Category: film

Nightbreed (Clive Barker, USA 1990)

Posted by 19. Juli 2020

Vermutlich sind meine Zeiten als jemand, der über Filme schreibt, vorbei. Nicht nur, weil ich in letzter Zeit kaum noch Filme gucke, was kein reines Zeitproblem ist, sondern wohl vor allem daran liegt, dass ich beim Filme schauen nicht mehr diesen vielschichtigen Genuss empfinde, der früher jeden Film zu etwas Besonderem hat. Dadurch verschieben sich die Prioritäten und ich mache stattdessen eben etwas anderes. Ein weiterer Grund ist der, dass ich meine Meinung zu Filmen gar nicht mehr so gerne äußere: Meinungen gibt es viele da draußen, aber selbst die am besten begründeten helfen mir selten weiter, einen Film aus einer anderen Perspektive zu sehen und noch mehr zu schätzen. Und ich gehe davon aus, dass er sich auch andersrum so verhält. 

Nichts desto trotz kommt hier nach langer Zeit mal wieder eine Meinung zu einem Film, denn ich sitze gerade allein krank zu Hause und hatte endlich mal Gelegenheit in der richtigen Verfassung (fiebrig, leicht verpeilt) einen sehr geschätzten Film von einem mir sehr geschätzten Künstler in einer mir unbekannten Version zu sehen: Die Rede ist von „Nightbreed“, bei dem es sich um Clive Barkers nach „Hellraiser“ zweite Regiearbeit handelt. Der Film basiert auf seinem Buch „Cabal“ (1988) und handelt von der mystischen Stadt Midian. Protagonist Aaron Boone (Craig Sheffer), der von Visionen über Midian heimgesucht und von seinem Psychiatrier Philip K. Decker (David Cronenberg) dahingehend manipuliert wird, dass er glaubt ein Mörder zu sein, bricht alle Brücke hinter sich ab und macht sich auf den Weg zu diesem sagenumwogenden Ort. Dort findet er unter einem Friedhof tatsächlich die Monster aus seinen Träumen. Die wollen ihn aber nicht bei sich haben. Knapp und nicht ohne Bisswunde entkommt Boone vom Friedhof, nur um kurze Zeit später ein einer von Decker für ihn aufgestellten Falle in einem Kugelhagel zu enden…Natürlich endet die Geschichte hier nicht, sondern fängt erst richtig an. Boone, durch den Monsterbiss selbst Monster geworden, kehrt zurück nach Midian, ohne zu ahnen, dass er damit das Ende dieses Refugiums einläutet. 

Bevor ich auf den Film eingehe, vielleicht noch ein paar allgemeine Worte zu mir und Clive Barker. Ich habe, verglichen mit meine Lese-Ratten-Freunden, erst relativ spät, irgendwann in meinen frühen Teenie-Jahren, angefangen mich für Bücher zu interessieren. Dann ging es aber recht schnell und ich landete bei allem, was mit dem zu tun hatte, das nicht von dieser Welt war. Sehr gut gefielen mir die Bücher und Kurzgeschichten von Clive Barker, die mir z.B. verglichen mit den Werken von Stephen King immer ein bisschen fantasievoller vorkamen. Nicht nur fantasievoller, auch tiefgründiger, reichhaltiger und weniger „schwarz-weiß“. King ist ein toller Erzähler, aber er walzt halt jede Idee auf tausend Seiten aus, während es bei Barker auf jeder Seite nur so wimmelt von Fantastischem, dass es wahrlich eine Wonne ist, darin einzutauchen. In anderen Worten: Stephen Kings Bücher: Medizinball. Clive Barkers Bücher: Riesiges Bällebad. Ich habe mich schon damals in Barkers Bällebäder verliebt. Sicherlich, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt, wusste schon Shakespeare und ist jetzt nichts Barker-Spezifisches; allerdings kenne ich keinen Autoren, der vergleichbar zuverlässig fantasievoll sich diese Dinge zwischen Himmel und Erde ausmalt und dabei pro Roman ganze Mythologien entwirft. Jedenfalls, auch zig Jahre später bin ich immer noch fasziniert von den Welten die Barker erdacht hat, was ganz ausdrücklich auch für die filmischen Umsetzungen seiner Stoffe gilt. „Hellraiser“, „Lord Of Illusions“ und eben auch „Nightbreed“ sind Filme, ich auch heute noch sehr schätze. Was mich zum „Cabal Cut“ des letztgenannten und einer kurzen Verschriftlichung meiner Meinung über ihn führt.

