Tag: Weltuntergang

X-Men: Apocalypse (Bryan Singer, USA 2016)

Posted by – 17. Dezember 2016

Für den Kino-Zeit-Adventskalender habe ich einen Text zu „X-Men: Apokalypse“ beigesteuert. Darin beschreibe ich ein wenig, warum ich die aus „X-Men: First Class“, „X-Men: Days Of Future Past“ und nun „Apocalypse“ bestehende Reihe so mag. Kurz gesagt: Es geht um viel. Es geht um elementare Konflikte, Krieg, Frieden, Macht, Verantwortung, Einsamkeit und Freundschaft, Schuld und Vergebung,… Um zu verdeutlichen, was ich an der Reihe so brillant finde, sollte man sich die raffinierte alternative Realität vergegenwärtigen, die sie zu dem bis dahin existierenden X-Universum aufbaut. Diese alternative Zukunftslinie ermöglicht, sich von den ersten drei Filmen zu distanzieren, ohne sie zu leugnen, was nicht nur erzählerisch interessante Chancen eröffnet, auch philosophisch ist dieser Zugang faszinierend. Das Denken in Möglichkeiten, das hier für eine Comicverfilmung gewohnt unterhaltsam aber ungewohnt clever veranschaulicht wird, steht in direkter Verbindung mit den zunehmenden geopolitischen Herausforderungen und bietet – ebenfalls für eine Comicverfilmung ungewöhnlich – echte Antworten. Durch das Erkunden der Möglichkeiten können uns Filme wie „X-Men: Apokalypse“ vielleicht tatsächlich ein wenig dabei helfen, uns klar darüber zu werden, wie wir leben wollen. Amen.

P.S. Alex Summers lebt!

Noah (Darren Aronofsky, USA 2014)

Posted by – 27. Dezember 2015

noahWas muss ein Film über Noah, seine Arche und die Sintflut, welche alle Menschen vom Angesicht der Erde tilgt, leisten, um ein guter Film zu werden? Naja, episch könnte er zum Beispiel sein und die Katastrophe mit moderner CGI- und Tricktechnik besonders eindrucksvoll zeigen. Oder er könnte uns etwas Interessantes über Noah und seine Familie erzählen. Es ging doch bestimmt nicht ohne Konflikte ab, mit seinen Liebsten auf einem großen Holzschiff gefangen zu sein. Nicht zuletzt könnte der Film natürlich auch eine interessante Interpretation des Bibeltextes bieten, die eine für heutige Zeit relevante Sicht auf die Dinge liefert. Nichts davon klappt.

Dabei hat sich Darren Aronofsky wahrscheinlich all das vorgenommen, als er sich entschied, die französische Comicbuch-Serie „Noé“ zu verfilmen. Man merkt schon, dass er etwas sagen wollte zu dem Mann, der das Leben auf der Erde vor dem Aussterben rettete, indem er je einen männlichen und weiblichen Vertreter jeder Spezies auf seine Arche mitnahm, seine Beweggründe, seine Familie, die inneren und äußeren Konflikte. Allein – das ist alles schon schrecklich platt und naiv und darüber hinaus auch noch schlecht gespielt, dass es wahrlich keine Freude ist, Aronofskys Noah-Vision beizuwohnen. Noahs Handeln ist einerseits biografisch motiviert – sein Vater wurde erschlagen, deswegen hat Noah (Russell Crowe) seit jeher keine allzu hohe Meinung von den Menschen – andererseits hat er eine Vorahnung einer großen Flut und nach dem Motto „viel hilft viel“ lässt Aronofsky ihn um ihn herum auch noch ein paar entsprechende Wunder erleben. Wer da nicht anfängt, eine Arche zu bauen, hat echt den Schuss nicht gehört. Interessanter könnte es werden, was seine familiäre Situation angeht – schließlich können nicht er und seine Frau Naameh (Jennifer Conelley) allein für den ganzen Nachwuchs nach der Sintflut sorgen. Zum Glück sind da noch seine Söhne Ham (Logan Lerman), Sem (Douglas Booth) und Jafet (Leo McHugh Carroll). Doch die Frau namens Ila (Emma Watson), die für Ham am Wegesrand liegt, ist leider unfruchtbar und für die anderen beiden Söhne gibt es gar niemanden. Das macht Sem so unfroh, dass er schließlich sogar mit dem Feind Tubal-Kain (Ray Winstone) kooperiert, um seinen Vater Noah umzubringen.

