The Iron Rose (Jean Rollin, Frankreich 1973)

Posted by 14. April 2013

The Iron RoseIn „The Iron Rose“ verliert ein Pärchen zunächst eine Uhr, dann die Zeit und schließlich sich selbst. Und ich bin verwirrt, möchte aber trotzdem ein paar Sätze zu diesem faszinierenden Film loswerden.

Die Handlung von „The Iron Rose“ (OT: La Rose de Fer; in Deutschland als „Die Eiserne Rose“ oder „Friedhof der toten Seelen“ bekannt), meiner ersten, sehnsüchtig erwarteten Begegnung mit einem Film des französischen Enfant Terrible Jean Rollin, lässt sich so zusammenfassen: Ein frisch verliebtes Pärchen gelangt bei einem Fahrradausflug auf einen Friedhof, auf dem es beschließt zu picknicken – und verirrt sich. Wobei man hier schon einwenden dürfte, dass „verliebt“ vielleicht ein wenig übertrieben ist. Die beiden haben sich tags zuvor auf einer Familienfeier kennengelernt. Sie (Mireille Dargent) war fasziniert von ihm (Françoise Pascal), weil er der langweiligen Festivität durch ein morbides Gedicht etwas Leben eingehaucht hatte. Der anschließende Flirt mündete in besagter Fahrradtour. Doch obwohl ein gewisses Knistern zwischen den beiden unverkennbar war, werden erste Spannungen deutlich, als sie den Ausgang des Friedhofs nicht mehr finden. Während er die Sache herunterspielt und meint, dass man sich auf einem Provinzfriedhof ja wohl nur schlecht langfristig verirren könne, ist sie sichtlich nervöser, sogar ängstlich. Das unterschiedliche Verhalten der Figuren angesichts des Friedhofs und dem, wofür er steht, lässt sich meiner Meinung nach gut als Ausgangspunkt für einen Deutungsversuch nutzen.

Er, der anfangs noch wie ein Rebell und Freigeist wirkt, in dem er die Festgesellschaft mit seiner Einlage provoziert, weil er beim Flirt nichts anbrennen lässt und einen Friedhof als Picknickplatz wählt, der mutig in ein Grab hinabsteigt (wo er seine Uhr verliert) und die Frau überredet, ihm zu folgen, er, der mit dem Morbiden, dem Tod nur kokettiert – er bricht im Angesicht seiner Endlichkeit ein. In gewissem Sinne war er ein Betrüger und Materialist. Das zeigt sich im Film sehr schön daran, wie dringend er seine Uhr wiederfinden will. Sie hingegen ist empfindsam und ehrlich in Bezug auf das, was sie fühlt. Manchmal scheint sie fast wie ein Kind, das Fangen und Verstecken spielen will. Das Labyrinth des Friedhofs kostet sie fast den Verstand. Doch sie kämpft nicht dagegen an, sie akzeptiert und überwindet schließlich ihre Angst. Sie hat die Furcht hinter sich gelassen, aber damit auch weltliche Kategorien. Als er schließlich seine Uhr und damit die Zeit wieder findet, ist das für ihn das Ende. Und ein trauriges dazu. Sie tanzt noch eine Nacht beseelt über den Friedhof. Und als sie ihm dann folgt, tut sie es im Einklang mit sich, der Welt und der Unendlichkeit. Sie ist frei.

Wenn „The Iron Rose“ nicht diese Körperlichkeit und extreme Sinnlichkeit hätte, würde ich sagen, Rollin hat einen buddhistischen Film gemacht, in dem der immerwährende Leidenskreislauf, den das Leben bedeutet, nur überwunden werden kann, in dem das Selbst aufgegeben wird. Aber: Hätte sich Rollin, wäre das tatsächlich sein Anliegen gewesen, nicht etwas weniger an der nackten Haut seiner Hauptdarstellerin Dargent erfreuen müssen? Vielleicht ist genau das aber gerade der verschmitzte Witz des Films, durch den Rollin sich und seine Einstellung zum Leben sympathisch positioniert. Der Titel, die eiserne Rose als groteskes Symbol für unendliche, aber kalte, tote Liebe, würde diese Lesart noch einmal stützen.

Bild © VZ-Handelsgesellschaft
 

2 Comments on The Iron Rose (Jean Rollin, Frankreich 1973)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.