Mal schnell abgeharkt: „Nightbreed“ ist spannend, bietet mehrere überraschende Wendungen und sieht nicht zuletzt wahnsinnig gut aus. Die Masken sind allesamt ein (Alb-)Traum. Sowas wird heute gar nicht mehr gemacht. Die Schauspieler agieren allesamt nicht oskarverdächtig, aber mir reicht es, um in der Geschichte zu bleiben. Was mich an dem Film neben dem Offensichtlichem anspricht, ist aber vor allem seine Ambivalenz in Bezug auf die behandelten Themen. Ganz allgemein geht es um Anziehung und Abstoßung oder – etwas konkreter – um den Wunsch, dazu zu gehören und die Ausgrenzung des Anderen – womit der Film dieser Tage wieder hochgradig aktuell ist. Wer hier ein Monster ist und wer nicht, darauf werden verschiedene Sichtweisen angeboten. Natürlich sind die Monster unter dem Friedhof zunächst ganz offensichtlich die ausgegrenzten Anderen, weil sie anders aussehen und nach anderen Regeln leben (auch gelegentlich Menschenfleisch wird nicht verschmäht). Boone gehört zunächst nicht zu dieser Gruppe, wird aber schließlich aufgenommen. Schon hier zeigen sich die Monster als barmherziger als die Menschen aus der Außenwelt, von denen sich einige im Verlauf der Geschichte als die wahren Monster erweisen, wie der Psychopath Decker, der nur die Befriedigung der eigenen Lust kennt oder – noch gruseliger – die Bewohner, der nahegelegenen Ortschaft, die zum Schluss Jagd auf die Wesen unter dem Friedhof machen und deren brutales Vorgehen vor dem Hintergrund aktueller fremdenfeindlicher Taten besonders mitnimmt. Es ist interessant, wie sich in den Film die Sympathien verschieben. Ich glaube nicht, dass hier die allgemeine Aussagen gemacht werden soll, das Monster die besseren Menschen sind. Aber es kommt schon rüber, dass zumindest Menschen nicht deswegen besser sind, weil sie Menschen sind, sondern dass es darauf ankommt, was man tut und wie man sich zu anderen verhält. Hier hat „Nightbreed“ einen wunderbar bunten Strauß an Figuren zu bieten, die alle samt spezifische Interessen haben und nachvollziehbare Gründe aus denen sie unterschiedliche Entscheidungen treffen.

Was mich an „Nightbreed“ aber vor allem fasziniert, ist ein Gefühl, das in seinen Bildern irgendwie – und hier kommt echte Filmmagie ins Spiel! – lebendig wird. Es ist das Gefühl, nicht dazuzugehören und die Sehnsucht nach einem Ort wo Mann/Frau/divers/usw. – trotz allem! – willkommen ist; und ich vermute, dass es dies ist, was so viele junge Menschen, die ihren Platz in der Welt erst noch finden müssen, aber auch Erwachsene auf der Suche, für die Schwingungen des Films empfänglich macht. Der Wunsch nach einem Refugium für alle die anders sind, ist stark in diesem Film. Und sind wir nicht alle zumindest so viel Monster, dass wir diese Sehnsucht nachvollziehen können? Am greifbarsten wird dieses Gefühl in den Szenen, in denen Boone oder seine Freundin Lori (Anne Bobby) durch die unterirdischen Gänge Midians streifen und dabei so allerhand von besagten Dingen zwischen Himmel und Erde sehen, das gehört zum visuell Aufregendsten, Verstörendsten aber irgendwie auch Schönstem an „Nightbreed“. Dabei ist es nicht mal die Vielfalt an unterschiedlichstem Leben allein, die beim Sehen dieser Szenen fasziniert, es ist die Haltung von Boone und vor allem Lori, die ich hier so gelungen finde: vorsichtig und manchmal erschrocken, aber trotzdem neugierig und immer offen, lassen sie sich auf die Welt, die sie als Gäste betreten vorurteilsfrei ein. Wenn alle das Fremde und Unbekannte so annehmen würden, wie Lori die Bewohner Midians, wäre unsere Welt bestimmt eine bessere.

