The Amazing Spider-Man (Marc Webb, USA 2012)

Posted by – 6. Juli 2012

Vorweg: Sam Raimi hat mit seinen drei Spider-Man-Filmen für mich die bis dato beste Interpretation des Wandkrabblers und darüber hinaus eine der stärksten Superhelden-Filme überhaupt geliefert. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass ich, um es milde auszurücken, sehr skeptisch war, was einen so schnelles Reboot der Reihe betrifft. Weil ich Spider-Man mag und weil die Trailer zu Marc Webbs „The Amazing Spider-Man“ jetzt auch nicht ganz schlecht aussahen, habe ich irgendwann doch begonnen, mich vorsichtig auf den Film zu freuen. Letzten Mittwoch bin ich nach der Arbeit dann schnell ins Kino gehuscht…

Als er noch ein Kind war, verschwanden unter mysteriösen Umständen seine Eltern.  Seitdem lebt High-School-Außenseiter Peter Parker (Andrew Garfield) bei seinem Onkel Ben (Martin Sheen) und seiner Tante May (Sally Field). Doch nun will er wissen, was damals passiert ist. Eine Spur führt ihn zu Oscorp Industries und zum Kollegen seines Vaters, Dr. Curt Connors (Rhys Ifans). Doch ehe er herausfindet, was mit seinen Eltern geschehen ist, nimmt sein Leben eine unerwartete Wendung. Als er bei Oscorp von einer Spinne gebissen wird und so weiter.

Um mein Fazit vorweg zu nehmen: Ich bin enttäuscht von dem Film. Der Produktion hat es weder an Zeit noch Geld gemangelt. Außerdem konnte sie mit Marc Webb auf einen als talentiert geltenden Regisseur, erfahrene Autoren (James Vanderbilt, Alvin Sargent und Steve Kloves) und gute Schauspieler zurückgreifen. Doch das alles hat nicht viel geholfen. Zumindest nicht so viel, dass „The Amazing Spider-Man“ in irgendeiner Hinsicht ähnlich interessant ist, wie Raimis Version des Stoffs.

Denn dafür, dass „The Amazing Spider-Man“ eine „nie erzählte Geschichte“ erzählen wollte, erinnert die Story verdächtig an eine Mischung aus Ramis ersten beiden „Spider-Man“-Filmen. Peter wird von einer mutierten Spinne gebissen und entdeckt seine neuen Kräfte; ein befreundeter Wissenschaftler macht einen Selbstversuch und verwandelt sich in einen Superschurken. Auch wenn einige Details abgeändert wurden, sind die Storylines bekannt und dadurch absolut vorhersehbar. Nun soll einiges, das der Geschichte einen zumindest etwas anderen Ton gegeben hätte, der Schere zum Opfer gefallen sein. Peter, so die Gerüchteküche, wurde von seinem Papi schon derart genetisch verändert, dass der Biss der Spinne nur der Auslöser für seine Mutation gewesen ist. Ob dieser leicht veränderte Hintergrund, der im Film ja nicht mal auftaucht, dazu berechtigt von einer nie erzählten Geschichte zu sprechen, darüber lässt sich streiten. Wie auch darüber, ob das überhaupt eine gute Idee ist.