Spannend wird der Film aus diesem Konflikt resultierend kurz mal nach der digitalen Sintflut – und zwar auf der Arche. Denn da offenbart sich Noah als Fanatiker, der das Kind der durch ein Wunder gebärfähig gewordenen Ila umbringen will, weil – egal – jedenfalls kann man den zornigen Ham und den um Frau und Kind früchtenden Sem gut verstehen, dass sie ihren Papa aus dem Weg schaffen wollen. Schade, dass die Frauen, Ila und Naameh hier so passiv bleiben – Noahs Frau sagt zwar, dass sie ihm das alles nicht verzeihen wird und auch die schwangere Ila äußert ihre Unzufriedenheit mit der Situation, im Großen und Ganzen machen die beiden dem Captain der Arche sein Recht, auf seinem Schiff umzubringen wen er für richtig hält, nicht streitig. Hier für ein wenig mehr charakterliche Tiefe bei den weiblichen Figuren zu sorgen, ist ein Potenzial, das Aronofsky leider nicht einmal annähernd ausschöpft.

Und so ist auch alles Weitere, das mir zu „Noah“ einfällt, irgendwie nichts Gutes. Eine interessante neue Sicht auf die Bibelgeschichte hat sich mir nicht eröffnet, die Figuren wirken platt, die Schauspieler von der Regie alleine gelassen. Die Effekte sind mäßig und der digitale Look sorgt zumindest bei mir dafür, dass sich alles ziemlich unecht anfühlt. Zugute halten kann man dem Film vielleicht noch, dass er irgendwie auch mutig ist. Man hat das Gefühl, Aronofsky tut hier das, was er tun will – ohne Rücksicht auf Verluste. Nichtsdestotrotz muss ich sagen, ich hätte diese Mischung aus Bibel- und Katastrophenfilm und „Der Herr der Ringe“ lieber von Roland Emmerich oder zur Not sogar von Michael Bay gesehen. (Oh je, das klingt jetzt ganz schön schlimm.)

Bild © Paramount

Final Words (Manuel Antônio de Macedo, Brasilien 1993)

Posted by – 7. Dezember 2014

Madox FinalDie Apokalypse ist schriftgewordene Ekstase – Honoré de Balzac

Ich hatte neulich den Auftrag, einen Text über die Apokalypse bzw. apokalyptische Filme zu schreiben. (Anfangs hieß das Thema noch „Endzeit“, wozu mit wesentlich mehr eingefallen wäre.) Gar nicht so leicht, denn so viele Filme, ist mir nach einigem Nachdenken aufgegangen, die sich wirklich mit dem Untergangs beschäftigen und Bilder dafür finden, gibt es gar nicht. Entweder die Apokalypse wird gerade noch verhindert, oder sie wird im Vorspann des Films kurz abgehandelt. Zum Glück ist mir ein Film wieder eingefallen, den ich im Rahmen eines Brasilien-Specials mal auf einem Regionalsender gesehen habe. Meine Erinnerung ist zugegebener Maßen etwas nebulös und ich bitte vage und ungenauere Aussagen zu entschuldigen.

„Final Words“ (OT: O último relatório) von Manuel Antônio de Macedo, hierzulande auch bekannt unter dem korrekt übersetzten, aber doch irgendwie weniger schönen Titel „Der letzte Bericht“, ist in meiner Erinnerung das Manifest der Apokalypse schlechthin. Hier geht die Welt unter, aber so richtig! In ihm bekommt der arbeitslose Journalist Madox (Wilson Carrero) den Auftrag, den Tag des jüngsten Gerichts zu protokollieren. Ob von Gott oder dem Teufel beauftragt und warum gerade er, das weiß er selber nicht so genau. Auf jeden Fall steht eines Morgens ein offensichtlich nicht-menschliches Geschöpf vor seiner Apartmenttür in São Paulo und weiht den ungläubigen Reporter in seine neue Aufgabe ein. Widerspruch ausgeschlossen und schwupps geht auch schon die Welt unter.