Wenn ich mir an dem Film etwas anders wünschen dürfte, wäre es, dass Barker noch ein wenig mehr den Fokus auf die Beweggründe der Figuren gelegt hätte. Kenner*innen des Buchs wissen, warum sie sich dieser und derart verhalten, dort ist es höchst plausibel, ja zwingend. In dem Film, der dem Visuellem ein größeres Gewicht beimisst, sind die Motive oft nicht ganz so klar, was schade ist, weil sie meiner Meinung nach wichtig sind, um die ganze Schönheit der Geschichte zu sehen. Wobei das nicht heißen soll, „Nightbreed“ hätte eine Quintessenz, die es zu erkennen gälte und dies sei Voraussetzung, um den Film zu mögen. Er viele Ebenen und interessante Motive. Die Charaktere und was sie antreibt, sind ein nur interessantes Element an dem Film unter mehreren. Letzten Endes freue ich mich, dass die Geschicht’ keine Moral hat, sondern ambivalent bleibt, das ist ihre wie auch die Stärke aller anderen Barker-Werke.

Der „Cabal Cut“ indes lohnt sich aufgrund des reichhaltigen Zusatzmaterials (teilweise in sehr schlechter Bild Qualität), dennoch glaube ich, dass ich – ungesehen – den Director’s Cut bevorzuge, der entgegen der Kinofassung mehr Midian & Bewohner enthält und weil das Ende des „Cabal Cuts“ das der Kinoversion ist. In dieser wird Decker mit Blick auf mögliche Fortsetzungen wieder zum Leben erweckt, was mir schon damals überflüssig bis sinnlos vorkam und sich für damals wie heute wie ein Fremdkörper in diesem Film angefüllt hat. Doch auch wenn Barkers Vision mit diesem Ende meiner Meinung nach nicht gedient ist, nehme ich mir ein Beispiel an mir selbst und dem, was ich ein paar Sätze zuvor als großen Vorzug des Films anpreise und versuche auch diesen Fremdkörper mit positiver Grundhaltung zu akzeptieren. 

System Error (Florian Opitz, Deutschland 2018)

Posted by 9. Mai 2018

Die jüngsten Finanzkrisen, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, der Brexit, Raubbau an der Natur und vieles, vieles mehr – all diese Phänomen ließen sich Symptome eines umfassenden Systemversagens deuten. Karl Marx, dessen 200. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern, hat diesen Kollaps des Kapitalismus jedenfalls vorhergesagt. Hatte er recht? Regisseur Florian Opitz scheint das zu glauben und häuft in dieser Dokumentation „Belege“ an, die darauf hindeuten, dass wir kurz vor dem Ende stehen – das Ganze unterlegt mit gewichtigen Marx-Zitaten. Also bald System Error? Ende Gelände? Oder vielleicht doch nicht… Schließlich wissen wir bisher trotz aller straken und schwachen Signale nicht, was die Zukunft bringt. Das Hauptargument der filmischen Beweisführung, dass in einer endlichen Welt doch kein unendliches Wachstum möglich sein könne, klingt aufs erste Ohr zwar ganz vernünftig, ob es wirklich wahr ist, scheint mir noch nicht entschieden. Wenn man von Wachstum redet, redet man ja eigentlich von Wandel, jedenfalls von nichts, dass irgendwelche Naturgesetzte verletzt. Was ist mit immateriellem Wachstum? Dies ist meiner Meinung nach das Hauptproblem an Opitz Film, dass er sich nämlich von Anfang an auf eine Seite schlägt, ohne die andere hinreichend zu würdigen. Bisher hat das System stetig gewandelt und damit allen Krisen getrotzt. Ein paar Worte mehr von zum Film auf Kino-Zeit.

