Month: Februar 2013

Berlinale 2013 – Tag 6

Posted by 12. Februar 2013

IMG_7610Pardé (Jafar Panahi, Kamboziya Partovi, Iran 2013)

„Pardé“, der neue Film des Iraners Jafar Panahi („Offside“), hat es trotz Hausarrest und Arbeitsverbot des Regisseurs zur Berlinale geschafft. Schön! Vordergründig handelt die Geschichte von einem Mann und seinem Hund, der in einem Haus Zuflucht sucht. Doch es ist unschwer zu erkennen, dass Panahi sich hiermit auf künstlerischem Weg mit seiner eigenen Situation auseinandersetzt. Das wirkt manchmal wie Berliner Schule auf iranisch. Und vielleicht liegt auch irgendwo hier das Problem des Films, nämlich, dass man diese Form von Selbstbezüglichkeit nicht zum ersten Mal sieht. [Hier 27 Beispiele einfügen.] Nichtsdestotrotz hat mir „Pardé“ ganz gut gefallen. Dieser Mann in diesem Haus, dieser Mann mit seinem Hund, doch, das hatte was.

Side Effects (Steven Soderbergh, USA 2013)

Steven Soderbergh ist ein Regie-Chamäleon, der mit verschiedenen Stilen und Genres experimentiert. Diesmal gibt es einen Pharma-Thriller. Jude Law spielt darin den Psychiater Dr. Jonathan Banks , der eine selbstmordgefährdete Frau (Rooney Mara) behandelt. Doch das verschriebene, neuartige Medikament verschlimmert die Situation nur noch. Es geschieht ein Mord. Ist das Präparat Schuld? Verraten tue ich nur Folgendes: Soderbergh ist – mal wieder – ein stilistisch interessantes, pfiffiges Filmchen gelungen, in dem die Schauspieler zu Bestformen auflaufen. Insofern alles top. Aber warum werde ich das Gefühl nicht los, bei Soderbergh wäre alles nur eine Fingerübung? Hält er sich zurück? Ist ein Film wie „Side Effects“ die Höhe seiner Kunst oder geht da noch was?

Camille Claudel 1915 (Bruno Dumont, Frankreich 2012)

Um psychische Störungen geht es auch in „Camille Claudel 1915“, ein Film, der bestimmt nichts für jedermann/frau ist. Erzählt wird die wahre Geschichte von der titelgebenden Künstlerin (Juliette Binoche), die von ihrer Familie in eine psychiatrische Anstalt bei Avignon überstellt wird. Sie hat nur einen Gedanken: Das Heim verlassen, um wieder ihrer Kunst nachgehen zu können. Was mir an dem Film imponierte: Die Einsamkeit, das endlose, nervenzerrende Warten, die Monotonie der Tage, die Trostlosigkeit der Anstalt – all diese Stimmungen sind in Dumonts Film perfekt eingefangen und übertragen sich fast eins zu eins auf den Zuschauer: Nachdem ich mich anfangs außerordentlich unwohl fühlte und nur mühsam dem Fluchtimpuls widerstand, habe ich mich irgendwann ergeben. Der Film dauert so lange wie er eben dauert. Ich hoffe, dass sich auch die reale Camille Claudel irgendwann ihrem Schicksal ergeben konnte. Am Ende macht es kurz den Anschein, als könne sie freikommen. Doch tatsächlich hat sie ihr restliches Leben – fast 30 weitere Jahre! – in dieser Anstalt verbracht.

Berlinale 2013 – Tag 5

Posted by 12. Februar 2013

Before Midnight (Richard Linklater, USA / Griechenland 2013 )

Nach „Before Sunrise“ (1995) und „Before Sunset“ (2004) kommt mit „Before Midnight“ nun der dritte Teil von Richard Linklaters dialoglastiger Romanze um Jesse (Ethan Hawk) und Céline (Julie Delpy) auf die Leinwand. Die beiden, die sich damals in Wien zum ersten Mal trafen und nach ihrer erneuten Begegnung in Paris zusammengeblieben sind, verbringen ihren Urlaub gemeinsam mit ihren beiden Töchtern in Griechenland. Die Schauspieler sind die gleichen geblieben. Ihr Esprit ebenfalls. Nur die Themen haben sich weiterentwickelt. Für mich der beste, aber auch der düsterste Teil der „Before…“-Reihe!

