We Need To Talk About Kevin (Lynne Ramsay, UK/USA 2011)

Posted by – 21. Oktober 2012

Die ersten Tränen der Kinder sind Bitten. Wenn man nicht Acht darauf gibt, so werden sie bald Befehle.“ – Jean-Jacques Rousseau

Auf dem Fantasy Filmfest Nights verpasst, danach immer wieder Gutes über ihn gehört und nun endlich gesehen: „We Need To Talk About Kevin“ von Lynne Ramsay nach einem Roman von Lionel Shriver. Für mich als Pädagogen sind Filme über das Scheitern von Erziehung natürlich immer interessant und manchmal aufschlussreich. Doch in diesem Fall muss ich sagen, dass der Film als Film und als Kommentar zu einer Mutter-Kind-Beziehung mehr Fragen als Antworten produziert hat.

„We Need To Talk About Kevin“ ist ein Film über eine Familie – Frau Eva (großartig: Tilda Swinton), ihr Mann Franklin (naiv: John C. Reilly) und die beiden Kinder Kevin (eindimensional: Ezra Miller; in jungen Jahren gespielt von Jasper Newell und Rock Duer) und Celia –, aber vor allem ist es ein Film über eine Mutter und ihren Sohn. Kevin bleibt Eva von Anfang an fremd. Jeder gemeinsame Moment scheitert. Zum Beispiel als Eva dem Jungen – fast wie bei der Haustierdressur – einen Ball zurollt und erwartet, dass er ihn zurückrollt; oder als sie mit ihm rechnen übt, ihn dabei aber völlig unterschätzt und abermals brüskiert. Eva tut, wovon sie glaubt, dass es eine gute Mutter tun sollte, doch sie fühlt es nicht. Anders herum scheint Kevin kein Urvertrauen zu seiner Mutter entwickelt zu haben, denn schon in jungen Jahren spürt er, wie sie immer mehr von ihm wegtreibt.

Kevin ist immer außen vor. Er ist  nie Teil der Familie. Und am Ende wird er zum Amokläufer. Aber das ist nicht weiter verwunderlich, schließlich war er ja auch schon die ganze Zeit ein Monster, ein Unmensch, einer, der außerhalb der Gesellschaft stand. Denn wer nach Außen gedrängt wird, das lehrt die (Film-)Geschichte, der trinkt irgendwann Blut, verwandelt sich bei Vollmond in ein Tier, oder macht – wie Kevin – mit Pfeil und Bogen jagt auf seine Mitschüler. So weit, so einleuchtend. Und trotzdem war der Antagonist, Kevin genau das, was mich an dem Film am meisten irritiert hat.  Warum hat sich Ramsay entschlossen, Kevin so diabolisch dar zu stellen? Die einzige Antwort, die mir einfällt wäre, dass wir den ganzen Film nur durch die Augen Evas sehen und ihr Sohn nun mal so teuflisch auf sie wirkt. Schließlich hat dieses Menschenkind ihr schönes Hippieleben zerstört. Doch „We Need To Talk About Kevin“ scheint mir kein Psychofilm zu sein, so dass mich diese Erklärung nicht befriedigt.

Im weitesten Sinne geht es vermutlich darum, wie man seine Monster selber produziert und das zusammen mit der Frage, ob man überhaupt Einfluss darauf hat. Evas Ablehnung ihres Sohns ist eine natürliche Reaktion, die sich aus ihrer Biografie und ihrem Charakter ergibt. Doch wenn Eva die Wahl gehabt hätte, anders zu fühlen und anders zu handeln – hätte sie den Amoklauf verhindern können? Eines ist sicher: Wer glaubt, dass alles ist wie es ist, weil alles war, wie es war, der wird sich immer seinem Schicksal fügen müssen. Ich bin mir gar nicht sicher, ob das nur meine Assoziationen sind, oder ob eine Auseinandersetzung dieser Art von Ramsay intendiert war. Ich vermute eher nicht. Aber worum genau geht es Ramsay dann? Um den Alptraum der Mutterschaft? Oder darum, dass Kevins frühe Tränen irgendwann zu Pfeilen werden? Die Thematik des jugendlichen Amokläufers scheint mir jedenfalls durch die unterkomplexe Darstellung des Antagonisten und die fragmentarische und zumindest auf mich gekünstelt wirkende Erzählweise nur noch weiter mystifiziert zu werden.

Bild © Euro Video
 

2 Comments on We Need To Talk About Kevin (Lynne Ramsay, UK/USA 2011)

  1. sebastian sagt:

    Hmmm. Guter Punkt. Für mich war … Kevin in erster Linie ein Wirkungsfilm mit seiner Bildsprache und seinem Schauspiel. Ob sich der Film überhaupt wirklich mit der von dir aufgeworfenen Frage beschäftigt ist unklar. Antworten findet er jedenfalls keine.

    Da ich mir diese Frage während und nach dem Film nicht stellte, sondern die gezeigten Emotionen und deren Abwesenheit mich dermaßen in den Bann zogen, war ich entsprechend zufrieden.

    Dein Text bringt mich jedenfalls mindestens dazu, den Film noch einmal vor meinem inneren Auge Revue passieren zu lassen.

  2. […] Für mich ist er gerade so etwas wie das in mehrfacher Hinsicht positive Gegenstück zu „We Need To Talk About Kevin“ – zum einen aufgrund seiner trotz allem optimistischen Haltung, die ich angesichts der […]

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