Whiplash (Damien Chazelle, USA 2014)

Posted by – 19. Januar 2015

WhiplashI was there to push people beyond what’s expected of them. I believe that’s an absolute necessity! – Terence Fletcher

Der Schlagzeugschüler Andrew (Miles Teller) hat ein Ziel: Er will ganz nach oben. Sein Lehrer, Terence Fletcher (J.K. Simmons), hat ebenfalls eine Mission. Er unterrichtet nicht einfach nur gute Schüler. Er will Musiker entdecken, die zu den besten der Welt gehören. Fletcher nimmt Andrew unter seine Fittiche und schreckt vor nichts zurück, um Andrew zu Höchstleistungen zu pushen.

„Whiplash“ bezeichnet im Englischen nicht nur den Peitschenriemen, sondern ist auch der medizinische Ausdruck für ein Schleudertrauma. Die Symptome sind Schwindel, Benommenheit, stechende Schmerzen, Hör- und Sehstörungen, Spasmen,… Andrew kann davon ein Lied singen. Damien Chazelles schmerzhaftes Musik-Drama erinnert ein wenig an eine düstere Version von Peter Weirs „Dead Poets Society“, in dem statt des gütigen John Keating nun ein fanatischer Terence Fletcher seine Jungs antreibt. Doch entgegen dem ersten Anschein ist „Whiplash“ keine Kritik am (amerikanischen) Schulsystem, zumindest nicht nur, denn hier haben sich zwei gefunden, die sich brauchen, ja – die ohne einander gar nicht könnten. Der Film erklärt sich nicht allein aus dem Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip der Institution bzw. des Lehrers, hier gehören zwei dazu: Andrew ist nicht einfach das passive Material, aus dem Fletcher seine Vision des Weltmusikers formt. Leben und vor allem Lernen heißt Leiden – und dem jungen Mann selbst schlummert der absolute Wille zum Erfolg. Er ist seines Glücks (oder Unglücks?) nicht weniger Schmied als das Schulsystem oder der Lehrer, in dem Andrew aller ihm innewohnen Grausamkeit zum Trotz den passenden Mentor für seine Selbstoptimierungs-Passion gefunden hat. Insofern ist „Whiplash“ weniger der böse Zwilling von „Dead Poets Society“, sondern eine weniger morbid-fantastische vielleicht sogar weiter reichende Variation von Darren Aronofskys „Black Swan“. Bei Chazelle geht es um die Transformation des Menschen der Leistungsgesellschaft. (Oder vielleicht auch des Mannes? Es ist bestimmt kein Zufall, dass alles Feminine in der Welt von Fletcher, Andrew & co mit Schwäche gleichgesetzt ist…)

Kurz könnte man denken, der Film selbst ist der Leistungslogik, die er kritisiert auf den Leim gegangen. Am Ende erweisen sich die Methoden des Lehrers als die richtigen. Die Welt hat einen neuen Supermusiker. Außerdem waren Blut, Schweiß und Tränen selten so ästhetisch und das Leiden so schön wie in „Whiplash“. Doch gerade deshalb, weil sich Chazelle nicht zu offensichtlich positioniert, weil es ihm gelingt, die Ambivalenzen seiner Geschichte herauszuarbeiten und er auch das Schöne, Reizvolle dieser hässlichen neuen (Männer-)Welt zeigt, kann sein Film funktionieren. Und wenn wir uns am Schluss mit Andrew freuen, saust die unsichtbare Peitsche nieder. Ihre brennenden Striemen wird der ein oder andere bestimmt noch lange nach dem Filmgenuss spüren.

Bild © Sony Pictures Germany

2 Comments on Whiplash (Damien Chazelle, USA 2014)

  1. […] Erfahrung macht. Seine Figur ist zweifellos ein Produkt der Leistungsgesellschaft, vgl. „Whiplash“, und beispielhaft eine Kreatur des amerikanischen Traums bzw. Albtraums in seiner schlimmsten […]

  2. […] Kritik an ihr ist, bleibt offen und liegt letztlich im Auge des Betrachters. Zur Kritik hier […]

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