They Live (John Carpenter, USA 1988)

Posted by – 16. August 2015

they live„So ein Humbug“, sagt mein Vater nach dem Film, und meine Mutter: „Bist du nicht langsam zu alt für sowas?“ Ich fühle mich geehrt, dass mir ein so exklusiver Geschmack bescheinigt wird. Aber ich wundere mich auch: Wie können meine Eltern nicht erkennen, was für einen fantastischen Film sie mit John Carpenters „They Live“ vor sich haben?

Auf der Suche nach Arbeit kommt John Nada (Roddy Piper) nach Los Angeles und heuert dort auf dem Bau an. Mehr oder weniger zufällig fällt ihm ein Karton mit Sonnenbrillen in die Hände. John traut seinen Augen nicht – der Blick durch die Brille offenbart, wie die Welt wirklich ist: Die Erde ist von Außerirdischen infiltriert, die alle Menschen mit unterbewussten Botschaften beeinflussen. Zusammen mit seinem Kumpel Frank (Keith David) sagt er den Besetzern den Kampf an. Wobei der Ausdruck „Kumpel“ der Geschichte vorgreift. Ehe John und Frank an einem Strang ziehen und den Außerirdischen entgegentreten, muss John seinen Kollegen zunächst einmal von seiner Entdeckung überzeugen, was in eine der längsten Prügelszenen der Filmgeschichte kulminiert. „Put the glasses on! Put ‚em on!“. Bäng. Zosch. Krawumm.

Humbug ist das aus einem bestimmten Blickwinkel natürlich schon. Da prügeln sich zwei, weil der eine will, dass der andere eine Brille aufsetzt, das ist schon was anderes, als man sonntäglich beim Tatort zu sehen bekommt. Und ich kann meinen Eltern eigentlich auch nicht vorwerfen, dass sie von „They Live“ nicht so fasziniert sind wie ich heute. Denn ehrlich gesagt hatte ich diesen Carpenter-Film auch nicht in bester Erinnerung, ich habe ihn erst jetzt wirklich ins Herz geschlossen. Denn Humbug in dem Sinne, dass hier Bedeutung vorgegeben wird, die tatsächlich aber nur Schwindel ist – das ist der Film mit Sicherheit nicht, das ist mir diesmal klar geworden. Es geht um eine fremde Macht, die die Menschen über die wahre Beschaffenheit der Welt im Unklaren lässt. Willensfreiheit ist in diesem Szenario eine Illusion. Die Menschen werden durch unbewusste Signale gesteuert und dazu animiert, zu gehorchen und zu konsumieren. Ich will hier nicht den Gesellschaftskritiker raushängen lassen, aber ganz anders geht es in der Welt ja wirklich nicht zu. Im Kapitalismus muss der Mensch zum Kaufen animiert werden – um jeden Preis. Wir sind schon so erzogen, aber auch die allgegenwärtige Werbung macht uns jeden Tag klar: der Mensch ist ein Mängelwesen, doch er kann diesem Mangel durch Konsum entgegenwirken. Und selbst für diejenigen, die aus dem System ausbrechen wollen, gibt es noch das passende Selbsthilfebuch oder den Yogakurs im Angebot. Doch mit der Selbstverwirklichung verhält es sich wie mit dem Esel und der Karotte, natürlich ist sie nicht erreichbar, ständig fehlt noch ein weiterer Konsumartikel zum letzten Glück.

Da hat es der Widerstand im Film natürlich ein wenig leichter: Brille auf – und schon lässt sich die Illusion als solche entlarven. Man merkt schon daran, wie genial Carpenters Drehbuch ist, dass es Menschen gibt, die den Film als Humbug bezeichnen. In plakativen und eindringlichen Bildern wird hier die moderne westliche Gesellschaft aufs Korn genommen, aber aller Einfachheit zum Trotz ist es gar nicht so leicht, die Ähnlichkeit zwischen Fiktion und Wirklichkeit klar zu erkennen – so umfassend ist die Gehirnwäsche, der die meisten von uns seit Beginn ihres Lebens ausgesetzt sind. Ehe ich zu verschwörungstheortetisch klinge, möchte ich einfach noch einmal betonen, was für einen großen Spaß dieser Film macht, wenn man ihn mit der richtigen Einstellung anguckt. Humbug im Sinne von Quatsch mit Soße ist er nämlich auch. Man merkt allen Beteiligten ihren Spaß an, den sie während des Drehs hatten. Allen voran Roderick George Toombs, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Roddy Piper, was mich zum Schluss noch zu einem traurigen Anlass bringt. Piper ist ist am 1. August 2015, einen Tag nachdem ich mir „They Live“ angesehen habe, gestorben. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich weder ein besonderes Interesse am Wrestling noch bewusst andere Filme mit Piper gesehen habe, geht mir sein Tod nahe. Piper hat in Carpenters Film eine unheimlich sympathische Ausstrahlung und nicht zuletzt ist er der Grund dafür, warum „They Live“ so ein feiner Film geworden ist. Oder mit John Nadas Worten: „I have come here to chew bubblegum and kick ass… and I’m all out of bubblegum.“ Oh ja, das ist ihm gelungen! Die außerirdischen Invasoren haben hier den Arschtritt ihres Lebens bekommen. Außerhalb des Films verhält sich alles leider etwas komplizierter. Wir haben keine Brille, die uns dabei hilft, die Welt zu erkennen, wie sie wirklich ist.

Bild © Optimum

1 Comment on They Live (John Carpenter, USA 1988)

  1. […] – Nochmal 80er. „Sie leben“ ist nicht perfekt, aber trotzdem einer meiner liebsten Carpenter. Yzordderrexxiii mag ihn auch. […]

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