So schön und detailverliebt wie in de Macedos TV-Film hat man das allerdings noch nie erlebt, da öffnen sich die Himmelspforten, schwarz wird zu weiß, oben zu unten; der Boden reißt auf, ihm entströmen die Himmels- und Höllenscharen, welche die Menschen ihrer Bestimmung zuführen, frei nach dem Motto „Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“. Und der gute (faule?) Madox ist gezwungen, über alles haarklein zu berichten. Ein Haufen Arbeit, was die über sechsstündige Laufzeit des Films durchaus rechtfertigt. Viel passiert auf der reinen Handlungsebene nicht, Langeweile kommt in diesem apokalyptischen Doku-Thriller, der die bürokratische Seite des Weltuntergangs zeigt, zumindest für den Zuschauer, trotzdem nicht auf. Während die Szenen im Pugatorium nichts für schwache Nerven sind, entbehren die Interviews mit den vor der Himmelspforte Wartenden allerdings nicht einer gewissen Komik, ach was, sie sind zum Schreien! Wenn der Teufel ein Eichhörnchen ist, sind die himmlischen Heerscharen Schafe im Wolfsfell. Freud und Leid liegen auch am Ende unserer Tage und in diesem letzten Bericht nicht allzu viele Seiten auseinander.

„Schönschmerz“ und „Gutweh“ sind wohl die Begriffe, der das Gefühl, das der Film auslöst, am ehesten beschreiben. „Final Words“ ist ein Film über das Ende. Doch gibt es kaum eine zweite Geschichte, die so stark den Wunsch auslöst, zu wissen, wie es weitergeht. Insofern bewahrheitet sich mal wieder, dass jedem Ende auch ein Anfang innewohnt. De Macedos tragikomisches Stück TV lässt den Zuschauer nicht allein, sondern vermittelt – gerade ob der Endgültigkeit seiner Geschichte – paradoxerweise Hoffnung. Und vielleicht ist das die Erkenntnis, die ich aus meinem Streifzug durch die Filmwelt der Apokalypse mitgenommen habe und die dieser Film mir noch einmal in besonderer Weise ins Gedächtnis zurückgerufen hat, dass es nämlich nie um das Ereignis als solches geht, sondern um das Gefühl. Der Weltuntergang am frühen Morgen kann einem dem Sprichwort nach ja den ganzen Tag versauen. Wenn die Welt allerdings so schön wie hier untergeht, zehrt man da Jahre von.

Bild © Mil Imagens
 

Before The Fall (F. Javier Gutiérrez, Spanien 2008)

Posted by – 18. Oktober 2013

before fallBeim vierten Film meines #horrorctober habe ich etwas geschummelt. Eigentlich hatte ich „Before the Fall“ (OT: Tres Días) gar nicht auf der Liste, aber weil ich ihn eh sehen und etwas dazu schreiben sollte und weil ich mit meinem Programm etwas hinterher hänge, zähle ich ihn jetzt mal dazu.

In F. Javier Gutiérrez’s Film wird die Welt untergehen. In drei Tagen. Dann wird ein Komet mit der Erde kollidieren  – sagt die NASA. Ale (Victor Clavijo) flieht mit seiner Mutter Rosa (Mariana Cordero) auf den Hof seines Bruders, wo sie aber nur auf dessen vier Kinder treffen. Dass die Welt kurz vor dem Ende steht, verschweigen sie den Kindern. Genauso  die Tatsache, dass aus dem Hochsicherheitsgefängnis ein paar miese Typen ausgebrochen sind – darunter auch der psychopathische Kindermörder Soros, der mit Ales Familie noch eine Rechnung offen hat.

Was das für eine Rechnung ist,  habe ich bis zum Schluss nicht ganz verstanden. Überhaupt kam mir vieles an „Before the Fall“ sehr seltsam vor. So richtig wusste der Verleih wohl auch nichts mit diesem Genrehybrid anzufangen – und gab ihm den deutschen Titel „72 Stunden – Deine letzten 3 Tage“, der zwar im Gegensatz zum internationalen  dem Originaltitel ähnelt, jetzt aber auch frappierend an „72 Stunden – The Next Three Days“ (OT: The Next Three Days) von Paul Haggis erinnert. Ungeschickt. Aber wie man ihn auch immer nennt, der Titel ist wahrscheinlich noch sein unwichtigstes Problem. Am besten hat mir diese Mixtur aus Endzeit- und Serienkillerfilm, Psychothriller und Familiendrama eigentlich immer dann gefallen, wenn sie ins Surreale abgerutscht ist und ich mir nicht sicher war, ob hier nicht vielleicht doch um etwas ganz anderes geht als Ale, der vor dem Hintergrund des drohenden Weltuntergangs versucht, die Kinder seines Bruders vor einem gefährlichen Killer zu schützen. Aber am Schluss war es dann doch genau so – und alles darüber Hinausgehende habe ich mir wohl nur eingebildet.

