Category: filmundso

The Mongolian Whore House (Jan Haukau, Niederlande / Deutschland / Mongolei 1981)

Posted by 28. Juni 2014

The MWH 3Es war einmal eine VHS-Kassette, die in einer holländischen Ferienwohnung meinem jüngeren Selbst in die Hände fiel. „The Mongolian Whore House“ stand handgeschrieben auf dem schmierigen Schuber. Kaum waren die Eltern zu Bett gegangen, hockten mein Cousin und ich im dunklen Wohnzimmer vor dem Fernseher… Es gibt Filme, die ich bis aufs Blut hasse, denen ich aber trotzdem einen gewissen Respekt entgegen bringe, weil sie etwas mit mir gemacht haben. Nach dem Film fühlte ich mich wie gefressen, verdaut und wieder ausgekotzt; und dem Cousin ging es wohl genauso. Nach dem Abspann (von dem man aufgrund der schlechten Bildqualität kaum einen Namen lesen konnte) herrschte zunächst betretenes Schweigen, dann trafen wir eine Entscheidung. Aber davon später mehr.

Die Zwillinge Mirja (Betje Zweigeld) und Zarina (Sormuunirschiin Lee Straaten) werden von ihrer Mutter ins nahegelegene Kloster und von dort gleich weiter an die Puffmutter Katharina Ortega (Jen Demsey) verkauft. Diese betreibt das titelgebende Etablissement, in dem junge Frauen aus aller Welt zur Prostitution gezwungen werden. Die Zwillinge erweisen sich als äußerst geschickt in der Kunst der Verführung – und schon bald sind sie nicht nur die Attraktion des Bordells, sondern haben Ortega auch ihren Ehemann, den ehemaligen Boxer Pete (Dolf Van Veen), ausgespannt. Mit seiner und der Hilfe der anderen Prostituierten überfallen sie das Kloster, versklaven die Nonnen und beginnen mit dem Bau eines Bootes. Denn Mirja und Zarina wissen: Die Flut wird kommen…

Am Anfang flattert ein Segel im Wind, zumindest lässt das Geräusch vermuten, dass es sich um ein Stück Segelleinen handelt, das von einer kräftigen Meeresbrise geschüttelt wird. Der Zuschauer sieht nur ein schmutziges Weiß. Es fährt ein Schiff nach Nirgendwo. Oder vielleicht in die Mongolei? Dann hätte der Titel des Films wenigsten eine Bedeutung.  Denn „The Mongolian Whore House“ liegt mit ziemlicher Sicherheit nicht in der Mongolei, sondern in irgendeinem niederländischen Kaff; und bis auf die beiden Hauptdarstellerinnen und einige Figuren des Bordell-Personals dürften auch unter den „Darstellern“ keine Mongolen gewesen sein. Insofern bleibt auch der Titel ein Geheimnis – wie so vieles an dem Film, dessen Entstehungsgeschichte schon äußerst skurril und rätselhaft ist; der Regisseur wurde während der Dreharbeiten von einer Darstellerin gebissen und dirigierte einen Teil der Aufnahmen von da an aus dem Krankenhaus.

