Tag: Annika und die Wilde 13

Tokyo Story (Yasujirô Ozu, Japan 1953)


tokyo_story_ukVorher

Wieder einmal treffe ich Annika auf ihrer filmischen Zeit- und Weltreise, diesmal im Tokyo des Jahres 1953.

Mittendrin

In „Tokyo Story“ geht es um das ältere Ehepaar Shūkichi (Chishū Ryū) und Tomi Hirayama (Chieko Higashiyama), das seine erwachsenen Kinder –  den ältesten Sohn Kōichi (Sō Yamamura), einen Arzt, und die älteste Tochter Shige (Haruko Sugimura) –  in Tokio besuchen. Doch die Kinder haben wenig Zeit und schieben die Eltern bald in ein nahe gelegenes Seebad ab. Allein Noriko (Setsuko Hara), die Witwe ihres im 2. Weltkrieg gefallenen Sohnes, kümmert sich hingebungsvoll um ihre Schwiegereltern.

Hinterher

In der Ruhe liegt die Kraft dieses meisterhaft melancholischen, stilistisch eigenwilligen Films, des ersten, den ich von Ozu gesehen habe. Ein wenig erinnert er mich an „Still Walking“ (OT: Aruitemo aruitemo) von Hirokazu Koreeda aus dem Jahr 2008. Darin besucht eine erwachsene Familie die Schwiegereltern, um gemeinsam den Todes des Bruders zu verbringen. „Tokyo Story“ und „Still Walking“ fühlen sich unterschiedlichen an, aber das Thema ist ähnlich, fast wirken sie wie das Spiegelbild des anderen. Nicht ausgeschlossen, dass Koreeda sich an Ozus Werk orientiert hat. „Still Walking“ hat mir gefallen, aber bei „Tokyo Story“ ist es mehr. Hier habe ich den Eindruck, etwas ganz Großes Gesehen zu haben, ein Eindruck, der  sich seit der letzten Woche, die seit dem Film nun vergangen ist, noch verstärkt hat. „Isn’t life disappointing?“ sagt Kyoko, die jüngste, noch bei den Eltern lebende Tochter am Ende des Films: „Yes, it is“, antwortet Noriko – und lächelt. Diese beiden Sätze gehen mir einfach nicht aus dem Kopf. Ich fühle mich vor dem Monument „Tokyo Story“  ein wenig wie ein Erdmännchen vor dem Tokyo Sky Tree, ich recke und strecken mich, kann das ganze Gebäude aber noch nicht überblicken. Deswegen möchte auch erst einmal nur sagen, dass mir „Tokyo Story“ sehr gut gefallen hat. Ich mochte die Melancholie, die ruhige, unaufdringliche Erzählweise, die ein wenig verschleiert, dass man zentralen Lebensstationen von Menschen beiwohnt, von glaubwürdigen Figuren, die in ihren Entscheidungen jeder für sich nachvollziehbar sind, und von denen jede ein Fragment für die große Geschichte beisteuert. Alles, was in „Tokyo Story“ passiert, ist sehr gewöhnlich, ja alltäglich, aber es wirkt trotzdem auf eine Art erhaben, weil die im Film thematisierten Beziehungen und der Generationenkonflikt so allgemeingültig und zeitlos daherkommen. Man wird geboren, lebt, stirbt. Und am Ende kann man nicht einmal auf die Familie zählen. Ist das Leben nicht enttäuschend? Ja, ist es, aber zu lächeln und nett zu anderen Menschen zu sein, ist schließlich alles, was man tun kann, ne?

Annikas Reisetagebuch findet ihr hier.

Bild © BFI Video
 

Black Narcissus (Michael Powell, Emeric Pressburger, England, 1947)


BlackNarcisusVorher

Annika vom Blog „Die Filme, die ich rief“ befindet sich gerade auf einer filmischen Zeitreise. Unter dem Motto „Annika und die Wilde 13“ schaut sie 100 Filme, von 1913 bis 2013, aus jedem Jahr einen Film. Und weil so eine Reise manchmal sehr einsam sein kann, wollen wir ab und an ein kleines Stück des Weges mit ihr teilen. (Wir sind in diesem Fall Sebastian und ich.) Wir besuchen Annika im Filmjahr 1947. Auf dem Programm steht „Black Narcissus“ von Michael Powell und Emeric Pressburger. Bevor ich vor ein paar Wochen „The Red Shoes“ gesehen hatte, waren mir die beiden Filmemacher – ehrlich gesagt – gar kein Begriff. Nach dem grandiosen Ballett-Film bin ich allerdings sehr neugierig auf weitere Werke der beiden. Konkrete Erwartungen an „Black Narcissus“ habe ich nicht, aber Nonnen in einem indischen Bergkloster, hey – das klingt vielversprechend.

