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The Hateful Eight (Quentin Tarantino, USA 2015)

Posted by 14. Mai 2016

hateful eightUnd hier noch ein paar Sätze zu einer Filmleiche. Ich habe den Film zwar schon vor Monaten gesehen, irgendwie war mir jedoch der Textentwurf verrutscht und ich habe ihn gerade erst wiedergefunden und zu Ende getippt.

Ein paar Jahre nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg kreuzen sich die Wege von acht Personen in einer einsamen Herberge namens „Minnies Kurzwarenladen“. Bevor ich etwas zu dem Film sage, vielleicht ganz kurz etwas zu meinem ambivalenten Verhältnis zu Quentin Tarantino, dies ist ja mein erster Text zu einem Film von ihm hier im Blog: Obwohl mir schon immer, also seit „Reservoir Dogs“ und „Pulp Fiction“, klar war, welch außergewöhnlicher Filmemacher er ist, sind mir seine Filme bis heute nicht so richtig ans Herz gewachsen. Ich hatte bei ihm stets ein komisches Gefühl, vielleicht weil er für einen guten Gag seine Figuren verraten würde; dadurch haben seine Filme für mich auch immer etwas Zynisches habt. Trotzdem bin ich schwer beeindruckt von den genannten und einigen weiteren seiner Filme. Trotz Tarantinos geringen Outputs hat sich aber in letzter Zeit noch ein weiteres Gefühl zu meiner ohnehin skeptischen Grundhaltung eingeschlichen. Auch wenn er inhaltlich verschiedene Themen bearbeitet, so kommen mir seine Filme formal recht ähnlich vor. Kernstück seiner Filme sind die geschliffenen, von dem typischen Tarantino-Humor geprägten Dialoge. Und auch, wenn sich diese nicht wiederholen, scheint das Prinzip stets das gleiche. Deswegen hatte ich auch bei „The Hateful 8“ – vielleicht so stark wie nie zuvor – das Gefühl, alles schon zu kennen. Direkt nach dem Film war ich also zunächst enttäuscht. Wo sich andere stilbewusste Filmemacher weiterentwickeln oder ihr Können chamäleonhaft in den Dienst der Sache stellen, tritt Tarantino auf der Stelle. So zumindest meine erste, enttäuschte Reaktion.

Doch nach ein wenig Bedenkzeit sehe ich das Ganze etwas anders. (Das ist meiner Meinung nach übrigens das Schöne an der Beschäftigung mit Film o.ä. – sich dabei zu beobachten, wie seine Meinung reift, sich ändert und manchmal zum genauen Gegenstück des ersten Eindrucks wird…) Sicherlich, auch in „The Hateful Eight“ hat Tarantino seine Figuren mal wieder überhaupt nicht lieb. Aber in diesem Fall kann ich es ihm dann doch nicht übel nehmen. Schließlich gab es noch keinen so wütenden Film von ihm, der Titel ist hier so was von Programm! In seinem Film „tastet sich Tarantino in die Abgründe von Rassismus, Hass und Willkür hinein, aus denen sich die heutige US-Gesellschaft mit ihren Brüchen und Härten geformt hat,“ wie es Andreas Borcholte bei Spiegel Online Kultur formuliert. Ich würde sogar sagen: nicht nur das. Auch der Krieg der Geschlechter, die Gewohnheiten der Amerikanischen Herzen sind seine Themen. Und er tastet sich nicht nur heran. Er schießt einen Pfeil mitten in dieses Herz und sieht seinen Figuren beim Sterben zu – wohlweislich, dass die Lebensform, die hier in ihren Umrissen karikiert wird, sich auch heute noch bester Gesundheit erfreut.

Was ich an „The Hateful Eight“ nebenbei gesagt noch interessant finde – das darf man sich jetzt eher als theoretisches Hintergrundrauschen und noch nicht komplett durchdachte Fußnote vorstellen – ist, wie hier zwei moralische Systeme gegeneinander antreten, eine „Staatsmoral“, die den Prinzipien von Law & Order folgt sowie eine „Kumpelmoral“, die Familienbande in ihr Zentrum stellt. Ich weiß nicht, wer sich mal näher mit Lawrence Kohlberg und seiner Theorie der Moralentwicklung beschäftigt hat. Ihm nach verläuft die moralische Entwicklung des Menschen in sechs Stufen, die sich in drei Ebenen zuordnen lassen – der präkonventionellen, der konventionellen und der postkonventionellen Ebene. Die Figuren des Films agieren alle auf der konventionellen Ebene, den Stufen drei („good boy/nice girl“-Orientierung“) und vier („Orientierung an Gesetz und Ordnung“). Was die Theorie und Kohlbergs Stufenmodell aber in Bezug auf den Film spannend macht, ist natürlich, dass die Figuren, die ja symbolische Stellvertreter für Gründungsväter der USA sind, sich fern jedes postkonventionellen moralischen Niveaus bewegen. Aber genau auf solchen Prinzipien muss ein Staat natürlich aufgebaut sein. Wenn Tarantino meint, dass dies für die USA nicht gilt, hätte er die Message tatsächlich kaum besser verpacken können als in diesem bitterbösen, von unangenehmen Menschen bevölkerten ultra-brutalen, achten Wert.

Aus diesen Gründen, aber auch weil „Daisy Domergue“ einfach mal der allerbeste Figurenname ist, den sich Tarantino bisher ausgedacht hat und Jennifer Jason Leigh als eben selbige alle Herren des Films (die ihre Sache auch nicht schlecht machen) an die Wand spielt, mag ich „The Hateful Eight“ doch sehr gern. Und wieder ist es eine Hassliebe, aber diesmal passt’s ja.