Meine Lust, dieses enigmatische Ungetüm zu dechiffrieren, hält sich allerdings – auch Jahre später noch – in engen Grenzen. Manche Schranktüren sollten lieber geschlossen bleiben, wenn man nicht gerade gesteigerten Wert darauf legt, dass einem das darin befindliche Monster das Gesicht wegkratzt. Dabei sind es gar nicht so sehr die sichtbaren Gräueltaten, die den Film so unangenehm machen. Dass das Steuerrad des Bootes aus Petes Knochen hergestellt wird, nachdem man eine gefühlte Ewigkeit irre dreinblickenden Nonnen dabei zusehen musste, wie sie den armen Mann zerlegen, lässt sich ebenso aushalten wie die vielen unappetitlichen Szenen im Hurenhaus. Es ist eher das, was man nicht sieht, sondern nur erahnt und nicht versteht, was nachhaltig verstört. Man ist einfach zu nah dran! Links Hurenhaus, rechts Hurenhaus, überall Hurenhaus! Wir sehen einen seltsamen Sexclub von innen, aber es ist gleichzeitig, als würden wir aus den beschlagenen Fenstern des Clubs in eine unwirkliche Landschaft starren, in denen Gespenster umherirren. Wir können nicht raus, wir würden sonst verschwinden. „Wirklich“ sind allein die von widerwärtig schwülem Dunst durchzogenen Räume des Bordells, die von solch grausamer Heimeligkeit sind, dass man am liebsten auf der Stelle in die kalte Unendlichkeit des Alls geschossen werden möchte. Hier sei beispielhaft auch noch einmal die Haarwaschszene genannt, in der Zarina der Puffmutti die Locken schamponiert – als Mirja plötzlich aus dem Dunkel hinter ihre Schwester tritt und ihr wiederum, ohne dass Katharina etwas davon merkt, den Kopf wäscht. Doch die Tonspur passt nicht. Es klingt eher, als würde jemand durch ein Meer aus Gedärm watschen – dazu der schräge Pfeifenscore von Enno Peterson jr. Scary!

Und das Ende? Schweigen. Schwarzblende, und wieder: Das Geräusch eines im Wind ungeduldig flatternden Segels, ein Geräusch im Übrigen, das als einziges so etwas wie einen Funken Hoffnung vermittelt. Wohin die Reise geht? Hoffentlich weit weg! „The Mongolian Whore House“ ist ein verschwindend kleiner Punkt im hintersten Zipfel dieser Welt, aber dieser Punkt brennt und die Entzündung breitet sich aus. Ein G-Punkt des Schmerzes, alles und nichts. Das Nichts verschlingt alles, die vollkommende Leere. Das Hurenhaus ist diese Welt: ein erdumspannendes Purgatorium für unsere gepeinigten Seelen! Wir haben die VHS-Kassette postwendend vernichtet. Heute wünschte ich, wir hätten es nicht getan, hätten sie vielleicht eher mitgehen lassen. Denn ich würde den Film gern noch einmal sehen, um mich – wie bei einem Film-Exorzismus – von den Bildern, den Geräuschen und dem Gefühl, das er in mir ausgelöst hat, zu befreien. Einen Zuschauer nunmehr schon fast 20 Jahre in den Bann seines Werkes zu schlagen – das muss erst einmal ein Filmemacher schaffen. Chapeau, Jan Haukau! Mögest du in der Hölle schmoren!

Bild © Fake Orgasme Pic.

Rompecabezas oder: Es muss nicht immer Shakespeare sein

Posted by 5. Juni 2014

Im Wettbewerb Berlinale 2010 lief ein argentinischer Film namens „Rompecabezas“. Das heißt „Puzzle“. „Rompecabezas“ handelt von einer Hausfrau, die bemerkt, dass sie eine gewisse Begabung im Puzzeln hat. Fortan puzzelt sie. Ich hatte den Film gesehen – und mich gelangweilt.

Aber vielleicht tut der Film, dachte ich, dem Spiel Unrecht? Ich hatte zwar Puzzeln auch nicht als besonders spannend in Erinnerung – aber so dröge wie dieser Film? Ne, glaubte ich nicht! Aus diesem Grund kaufte ich mir gleich nach dem Film ein Puzzle. Mein letzte Mal puzzeln war bestimmt schon 25 Jahre her. Dem entsprechend aufgeregt war ich. Möglicherweise, so malte ich mir aus, würde ich mit Puzzeln ein neues (altes) Hobby (wieder) entdecken und – so fantasierte ich weiter – ihm mit einer Leidenschaft nachgehen, welche die Hausfrau aus „Rompecabezas“ alt aussehen lassen und mein Leben in neue Bahnen lenken würde. Dann würde ich bestimmt auch weniger Zeit vor dem Computer verbringen und sinnloses Zeug tippen, sondern mehr Sport treiben. Ich würde alte Freundschaften auffrischen und hätte ständig spannende Puzzlegeschichten auf Lager.

Aber es kam anders.

