Berlinale 2013 – Tag 2

Posted by 8. Februar 2013

In The Name Of (Malgoska Szumowska, Polen 2012)

Erster Film im Wettbewerb und dann gleich sowas! Adam (Andrzej Chyra), ein katholischer Priester, lebt und arbeitet in einem Dorf in der polnischen Provinz. Er hält Predigten, kümmert sich um die Dorfjugend und auf der Baustelle packt er auch gerne mal mit an. Adams Arbeit ist seine Berufung und er erfüllt sie mit Hingabe – auch wenn es ihm aus einem bestimmten Grund nicht immer leicht fällt. Denn Adam ist schwul. Malgoska Szumowskas Film handelt vom Sündenfall. Zwar wird Adam nicht bei Ewa (Maja Ostaszewska) schwach, die ihm Avancen macht, aber schließlich stürzt er doch. „In The Name Of“ (OT: W imie…) ist allerdings kein Film über die Sünde, dieses klebrige Etwas, das dem Menschen vom Geburt bis zum Tod anhaftet. Viel mehr geht es um den Umgang mit dem Scheitern und wie sich gerade hier echte Menschlichkeit zeigen kann. Toll!

Promised Land (Gus Van Sant, USA 2012)

Als „Fracking“ bezeichnet man eine Methode zur Förderung von Erdöl und -gas.  Dazu werden mit einer Flüssigkeit Risse im Tiefengestein erzeugt, die die Förderung der Bodenschätze erleichtern. Ökologische Risiken und Nebenwirkungen sind allerdings nicht auszuschließen.  In „Promised Land“ nimmt sich der Amerikaner Gus Van Sant dieses Themas an und schickt Matt Damon als Vertreter einer großen Energiefirma in die Provinz, um die dort lebenden Menschen davon zu überzeugen, die Bohrungen auf ihren Grundstücken gegen gutes Geld zuzulassen. Van Sant interessiert sich hierbei allerdings weniger für das auch in Deutschland seit vielen Jahren angewendete Fracking, sondern vielmehr um die Marktstrategien großer Konzerne. Versteht sich von selbst, dass „Promised Land“, der irgendwo zwischen „Erin Brokovich“ und „Local Hero“ anzusiedeln ist, ein kritischer Film geworden ist, auch wenn er am Ende etwas zu sehr die Idylle der Provinz betont. Um die Lebensqualität auf dem Land geht es aber auch nicht. Es geht darum, dass aus Lügen nichts Gutes erwachsen kann. Schon gar keine nachhaltige Lebensweise.

Paradies: Hoffnung (Ulrich Seidl, Österreich, Frankreich, Deutschland 2013)

Ulrich Seidl zeigt dem Zuschauer mit Vorliebe Dinge, die niemand so richtig gerne sehen will. In „Paradies: Hoffnung“ nimmt er den Zuschauer mit in ein Diät-Camp, in das Eltern ihre übergewichtigen Töchter schicken. Dort sollen sie Disziplin lernen. Die dreizehnjährige Melli (Melanie Lenz) interessiert sich aber mehr für den Camp-Arzt (Joseph Lorenz) als fürs Abnehmen. Wie immer bei Seidl fühlt man sich als Zuschauer nicht wohl und ist irgendwie beschämt, aber in diesem Fall bin ich doch überrascht, wie unterhaltsam ich den Film fand. Ich habe das Treiben der Figuren neugierig verfolgt und ich bin dankbar für die aufschlussreichen Einblicke in ein österreichisches Lager für Pummelkinder. Weiter will ich mich gar nicht äußern, ich muss das Ganze erstmal verdauen. Nur noch die Frage: Warum heißt der Film wohl „Paradies: Hoffnung“? Ich hätte ihn „Hungrige Mädchen“ genannt.

FotoOben ist es Still (Nanouk Leopold, Niederlande, Deutschland 2013)

Ich habe Nanouk Leopolds „Brownian Movement“ mit Sandra Hüller in der Hauptrolle sehr gemocht und mich deswegen auf „Oben ist es still“ (OT: Boven is het stil) sehr gefreut. Dieser wahrscheinlich wirklich gute Film hatte das Pech, dass ich ihn als vierten Film des Tages im unbequemen Friedrichstadt-Palast gesehen habe. Ich fürchte, ich konnte ihm nicht die gebührende Aufmerksamkeit schenken. Helmer ist Bauer und pflegt seinen kranken Vater. Als würde er beschließen, sein Leben zu ändern, verfrachtet er den Alten ins oberste Stockwerk, entrümpelt das Erdgeschoss und kauft sich ein neues Bett… Doch der Schatten des Vaters scheint zu mächtig. Sowohl eine Beziehung zu seinem jungen Gehilfen als auch zu dem älteren Milchfahrer kann Helmer nicht annehmen. „Oben ist es still“ ist ein langsamer, wortkarger Film. Die Distanz, die Helmer zu seinen Mitmenschen aufbaut ist fast schon körperlich spürbar, doch was genau ihn davon abhält sein Leben zu leben – das erfährt der Zuschauer nicht. Aber wie schon in „Browninan Movement“ stellt sich die Frage: Müssen wir überhaupt wissen, was in anderen vorgeht, um mitzufühlen zu können? Vielleicht reicht es aus, Helmer am Ende im Gras liegen und lächeln zu sehen. Er hat doch gelächelt?

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