Layla Fourie (Pia Marais, Deutschland / Südafrika / Frankreich / Niederlande 2013)

Auf dem Weg zur Arbeit überfährt Layla (Rayna Campbell) einen Mann. Aus Angst, der Unfall könne die Trennung von ihrem Sohn bedeuten, versteckt sie die Leiche auf einer Müllhalde und geht nicht zur Polizei. Doch dann lernt sie durch Zufall den Sohn (August Diehl) des Mannes kennen. Der misstrauische junge Mann scheint Verdacht zu schöpfen, dass Layla ihm etwas verschweigt. Apropos verschweigen: Die Ironie der Geschichte ist, dass Layla für eine Firma tätig ist, die sich auf die Arbeit mit Lügendetektoren spezialisiert hat. Um den Job zu bekommen, hatte sie – an den Detektor angeschlossen – glaubhaft versichert, dass sie immer ehrlich ist. Zu allem Überfluss musste sie gleich an ihrem ersten Arbeitstag genau den Mann einem Lügentest unterziehen, dessen Vater sie kurze Zeit später überfahren sollte. Mir waren das ein paar Zufälle zu viel. Was ich allerdings mochte: Die allgegenwärtige Atmosphäre der Bedrohung, der Gefahr und des Misstrauens. Ach ja: Der Film spielt in Süd-Afrika. Laya ist schwarz, ihr Opfer und dessen Sohn weiß.

Love Battles (Denis Côté, Kanada 2013)

Eine Frau. Sie (Sara Forestier) ist wegen des Todes ihres Vaters in das Heimatdorf zurückgekehrt. Ein Mann. Er (James Thiérrée) lebt in einem Haus, werkelt vor sich hin, schreibt. Immer wenn die beiden aufeinandertreffen, kommt es erst zur verbalen, später auch zur körperlichen Konfrontation. Frau gegen Mann, Mann mit Frau. Aus Rangeln wird Rammeln in Denis Côtés „Love Battle“ (OT: Mes séances de lutte), der in seinen besten Momenten akrobatisches, erotisches Körperkino ist. Leider reden die beiden Kämpfer allerlei Zeug und das ist dann wieder gar nicht schön. „Love Battles“, das ist ein intensiver Trip irgendwo zwischen Altherren-Phantasie und koitaler Philosophie.

Berlinale 2013 – Tag 4

Posted by 11. Februar 2013

IMG_7636The Nun (Guillaume Nicloux, Frankreich / Deutschland / Belgien 2012)

Frankreich im 18. Jahrhundert. Suzanne Simonin (Pauline Étienne) wird von ihrer Familie ins Kloster geschickt. Suzanne hat einen starken Glauben, hinter Klostermauern einsperren lassen will sie sich trotzdem nicht. Doch mit ihrer schonungslosen Ehrlichkeit und ihrem Freiheitsdrang eckt sie überall an und sie muss schnell lernen, dass auch Christen zu allerlei Grausamkeiten imstande sind. Nunsploitation im Wettbewerb der Berlinale? Oder doch, wie das Presseheft zum Film zu „The Nun“ (OT: La Religieuse) verrät, ein „leidenschaftliches Plädoyer für ein unabhängiges Leben, für Courage und die Kraft, die durch die Gewissheit entsteht, das Richtige zu tun“? Ich halte mich da raus, möchte aber zumindest anmerken, dass ich den Moment, als Suzanne zu guter Letzt auch noch auf eine lesbische Ordensschwester (Isabelle Huppert) trifft, als Bruch wahrgenommen habe. Wenn das kein Versehen war, verstehe ich nicht, was Nicloux hierbei im Sinn hatte. Wenn nicht, hatte der Regisseur seinen Film nicht unter Kontrolle.