Ich öffnete das Puzzlespiel. Viele Puzzleteile. Ein paar zusammenpassende hatten sich, wahrscheinlich durch das Schütteln während des Transports, schon in der Packung gefunden. Diese nahm ich vorsichtig heraus und legte sie auf den Tisch. Das war ja schon mal ein Anfang. Wie ich es in „Rompecabezas“ gelernt hatte, sortierte ich erstmal nach Farben und suchte nach Eckteilen. Die Minuten vergingen, eine Stunde, zwei,… Dann hatte ich keine Lust mehr. Am nächsten Tag lagen die paar zusammenpassenden Teile und die sortierten Farbhaufen immer noch auf dem Tisch. Am darauf folgenden – das gleich Bild. Eine Woche später hatte ich die Idee: Ich schob die losen Puzzleteile wieder in die Packung, klappte den Deckel zu und – schüttelte heftig. Dann öffnete ich den Deckel und inspizierte die Lage. Da! Zwei weitere Teilchen hatten sich gefunden. Ich sortierte sie aus, schloss und schüttelte die Packung erneut – und entdeckte nach dem Öffnen wieder einige Teile, die sich durch Zufall (oder war es die Macht des Schicksals?) zusammen gefunden hatten.

Nur 4 Monate später hatte ich das Puzzle zusammengeschüttelt.

Die Freude darüber wurde nur noch übertroffen von einer unglaublichen Erkenntnis! Fast hätte es mich von den Beinen geholt. Natürlich! Das Unendliche-Affen-Theorem! Dieser Lehrsatz besagt ja, dass ein Affe, der unendlich lange auf eine Schreibmaschine einhämmert, irgendwann die kompletten Werke Shakespeares geschrieben haben würde. Ich hingegen hatte nur acht Wochen gebraucht, um den Zufall zu zwingen, das Puzzle für mich zusammen zu setzen! Ich erschauderte als mir klar wurde, was ich mit diesem Wissen alles erreichen könnte. Und würde! Ich kloppte das Puzzle in die Packung und schmiss es vom Balkon. Dann machte ich den Computer an, öffnete ein Word-Dokument und begann zu tippen.

Von wegen irgendwann! Vier Jahre später beendete ich diese Geschichte mit den Worten „Es muss nicht immer Shakespeare sein“, schloss das Dokument, fuhr den Computer herunter und warf auch ihn aus dem Fenster. In die Nacht.

Intimate Confessions Of A Chinese Courtesan (Chor Yuen, Hongkong 1972)

Posted by 21. April 2014

Meine neun #MARCHialARTs-Filme hatte ich im März brav zu Ende geschaut, es bisher aber leider versäumt, etwas zu „Intimate Confessions Of A Chinese Courtesan“ (OT: Ai Nu)  zu schreiben. Genaugenommen hat sich der widersinnige Film schon während des Schauens ein wenig gesträubt – bis ich ihn dann schließlich ganz gesehen habe, hatte die chinesische Kurtisane mit ihrem tödlichen Blick schon zweimal dem VCL-Player den Garaus gemacht, von mehreren Aussetzern der Tonspur ganz zu schweigen. Und auch im Nachgang widersetzt er sich noch. Es fällt mir nicht leicht, den Finger darauf zu legen, warum er mir eigentlich so gut gefallen hat.

Die junge Ai Nu (Lily Ho Li-Li) wird entführt und von Gangstern an das Edelbordell „Vier Jahreszeiten“ verkauft, das unter dem eisernen Regime der Kung-Fu-Meisterin Lady Chun (Betty Pei Ti) steht. Jeder Versuch, sich zu wehren, wird grausam bestraft. Jahre später ist Ai Nu eine erfolgreiche und heiß begehrte Kurtisane. Doch Ainu hat nichts von dem, was ihr angetan wurde, vergessen. Ihr einziger Wunsch: Rache.