Familiye (Kubilay Sarikaya, Sedat Kirtan, Deutschland 2017)

Posted by 6. Mai 2018

Dass Familie nach Luther, Martin, die Quelle allen Segens und Unsegens sein soll, kann man, wie noch so einiges, gut in Kubilay Sarikayas und Sedat Kirtans, quer zu allen Stimmungen liegender, dramötischer Multikulti-Kraut-und-Rüben-Ghetto-Gangster-Glosse „Familiye“ beobachten. Familie ist hier Ursache und Lösung für allen Murks der Protagonisten. Und gleichzeitig ist sie auch wieder so ein bißchen egal, weil es ja auch noch um soviel anderes geht. Man kann den Film wohl überfrachtet finden, ich fand ihn aber ganz nett. Für Kino-Zeit etwas zum Film geschrieben.

Kino 2017: Meine Top 10


Von Jahr zu Jahr sinkt die Anzahl der Filme, die ich im Kino sehe und damit die Wahrscheinlichkeit einer Top 10 – und irgendwie klappt’s dann doch immer. So auch 2017. Folgende Filme haben mir in diesem Jahr am besten gefallen.

Elle (Paul Verhoeven, Frankreich / Deutschland / Belgien 2016)

Ich bin ohnehin ein großer Verhoeven-Fan. Mich beeindruckt sein unglaubliches Spektrum als Filmemacher. Dass er zu einem so späten Zeitpunkt seiner Karriere einen Film wie „Elle“ macht, der so frisch, neuartig und unverbraucht ist, hat mich noch einmal von den Socken gehauen. Verhoeven erzählt in dem Film die Geschichte einer Frau und den weiteren Ereignissen, nachdem sie im eigenen Haus von einem maskierten Mann vergewaltigt wird. Ich würde „Elle“ wohl am ehesten als Charakterstudie bezeichnen, auch wenn sich trotz skalpellscharfer Analyse bis zum Schluss kein klares Bild seiner Hauptfigur ergibt. Das fasziniert mich am meisten an dem Film: Verhoeven hält die Komplexität seiner faszinierenden Protagonistin bis zum Schluss aus und widersteht jedem Impuls, die Geschichte in irgendeine Richtung aufzulösen.

T2 Trainspotting (Danny Boyle, UK 2017)

Mitte der 1990er Jahre hatte der Junkie Mark (Ewan McGregor) seine Freunde betrogen, und war mit dem Geld getürmt, um irgendwo ein besseres Leben anzufangen. Nun kehrt er in seine Heimatstadt zurück… Hätte man mir damals gesagt, dass „Trainspotting“ zwanzig Jahre später eine Fortsetzung durch den gleichen Regisseur mit den gleichen Schauspielern erhalten würde, die auch noch auf ganzer Line überzeugt – ich hätte es nicht geglaubt. Jetzt habe ich „T2 Trainspotting“ gesehen – und bin begeistert. Der Film ist eine der unwahrscheinlichsten und trotzdem frischesten Fortsetzungen der Filmgeschichte, ein weiterer Höhepunkt Danny Boyles Karriere, visuell herausragend, virtuos inszeniert, inhaltlich clever und der Tristesse seiner Geschichten zum Trotz auch unglaublich warmherzig und immer optimistisch. Sehr schön!

Manchester By The Sea (Kenneth Lonergan, USA 2016)

Es ist nun fast ein Jahr her, dass ich den Film im Kino gesehen habe. Doch diese eigentümliche Mischung aus Trauer, Melancholie und vorsichtiger Zuversicht, die er in mir ausgelöst hat, ist immer noch da. Es geht um einen Mann (großartig: Casey Affleck), der nach dem Tod seines Bruders in seine Heimatstadt zurückkehrt und sich trotz eigener Traumata dort seinem Neffen annimmt. „Manchester By The Sea“ ist weder ein Hollywood-Film, der dem Zuschauer die x-te Version einer Geschichte zeigt, indem der Protagonist, einfach weil er ein so ein toller Typ ist, allen Schicksalsschlägen trotzt, noch einer, der andeutet, dass die Zeit alle Wunden heilt. Und doch ist es ein Film über die Zeit, das Schicksal und das Leben, das trotz all den Schrecklichkeiten, die passieren, irgendwie weitergehen kann. Schön.