Vic+Flo Saw A Bear (Denis Côté, Kanada 2013)

Nach „Gold“ der zweite Wettbewerbsfilm in dem eine Bärenfalle eine wichtige Rolle spielt. Nachdem sie aus dem Gefängnis entlassen wurde, findet Vic (Pierrette Robitaille) zusammen mit ihrer Geliebten, Flo (Romane Bohringer), Unterschlupf bei einem Verwandten auf dem Land. Doch die Tage der Ruhe sind für die beiden Frauen gezählt. – Kein Film hat mich bisher so ratlos zurückgelassen, wie Denis Côtés „Vic+Flo Saw A Bear“ (OT: Vic+Flo ont vu un ours). Ich werde mich deswegen auch erst einmal mit einer Meinung zurückhalten und noch ein, zwei Nächte drüber schlafen. Falls jemand nicht abwarten kann und unbedingt jetzt schon eine Meinung hören will: Mein Daumen geht tendenziell eher nach oben.

Maladies (Carter, USA 2012)

Seit Ayassis „Vinzent“ habe ich die Theorie, dass Regisseure mit nur einem Namen keine guten Filme machen können. Carters „Maladies“ bestätigt ein weiteres Mal diese Regel. Der Film handelt von den Außenseitern James (James Franco), einem ehemaligen Seriendarsteller, Catherine (Catherine Keener) einer Maler- und Crossdresserin, der schweigsamen Patricia (Fallon Goodson) und dem verschrobenen Nachbarn Delmar (David Straithairn). Ich sehe diese Schauspieler gerne und ich finde es eine gute und liebenswerte Idee, einen Film über eine Gruppe von Leuten zu machen, im weitesten Sinne über Künstler, die in ihrer eigenen Welt leben. Kunst und Wahnsinn – das gehört irgendwie zusammen. Aber anstatt über Carters Film nachzugrübeln schweifen meine Gedanken immer wieder ab und ich denke an „Funny Bones“ von Peter Chelsom, der so wunderbar ist… Das spricht nicht für „Maladies“.

Berlinale 2013 – Tag 3

Posted by 9. Februar 2013

A Long And Happy Life (Boris Khlebnikov, Russland 2013)

Wenn ein Film „A Long And Happy Life“ (OT: Dolgaya schastlivaya zhizn) heißt, darf man getrost davon ausgehen, dass er eben nicht von einem glücklichen Leben handelt. Sascha (Alexander Yatsenko ) bewirtschaftet einen kleinen Betrieb auf der russischen Kola-Halbinsel. Als der Staat den Kleingrundbesitzern ihr Land abkauft, sieht er die Chance, die Abfindung zu kassieren und mit seiner Geliebten, Anya (Anna Kotova), in die Stadt zu ziehen. Doch seine Arbeiter wollen bleiben und so entschließt sich Sascha, das Angebot der Regierung abzulehnen. Das gefällt weder den Behörden noch seiner Freundin. Und auch seine Arbeiter scheinen plötzlich doch nicht mehr so fest hinter ihm und seiner Entscheidung zu stehen. Es gibt zwei starke Szenen in „A Long And Happy Life“. Zum einen eine Autofahrt, bei der das Fahrgeräusch immer stärker anschwillt und man der Meinung sein könnte, Sascha würde in den letzten Momenten seines Lebens direkt ins Unglück rasen. Zum anderen der Showdown. Denn eigentlich wollte der Regisseur Boris Khlebnikov  seinen Film als modernen Western im Stile von „High Noon“ drehen. Und zumindest am Ende liefert der Regisseur eine Idee davon, was hätte sein können. Mich persönlich hätte das mehr interessiert als diese formal und inhaltlich nicht gerade üppige Revolutionsparabel.

Gold (Thomas Arslan, Deutschland 2013)

Nachdem „Im Schatten“ eines meiner Berlinale-Highlights im vorletzten Jahr war, habe ich mich besonders auf Thomas Arslans diesjährigen Wettbewerbsbeitrag „Gold“ gefreut. Zu Recht? Ich weiß noch nicht so genau. Ich muss ihn noch etwas wirken lassen.  Der Treck-Film um eine Gruppe deutscher Einwanderer, die im Sommer 1898 durch Kanada reist, um im Norden des Landes ihr Glück auf den neuentdeckten Goldfeldern zu machen, ist auf jeden Fall interessant. Man erkennt sowohl Arslans Genre-Bewusstsein als auch seinen Wunsch, sich nicht zu sehr von Vorbildern leiten zu lassen, sondern etwas Eigenes zu machen. Ich würde: das ist ihm gelungen. Besonders spannend an „Gold“ finde ich, dass es gelingt, die etwas linkische Performance der deutschen Schauspieler in die Story des Films zu integrieren und so das Gefühl der allgegenwärtigen Fremdheit noch zu verstärken. Auf jeden Fall ist es ihm gelungen, eine Westerngeschichte zu erzählen, die so noch nicht erzählt worden ist.

