The Night of the Hunted (Jean Rollin, Frankreich 1980)

Posted by – 22. Oktober 2013

NightOfTheHunted

#horrorctober 5

In „Perfect Sense“ hat David Mackenzie eindrucksvoll durchgespielt, was vom Menschen bleibt, wenn ihm seine Sinne abhanden kommen. Und auch in Jean Rollins „The Night Of Hunted“ (OT: La Nuit des Traquées) geht es um den Verlust von Wesentlichem: Der Erinnerung. Trotz aller Unterschiedlichkeit kommen Mackenzie und Rollin zu einem ähnlichen Ergebnis.

Eines nachts läuft Robert (Alain Duclois) eine Frau vors Auto, die nur mit einem Nachthemd bekleidet ist. Sie stellt sich als Elisabeth (Brigitte Lahaie) vor – an mehr kann sie sich nicht erinnern. Die beiden fahren in Roberts Wohnung und verbringen dort eine Nacht zusammen. Als Robert am nächsten Tag arbeiten geht, kommen plötzlich ein Mann und eine Frau in die Wohnung. Der Mann nennt sich Doktor Francis (Bernard Papineau) und erklärt der verwirrten Elisabeth, sie würde an einer Gehirnkrankheit leiden. Er überzeugt sie, ihn in die „Klinik“ zu begleiten.

„The Night Of Hunted“ ist nach „The Iron Rose“ und „Fascination“ mein dritter Film von Rollin. Auch wenn es thematische und stilistische Gemeinsamkeiten zwischen den dreien gibt, so überwiegen doch die Differenzen. Von der morbid-romanischen Stimmung und der dazu passenden Ausstattungen ist hier fast nichts geblieben. „The Night Of The Hunted“ spielt in der Anonymität einer sterilen, grauen Metropole und dort vor allem in einem schwarzen Turm, mitten einer Fabriklandschaft. Dort werden die „infizierten“ Menschen untergebracht. Was die Stimmung in diesem Gebäude-Komplex betrifft, hat mich Rollins Film eher an Cronenbergs „Shivers“ erinnert. Inhaltlich könnte man ihn aber auch mit Romeros Zombiefilmen oder vielleicht eher noch „Miracle Day“, der letzten Staffel des „Doctor Who“-Ablegers „Torchwood“ oder der französischen Serie „Les Revenants“ vergleichen. Es ist erstaunlich, mit welchen Ideenspektrum Rollin hier operiert und welche Weitsicht er im Bereich gesellschaftlicher und demografischer Entwicklungen er zeigt. Darin wirkt „The Night Of The Hunted“ sehr modern. Seine Themen bearbeite Rollin freilich nicht auf eine analytische, sondern eher auf eine intuitiv-assoziative Weise, er erklärt nicht, er zeigt es dem Zuschauer, lässt es ihn fühlen. Bei mir war das große und immer größere Traurigkeit. Die Figuren des Films sind so allein, und mit jeder Erinnerung, die zu Staub zerfällt wie ein Vampir im Sonnenlicht, werden sie noch einsamer. Trost finden sie weder drin, ihre nackten Körper aneinander zu reiben, noch durch erfundene, gemeinsame Erinnerinnungen, die sie sich gegenseitig erzählen. Denn ein paar Minuten später sind auch die wieder vergessen.

Zum Glück lässt wenigstens die Schlussszene von „The Night Of The Hunted“ soviel Interpretationsspielraum, dass man dort, vielleicht, wenn man will, ein kleines bisschen Hoffnung erkennen kann. Das Ende – Leute die besonders empfindlich auf Spoiler reagieren sollten vielleicht nicht weiterlesen – kann man auf zwei sehr unterschiedliche Weisen deuten. Die mittlerweile völlig „leere“ Elisabeth sowie der tödlich verletzte Robert torkeln nebeneinander, ja irgendwie sogar gemeinsam über eine lange, verfallene Brücke, die zur Stadt führt. Lesart eins: Die Stadt ist das Totenreich. In Elisabeth und Robert ist nichts mehr – und wo wären die beiden besser aufgehoben als im grauen, alles verschlingenden Moloch der Stadt? In dieser Lesart zieht Rollin dem Zuschauer zum Schluss auch noch das letzte Stück Boden unter den Füßen weg. Die Stadt wird zum Bild für eine entindividualisierte, durch und durch sinnlose Existenzform: Eigentlich sind die Lebenden schon tot. Aber nicht nur das Leben ist kalte, lieblose Mechanik – auch nach dem Tod wartet nichts auf den Gestorbenen. Lesart zwei: Obwohl die beiden alles verloren haben – sie sind nur noch leere Hüllen, lebende Tote – ist da doch irgendwo in ihnen noch ein Funke von dem, was Menschen ausmacht, eine Form von gegenseitiger, vielleicht nur körperlicher doch möglicher Weise auch seelischer Anziehung, Verbundenheit. Vielleicht sogar Liebe? So gesehen wäre „The Night Of The Hunted“ nicht der deprimierende Film als der er die meiste Zeit erscheint, sondern hätte mehr mit Mackenzies aller Traurigkeit zum Trotz auf eine gewisse Weise optimistischen „Perfect Sense“ gemein. Auch wenn alles verschwindet – etwas bleibt. Ich bevorzuge diese Lesart.

Bild © Redemption
 

2 Comments on The Night of the Hunted (Jean Rollin, Frankreich 1980)

  1. […] Spitze der mir bisher bekannten Rollin-Filme zu setzen – da thront immer noch unangefochten „The Night Of Hunted“ –, aber ich gebe zu, er hatte es auch schwer. Rollins Filme sind nicht dafür gemacht, sie auf […]

  2. […] der deutschen Kinostarts habe ich etwas geschrieben („Onibaba“, „The Wicker Man“, „Night Of The Hunted“, „Tokyo Story“, „Bay Of Blood“, „The Andromeda Strain“,…), aber die vielleicht […]

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