächst ist da ein Mann, der sich immer mehr von seiner Umwelt, seinen Freunden, seiner Familie entfernt.

Ein weiteres Mal ist Jeff Nichols ein Ausnahmefilm gelungen. Schon in „Shotgut Stories“ (2007) hat sich Regisseur und Autor Nichols als  genauer Beobachter US-amerikanischer Befindlichkeiten hervorgetan. War sein Debüt noch im einsamen Arkansas angesiedelt, spielt „Take Shelter“ irgendwo im nicht wesentlich belebteren Ohio. Die ländlichen Gegenden scheinen für Nichols Geschichten eine besondere Rolle zu spielen. Auf dem Land ist jeder irgendwie mit jedem verbunden. Hier darf man noch wortkarg sein und sein Ding machen, trotzdem steht man, vielleicht weil so wenig passiert, unter strenger Beobachtung der Mitmenschen. Jedes Handeln hat Folgen und lässt den empfindlichen Mikrokosmos der Gemeinschaft vibrieren. Dies ist es auch, was Curtis immer mehr zu schaffen macht. Sein Umfeld reagiert auf sein seltsames Verhalten wie die Antikörper, die einen Virus entdeckt haben.

„Take Shelter“ ist ein sehr eigener Film, einer, der es dem Zuschauer nicht leicht macht. Die Offenbarungs-Thematik und der starke christliche Bezug haben das Potenzial anzuecken. Außerdem dürfte weder das typische Thriller-Publikum – dazu entwickelt sich Nichols Film zu bedächtig – noch jenes, das auf einen raffinierten Mystery-Plot aus ist, sich in dem Film so richtig zu Hause fühlen. Auch, wenn man am Ende immer noch nicht mit Sicherheit weiß, was dran ist an Curtis Visionen, fügen sich die verschiedenen Puzzleteile doch recht passend zusammen.  Und trotzdem: „Take Shelter“ hinterlässt so ein Gefühl, dass da mehr gewesen sein muss, als man gesehen hat. Vielleicht ist es das existenzielle Grundstimmung des Films, das unsere tiefsten Gefühle, unseren Glauben und das, was wir für Wissen halten, so unangenehm berührt; oder vielleicht ist es die politische Dimension, die im Film zu jeder Zeit spürbar aber doch so wenig greifbar ist, wie der unsichtbare Sturm, der durch Curtis Kopf braust.

Am Ende bricht die Katastrophe über alle herein. Das ist beruhigend, weil man nun endlich weiß, woran man ist. Aber gleichzeitig ist man über alle Maßen verstörend, weil man das Gefühl hat, etwas Wichtiges übersehen zu haben. Etwas, das aus dem Film etwas ganz Anderes machen könnte.

Bild © Ascot Elite