Dass der Film (in der jetzigen Form) ziemlich überraschungsfrei ist, hätte ich noch verschmerzen können. Dass Webb und seinen Autoren die Figuren scheinbar ziemlich egal sind, nicht. Raimis „Spider-Man“ wird von mir und anderen ja nicht deswegen als sehr gelungen wahrgenommen, weil er so gut aussah (das tut Webbs Interpretation auch), sondern weil Raimi es wie bisher kein anderer verstanden hat, was die Figur des Peter Parker und sein Alter Ego, Spider-Man, zu etwas besonderem macht. Er hat es verstanden, die Aussage, dass mit Macht Verantwortung einhergeht, ins Superhelden-Genre zu übertragen und gleichzeitig eine sensible Coming-of-Age-Geschichte zu erzählen. Webb und sein Team zeigen hier nur sehr wenig Gespür. Auch wenn sie sich viel Zeit nehmen, das Entstehen von Spider-Man zu zeigen, scheint ihnen eher an einzelnen Szenen als an einer stimmigen Entwicklungsgeschichte gelegen gewesen zu sein. Wie wenig sie sich für die Figuren und ihrer Bedeutung in der Geschichte interessiert haben, wird vor allem deutlich an dem Tod von Onkel Ben, der bei Rami in Peters Persönlichkeitsentwicklung eine wichtige Rolle spielt. Für Webb hat diese wichtige Figur nach ihrem Tod gar keine Funktion mehr. Aber auch Dr. Conners, der eine ähnliche Funktion in der Geschichte erfüllt wie Doc Oc (damals grandios gespielt von Alfred Molina) in „Spider-Man 2“ und der zumindest in der Theorie ähnlich ambivalent angelegt ist, ist bei Webb, nachdem er erst mal zum Lizard mutiert ist, platt wie eine Flunder. Wie so vieles in „The Amazing Spider-Man“. Man erkennt die Ansätze, die Ausführung erweist sich leider meist als unbefriedigend.

Und als wäre das alles noch nicht schlimm genug, ist „The Amazing Spider-Man“ auch noch gespickt mit allerlei Blödheiten. Dafür, dass hier augenscheinlich mehr Wert auf Realismus gelegt werden sollte (der Gentechnik-Hintergrund und Spider-Mans Netzwerfer deuten darauf hin),  enthält der Film ziemlich viel Quatsch. Warum muss  Peters Jugendliebe Gwen Stacey (Emma Stone), ebenfalls Schülerin an der High School ausgerechnet bei Oscorb arbeiten? Was sollte die pathetische und überaus unnütze Szene mit den Kränen? Warum sucht der Lizard ganz echsenuntypisch es dafür aber jedem zweiten Superschurken nachmachend ausgerecht Unterschlupf in der Kanalisation? Das ist doch öde! Und warum schießt Spidey sein Netz irgendwo ins Nichts, nur um darauf fröhlich durch die Gegend schwingend zu sehen zu sein?

Das alles soll jetzt nicht heißen, dass „The Amazing Spider-Man“ ein völlig missratener Film wäre. So furchtbar, wie sich das jetzt vielleicht anhört, ist es dann doch nicht. Zumindest wenn man seine Ansprüche relativiert. Zu den guten Momenten des Films gehört sicherlich die Zeit direkt nach dem Spinnenbiss, wenn Peter seine Fähigkeiten entdeckt. Großartig: Als Spider-Man von der Polizei gestellt wird. Und auch mit seiner Jugendliebe Gwen Stacy hat Peter ein paar gute Szenen. Und wie gesagt, die Effekte sind top. Doch die drei Spider-Man-Filme von Sam Raimi sind noch sehr präsent. Und verglichen mit denen, sieht „The Amazing Spider-Man“ trotz guter production values ganz und gar nicht amazing sondern ziemlich alt aus.

 Bild © Sony
 

3 Comments on The Amazing Spider-Man (Marc Webb, USA 2012)

  1. […] habe ich mich ein weiteres Mal an Teil eins gewagt. Das letzte Mal konnte ich mit ihm, wie hier nachzulesen, nicht besonders viel anfangen.  Die milde Hoffnung, dass mir Marc Webbs Reboot vielleicht nur aus […]

  2. […] Spider-Man-Reboot durch Marc Webb wurde gemischt aufgenommen. Ich gehörte zu den Leuten, die nur wenige gute Worte für den Film gefunden haben. Zwei Jahre sind vergangen, nun erscheint mit „The Amazing […]

  3. […] Raimi-Runs und den beiden schrecklichen Nachfolgern („The Amazing Spider-Man“, nachzulesen hier und hier sowie ,„The Amazing Spider-Man 2“), hatte ich nicht damit […]

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