The Amazing Spider-Man (Marc Webb, USA 2012)

Posted by – 8. April 2014

Um mich auf den zweiten Teil „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“ vorzubereiten, habe ich mich ein weiteres Mal an Teil eins gewagt. Das letzte Mal konnte ich mit ihm, wie hier nachzulesen, nicht besonders viel anfangen. Oder war das nur der erschreckte Schmerzensschrei eines Raimi-Fans? Hat mir Marc Webbs Reboot vielleicht nur aus einer Laune heraus nicht gefallen? Diese Hoffnung hat sich leider bereits in den ersten Minuten der Neusichtung zerschlagen. Ich bin schon fast soweit zu sagen, dass der Film aus einer Aneinanderreihung von schlechten Entscheidungen besteht: Viele kleinere und größere Drehbuchschwächen (da wüsste ich gar nicht wo ich anfangen soll!), Anschlussfehler noch und nöcher, ein Schnitt, der den Film förmlich zerhackt, alles ist so offensichtlich, so platt, das Casting… Mir ist es ein Rätsel, wie das, was Andrew Garfield da macht – sein Peter Parker ist ein genialistisch-nervöser Hipster-Nerd mit Skateboard –, mit differenziertem Schauspiel verwechseln kann. Und auch Emma Stone zieht in dem Film ein paar Grimassen, die in anderen Jobs ein Kündigungsgrund wären. Zum Glück sind Spinnen sehr widerstandsfähig. Auch mit einem 08/15-Drehbuch und einem anscheinend überforderten Regisseur bekommt man den Spider-Man-Stoff nicht kaputt. Und wer weiß, vielleicht hat Webb in den letzten zwei Jahren ja Kraft geschöpft, das quasi komplett neue Team nicht zu vergessen, angefangen bei den neue Autoren, dem dynamischen Duo Alex Kurtzman und Roberto Orci, dem neuen Kameramann, einem neuen Cutter… Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf.

P.S.

Aber ich möchte abschließend noch einmal meine Verwirrung zum Ausdruck bringen. Wie kann man Filme nur so unterschiedlich wahrnehmen? Ich habe haufenweise Reviews gelesen, die genau die Aspekte des Films, die ich für grottenschlecht halte, in den Himmel loben. Und ich habe mittlerweile auch mit vielen Menschen gesprochen, von denen, für mich nicht nachvollziehbar, viele Webbs Film für zumindest ganz ordentlich, wenn nicht sogar für ziemlich prima halten. Mit den Filmen kann die Meinung über Filme also nicht allzu viel zu tun haben. Klar, über Geschmack lässt sich nicht streiten blabla. Aber ich will ja auch nicht streiten. Ich will Meinungen verstehen! Der Inszenierung, der Geschichte, den Produktionswerten, der Leistung der Darsteller usw. Adjektive wie orgasmisch bist versaubeutelt zuzuweisen (etwas anderes habe ich im Geschreibsel weiter oben ja auch nicht geschafft) und sich darauf auszuruhen, kommt mir weder besonders sinnvoll vor, noch hilft es mir, die Position anderer zu verstehen. Ich mag es, wenn Autoren ein hohes Reflexionsniveau bezüglich ihrer Meinung haben, wenn sie transparent machen, warum sie finden, was sie finden, sie, wenn nötig, ihren Hintergrund einfließen lassen, wenn sie eine unterhaltsam zu lesende Geschichte aus ihrer Sicht auf einen Film machen, eine Geschichte nach deren Lektüre mir das Ansehen eines Films mehr Spaß macht als wenn ich es nicht getan hätte (und das ganz unabhängig davon, ob dem Schreiber oder der Schreiberin der Film gefallen hat oder nicht). Ich sage nicht, dass mir selbst das jemals gelungen ist. Aber ich arbeite daran. Versprochen.

P.P.S.

Apropos Transparenz. In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf eine sehr schöne Aktion hinweisen, die Marco Siedelmann auf Hardsensation ins Leben gerufen hat. In „Reden über Schreiben über Film(e)“ interviewt er verschiedene Filmschreiber & -denker und lässt so den Menschen hinter der Meinung sichtbar werden. Den Anfang macht ein sehr lesenswertes Gespräch mit Oliver Nöding von Remember It For Later.

4 Comments on The Amazing Spider-Man (Marc Webb, USA 2012)

  1. Oliver sagt:

    Hallo,
    ich bin über den Backtrack unter dem Interview mit mir auf Hard Sensations zu dir bzw. zu diesem Text gelangt und fühlte mich gleich angesprochen, weil ich THE AMAZING SPIDER-MAN wenn schon nicht für großartig, so doch zumindest für gut befunden habe. Kann sein, dass das was mit Erwartungshaltung zu tun hat, denn eigentlich hatte ich überwiegend Verrisse zu dem Film gelesen (von Comicnerds, die sich etwa über die Schuhe Spider-Mans aufgeregt haben). Aber nehmen wir einfach mal an, ich fände ihn auch beim nächsten Mal schauen noch gut. Dann würde ich auf deine Frage „Wie kann man Filme nur so unterschiedlich wahrnehmen?“ Folgendes antworten:

