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Russian Ark (Alexander Sukurow, Russland / Deutschland 2002)

Posted by 31. Oktober 2012

Neuerdings gibt es den Twitterfilmclub. Da geben sich kuhle Leute gegenseitig Film-Hausaufgaben. „Russian Ark“ war meine letzte Hausaufgabe.  Darin geht es um einen russischen Filmemacher und ein Diplomaten aus dem 19. Jahrhundert (Sergei Dontsov), die gemeinsam durch die Eremitage spazieren und Zeugen von 300 Jahren russischer Geschichte werden.

Was Alexander Sokurow („Faust“) hier zeigt, ist sowohl inhaltlich, erzählerisch als auch formal herausfordernd: Unzählige historische Details werden dem Zuschauer vor den Latz geballert. Personen, die für einen Aspekt der russischen Geschichte stehen, tauchen auf – und verschwinden wieder. Gespräche, deren Kontext mir völlig unklar war, werden geführt, Gemälde interpretiert, lang zurück liegende Ereignisse ausschnittsweise gezeigt. Keine Ahnung, was ich da alles gesehen habe.

Was die Sache zusätzlich erschwert, ist, dass ich lange keine Ahnung hatte, wer eigentlich die Erzähler des Films sind. Auf dem DVD-Cover steht, dass es sich zum einen um einen zeitgenössischen Filmemacher (Sokurow selbst?) handelt, der sozusagen das Auge der Kamera repräsentiert und nie selbst ins Bild kommt, und zum anderen um einen französischen Diplomaten. Interessant, ja. Aber was hilft mir das? Was weiß ich denn über den Grund für den Zynismus und Spott einen Regierungsbeamten des 19. Jahrhunderts angesichts der Geschichte Russlands? Gar nichts. Inhaltich konnte ich deswegen auch so gut wie nichts mit „Russian Ark“ anfangen.

Aber „Russian Ark“ ja nicht nur inhaltlich ein Monument, sondern vor allem aus formalen Gründen eine filmische Größe. Und diese Gründe waren es letztendlich auch, die mich für den ihn eingenommen haben. Der Film besteht nämlich aus einer einzigen Plansequenz. Es gibt keinen einzigen Schnitt. Dass dieses Filmprojekt ziemlich schwierig zu realisieren gewesen sein muss, kann man sich leicht vorstellen. Aber es ist nicht der Respekt vor der technischen Umsetzung, es ist die Wirkung, die eine 90-minütige Kamerafahrt durch ein fantastisches Gebäude wie die Eremitage und kunstvoll gestalteten Übergänze zwischen den einzelnen inhaltlichen Abschnitten auf mich hatte. Es war das Gefühl, dass die fließenden Übergänge zwischen den Station der filmischen Reise, das Zusammen von alt und neu, Geschichte, Kunst und politischem Kommentar, das geschmeidige ineinander Übergehen von verschiedenen Realitäten auf mich gehabt haben. Einen guten Begriff für dieses Gefühl habe ich allerdings gerade nicht. Die 90 Minuten waren irgendwie hypnotisch, ich hatte den Eindruck Teil von etwas Großem zu sein. Und ich habe mich bei jedem Blinzeln etwas schuldig gefühlt, weil ich die großartige Einheit durch die eigenen Schnitte brutal auseinander gerissen habe.

Bild © Artificial Eye