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Giallo Collection Teil 2 (Sergio Bergonzelli, Aldo Lado, Flavio Mogherini, Italien, Spanien 1970/72/77)


giallo collection 2Nachdem ich neulich ein wenig Werbung für die „Giallo Collection Teil 1“ gemacht habe, möchte ich, der Vollständigkeit halber, auch ein paar Sätze zum zweiten Teil der Compilation schreiben. Die mir insgesamt sogar noch etwas besser gefallen. Wieder erwarten den Zuschauer einige weniger bekannte und trotzdem reizvolle Vertreter des Giallo, serviert in einer quietsch-gelben Box, die sich gut im Filmregal macht. Diese enthält wie der Vorgänger drei hübsche Mini-Poster mit lesenswerten Texten zu den Filmen. Warum Teil 2 den Untertitel „Die spektakuläre Box der blanken Messer“ tragen muss, entzieht sich meiner Kenntnis; aber Teil 1 hat ja auch schon den ebenfalls völlig sinnfreien Titel „Die ultimative Box der blutrünstigen Italiener“ abbekommen. Insofern wird die „Linie“ wenigstens beibehalten.

Zu den Filmen (in chronologischer Reihenfolge):

Der frühste Giallo der Box ist Sergio Bergonzellis „In The Folds Of The Flesh“ (OT: Nelle pieghe della carne) aus dem Jahre 1970: Erzählt wird von einer perversen Familie, die zwanghaft mordet.  Ein flüchtiger Verbrecher, der einen der Morde beobachtet und nach seiner mehrjährigen Haftstrafe die Familie zur Kasse bitten will, erlebt sein blaues Wunder. Diese kurze Inhaltsangabe gibt den Wahnsinn von Bergonzellis irrem Film allerdings nur unzureichend wieder, die Auflösung ist wirr, entbehrt wie der ganze Film trotzdem nicht einer gewissen Faszination. Pervers-gut!

Zu Aldo Lados „Who Saw Her Die“ (OT: Chi l’ha vista morire?) will ich gar nichts weiter sagen, das habe ich hier schon getan. Für mich der stärkste Film dieser Box.

Ebenfalls nicht übel: „The Girl in the Yellow Pajamas“ (OT: La Ragazza Dal Pigiama Giallo) aus dem Jahr 1977, der jüngste und in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlichste Beitrag der „Giallo Collection Teil 2“. Nicht nur, dass er statt in Italien im sonnendurchfluteten Australien spielt, der Film lässt auch weitere, typische Erkennungsmerkmale schwarze Handschuhe, die Messer und  die ausgeklügelte Mordszene des Giallos missen. Die Story: Nachdem man am Strand eine grausam zugerichtete Frauenleiche gefunden hat, nimmt der pensionierte Inspektor Thompson (Ray Milland) die Ermittlungen auf. Einziger Hinweis: Einige am Tatort gefundene Reiskörner. Parallel dazu lernt der Zuschauer das Opfer (Dalila Di Lazzaro) kennen und erfährt die Vorgeschichte des Mordes. Die etwas komplizierte Erzählweise macht es nicht ganz leicht, der Handlung zu folgen. Trotzdem: ein guter Film mit einem bitteren Ende.

Fazit: Schicke Veröffentlichung mit zwei guten und einem sehr gute Giallo. Falls es irgendwann die „Giallo Collection Teil 3“ („Die sensationelle Box der tiefschwarzen Handschuhe“?) gibt, greife ich gerne wieder zu.

Bild © Koch Media
 

Who Saw Her Die (Aldo Lado, Deutschland, Italien 1972)

Posted by 25. Oktober 2013

who saw her dieDer Oktober nähert sich dem Ende. Und ich hänge hinterher. Während ich heute bereits immerhin den neunten Film meines #Horrorctober gesehen habe (4 to go!), kommen hier erst die Notizen zum sechsten.

Franco Serpieri (George Lazenby) ist Bildhauer in Venedig. Als seine kleine Tochter  Roberta (Nicoletta Elmi) spurlos verschwindet und kurze Zeit später tot aufgefunden wird, suchen Franco und seine Frau Elizabeth (Anita Edberg) auf eigene Faust nach dem Mörder. Bald finden sie heraus: Der Mord an ihrer Tochter war nicht der erste Mord an einem rothaarigen Mädchen…

Von Aldo Lado kannte ich bisher nur den starken „Night Train Murders“  (OT: L’Ultimo Treno della Notte) und ich war extrem gespannt auf seinen Giallo „Who Saw Her Die“ (OT: Chi l’ha vista morire?). Dieser ist ebenfalls ein toller Film, zweifellos, meine hohen Erwartungen haben sich leider trotzdem nicht ganz erfüllt. Dabei passt die Stimmung. Und es gibt einige Szenen, die mein Herz vor cineastischer Freude haben höher schlagen lassen. Z.B. gleich am Anfang, als in Megève, Frankreich, ein (rothaariges) Mädchen während in eines Winterurlaubs  getötet wird. Man sieht den Mord durch die Augen des Täters, die aber durch einen Schleier verhüllt sind. Was diese Szene so intensiv macht, ist nicht nur die eindrucksvolle Winterlandschaft und der wirklich ganz fantastische  Kindergesang-Score von Ennio Morricone, es ist das Verhalten des Mörders: Nach der Tat versucht dieser, fast panisch, sein Opfer im Schnee zu verscharren, während sich im Hintergrund die Kinderfrau das Mädchens nähert. Ich habe diese Szene als Versprechen von psychologischer Tiefe der Geschichte gedeutet.