Hell Or High Water (David Mackenzie, USA 2016)

Na sowas, ein Western auf dem vierten Platz der Top-10 eines Western-Verächters? Und dann auch noch einer, in dem der einst von mir so sehr geschätzte Jeff Bridges mitspielt, der sich seit über zehn Jahren mit den gleichen drei Gesichtern durch seine Filme grimassiert und der mir deswegen mittlerweile ziemlich auf die Nerven geht. Dann muss er ja wohl wirklich ziemlich gut sein. In „Hell Or High Water“ geht um ein Geschwisterpaar, das im Westen von Texas Banken ausraubt – ihnen dicht auf den Fersen ein US-Marshall. Was ich an David Mackenzies Film besonders toll finde: Es gibt viele Filme, die den Western neu beleben oder einen abermaligen (unnötigen) Abgesang auf das Genre darstellen wollen. „Hell Or High Water“ hingehen ist ein Western – ein schlauer, sozialkritischer und einer, der ganz nah an seinen Figuren, den Gesetzeshütern und Outlaws ist, noch dazu.

Personal Shopper (Olivier Assayas, Frankreich / Deutschland / Belgien / Tschechien 2017)

„Personal Shopper“ verdankt seinen Platz in dieser Liste wieder meiner Faszination für Geschichten, die ich nicht verstehe. Ehrlich, ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon der Film, von allem Offensichtlichen abgesehen, (ok, es geht um eine Frau, die für eine berühmte Schauspielerin die Kleidung einkauft, die aber nebenher auch als Medium auf den Spuren ihres toten Zwillingsbruders wandelt) eigentlich handelt. Wer etwas erzählerisch Greifbares erhofft, wird enttäuscht – wer sich allerdings davon verzaubern lassen mag, wie ihm die verschiedenen Nebelschichten des Films immer wieder sanft entgleiten, der ist in diesem mysteriös-modischen Meta-Gespensterkrimi mit einer wunderbaren Kirsten Stewart in der Hauptrolle richtig.

Star Wars: The Last Jedi (Rian Johnson, USA 2017)

Definitiv der Aufsteiger dieser Liste. Direkt nach dem Kinobesuch war mir zwar schon klar, dass mir Teil 8 besser gefallen hat als Teil 7. Dass er es am Ende nicht nur in die Top 10 geschafft, sondern dort sogar im soliden Mittelfeld gelandet ist, hätte ich zunächst nicht gedacht. Aber was soll ich sagen: „Star Wars: The Last Jedi“ von Rian Johnson hat mir wirklich viel Spaß gemacht, und das ist es ja (man vergisst das ja manchmal!), worauf es ankommt. Die Story: Derweil die übrig gebliebenen Rebellen quasi den ganzen Film lang in eine Raumschlacht gegen eine Flotte der Ersten Ordnung eingespannt sind, versucht Jedi-Anwärterin Rey, den störrischen Alt-Jedi Luke in den Kampf gegen die Dunkle Seite der Macht einzuspannen und kommt darüber – erst gedanklich, dann auch ganz physisch – mit dem Vatermörder Kylo Ren in Kontakt. – Ich kann dem Film deswegen gut verzeihen, dass er nicht mehr exakt das ist, was ich an Star Wars liebe, dass er mir insgesamt nicht mutig genug war und stellenweise wie ein Best-of von Episode IV, V und VI wirkte. Aber ich weiß auch zu schätzen, dass Johnson sich hier wirklich und sogar erfolgreich bemüht, den Ballast der Vergangenheit abzuschütteln und Raum für etwas Neues zu schaffen. Ich freue mich auf den nächsten Teil.