The Necessary Death of Charlie Countryman (Fredrik Bond, USA 2013)

Zum Schluss gab’s dann noch einen Film, in dem Till Schweiger als Gangsterboss Drako nicht zu den schlechtesten Aspekten gehörte. Und das will etwas heißen. Kurz nach dem Tod seiner Mutter erscheint diese Charlie (Shia LaBeouf) noch einmal schnell als Geist und bittet ihn nach Bukarest reisen. Im Flugzeug gleich der nächste Tote mit einem letzten Wunsch, den Charlie ihm erfüllen soll: Bitte die hässliche in Amerika gekaufte Mütze der Tochter Gabi (Evan Rachel Wood) überbringen, danke. In „The Necessary Death Of Charlie Countryman“ von Fredrik Bond gibt es auch immer wieder ein paar Szenen und Sequenzen, die für sich genommen gut sind. Z.B. einige mit Mads Mikkelsen. Oder die  Zu-Fuß-Verfolgungsjagd durch Bukarest. Doch im Großen und Ganzen war es ein aufdringliches, unsensibles und unglaubwürdiges Stück Film, mit keinerlei Gespür für seine Figuren und seine Geschichte. Und was sollte der bekloppte Erzähler? Nach dem Film reicht’s mir für heute. Mit der Stimme von John Hurt sage ich “Gute Nacht, Ladies und Gentlemen” und verschwinde in die Nacht.

Berlinale 2013 – Tag 2

Posted by 8. Februar 2013

In The Name Of (Malgoska Szumowska, Polen 2012)

Erster Film im Wettbewerb und dann gleich sowas! Adam (Andrzej Chyra), ein katholischer Priester, lebt und arbeitet in einem Dorf in der polnischen Provinz. Er hält Predigten, kümmert sich um die Dorfjugend und auf der Baustelle packt er auch gerne mal mit an. Adams Arbeit ist seine Berufung und er erfüllt sie mit Hingabe – auch wenn es ihm aus einem bestimmten Grund nicht immer leicht fällt. Denn Adam ist schwul. Malgoska Szumowskas Film handelt vom Sündenfall. Zwar wird Adam nicht bei Ewa (Maja Ostaszewska) schwach, die ihm Avancen macht, aber schließlich stürzt er doch. „In The Name Of“ (OT: W imie…) ist allerdings kein Film über die Sünde, dieses klebrige Etwas, das dem Menschen vom Geburt bis zum Tod anhaftet. Viel mehr geht es um den Umgang mit dem Scheitern und wie sich gerade hier echte Menschlichkeit zeigen kann. Toll!

Promised Land (Gus Van Sant, USA 2012)

Als „Fracking“ bezeichnet man eine Methode zur Förderung von Erdöl und -gas.  Dazu werden mit einer Flüssigkeit Risse im Tiefengestein erzeugt, die die Förderung der Bodenschätze erleichtern. Ökologische Risiken und Nebenwirkungen sind allerdings nicht auszuschließen.  In „Promised Land“ nimmt sich der Amerikaner Gus Van Sant dieses Themas an und schickt Matt Damon als Vertreter einer großen Energiefirma in die Provinz, um die dort lebenden Menschen davon zu überzeugen, die Bohrungen auf ihren Grundstücken gegen gutes Geld zuzulassen. Van Sant interessiert sich hierbei allerdings weniger für das auch in Deutschland seit vielen Jahren angewendete Fracking, sondern vielmehr um die Marktstrategien großer Konzerne. Versteht sich von selbst, dass „Promised Land“, der irgendwo zwischen „Erin Brokovich“ und „Local Hero“ anzusiedeln ist, ein kritischer Film geworden ist, auch wenn er am Ende etwas zu sehr die Idylle der Provinz betont. Um die Lebensqualität auf dem Land geht es aber auch nicht. Es geht darum, dass aus Lügen nichts Gutes erwachsen kann. Schon gar keine nachhaltige Lebensweise.