Fazitlich möchte ich „Before the Fall“ zugestehen, dass er ein Stück aus der Masse der Filme dieser Erde heraussticht. Aufgrund seiner abstrusen und zerfahren erzählten Geschichte sowie der blassen Darsteller konnte er mich aber nicht überzeugen. Trotz einiger fiebrig-paranoiden Szenen bisher der schwächste Film meines #horrorctober.

Bild © Ifc Independent Film
 

Return Of The Living Dead (Dan O’Bannon, USA 1985)

Posted by – 16. Juni 2012

Vieles wird vom Regen fortgespült. Aber manches bleibt. Einer meiner Lieblingszombiefilme zum Beispiel: „Return Of The Living Dead“. Seine Atmosphäre und Tonalität sind in meinen Augen etwas besonderes, weil der Spagat zwischen Horror, Komik und Tragik hier so wunderbar gelungen ist. Vor ein paar Tagen habe ich ihn nach sehr langer Zeit endlich mal wieder gesehen und erfreut festgestellt, dass ich ihn immer noch herausragend finde.

Frank (James Karen) und Freddy (Thom Mathews), zwei Mitarbeiter eines medizinischen Versandhauses, öffnen versehentlich einen Behälter der US Army. Das daraus entweichende Gas hat die Eigenschaft, alles Tote wieder zum Leben zu erwecken. Die daraufhin Amok laufende Leiche aus dem Lagerraum können die beiden nur mit Hilfe von Versandhaus-Chef Burt (Clu Gulager) unschädlich machen. Die zuckenden Leichenteile im nahen Krematorium zu entsorgen erweist sich allerdings als keine gute Idee, denn der Rauch, der noch Spuren des gefährlichen Toxins 245 enthält, gelangt durch den Regen ins Grundwasser. Zu blöd, dass sich genau neben dem Krematorium ein Friedhof befindet…

Dan O’Bannon mag ein eigensinniger und schwieriger Mensch gewesen sein. Seinen Kollegen hat er es mit Sicherheit nicht immer leicht gemacht. Für viele Filmfreunde hingegen gilt er als Lichtgestalt. Er war ein großartiger Drehbuchautor wie er unter anderem bei „Dark Star“, „Alien“ und „Total Recall“ unter Beweis gestellt hat, ist aber auch, wie sich bei „Return Of The Living Dead“ zeigt, ein extrem fähiger Regisseur. Der Film, der in Deutschland unter dem unschönen Namen „Verdammt, die Zombies kommen“ vermarktet wurde, strotzt geradezu vor unzähligen kleinen Gags und charmanten Ideen. Aber auch der intellektuelle Überbau stimmt.

„You mean the movie lied? Oh jesus!“ Frank, Burt und Freddy sind schockiert als sie feststellen, dass man die Zombies nicht töten kann, indem man ihr Gehirn zerstört. Diese Erkenntnis gibt auch gleich die Marschrichtung für den Film vor, denn auch auf den Zuschauer warten einige kleine Genre-Variationen, die allerdings eine große Wirkung entfalten. Sowieso sind die Zombies bei O’Bannon sehr gelungene Vertreter ihrer Zunft. Was ihre Lust auf GEHIIIIRN betrifft, kennen sie keine Kompromisse, ansonsten zeigen sie sich aber als genreuntypisch individuell und erstaunlich intelligent. Besonders mitgenommen haben mich als Jugendlicher immer die langen Verwandlungsszenen, wenn lebende Menschen durch Toxin 245 infiziert werden. Freddy und Frank, die am Anfang des Films das Gift eingeatmet haben, erleiden nahezu den kompletten Film über dieses Schicksal. Leben ist Leiden, scheint O’Bannon zu finden, und am Ende wartet auf den Menschen weder Nirwana noch Himmel, sondern der unendliche Hunger auf Gehirne. Der rabenschwarze Grundton dieses vermeintlich lustigen Films ist kein Ausrutscher, sondern Konzept. Und es ist bestimmt auch kein Zufall, dass an dem Friedhofstor ein Grafitti prangt, das dem Zuschauer unmissverständlich klar macht: „No Future“.