Western (Valeska Grisebach, Deutschland / Bulgarien / Österreich 2017)

Und gleich noch ein „Western“ in meiner Liste, ein heimischer sogar. Es geht um einen Trupp deutscher Bauarbeiter, die in Bulgarien beim Bau eines Kraftwerks mit der Wasserknappheit auf ihrer Baustelle zu kämpfen haben – und sich auf unterschiedliche Weise den Bewohnern des nahegelegenen Dorfes annähern. Ich frage mich, was ich über den Film gedacht hätte, wenn er einen anderen Titel hätte. So jedenfalls bin ich gleich dabei, die Bauarbeiter mit Cowboys und die Dorfbewohner mit Indianern zu identifizieren, was angesichts der Handlung dieses größtenteils mit Laiendarstellern besetzten Films bald zu Irritationen führt. Zwar gibt es Parallelen zu bekannten Western-Topoi, aber ebenso viele Unterschiede. Beides – die Gemeinsamkeiten wie die Differenzen – führen zu schmerzhaften Verknotungen des Zuschauergehirns. Ich habe mich immer noch nicht komplett davon erholt.

Split (M. Night Shyamalan, Japan / USA 2016)

Für mich das Comeback von M. Night Shyamalan! Irgendwie hat man dem Mann ja seinen Stil, für den man ihn bei „The Sixed Sense“ und „Unbreakable“ noch gefeiert hat, im Folgenden immer mehr übel genommen. Ich kann das nicht ganz nachvollziehen. Ich mag „Unbreakable“ sehr, finde alle anderen seiner Filme durchweg gut – aber mehr eben auch nicht. Mit „Split“, der interessanterweise auch inhaltlich mit „Unbreakable“ verbändelt ist, hat Shyamalan nun endlich wieder einen Film gemacht, der über den guten Standard hinausgeht. Es geht um eine Psychiaterin und ihren multiplen Patienten (wie immer stark: James McAvoy) und mehr will ich auch gar nicht sagen, weil es – Shyamalan-typisch – natürlich auch wieder einige Überraschungen gibt. Trotzdem ist der Film, was ich mag, nicht so wie manch anderer des Regisseurs auf den finalen Twist angelegt, sondern trotz des komplexen Themas mehr mit sich selbst im Einklang.

Valerian And The City Of A Thousand Planets (Luc Besson, Frankreich / China / Belgien /Deutschland u.a. 2017)

Der interplanetare Geheimagent Valerian und seine Partnerin Laureline werden auf die gigantische Weltraummetropole Alpha – die Stadt der tausend Planeten – beordert, die von einem Virus von innen heraus zerfressen wird, was die beiden näher untersuchen sollen. Dabei kommen sie einem Geheimnis auf die Spur. – Eine wunderbar bunte, optisch sehr fantasievolle Sci-Fi-Geschichte, die durch ihre Weigerung, sich erzählerischen Normen zu unterwerfen auch formal interessant ist. Doch auf diesen Punkt muss ich gar nicht weiter eingehen, um zu begründen, warum der Film einen Platz in dieser Liste verdient hat. Allein durch seine Schauwerte und seine charmante, unbekümmerte Art, den Zuschauer in die Welt Valerians zu entführen, verdienen Besson und sein Herzensprojekt höchsten Respekt. Etwas gewöhnungsbedürftig: Dane Dehaan in der Rolle des Valerian. Aber vielleicht sind es gerade solche Ecken und Kanten, die „Valerian And The City Of A Thousand Planets“ so reizvoll machen.

Die Hölle – Inferno (Stefan Rutzowitzky, Deutschland / Österreich 2017)

Das Jahr war schon fast vorbei, da habe ich noch diese kleine wunderbare Filmperle entdeckt. Ich bin ja nicht der aller größte Fürsprecher des deutschsprachigen Genre-Kinos, aber mit „Die Hölle – Inferno“ ist es Stefan Rutzowitzky wirklich gelungen, mich zu überzeugen. Dieses kleine Meisterwerk handelt von einer Taxifahrerin, die durch Zufall einen Frauenmörder bei der Arbeit beobachtet – und hinterher selbst auf dessen Killlist landet. Dreckig, hart, extrem kurzweilig mit einer tollen Haupt- und einigen interessanten Nebenfiguren bietet „Die Hölle – Inferno“ viel von dem, was ich mir von einem Thriller wünsche – und noch etwas mehr. Als Ohrfeige für alle Sexisten, Faschisten und Arschlöcher aller Art, darf man ihn auch gerne verstehen. Auch wenn er zum jetzigen Zeitpunkt nur Platz 10 meiner Liste bekleidet, handelt es sich bei Rutzowitzkys Film doch um eine der größten Überraschungen des Kinojahres!