Paradies: Hoffnung (Ulrich Seidl, Österreich, Frankreich, Deutschland 2013)

Ulrich Seidl zeigt dem Zuschauer mit Vorliebe Dinge, die niemand so richtig gerne sehen will. In „Paradies: Hoffnung“ nimmt er den Zuschauer mit in ein Diät-Camp, in das Eltern ihre übergewichtigen Töchter schicken. Dort sollen sie Disziplin lernen. Die dreizehnjährige Melli (Melanie Lenz) interessiert sich aber mehr für den Camp-Arzt (Joseph Lorenz) als fürs Abnehmen. Wie immer bei Seidl fühlt man sich als Zuschauer nicht wohl und ist irgendwie beschämt, aber in diesem Fall bin ich doch überrascht, wie unterhaltsam ich den Film fand. Ich habe das Treiben der Figuren neugierig verfolgt und ich bin dankbar für die aufschlussreichen Einblicke in ein österreichisches Lager für Pummelkinder. Weiter will ich mich gar nicht äußern, ich muss das Ganze erstmal verdauen. Nur noch die Frage: Warum heißt der Film wohl „Paradies: Hoffnung“? Ich hätte ihn „Hungrige Mädchen“ genannt.

FotoOben ist es Still (Nanouk Leopold, Niederlande, Deutschland 2013)

Ich habe Nanouk Leopolds „Brownian Movement“ mit Sandra Hüller in der Hauptrolle sehr gemocht und mich deswegen auf „Oben ist es still“ (OT: Boven is het stil) sehr gefreut. Dieser wahrscheinlich wirklich gute Film hatte das Pech, dass ich ihn als vierten Film des Tages im unbequemen Friedrichstadt-Palast gesehen habe. Ich fürchte, ich konnte ihm nicht die gebührende Aufmerksamkeit schenken. Helmer ist Bauer und pflegt seinen kranken Vater. Als würde er beschließen, sein Leben zu ändern, verfrachtet er den Alten ins oberste Stockwerk, entrümpelt das Erdgeschoss und kauft sich ein neues Bett… Doch der Schatten des Vaters scheint zu mächtig. Sowohl eine Beziehung zu seinem jungen Gehilfen als auch zu dem älteren Milchfahrer kann Helmer nicht annehmen. „Oben ist es still“ ist ein langsamer, wortkarger Film. Die Distanz, die Helmer zu seinen Mitmenschen aufbaut ist fast schon körperlich spürbar, doch was genau ihn davon abhält sein Leben zu leben – das erfährt der Zuschauer nicht. Aber wie schon in „Browninan Movement“ stellt sich die Frage: Müssen wir überhaupt wissen, was in anderen vorgeht, um mitzufühlen zu können? Vielleicht reicht es aus, Helmer am Ende im Gras liegen und lächeln zu sehen. Er hat doch gelächelt?

Berlinale 2013 – Tag 1

Posted by 7. Februar 2013

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So wie das Glöckchen den Speichelfluss des  Pawlowschen Hundes anregte, so versetzt mich der Berlinale-Jingle und das goldene Feuerwerk immer in einen ganz besonderen Gemütszustand. Der liegt irgendwo zwischen erweiterter Aufmerksamkeit und Trance. Ich kann es leider nicht besser beschreiben. Aber nun zu den heute gesehenen Filmen.

Die 727 Tage ohne Karamo (Anja Salomonowitz, Österreich 2013)

In diesem Jahr starte ich mit „Die 727 Tage ohne Karamo“ von Anja Salomonowitz nicht, weil ich die Regisseurin kenne oder mich der Inhalt angesprochen hat, sondern allein, weil es der erste Film im Programm ist. Es geht um bilinguale Paare in Österreich und ihre Probleme mit dem restriktiven, unmenschlichen Ausländerrecht. Betroffene berichten von ihren Erfahrungen. Allerdings handelt es ich bei „Die 727 Tage ohne Karamo“ nicht um eine klassische Dokumentation. Die Texte sind einstudiert, die einzelnen Szenen inszeniert. Alles wirkt durch Kleidung und Setting sehr künstlich. Was gut zur der von einem unmenschlichen System erschaffenen, unwirklichen Lebenssituation der portraitierten Paare passt. Höhepunkt des Films, der die Absurdität des Systems meiner Meinung nach am besten einfängt, ist folgende Szene: Eine Gruppe von wut-gelb gekleideten Chinesen sitzen in einer Sprachschule und wiederholen unisono den Satz „Wir kommen aus Norwegen“. Nachdem Film denke ich: Österreich ist doch ein perverses kleines Land.