Versteckt hinter allen Kautzigkeiten und Genrebestandteilen macht O’Bannon  philosophisches Kino, das von einer sehr pessimistischen Grundaussage geprägt ist. Das wurde auch schon bei seinem Erstlingswerk „Dark Star“ deutlich, aber auch bei vielen seiner anderen Filme ist dies zu erkennen. O’Bannon hat , behaupte ich mal, schon immer versteckt politisches Kino gemacht. Und auch „Return Of The Living Dead“ ist voll von kritischen Anspielungen. Dass es beispielsweise in seinem Film gar keine Möglichkeit gibt, die Zombies aufzuhalten, ist eine Zuspitzung der Aussage von Romeros Film(en), wo der Bedrohung ja zumindest prinzipiell – zum Beispiel durch einen schönen Kopfschuss –Einhalt zu gebieten war. Die Menschen haben die Nebenfolgen ihrer Technologien nicht mehr unter Kontrolle. Neuere, weitere Technologien sind darauf keine Antwort. In dieser Hinsicht ist O’Bannons Film sehr ätzend zeitkritisch und vermutlich auch weitsichtig. In diesem Zusammenhang darf auch das wunderschöne Ende nicht vergessen werden. „The Rain will wash everything away“ heißt es da. Dass dem nicht so ist, davon handelt dieser Film.

Bild © MGM
 

End Of Animal (Sung-Hee Jo, Korea 2010)

Posted by – 14. Mai 2012

Die einzige Zeitangabe, auf die in „End Of Animal“ Verlass ist, ist der Countdown des Fremden (Park Hae-il), den Sun-young (Lee Min-ji) in ihrem Taxi mitnimmt. Danach werden alle Zeitangaben unzuverlässig. 5 Minuten sind 30 Minuten sind eine Ewigkeit. Nach Ablauf des Countdowns ist die Welt eine andere. Sun-young irrt durch ein unwirkliches koreanisches Nirgendwo, trifft einen Jungen, ein reiches Pärchen, einen Mann mit einem Fahrrad bis sie zum Schluss, dem absoluten Ende, auch noch einmal den Fremden aus dem Taxi wieder trifft.

Regisseur Sung-Hee Jo, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist, lässt in seinem Debütfilm keinen Zweifel daran, wie es um die Menschheit steht. Die Personen, die Sun-young trifft, entpuppen sich allesamt als seelenlose Wesen, die den eigenen Vorteil über alles stellen. Der Junge (Park Se-jong) zeigt sich bald sich als aggressiver Egomane, die Frau als diebische Elster, der Mann auf dem Fahrrad (Yoo Sung-mok) als gefährlicher Psychopath. Das alles ist durchaus stimmungsvoll, mitunter aber auch zäh. Aber vielleicht muss der Weltuntergang etwas langweilig sein. Wäre er unterhaltsam, würde der Zuschauer ja gar nicht schnallen, dass die Apokalypse, naja – irgendwie nicht gut ist. Dazu passt, dass die schwangere Sun-young, die für den Zuschauer bei aller Tristesse eine Art Ankerpunkt ist, sich am Ende als ebenso banales Wesen entpuppt wie alle anderen Figuren des Film auch.

„End Of Animal“ scheint so etwas sein zu wollen wie die koreanische Antwort auf Becketts „Warten auf Godot“ und Satres „Geschlossene Gesellschaft“. Am Ende ist jede Hoffnung, der Mensch könne mehr sein als ein Tier, über Bord geworfen. Was mir allerdings als letzte Wahrheit nicht besonders interessant und darüber hinaus einigermaßen widersprüchlich vorkommt. Tiere schauen schließlich keine Filme.

