Take Shelter (Jeff Nichols, USA 2011)

Posted by – 22. März 2012

Curtis (Michael Shannon) führt ein gutes Leben. Eigentlich hat er wenig Grund zum Klagen. Er und seine Frau Samantha (Jessica Chastain) sind glücklich verheiratet. Zusammen haben sie eine Tochter (Tova Stewart). Doch dann beginnen Curtis‘ Albträume zu  quälen: er träumt von einem aufkommenden Sturm, öligem Regen und tot vom Himmel fallenden Vögeln. Obwohl Curtis Mutter unter Schizophrenie leidet und der junge Familienvater deswegen auch bei sich psychische Probleme vermutet, kann er nicht anders, als seine Visionen ernst zu nehmen. Sein Ziel ist es von da an, einen Schutzbunker im Garten zu bauen. Seine Umgebung beobachtet ihn argwöhnisch und  seine Ehe wird durch sein Tun auf eine harte Probe gestellt.

Ein Sturm zieht auf. Ein gewaltiger, doch lautloser Sturm, einer, der alles vernichten wird und von dem noch niemand etwas ahnt. Niemand, außer Curtis. Michael Shannon spielt Curtis mit malenden Kiefern, so als hätte der Sturm in ihm schon sein vernichtendes Werk begonnen. Seiner Präsenz und seiner Fähigkeit, diesem stillen Wahnsinn, eine Gestalt zu geben (dieses hat er auch schon in Filmen wie „Bug“ oder „My Son, My Son, What Have You Done“ gezeigt), ist es zu verdanken, dass „Take Shalter“ der Film geworden ist, der er ist. Dem Zuschauer fällt es immer schwerer die Bedrohung zu lokalisieren. Speist sie sich direkt aus dem Wahnsinn, den Visionen oder geht sie nachher vielleicht von Curtis selbst aus? Ein Sturm zieht auf. Vielleicht. Aber zunächst ist da ein Mann, der sich immer mehr von seiner Umwelt, seinen Freunden, seiner Familie entfernt.

Ein weiteres Mal ist Jeff Nichols ein Ausnahmefilm gelungen. Schon in „Shotgut Stories“ (2007) hat sich Regisseur und Autor Nichols als  genauer Beobachter US-amerikanischer Befindlichkeiten hervorgetan. War sein Debüt noch im einsamen Arkansas angesiedelt, spielt „Take Shelter“ irgendwo im nicht wesentlich belebteren Ohio. Die ländlichen Gegenden scheinen für Nichols Geschichten eine besondere Rolle zu spielen. Auf dem Land ist jeder irgendwie mit jedem verbunden. Hier darf man noch wortkarg sein und sein Ding machen, trotzdem steht man, vielleicht weil so wenig passiert, unter strenger Beobachtung der Mitmenschen. Jedes Handeln hat Folgen und lässt den empfindlichen Mikrokosmos der Gemeinschaft vibrieren. Dies ist es auch, was Curtis immer mehr zu schaffen macht. Sein Umfeld reagiert auf sein seltsames Verhalten wie die Antikörper, die einen Virus entdeckt haben.

„Take Shelter“ ist ein sehr eigener Film, einer, der es dem Zuschauer nicht leicht macht. Die Offenbarungs-Thematik und der starke christliche Bezug haben das Potenzial anzuecken. Außerdem dürfte weder das typische Thriller-Publikum – dazu entwickelt sich Nichols Film zu bedächtig – noch jenes, das auf einen raffinierten Mystery-Plot aus ist, sich in dem Film so richtig zu Hause fühlen. Auch, wenn man am Ende immer noch nicht mit Sicherheit weiß, was dran ist an Curtis Visionen, fügen sich die verschiedenen Puzzleteile doch recht passend zusammen.  Und trotzdem: „Take Shelter“ hinterlässt so ein Gefühl, dass da mehr gewesen sein muss, als man gesehen hat. Vielleicht ist es das existenzielle Grundstimmung des Films, das unsere tiefsten Gefühle, unseren Glauben und das, was wir für Wissen halten, so unangenehm berührt; oder vielleicht ist es die politische Dimension, die im Film zu jeder Zeit spürbar aber doch so wenig greifbar ist, wie der unsichtbare Sturm, der durch Curtis Kopf braust.

Am Ende bricht die Katastrophe über alle herein. Das ist beruhigend, weil man nun endlich weiß, woran man ist. Aber gleichzeitig ist man über alle Maßen verstörend, weil man das Gefühl hat, etwas Wichtiges übersehen zu haben. Etwas, das aus dem Film etwas ganz Anderes machen könnte.

Bild © Ascot Elite
 

2 Comments on Take Shelter (Jeff Nichols, USA 2011)

  1. […] war für mich einer der schönsten Entdeckungen auf der Berlinale 2007 (von meiner Freude über „Take Shelter“ vor 2 Jahren ganz zu schweigen!) Und es ist kein Zufall, dass ich mich bei „Mud“, Jeff […]

  2. […] Sohn quer durch die USA. So schön einfach lässt sich der aktuelle Film von Jeff Nicols („Take Shelter“,„Mud“) zusammenfassen. Doch einfach ist die Geschichte nicht, oder sagen wir besser – sie […]

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