Mittendrin

Berge. Wind. Der Wind heult durch die ehemalige Palastanlage, die den arbeitsamen Nonnen nun als Kloster dient. Der fremde Ort, die fremden Menschen, die Höhe, Zweifel an der Mission. Ein Neffe des indischen Generals, ein verstoßenes Mädchen. Die Nonnen haben Kopfschmerzen, sie können nicht schlafen, Erinnerungen an ihre früheren Leben erwachen, an eine Zeit bevor sie sich dem Glauben verschrieben haben. Mr. Dean, britischer Verwalter des Orts zieht die Blicke der scheuen Frauen auf sich. Sind die Gefühle echt? Die Berge sind es nicht. Und der heilige Mann? Der schweigt.

Hinterher

Ein Tag ist Zwei Wochen sind vergangen, seit ich „Black Narcissus“ gesehen habe und ich bin immer noch etwas ratlos. Ratlos, weil mir der Film einerseits gut, ja sogar sehr gut gefallen hat, ich aber andererseits das Gefühl nicht loswerde, dass an ihm etwas nicht stimmte oder viellicht: dass ihm etwas fehlte. Er war opulent, die Geschichte vielschichtig und mit Deborah Kerr als Schwester Clodagh, Kathleen Byron als Schwester Ruth und David Farrar als Mr. Dean konnten mich auch die Darsteller überzeugen. Auf jeden Fall war es ein außergewöhnliches Filmerlebnis. Das Bühnenbild wurde zu Recht mit einem Oscar prämiert. Viele Kameraeinstellungen sind zum Niederknien. Und die Atmosphäre in dem Kloster ist sehr eigen. Aber genau an dieser Stelle, der Stimmung des Films, dabei wie er sich anfühlt oder eher wie er sich für mich anfühlen sollte, entstand ein emotionales Loch. Fünf Nonnen reisen in ein abgelegenes Dorf im Himalaya um in fast 3000 Metern Höhe eine Schule und ein Hospital aufzubauen. Und dann erzählen mir Powell & Pressburger eine bzw. drei Liebesgeschichte(n)? Ich glaube, mich hätte an dem Szenario eigentlich etwas anders interessiert. Ich hätte sehen wollen, wie es sich anfühlt dort oben auf dem Berg, wie die Frauen mit der Dorfbevölkerung in Konflikt kommen, wie sie krank werden, an ihrem Glauben zweifeln, den Verstand verlieren. Irgendwie so etwas. All das spielt auch tatsächlich eine Rolle, aber meiner Ansicht nach eben eine zu kleine.

Vielleicht wollte ich einfach einen anderen Film sehen. Da können Powell & Pressburger natürlich nur sehr bedingt etwas für. Der Academy hat „Black Narcissus“ damals jedenfalls gut gefallen. Deswegen gab es auch zwei Oscars, einmal für die beste Kamera, einmal für das beste Szenebild. Und Menschen so im Allgemeinen mögen ihn auch: Auf der Internet Movie Data Base hat der Film eine Wertung von fast 8/10; und auf Rotten Tomatoes sind alle Reviews „fresh“. Trotz der genannten Probleme mache ich es wie der heilige Mann im Film, ich schweige und reihe mich still in die positiven Wertungen ein. Ich freue mich nämlich schon auf meinen nächsten Powell & Pressburger (bei dem es sich wahrscheinlich um „Life And Death Of Colonel Blimp“ handeln wird). Und noch mehr freue ich mich, wenn sich die Wege auf Annikas filmischer Weltreise mal wieder kreuzen. Vielleicht ja schon in 10 Jahren, 1957. Da steht David Leans „The Bridge On The River Kwai“ auf dem Programm und den wollte ich eh schon seit langem mal nachholen

Hier geht es zu Annikas, hier zu Sebastians Text.

Bild © KSM