Bild © Rapid Eye Movies
 

Take Shelter (Jeff Nichols, USA 2011)

Posted by – 22. März 2012

Curtis (Michael Shannon) führt ein gutes Leben. Eigentlich hat er wenig Grund zum Klagen. Er und seine Frau Samantha (Jessica Chastain) sind glücklich verheiratet. Zusammen haben sie eine Tochter (Tova Stewart). Doch dann beginnen Curtis‘ Albträume zu  quälen: er träumt von einem aufkommenden Sturm, öligem Regen und tot vom Himmel fallenden Vögeln. Obwohl Curtis Mutter unter Schizophrenie leidet und der junge Familienvater deswegen auch bei sich psychische Probleme vermutet, kann er nicht anders, als seine Visionen ernst zu nehmen. Sein Ziel ist es von da an, einen Schutzbunker im Garten zu bauen. Seine Umgebung beobachtet ihn argwöhnisch und  seine Ehe wird durch sein Tun auf eine harte Probe gestellt.

Ein Sturm zieht auf. Ein gewaltiger, doch lautloser Sturm, einer, der alles vernichten wird und von dem noch niemand etwas ahnt. Niemand, außer Curtis. Michael Shannon spielt Curtis mit malenden Kiefern, so als hätte der Sturm in ihm schon sein vernichtendes Werk begonnen. Seiner Präsenz und seiner Fähigkeit, diesem stillen Wahnsinn, eine Gestalt zu geben (dieses hat er auch schon in Filmen wie „Bug“ oder „My Son, My Son, What Have You Done“ gezeigt), ist es zu verdanken, dass „Take Shalter“ der Film geworden ist, der er ist. Dem Zuschauer fällt es immer schwerer die Bedrohung zu lokalisieren. Speist sie sich direkt aus dem Wahnsinn, den Visionen oder geht sie nachher vielleicht von Curtis selbst aus? Ein Sturm zieht auf. Vielleicht. Aber zunächst ist da ein Mann, der sich immer mehr von seiner Umwelt, seinen Freunden, seiner Familie entfernt.

Ein weiteres Mal ist Jeff Nichols ein Ausnahmefilm gelungen. Schon in „Shotgut Stories“ (2007) hat sich Regisseur und Autor Nichols als  genauer Beobachter US-amerikanischer Befindlichkeiten hervorgetan. War sein Debüt noch im einsamen Arkansas angesiedelt, spielt „Take Shelter“ irgendwo im nicht wesentlich belebteren Ohio. Die ländlichen Gegenden scheinen für Nichols Geschichten eine besondere Rolle zu spielen. Auf dem Land ist jeder irgendwie mit jedem verbunden. Hier darf man noch wortkarg sein und sein Ding machen, trotzdem steht man, vielleicht weil so wenig passiert, unter strenger Beobachtung der Mitmenschen. Jedes Handeln hat Folgen und lässt den empfindlichen Mikrokosmos der Gemeinschaft vibrieren. Dies ist es auch, was Curtis immer mehr zu schaffen macht. Sein Umfeld reagiert auf sein seltsames Verhalten wie die Antikörper, die einen Virus entdeckt haben.

„Take Shelter“ ist ein sehr eigener Film, einer, der es dem Zuschauer nicht leicht macht. Die Offenbarungs-Thematik und der starke christliche Bezug haben das Potenzial anzuecken. Außerdem dürfte weder das typische Thriller-Publikum – dazu entwickelt sich Nichols Film zu bedächtig – noch jenes, das auf einen raffinierten Mystery-Plot aus ist, sich in dem Film so richtig zu Hause fühlen. Auch, wenn man am Ende immer noch nicht mit Sicherheit weiß, was dran ist an Curtis Visionen, fügen sich die verschiedenen Puzzleteile doch recht passend zusammen.  Und trotzdem: „Take Shelter“ hinterlässt so ein Gefühl, dass da mehr gewesen sein muss, als man gesehen hat. Vielleicht ist es das existenzielle Grundstimmung des Films, das unsere tiefsten Gefühle, unseren Glauben und das, was wir für Wissen halten, so unangenehm berührt; oder vielleicht ist es die politische Dimension, die im Film zu jeder Zeit spürbar aber doch so wenig greifbar ist, wie der unsichtbare Sturm, der durch Curtis Kopf braust.

Am Ende bricht die Katastrophe über alle herein. Das ist beruhigend, weil man nun endlich weiß, woran man ist. Aber gleichzeitig ist man über alle Maßen verstörend, weil man das Gefühl hat, etwas Wichtiges übersehen zu haben. Etwas, das aus dem Film etwas ganz Anderes machen könnte.

Bild © Ascot Elite