Tag: Adam Wingard

The Guest (Adam Wingard, USA 2014)

Posted by 9. Mai 2015

guestAls es an der Tür der Familie Peterson klopft, ahnt diese noch nicht, dass sich ihr Leben bald entscheidet ändern wird. Vor der Tür steht David (Dan Stevens), angeblich der Kamerad ihres gefallenen Sohnes Caleb. David wird schnell ein Freund der Petersons, vor allem Sohn Luke (Brendan Meyer) bewundert den selbstbewussten, schlagkräftigen Soldaten. Nur Tochter Anna (Maika Monroe) bleibt misstrauisch. Zu recht, wie sich bald herausstellt.

„Falsche Freunde gleichen unseren Schatten“, las ich kürzlich. „Sie halten sich dicht hinter uns, solange wir in der Sonne gehen und verlassen uns, sobald wir ins Dunkel geraten.“ Dieses Zitat von Unbekannt passt auch sehr gut auf meine nach „You’re Next“ nunmehr zweiten Film von Adam Wingard, der mir gleich noch einmal ein gutes Stück besser gefallen hat. Wieder geht es um das Thema Familie und wieder ist diese in gewisser Weise dysfunktional. War sie in „You’re Next“ durch Missgunst und Gier ausgehöhlt, haben die Petersons die Trauer um Caleb nicht verarbeitet und lassen deswegen allzu breitwillig einen Fremden ins Haus, der ihnen die Illusion der Nähe zu ihrem verstorbenen Sohn schenkt. Ob der Vater Spencer (Leland Orser) schon früher ein Alkoholproblem hatte, die Mutter Laura (Sheila Kelley) ähnlich passiv war, Anna sich mit gerne mit Versagern einließ und ob Luke in seiner Schule schon immer das Opfer – oder ob all das erst die Folge von Calebs Tod war, erfährt der Zuschauer nicht. Doch durch das Auftauchen von David passiert etwas im Familiengefüge. Und die Änderungen sind nur zu ihrem besten und deutlich, wie sehr das Kind bzw. große Bruder fehlt und wie wenig es den Petersons bisher gelungen ist, diese Leerstelle zu füllen. Dem ersten Anschein zum Trotz ist David ist kein Ersatz für den verlorenen Sohn, sondern erweist sich für das brüchige Familien-Gefüge als äußerst zerstörerisch – nicht zuletzt weil der falsche Freund selber nicht nur einen leichten Knacks hat. Und so werden aus kleinen plötzlich sehr große Probleme bis zum Schluss kein Stein mehr auf dem anderen liegt.

Doch „The Guest“ ist – auch wenn das vielleicht bis hierhin so klingt – alles andere als ein differenziertes Psychodrama, fast möchte ich sagen im Gegenteil! Die angesprochenen Aspekte über die nicht verarbeiteten Traumata der Familie machen den Film zusätzlich interessant, weil sie wie David für die Petersons Projektionsflächen für den Zuschauer sind, doch bleiben sie letztlich Leerstellen und weiteres Nachdenken über die Zusammenhänge deswegen bloße Spekulation. Wer ist der unbekannte Gast? Ein Fremder? Der Freund des Sohnes oder vielleicht sogar dieser selbst? Auf diese und weitere Fragen, die man sich stellen könnte, gibt es keine Antworten. Aber das ist nicht weiter schlimm, weil Wingards Film auch als straighter Thriller mit einigem Campappeal ganz prächtig funktioniert! Er ist extrem unterhaltsam, markant und angenehm substanzlos – ohne dumm zu sein; und wie schon „You’re Next“ wirkt er irgendwie aus der Zeit gefallen, vereint dabei aber die Vorzüge verschiedener Epochen. Wahnsinnig guter Score auch. Aber anders als bei genanntem Film hat man bei „The Guest“ allerdings nicht mehr den Eindruck, Wingard würde mit angezogener Handbremse inszenieren, sondern mit durchgedrücktem Gaspedal statt den Parcours zu fahren, direkt das Ziel ansteuern. Ich habe mich mehrfach gefragt, ob der Film nicht ein Remake ist sei, weil es irgendwie schwer vorstellbar ist, dass erst jemand wie Adam Wingard im Jahre 2014 daherkommen muss, um diese „Righ in your face“-Story zum ersten Mal zu erzählen. Aber bei der anschließenden Recherche habe nichts dementsprechendes herausfinden können. Schon das zeigt, meine ich, was für Kinnhaken von einem Film „The Guest“ geworden ist.