Ein wenig leid…

…tut es mir um Filme wie „Nocturama“, „Jackie“, „The Girl With All The Gifts“, „John Wick: Chapter 2“ oder „Wonder Woman“, die mir ebenfalls sehr gut gefallen haben – nur eben nicht ganz so gut wie die genannten. Das ist meine Meinung aber auch eben immer der Reiz an einer Top 10 – dass man sich beschränken und eine – manchmal wirklich auch eine nicht ganz leichte – Wahl treffen muss. Besonders interessant fand ich in diesem Jahr übrigens die Entwicklung von „Blade Runner 2049“, der mich im Kino sehr begeistert hat und der eine Zeitlang sogar eine mittlere Platzierung in meiner Top 10 gehalten hat. Aber je länger ich über die Filme in der Liste nachgedacht und die Sortierung immer wieder angepasst habe, desto weiter ist Villeneuves Film nach hinten gerutscht, bis er schließlich ganz aus der Liste verschwunden ist. Visuell finde ich ihn nach wie vor überragend. Ich habe schon lange keinen Film mehr gesehen, der so gut aussah. Und trotzdem hat sich nach dem Kinobesuch nach und nach Ernüchterung breit gemacht. Immer mehr hatte ich das Gefühl, der Film wollte mit aller Macht etwas sein, dem er inhaltlich nicht gerecht geworden ist.

Flops

Wie immer möchte ich mich nicht groß mit Filmen aufhalten, die ich nicht mochte, zur besseren Einordnung der Top 10 will ich aber zumindest die 3 Titel nennen, die mich enttäuscht und/oder geärgert haben. Zum einen wäre da „Logan“, mit dessen Vorgänger „The Wolverine“ ich ja auch schon gehadert habe. Mit „Logan“ ist es ähnlich, auch der Film sieht wieder gut aus, gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass James Mangold kein Gefühl für das Genre im Allgemeinen und die Figur des Wolverine im Speziellen hat. Ich möchte gar nicht in Abrede stellen, dass Mangold versucht, dem Superhelden-Genre neue Impulse zu geben, sein verbissenes Möchtegern-Melodram ist aber wieder nicht mein Fall. Und das Ende ist, wie schon beim Vorgänger, Schrott. Und wo wir gerade beim Thema sind – ebenfalls sehr doof: „Alien: Conveneant“. Ich finde Ridley Scotts Versuch, dem Alien-Mythos eine neue Richtung zu geben, auf ganzer Line misslungen. „Prometheus“ und „Alien: Conveneant“ haben das, was „Alien“ damals so gut gemacht hat, platt wegphilosophiert. Schade. Und schade ist es auch, dass Christopher Nolan seine zweifellos vorhandenen Fähigkeiten nicht dazu nutzt, tolle Filme zu machen, sondern dass ihm im Gegenteil seine Fähigkeiten immer mehr im Wege zu stehen scheinen. Bei „Dunkirk“ war gut zu beobachten, wie Nolan es geschafft hat, einen dramatischen Stoff mit seinem großen Können förmlich zu ersticken. Ich habe nichts gefühlt.

Soweit zu meinem Kinojahr 2017. Und jetzt wünsche allen einen Guten Rutsch!

Über das Film-Glück gestern, heute und morgen


Für den Kino-Zeit-Adventskalender habe ich in diesem Jahr einen kleinen Text geschrieben über… – ja was eigentlich? Der Überschrift nach geht es um das Film-Glück gestern, heute und morgen. Aber eigentlich geht es vor allem um mich – und um Unglück. Michael vom Schneeland-Blog hat den Text auf Twitter sehr schön aus der Hüfte beüberschriftet mit „Über das Filmeschauen in den Zeiten von totalitären Algorithmen“, was mir sehr gut gefällt und den Inhalt, finde ich, besser auf den Punkt bringt, als der gesamte Text. Hier geht es zu meinem Adventskalender-Beitrag.

