The Secret World Of Arrietty (Hiromasa Yonebayashi, Japan 2010)

Posted by – 7. Mai 2014

ArriettyStück für Stück arbeite ich mich durch die Filme des Zeichentrickstudios Ghibli, das 1985 von Hayao Miyazaki und Isao Takahata gegründet wurde. Wobei, „arbeiten“ natürlich das komplett falsche Wort ist. Ich bekomme kein Geld dafür, tue es hundertprozentig freiwillig und auch andere, für Arbeit typische Begleiterscheinungen, wie Müdig- und Lustlosigkeit, Stress und Konflikt könnten den Ghibli-Filmen ferner kaum sein.

„The Secret World Of Arrietty“ (OT: Kari-gurashi no Arietti) beruht auf der Borger-Reihe der britischen Kinderbuchautorin Mary Norton. Arrietty und ihre Familie, ihr Vater Pod und ihre Mutter Homily sind Borger, kleine, menschenähnliche Wesen, die ganz in der Nähe der Menschen leben und sich nachts Nahrung und Haushaltsmittel von ihnen „borgen“. Von den Menschen gesehen zu werden, ist allerdings das Schlimmste, was es für einen Borger gibt. Doch dann zieht der zwölfjährige Shō in das Haus, in dem auch Arrietty lebt. Und es dauert nicht lange, bis der Junge Wind von den winzigen Mitbewohnern bekommt – was das Leben von Arrietty und ihrer Familie gehörig durcheinanderbringt.

Die Filme aus dem Hause Ghibli schaffen es immer wieder, mich in ihre fantastischen Welten zu entführen. Ein wenig so muss Alice sich gefühlt haben, als sie dem weißen Kaninchen in seinen Bau gefolgt ist. Doch anders als in Lewis Carrolls Geschichte, ist Irritation bei den Ghibli-Stoffen kein Selbstzweck. Was ich außerdem mag: Die Ghibli-Filme sind in der Regel von einer großen, einzigartigen Warmherzigkeit geprägt. Man merkt ihnen den Respekt vor ihren Geschichten und Figuren, aber auch vor dem Zuschauer in jedem Moment an. Das führt dazu, dass sie eine breite Zielgruppe ansprechen und sowohl mit den Bedürfnissen jüngster als auch den philosophischen Interessen reiferer Zuschauer kompatibel sind.

All das gilt auch für „Arrietty“, die den Zuschauer in die Welt der Borger mitnimmt. Wir lernen Arrietty und ihre Eltern kennen und erhaschen einen Blick auf ihre Wünsche und Ängste. Hiromasa Yonebayashi, der die Geschichte nach einem Drehbuch von Hayao Miyazaki verfilmt hat, bringt dem Zuschauer sehr geschickt und einfühlsam die Perspektive der Figuren näher. Überhaupt ist der Film ein wunderbares Beispiel dafür, was es heißt, eine bestimmte Perspektive einzunehmen – und insofern auch perfekt für Eltern, die mit ihren Kindern mal etwas anderes als das tendenziöse Zeug aus dem Hause Disney sehen wollen. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln sieht die Welt unterschiedlich aus, ergeben sich unterschiedliche Meinungen, Interessen, Bedürfnisse. Dass Borger sich versteckt halten müssen ist keine bloße Drehbuchfinte, die zum Schluss zugunsten eines weich gespülten Happy Ends aufgelöst wird. Der Unterschied zwischen groß und klein ist ganz real und existenziell, er wird nicht negiert, relativiert oder intensiviert, sondern respektiert. Dass die Figuren, die Lebensformen, ernst genommen werden, ist aber nicht der Schlüssel für gute Geschichten. Diese Ernsthaftigkeit ist untrennbar verknüpft mit dem grenzenlosen Wohlwollen, das sich durch die Filme von Hayao Miyazaki zieht (soweit ich sie bisher kenne).

Im Herzen des Films ist sogar für Haru Platz. Die beflissene Haushälterin hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Borger ans Tageslicht zu zerren und festzusetzen. Zuerst erschien mir diese Figur etwas zu einfach und für Ghibli-Verhältnisse in untypischem Schwarz-Weiß gezeichnet. Mit etwas Abstand erscheint mir aber auch Harus Handeln glaubhaft und nachvollziehbar. Sie reiht sich ein in den wunderbar reichhaltigen Kosmos des Films, den zu betrachten einen sehr froh und auch ein kleines bisschen traurig macht.

Bild © Universum Film
 

1 Comment on The Secret World Of Arrietty (Hiromasa Yonebayashi, Japan 2010)

  1. […] Apropos Studio Ghibli: Auch Yzordderrexxiii hat sich einen Film aus diesem Studio vorgenommen und schreibt über „The Secret World Of […]

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