Bild © Splendid Film/WVG

You’re Next (Adam Wingard, USA 2011)

Posted by 9. Mai 2015

You're NextEs ist eine schwer zu meisternde Herausforderung für einen Filmemacher, sich der Geschichte des Horrorfilms und der Mechanismen des Genres bewusst zu sein, weiterhin eine bestimmte Ära erkennbar zu favorisieren – und dann einen eigenen Film zu drehen, der weder wirkt wie schamlos abgekupfert, angeberisches Zitat- oder Meta-Kino. Adam Wingard ist dieses Kunststück mit „You’re Next“ zwar geglückt, allerdings auf Kosten echter Alleinstellungsmerkmale.

Der Film handelt von einer wohlhabenden Familie, die sich anlässlich des Hochzeitstags des Sippenoberhaupts Paul (Rob Moran) und seiner Frau Aubrey (Barbara Crampton) in einem abgelegenen Landhaus einfindet. Dass sich nicht alle der Anwesenden grün sind, bekommt der Zuschauer schnell mit. Doch die Zwistigkeiten zwischen ihnen sind der Familienmitglieder geringste Sorge als beim Abendessen plötzlich Pfeile durchs Fenster fliegen und klar wird – jemand hat es auf ihrer aller Leben abgesehen. Dass die Bedrohung keine rein äußerliche ist, sondern die Gefahr von Innen kommt, ahnen die meisten Zuschauer bestimmt schon sehr bald. Beweise erhalten sie nicht viel später. Das tut der Spannung von Wingards blutiger, Home-Invasion-Farce mit Retro-Krimi-Einschlag allerdings keinen Abbruch – und das nicht nur, weil die Handlung noch die ein oder andere Wendung parat hält, sondern weil der Regisseur nach meinem Empfinden hier einfach sehr oft den richtigen Ton trifft: zum einen im wahrsten Wortsinne durch einen tollen, minimalistischen Score, zum anderen, weil er es weder in Sachen Humor, noch Gewalt und glücklicherweise auch nicht durch übermäßig offensichtliches Zitate-Dropping übertreibt. Wingards Film könnte fast ein Werk aus jedem Jahrzehnt der letzten 50 Filmjahre sein, ihm gelingt es, viele Stärken unterschiedlicher Zeiten miteinander zu vereinen.

Das ist alles sehr erfreulich, die benutzten Versatzstücken sind gekonnt aneinandergereiht und an Geschmack fehlt es Wingard offensichtlich auch nicht. Und doch fehlt das letzte bisschen, um in mir einen echten Sturm der Begeisterung zu entfachen. Dafür wirkt der Film in seiner zurückhaltenden, austarierten Art irgendwie etwas zu aufgeräumt, zu brav, so als würde Wingard der Mut fehlen, dem Stoff seinen Stempel aufzudrücken. Es kommt mir ein wenig so vor, als würde er durch eine 30-Zone fahren, aber denken, er sei in eine Spielstraße. Die Pflicht ist hier tadellos erfüllt, an der Kür darf der Regisseur, der schon für „Home Sick“, „A Horrible Way To Die“ und seine Kurzfilme im Rahmen der „V/H/S“-Reihe mir gegenüber lobend erwähnt wurde, meines Erachtens noch ein wenig arbeiten. Das würde sich lohnen. Ich habe das starke Gefühl, der Film ist weniger, als er hätte sein können. Zum Glück ist in diesem Fall auch weniger schon erheblich mehr als viele andere zeitgenössische Genre-Regisseure auf die Reihe bekommen. Ich hatte jedenfalls meinen Spaß und Freue mich darauf, noch weitere Filme von Adam Wingard zu sehen.

Bild © Splendid Film/WVG