Schon diese paar Zeilen deuten vielleicht das breite Themen-Spektrum von Chor Yuens Film an. Er malt seine Geschichte in kräftigen Farben, kennt keine Tabus, weder bei Ai Nus obligatorischer Jungfrauen-Untersuchung oder späterer Genital-Folter, lässt Posaunen zur Vergewaltigung erschallen, ist Rache- bzw. „Rape & Revenge“- und Gefängnisfilm aber eben auch Martial Arts, Melodram, Liebesfilm und sogar Krimi. Weil Ai Nu schon früh gelernt hat, dass sie mit Gewalt nicht weiterkommt, hat sie ihre Strategie geändert. Sie verführt die lesbische Bordellchefin, die ein Auge auf sie geworfen hat und hat dadurch den Rücken frei, sich zunächst einmal um die Männer „zu kümmern“, die sie vergewaltigt haben. Der Polizist Chief Ji (Yueh Hua) beginnt zu ermitteln, und obwohl sein Verdacht schnell auf Ai Nu fällt, kann er der schönen Frau nichts nachweisen. Hier beginnt der Film übrigens, mit dem Anfang von Jis Nachforschungen, die Vorgeschichte bis zu diesem Punkt wird in Rückblenden erzählt.

Was ich an „Intimate Confessions Of A Chinese Courtesan“ mochte, war auch seine Vielseitig- und Ernsthaftigkeit wie auch sein vergleichsweise hoher Härtegrad. Zum Schluss spritzt das Blut literweise und auch der ein oder andere Arm verbleibt nicht am zugehörigen Torso. Was den Film für mich letzten Endes großartig macht, ist, dass er trotz seiner Nähe zum Bahnhofskino und der Fülle an Themen doch eine Geschichte erzählt. Sinngemäß erklärt Ai Nu der Puffmutter und dem Zuschauer im Finale noch einmal das Kernthema: Am Anfang habe ich dich gehasst, sagt sie zu Chun, aber mit Hass konnte ich dich nicht besiegen, deswegen habe ich angefangen dich zu lieben. Interessant ist, mit welch langem Atem Yuen dieses Thema herausarbeitet hat und wie gekonnt er sogar noch das Doppelgänger-Motiv in seinen Film einfließen lässt. Zum Schluss ist es für den Zuschauer – für den europäischen wahrscheinlich noch viel mehr als für den chinesischen – nicht leicht den Überblick zu behalten, wer Ai Nu und wer Chan ist. Die Figuren verschwimmen, scheinen fast eins zu sein. Unmittelbar nach dem Film habe ich mich sogar gefragt, ob die Darstellerinnen nicht einige Male ihre Kleider getauscht haben, nur um mich zu verwirren. Das habe ich mir möglichweise aber nur eingebildet. Nichtsdestotrotz gelingt es Yuen nach den zuvor gelegten falschen Fährten ganz vortrefflich, seinen Film auf  ein zentrales Thema zuzuspitzen, eine Frau nämlich, die sich erst in ihre ärgste Feindin verwandeln musste, um sie besiegen zu können. Und ist das nicht die Crux und das Tragische an allen Rache-Filmen, dass das Opfer zunächst das Böse begreifen und schließlich selbst ein Teil von ihm werden muss?

Herzlichen Dank an Thomas, der mir dieses Kleinod aus der Shaw-Brothers-Schmiede zur Verfügung gestellt hat.

Um mich dran zu erinnern

Posted by 21. März 2012

Seitdem ich es jobbedingt nur noch selten Filmkritiken schreibe, rauschen die Filme nur so an mir vorbei. Es gibt nichts, woran ich mich festhalten, keinen Text, über den ich mir den Film erarbeiten kann und der mir hilft, mich später daran zu erinnern, was ich mal gedacht habe. Die Foren, in denen ich zumindest über meine Kinobesuche Buch führe und das Google-Doc, in das ich mit einigen Leute seit ein paar Wochen alles Gesehene notiere, helfen Ordnen, reichen aber zum richtigen Erinnern nicht aus. Eine gute Gelegenheit, noch einmal den Versuch zu startet, dieses Blog zu beleben. Falls es mir gelingt, einigermaßen regelmäßig und über einen längeren Zeitraum hier zu schreiben, belebt das bestimmt den Geist und sortiert die Gedanken. Wenn ich mich mal an meine Meinung erinnern will, muss ich einfach hier nachschauen. Und im besten Fall hält mich das Schreiben hier auch noch von den wichtigen, aber doch auch öft öden Dingen des Lebens ab.