    Viele der Dinge, die du bemängelst, spielen für mich einfach grundsätzlich gar keine Rolle oder zumindest eine weniger große als für dich. Das betrifft zum Beispiel deinen Verweis auf Anschlussfehler. Wenn mir die auffallen, sorgen sie vielleicht für milde Verwirrung, aber sie sind grundsätzlich nicht in der Lage, mir einen Film zu verderben. Dann möchte ich außerdem bezweifeln, dass die gezeichneten Vorlagen besonders genau in der Einhaltung der continuity im Fluss von Panel zu Panel sind. Hier würde ich dann, das gilt auch deine Kritik des „Offensichtlichen“ und „Platten“ darauf verweisen, dass Comicverfilmungen auf einem Trivialmedium basieren, dessen Storykonstrukte selten übermäßig raffiniert sind, sondern einfach archetypische Konflikte mit nur leicht veränderten Varianten immer wieder neu durchspielen. Deswegen gibt es ja auch ständig Reboots von den Dingern.

    Schauspiel: Ganz schwierig. Sofern du nicht Schauspielschüler oder -lehrer bist, würde ich unterstellen, dass du gar nicht beurteilen kannst, ob jemand gut oder schlecht ist, also sein Handwerk versteht oder nicht. Du kannst darauf rekurrieren, wie jemand bei dir ankommt. Das hat aber nicht unbedingt etwas mit seinem Können oder Nichtkönnen, sondern vor allen Dingen mit deiner auf völlig irrationalen Gründen fußenden Sympathie zu tun. Das ist keine Kritik an dir, sondern eine ganz allgemeine Feststellung eines Missstandes des „Filmjournalismus“: Schauspiel ist eine Kunstform, die etwas mit Technik zu tun hat. Kein Fachfremder würde sich anmaßen, das eigene Nichtgefallen eines Bildes auf technisches Unvermögen des Malers zurückzuführen, weil eben nur die wenigsten Menschen, die ins Museum gehen, wissen, wie man einen Pinsel führt. Bei Schauspielern (und Film generell) macht man da gern eine Ausnahme und erhebt eigenes Gefallen zum Maßstab, an dem „Können“ gemessen wird. Kann man machen, muss man wahrscheinlich auch, aber man sollte sich eben an diesen Umstand erinnern, wenn man sich fragt, warum andere einem nicht folgen können. Du kannst erklären, warum du das Spiel eines Schauspielers unpassend oder störend findest. Aber das heißt noch nicht, dass dir ein anderer darin folgen muss. Du hältst offensichtlich die Anlage von Peter Parkers Charakter als Nerd für unpassend. Das hat aber nichts mit dem Schauspiel Garfields zu tun, sondern wenn überhaupt mit Drehbuch und Casting. Und man kann diese Entscheidung eben auch für richtig oder meinetwegen interessant halten.

    Ich weiß, dein Text ist keine Rezension, aber du nennst kein einziges Argument für deine Kritik, zählst lediglich Punkte auf, an denen sich dein Missfallen entzündet hat. Eine Erklärung, warum du das Drehbuch für 08/15 hältst, warum Garfield fehlbesetzt ist, warum du findest, Emma Stone sollte gekündigt werden, wo der Schnitt den Film zerhackt, lieferst du nicht. Deine Argumentation ist ein Zirkelschluss: Etwas ist schlecht, weil es dir nicht gefallen hat, und es hat dir nicht gefallen, weil es schlecht ist. Genau an diesem Punkt müsste ein Text ansetzen. Das gilt natürlich auch für den umgekehrten Fall.

    Viele Grüße
    Oliver

    • 3jH sagt:

      Hi Oliver,
      danke für deinen ausführlichen Kommentar. Alles was du sagst, sehe ich ein und ähnlich. Der zweite Absatz und die Frage, wie man Filme nur so unterschiedlich wahrnehmen kann, und dass es mir persönlich nicht viel bringt, wenn ich bei anderen über schlechtes Schauspiel oder Anschlussfehler lese, war ja gerade dem Unglücklich sein darüber geschuldet, als ich gemerkt habe, dass ich gerade genau das tue, aufzähle, mit den üblichen verdächtigen Filmkategorien und deren „Qualität“ hantiere, Aspekte als schlecht bezeichne, weil sie schlecht sind – eben im Zirkel schließe. Ich denke auch: Da muss man ansetzen. Mir gelingt es leider nicht immer, so zu schreiben, wie ich es selber gerne lesen würde.
      Übrigens: Dein Spider-Man-Text war tatsächlich auch ein Grund, warum ich dann doch noch einmal Lust auf den Film bekommen habe, obwohl ich ihn ja beim ersten mal so wenig mochte.
      Viele Grüße
      Björn

  2. […] dass diese „Spider-Man“-Reihe von Marc Webb nicht fortgesetzt wurde, weil ich sie schon von Anfang an auf subtile Art und Weise ziemlich kacke fand. Den zweiten Teil, über den ich mich hier ja recht […]

  3. […] Ausklang des an sich fantastischen Raimi-Runs und den beiden schrecklichen Nachfolgern („The Amazing Spider-Man“,„The Amazing Spider-Man 2“), hatte ich nicht damit gerechnet, dass ein so baldiger Reboot und […]

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