Bild © Universum Film

Cowboys & Aliens (Jon Favreau, USA 2011)


Cowboys & AliensAliens? Finde ich gut! Und auch an Western habe ich nichts Grundsätzliches auszusetzen. (Ok, einmal davon abgesehen, dass viele Vertreter dieses Genres den Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern verharmlosen.) Insofern könnte Jon Favreaus „Cowboys & Aliens“ trotz der ganzen durchwachsenen Kritiken ja doch vielleicht ganz okay sein – habe ich gedacht.

Ein Cowboy (Daniel Craig) erwacht in der Wüste. An seinem Handgelenk befindet sich ein seltsames Gerät. Was ist das? Und wie ist es dahin gekommen? Schnell findet der Mann heraus, dass seine Erinnerungslücke sogar noch größer ist. Nicht mal daran, wie er heißt, kann er sich erinnern. Auch in dem nahegelegenen Dorf findet er keine Antworten. Dafür bekommt er aber Ärger mit dem Sheriff Taggart (Keith Carradine), der ihn für den Gesetzlosen Jake Lonergan hält und dem brutalen Rinderbaron, dem Ex-Colonel Dolarhyde (Harrison Ford); und dann tauchen über dem Dorf auch noch unbekannte Flugobjekten auf und – Aliens greifen an.

Wenn Außerirdische auf die Erde kommen, wollen sie in der Regel a) Menschen entführen, um Versuche mit ihnen zu machen, b) die irdischen Rohstoffe ausbeuten oder c) gleich den ganzen Planeten erobern. Die Aliens aus diesem Film fallen in die Kategorie a) und b). Die Motive der Schauspieler in diesem Film mitzumachen, sind schon schwieriger zu durchschauen. Harrison Ford, Daniel Craig, Clancy Brown, Sam Rockwell, Olivia Wilde, Keith Carradine, Paul Dano, Walton Goggins,.. Was machen sie in diesem Film? Warum wollten sie dabei sein? Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass alle vorher das Drehbuch gelesen haben, sonst hätte es sich der eine oder andere  vielleicht zweimal überlegt. ‏@thetruemilhouse bietet auf Twitter folgende Erklärung für das Staraufgebot an: „Die haben sich danach bestimmt gegenseitig gefragt, warum sie mitgemacht haben. Und gegenseitig geantwortet: ‚Na, weil ihr dabei wart.’“ – So könnte es tatsächlich gewesen sein.

Zu viele Köche verderben ja bekanntlich den Brei. Viel schlimmer für den Brei aber sind schlechte Köche. Bei „Cowboys & Aliens“ kommt beides zusammen. Mark Fergus und Hawk Ostby haben durch ihre Mitarbeit an „Iron Man“ und „Children Of Men“ eigentlich einen guten Namen, aber hier ist davon nichts zu sehen. Nach „The Legend of Zorro“, „Transformers“ oder auch „Star Trek“ bin ich im Übrigen der Ansicht, dass Roberto Orci und Alex Kurtzman als Autoren grundsätzlich nicht viel taugen, weil sie keine Ideen haben. Anders Damon „Lost“ Lindelof. Ideen überhaupt erstmal zu haben, scheint nicht sein Problem. Dafür aber sie in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Das ist schon bei seinem holprigen „Prometheus“-Script-Schreiben deutlich geworden. Ja, „Cowboys & Aliens“ hat einige Probleme, die zwei größten sind: Zum einen macht das alles nicht besonders viel Sinn – weder im Großen und Ganzen noch im Detail. Dass die Alien beispielsweise so öffentlichkeitswirksam Menschen entführen ist genauso ein Quatsch wie, dass sie es überhaupt tun. Eigentlich fragt man sich permanent: WTF!? Die Figuren des Films sind ebenfalls nicht besonders durchdacht: Ella Swensons  (Olivia Wilde) Wandel vom toughen Cowgirl zur außerirdischen Weltenretterin kann ich da noch eher glauben als die Transformation von Papa und Sohnemann Dolarhyde zur liebenswürdigen Wildwest-Familie. Unglaubwürdigkeit ist aber nur das eine Problem. Zum anderen – und das wiegt wesentlich schwerer – ist „Cowboys & Aliens“ einfach nur eine Aneinanderreihung von Western-und Alien-Invasion-Klischees. Das ist wahnsinnig uninteressant und besonders gut zusammen passt das auch nicht.

Das soll jetzt gar nicht so vernichtend klingen. Man kann den „Cowboys & Aliens“ schon ganz gut aussitzen. Und mitunter amüsiert das eine oder andere Versatzstück, das von Favreau nicht ganz ohne Augenzwinkern serviert wird. Aber ich ärgere mich einfach, dass ein Film, für den über 160 Million Dollar ausgegeben wurden, der außerdem zahlreiche großartige Schauspieler versammelt und bei dessen Thema sich weiterhin eine fantasievolle Umsetzung geradezu aufgedrängt hätte, sein Potenzial so gedankenlos in verspielt. „You have to stop thinking“ sagt Ella irgendwann zu Jake. Er tut wie ihm heißen, bald darauf fliegt alles in die Luft. Happy End. Am Ende bleibt der Held des Films mit schwerem Dachschaden zurück. Aber er ist glücklich. Und ich sitze frustriert auf dem Sofa, aber erfreue mich wenigstens geistiger Gesundheit.

Bild © Paramount Home Entertainment