The Grandmaster (Wong Kar Wai, China 2012)

Nachdem ich im vorletzten Jahr schon  Wong Kar Wais „Ashes Of Time – Redux“ fast unerträglich fand, hielt sich meine Vorfreude auf „The Grandmaster“ (OT: Yi dai zong shi) in Grenzen. Im Film geht es um die beiden Kung-Fu-Meister Ip Man (Tony Leung) und Gong Er (Zhang Ziyi), Traditionen von Körperlichkeit, verschiedene Kampfstile, die japanische Invasion, die drohende Teilung des Landes, Familienzwist und Liebe – aber um nichts davon richtig. Denn eigentlich geht es dem Regisseur wieder einmal nur um sich selbst und wie schön er spritzende Pfützen in Zeitlupe filmen kann. Dieser „Wong Kar Wai“-Film wirkt wie eine Parodie auf einen „Wong Kar Wai“-Film. Und so endet der Film folgerichtig auch mit der Frage „What is your style?“, was deutlich machen sollte, was den Regisseur vorrangig interessiert.

I Used to Be Darker (Matt Porterfield, USA 2013)

Der beste Film heute. Und ich kann nicht mal genau sagen, warum. In „I Used To Be Darker“ besucht die junge Taryn (Deragh Campbell) ihre Verwandten in Baltimore. Erst nach und nach kommen die Schattenseiten ans Licht. Erstens: Taryn  ist von zu Hause abgehauen. Zweitens: Sie ist schwanger. Drittens: Tante Kim und Onkel Bill haben selbst Probleme, denn sie sind gerade dabei, sich zu trennen. An der Handlung kann ich meine Begeisterung nicht richtig festmachen, wohl eher an den Figuren, denen ich unglaublich gerne zugesehen habe. Besonders Ned Oldham, der Taryns Onkel spielt, hat es mir angetan. Der Moment, in dem er zu seiner Gitarre greift und einen wunderbaren Song ganz ausspielt und dann sein Instrument zertrümmert, gehört jetzt schon zu den Höhepunkten meiner Berlinale. „I Used To Be Darker“ ist ein ruhiger, aber auch ein reifer und reichhaltiger Film des erst 35jährigen Amerikaners. Musst du gucken.

Berlinale 2013 – Vorab

Posted by 6. Februar 2013

Morgen geht sie los, die 63. Berlinale.  Ich bin schätzungsweise zum sechsten Mal als Journalist dabei. Neu ist allerdings, dass ich diesmal  vorhabe, auch ein wenig privat mitzuschreiben und die Notizen hier ins Blog zu stellen. Vielleicht interessiert es ja wen.

Hier schon mal ein paar Sätze zu den Sachen, die ich bereits im Vorfeld sehen konnte.

For Marx (Svetlana Baskova, Russland 2012)

Mein erster Film in diesem Jahr war Svetlana Baskovas „For Marx“ (OT: Za Marksa…) in der Sektion Forum. Ein Film, bei dem man gleich zu spüren bekommt, was die Berliner Filmfestspiele so anstrengend machen kann: Es ist ein sperriges, teils sprödes, teils albernes, theaterhaftes Stück über Arbeiter einer Stahlfabrik, die eine unabhängige Gewerkschaft organisieren – was die Besitzer der Fabriken gar nicht gerne sehen. Ich will „For Marx“ nicht schlecht machen, es ist ein mutiger Film!, aber ich konnte wenig damit anfangen. Vielleicht fehlte mir dafür auch einfach Hintergrundwissen über die historische, wirtschaftliche und/oder jetzige politische Situation Russlands. Oder über Marx. Ich habe mich trotzdem an einer ausführlicheren Kritik im Kino-Zeit-Blog versucht.