Auch im weiteren Verlauf gibt es immer wieder Momente, die ganz wunderbar sind. Die Tauben-Szene ziemlich am Anfang, viele atmosphärische Venedig-Aufnahmen, Kanäle im Nebel, eine Verfolgungsjagd in einem verfallenen Wohnkomplex usw.  Nicht nur diese „Rosinen“ im Kuchen,  der ganze Teig ist schmackhaft, denn Lado ist, wie ich nach der zweiten Begegnung mit ihm jetzt mit Sicherheit weiß, ein wirklich guter Regisseur, der handwerkliches Können mit einem guten Auge verbindet. Trotzdem hat mir etwas gefehlt. „Who Saw Her Die“ ist ohne Frage ein sehr starker Giallo. Und sogar noch ein wenig mehr. Doch „ein wenig mehr“ ist mir hier einfach nicht genug. Lados Film hätte ja nicht gleich ein zweiter „Don’t Look Now“ sein müssen, aber aufgrund seiner ähnlichen Prämisse hätte ich mir einfach mehr emotionale Tiefe sowohl bei den trauernden Eltern als auch bei dem Killer gewünscht. (Da hatte ich ja am Anfang auch durchaus etwas mehr angedeutet.) Ich weiß, das ist  Jammern auf hohem Niveau, aber „Who Saw Her Die“ ist mir einfach nicht traurig genug.

Bild © Shameless
 

„Night Train Murders“ (Aldo Lado, Italien 1975)

Posted by 23. Juni 2012

Margaret (Irene Miracle) und Lisa (Laura D’Angelo) wollen mit dem Zug von München nach Italien, um mit Lisas Eltern gemeinsam Weihnachten zu feiern. Im Zug stoßen sie auf  zwei Kriminelle, Blackie (Flavio Bucci) und seinen heroinsüchtigen Kumpel Curly (Gianfranco De Grassi), die auf der Flucht vor der Polizei sind. In Innsbruck müssen Margret und Lisa allerdings umsteigen – und finden sich auf einmal in einem fast verlassenen Nachtzug mit den beiden Ganoven wieder.

Zunächst war ich sehr skeptisch, als ich Aldo Lados „Night Train Murders“ (OT: L’ultimo treno della notte) eingelegt habe. Weder habe ich ein Faible für Terror-Filme im Allgemeinen, noch kann ich mit Wes Cravens „Last House On The Left“ (1972) besonders viel anfangen, als dessen heimlicher Nachfolger „Night Train Murders“ manchmal bezeichnet wird. Auch nach dem Film bin ich immer noch kein sonderlich großer Freund des Genres, muss aber zugeben, dass er mich positiv überrascht hat. Schon die ersten Minuten, in denen zu seltsamer Schlagermusik Rüpel Blackie und Curly einen Weihnachtsmann verkloppen und ausrauben, haben was und deuten die Stoßrichtung des Films an; im weiteren Verlauf steigern sich Lado und sein Team, Kameramann Gábor Pogány und Cutter Alberto Gallitti, visuell, aber auch in Sachen Suspense immer mehr und zeigen, dass sie echte Könner sind. Und auch der Score ist von Ennio Morricone und wie in dessen musikalischem Opus Magnum „Once Upon A Time In The West“ (OT: C’era una volta il West) wird auch in „Night Train Murders“ eine traurige Melodie, die von der Trostlosigkeit des Diesseits erzählt, mit einer Mundharmonika gespielt.

Aber nicht nur was die Form betrifft, auch inhaltlich, ist „Night Train Murders“ trotz der großen Ähnlichkeit lange nicht so ein Schmarrn wie „Last House On The Left“. Interessant ist, dass Blackie und Curly anfangs in gewisser Weise sogar noch als eine Art Rebellen dargestellt werden, die sich über gesellschaftliche Normen hinwegsetzen und dabei sogar schon mal deutlich machen, dass auch hinter der bürgerlichen Fassade nicht als Gold ist, was glänzt. Als sie z.B. eine Gruppe älterer Herren im Zug mit einem Hitler-Gruß grüßen, salutieren die Alt-Nazis reflexartig zurück. Im verlassenen Nachtzug übertreten die beiden Männer dann allerdings die letzte Grenze – und fallen über Margaret und Lisa her. Doch auch hier bleibt „Night Train Murders“ interessant. Denn auch wenn die beiden Männer zweifellos die Aggressoren sind, sorgt doch eine geheimnisvolle, offensichtlich wohlhabende Frau (Macha Méril), die Blackie im anderen Zug kennengelernt hat und die seitdem die beiden Männer begleitet, erst für die Atmosphäre, welche die Situation eskalieren lässt.

Zum Schluss holt das Establishment die beiden „Freidenker“ allerdings in Form von Lisas Eltern wieder ein und sie müssen dafür büßen, dass sie sich radikal außerhalb aller Normen bewegt haben. Dass es aber letzten Endes die Gesellschaft ist, die Gewalt hervorbringt, ist in „Night Train Murders“ immer mitgedacht. Bestraft werden die gesellschaftlich Schwachen. Die reiche Dame aus dem Zug richtet ihren Schleier und macht sich von dannen.

Bild © Shameless