In Pursuit of Silence (Patrick Shen, Deutschland, USA, Japan, uvm. 2015)

Posted by 2. Dezember 2017

Wenn ich mir DAS HIER so durchlese, fand ich den Film wohl nicht soo gut.

Happy Death Day (Christopher Landon, USA 2017)


Aus eigener, ja sogar tagesaktueller Erfahrung weiß ich – Geburtstage können eine sehr schöne Sache sein. Wenn man allerdings, wie eine grantige Studentin in „Happy Death Day“ den gleichen Tag immer wieder erlebt und zu allem Überfluss noch jedes Mal wieder vom einem maskierten Killer getötet wird, ist das natürlich unschön. Denke ich zumindest. Da habe ich aber keine Erfahrungswerte. Der Film von Christopher Landon hingegen, den ich gesehen und für Kino-Zeit rezensiert habe, ist, anders als das Thema, das er behandelt, – hier weiß ich wovon ich spreche – eine ganz schöne Sache. Was sich wie eine wenig uninspirierte Version von Harold Ramis famosen „Groundhog Day“ im Horror-Genre liest, entpuppt sich als spannend-rasanter Mystery-Thriller mit viel Freude am Zitat, dem richtigen Quäntchen Humor und sympathischen moralischen Message. Hier geht’s zum Text.

Machines (Rahul Jain, Deutschland, Indien, Finnland 2016)

Posted by 7. November 2017

Ich schaue nicht den ganz Tag Filme und schreibe heimlich tollte Texte dazu, die ich euch dann, statt sie hier zu veröffentlichen, fies vorenthalte. Bei mir passiert bewegtbildmäßig gesehen gerade wirklich nichts. Tote Hose. Bzw. fast nichts. Denn es gibt – apropos Hose – zumindest einige wenige Ausnahmen. Für Kino-Zeit.de habe ich mir neulich eine bildgewaltige Dokumentation über die Zustände in einer indischen Textilfabrik angesehen und ein paar Zeilen dazu geschrieben. Wer das lesen will… <Klick>.

The Chinese Lives of Uli Sigg (Michael Schindhelm, Schweiz 2017)


Jetzt habe ich ganz vergessen zu berichten, dass ich neulich mal für auswärts was zu Michael Schindhelms Doku über Uli Sigg geschrieben habe. Der läuft seit Anfang August im Kino. Wahrscheinlich ist mir das entfallen, weil ich den Film nicht besonders gut fand. Auf Kino-Zeit habe ich ein paar Sätze dazu geschrieben. Hier klicken (oder auch nicht und stattdessen lieber etwas Sinnvolles tun.)

Spider-Man: Homecoming (Jon Watts, USA 2017)

Posted by 13. Juli 2017

Trotz Filmkrise schaffe ich es alle Jubeljahre doch mal ins Kino. Für Kino-Zeit.de habe ich mir „Spider-Man: Homecoming“ angesehen – und für gut befunden. Das kam für mich ehrlich gesagt ein wenig überraschend, denn nach dem etwas unglücklichen Ausklang des an sich fantastischen Raimi-Runs und den beiden schrecklichen Nachfolgern („The Amazing Spider-Man”, nachzulesen hier und hier sowie ,„The Amazing Spider-Man 2“), hatte ich nicht damit gerechnet, dass ein so baldiger Reboot und die Integration von Spider-Man das erzählerisch doch ziemlich schlichte Marvel Cinematic Universe meinen Geschmack treffen würde. Aber doch, was Jon Watts („Clowns“) da abgeliefert hat, hat mir irgendwie gefallen. Watts schafft es, die Comic-Vorlage sowie die Vorarbeit seiner Regisseurkollegen zu ehren und gleichzeitig noch etwas Interessantes zur Figur wie auch zum aktuellen Superhelden-Kino beizusteuern. Aber ehe ich weiter schreibe – klickt doch einfach hier und lest selbst.