A Daughter (Thanos Anastopoulos, Griechenland / Italien 2012)

Der zweiter Film, noch mal im Forum, (OT: I kóri), hat mir gleich wesentlich besser gefallen. „A Daughter“ ist eine stille Reflexion über intergenerationelle Gerechtigkeit und funktioniert für mich sowohl als Familiendrama als auch als Kommentar zur Situation Griechenlands. Kurz: Sehenswert. Lang: Gibt es auf Kino-Zeit

Fatal (Lee Don-ku, Korea 2012)

Mein erster Film in der Sektion Panorama war „Fatal“ (OT: Kashi-ggot), den man mit etwas sanftem Druck vielleicht in die Schublade „Koreanischer Rachethriller“ stecken darf.  Regisseur Lee Don-ku erzählt darin die Geschichte von Sung-gong (Nam Yeon-woo), der als Jugendlicher zusammen mit Kumpels ein Mädchen vergewaltigt hat. Jahre später trifft er das Mädchen wieder.  Mit „Fatal“ versucht sich Lee Don-ku  einen anderen Zugang an der Täter-Opfer-Beziehung. Hier rächt sich nicht das Opfer an dem Täter, hier ist der Täter selber Opfer, weswegen er erneut zum Täter wird und – vermeintlich auch im Namen des Opfers – seine Mittäter bestraft. Mir persönlich waren die Figuren des Films zu sehr Funktionen in einer formelhaften Auseinandersetzung mit dem Thema, als dass ich das zugrunde liegende, menschliche Drama richtig zu würdigen gewusst hätte.

Upstream Color (Shane Carruth, USA 2013)

Bei „Upstream Color” von Shane Carruth im Panorama werden die Meinungen auseinandergehen. Schon sein Debüt, der Zeitreisefilm „Primer“, wurde kontrovers diskutiert. Kris (Amy Seimetz) und Jeff (Shane Carruth) treffen zufällig aufeinander. Beide wurden einst Opfer einer Entführung. Doch sie stellen fest, dass sie noch mehr gemeinsam haben und auf merkwürdige Weise miteinander verbunden sind. „Upstream Color” ist ein ganz seltsamer Film. Während man bei „Primer“ zumindest noch das Thema benennen konnte, ist es bei Carruths neuem Film nahezu unmöglich in Kürze zu sagen, worum es überhaupt geht. Deswegen halte ich mich mit voreiligen Erklärungsversuchen auch einfach mal zurück, sondern sage nur: Liebt oder hasst ihn, aber – lasst ihn euch nicht entgehen!

Das merkwürdige Kätzchen (Ramon Zürcher, Deutschland 2013)

Katzen spielten auch auf der Berlinale 2012 eine wichtige Rolle. Mein Lieblingsfilm im letzten Jahr war „Rent-a-Cat“ (OT: Rentaneko) von Naoko Ogigami (der leider nur schwer auf DVD oder Blu-Ray zu bekommen ist.) Aber auch in diesem Jahr scheinen diese Tiere wichtig zu sein. So war mein bisheriges Highlight „Das merkwürdige Kätzchen“.  Der unspektakulär-spektakuläre Film von Ramon Zürcher taucht ein in den Alltag einer Familie: Karin und Simon, Geschwister, sind bei ihren Eltern und der kleinen Schwester Clara zu Besuch. Am Tag laufen die Vorbereitungen für ein am Abend stattfindendes Essen. That’s it! Aber was hat das titelgebende Kätzchen damit zu tun? Und wieso merkwürdig? Die Antworten bekommt ihr hier.

Warm Bodies (Jonathan Levine, USA 2013)

Posted by 5. Februar 2013

Fast hätte ich es vor lauter Berlinale-Gedanken vergessen. Ich habe ja Jonathan Levines „Warm Bodies“ gesehen, vor dem ich, wie neulich geschrieben, etwas Angst hatte – nicht, weil ich Zombiefilme so gruselig, sondern weil ich es so erschreckend finde, was in letzter Zeit vermehrt aus ihnen gemacht wird. Die meisten Versuche, die Grenzen des Zombiefilms zu erweitern, gefallen mir nicht. Das liegt oft daran, dass diese Filme oft genau das vermissen lassen, was das Genre im Kern ausmacht aber nichts Gleichwertiges an diese Stelle gesetzt wird. Anders Levines „Warm Bodies“. Dort, wo sonst Traurigkeit, Leere und Hoffnungslosigkeit herrschen (bzw. bei vielen Zomcoms fehlen), befindet sich nun ein zartes Liebesgeschichtchen, das das „Romeo und Julia“-Thema frech umdeutet und sowohl im romanischen als auch im Zombiegenre das Zeug zum Klassiker hat.

Ausführlicher schreibe ich über den Film auf Kinozeit. Und hier unterhalte ich mich mit Patrick und Michael darüber.

The Andromeda Strain (Robert Wise, USA 1971)

Posted by 5. Februar 2013

Andromeda StrainAuf kaum einen Film habe ich mich die letzten Wochen so gefreut wie auf „The Andromeda Strain“. Zum einem ist er mir jetzt schon von mehreren Filmfreunden empfohlen worden. Zum anderen habe ich letztes Halloween endlich mal „The Haunting“ von Robert Wise gesehen und ich wollte seit dem unbedingt noch ein paar andere Sachen von ihm kennen lernen.

In der Nähe des kleinen Örtchens Piedmont stürzt eine Sonde des Militärs ab. Als Soldaten die Absturzstelle erreichen, sind alle Bewohner schon tot. Schnell wird  eine Gruppe von Spezialisten zusammengetrommelt, die in einer unterirdischen Anlage namens „Wildfire“ die Sonde untersuchen und herausfinden soll, was zum Tod der Menschen geführt hat. Zum Team gehören: Dr. Jeremy Stone (Arthur Hill), Dr. Charles Dutton (David Wayne), Dr. Mark Hall (James Olson) und Dr. Ruth Leavitt ( Kate Reid). Stone obliegt die Führung der Gruppe. In langwierigen Untersuchungen finden sie heraus, womit sie es zu tun haben: Die Entdeckung übertrifft alle Befürchtungen.

„The Andromeda Strain“ hat mich, was die Figurenkonstellation betrifft, etwas an Wises „The Haunting“ erinnert. Nicht, dass die Charaktere Ähnlichkeit hätten – aber die Art und Weise wie sich eine Gruppe von Leuten trifft bzw. zusammengetrommelt wird, um eine bestimmt Aufgabe zu erfüllen, ist sich durchaus ähnlich. Vergleichbar sind beide Filme auch was das Tempo angeht. Nelson Gidding, der sich bei „The Haunting“ wie auch hier – diesmal nach einem Roman von Michael Crichton – für das Drehbuch verantwortlich zeigt, scheint eine spezifische Art zu haben, seine Geschichten zu entwickeln, und Wise hat es auch bei diesem Film wieder nicht eilig. Ausgenommen der Beginn, wenn die Leichen im Dorf und die beiden Überlebenden geborgen werden und das Finale, das noch eine Art Actionsequenz aufbietet, scheint „The Andromeda Strain“ recht arm an wirklichen Höhepunkten. Die Protagonisten kommen zusammen, der Zuschauer lernt das Labor Wildfire ausführlich kennen, die Forscher forschen – und finden schließlich heraus, was es  mit der „Seuche“ auf sich hat und warum  der Alkoholiker und das Kind aus dem Dorf mit dem Leben davon gekommen sind. Welt gerettet.

Das war alles nicht unspannend zu verfolgen. Trotzdem stellte sich bei mir während des Films ein leichtes Gefühl von Enttäuschung ein, das sich allerdings schnell verflüchtigte als mir im Anschluss etwas klar wurde. Nämlich, dass mich Wise und Gidding den ganzen Film über in die Irre geführt hatten: Man sieht den Forschern bei ihrer Arbeit zu, ist dabei, wenn sie nach und nach herausfinden, womit sie es zu tun haben und schließlich sogar noch die Idee für ein Gegenmitteln haben. Eine Ode auf den den Intellekt? Eben nicht! Dass die Geschichte letzten Endes für die Menschheit gut ausgeht, hat sie nicht dem Genius ihrer Spezies zu verdanken. Sie überlebt, zumindest noch ein Weilchen, weil sie einfach Glück hatte. Der Organismus aus dem All mutiert und wird somit für die Menschen ungefährlich. Dass die Crew des Labors sich am Ende beinahe noch durch den Sicherheitsmechanismus der Wildfire-Station selbst vernichtet, ist da nur noch das ironische I-Tüpfelchen. „The Andromeda Strain“ ist ein echter Wolf im Schafspelz und gilt meines Erachtens zu Recht als Klassiker der Science Fiction.

Bild © Universal