Tag: Benicio del Toro

Sicario (Denis Villeneuve, USA 2015)

Posted by 2. März 2016

SicarioNach der Bundeszentrale für Politische Bildung bezeichnet man als „Krieg“ einen „organisierten, mit Waffen gewaltsam ausgetragenen Konflikt zwischen Staaten bzw. zwischen sozialen Gruppen der Bevölkerung eines Staates“ (-> bpb). Bei der Vielzahl der Kriege, die derzeit weltweit ausgefochten werden und deren gefühlt zunehmender Komplexität, kann man schon mal den Überblick verlieren. Kriege, die Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern, verschwinden nicht selten ganz vom Radar, obwohl sie mit unverminderter Härte weitergehen. Ein ähnliches Schicksal hat den sogenannten „mexikanischen Drogenkrieg“ ereilt, auch wenn er uns immer mal wieder durch einen Zeitungsartikel oder Filme in Erinnerung gerufen wird. „Die Grenzen sind verschoben worden“, heißt es irgendwann in Denis Villeneuves großartigem „Sicario“, einem der Filme über diesen Krieg, und etwas später: „Das hier ist jetzt das Land der Wölfe“. Das muss auch die FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) erfahren, die von einer internationalen Einsatztruppe unter der Leitung des Agenten Matt Graver (Josh Brolin) für einen undurchsichtigen Auftrag rekrutiert wird. Ebenfalls mit von der Partie – der Söldner. Alejandro (Benicio Del Toro). Bald muss Kate feststellen, dass die Prinzipien, für die sie kämpft, im „Land der Wölfe“ keine Bedeutung haben.

Hat man das nicht alles schon gesehen? Die Parallelen zu „Traffic“ sind eindeutig, aber auch an „Zero Dark Thirty“ habe ich mich atmosphärisch und durch die Figurenkonstellation erinnert gefühlt. Doch Villeneuves Film hat geht weiter in seiner Aussage, ist komplexer und schwerer zu greifen als die genannten. Es ist ein ruppiger Film aber man kann leicht glauben, hinter den kraftvollen, teils magisch anmutenden Bildern von Kameramann Roger Deakins, unterlegt mit dem düsteren Score von Jóhann Jóhannsson, eine transzendente Note wahrzunehmen. Die Brutalität im mexikanischen Drogenkrieg kennt keine Grenzen. Das machen schon die ersten Szenen des Films deutlich, wenn Agentin Kate Macer mit ihrem Einsatzteam ein Haus stürmt und in den Wänden etliche, grausam zugerichtete Leichen findet. Doch geht es in dem Film weder um die direkten Auswirkungen des Krieges, noch um das komplizierte Verhältnis zwischen Mexiko und den USA; und es ist auch kein Film über eine toughe Polizistin.

Was ist er stattdessen? Zum einen ist der Film sicherlich das, was sein Titel sagt. „Sicario“ bezeichnet innerhalb des organisierten Verbrechens einen Auftragskiller. Und darum geht es. Auch. Wer in Villeneuves Film derjenige welcher ist, stellt sich allerdings erst im späteren Verlauf heraus. Hier bietet der Film ebenfalls verschiedene Deutungsmöglichkeiten an. Gleichermaßen – auch dies steckt in dem Begriff des „Auftragskillers“ irgendwie drin – geht es um komplexe Beziehungen. Jemand bekommt dafür Geld, einen Menschen umzubringen. Das alles geschieht aus einem ganz bestimmten Grund: Ein solcher Mord hat eine Geschichte – genauso wie er eine Zukunft haben wird. Jeder Akt der Gewalt erzeugt weitere Gewalt, ein Kreislauf; und falls die Mühlen sich zu langsam drehen, kann man mit Geld die ganze Sache jederzeit ein wenig beschleunigen.

Die Grenzen mögen sich verschoben haben und der gezeigte Kosmos nun von „Wölfen“ beherrscht werden. Doch nicht zwischen Staaten, sondern zwischen einer immer größer werdenden Anzahl von Akteuren. „Wölfisch“ wird der Krieg dadurch, dass er nach normalem Verständnis nicht mehr regelhaft abläuft. Es geht nicht mehr darum, den Konflikt zu gewinnen. Um was geht es dann? Warum ändert sich trotz der Anstrengung aller rivalisierenden Wolfsrudel nichts an dem Mächteverhältnis? Warum ist nicht endlich der mächtige Alphawolf USA in der Lage, den Gegner tödlich zu treffen? Eine Antwort könnte sein, dass ein Kräftegleichgewicht besteht. Niemand gewinnt, weil alle gleich stark sind. Diese Erklärung überzeugt mich allerdings nicht, ich favorisiere eine andere. Ich denke, dass der Drogenkrieg existent bleibt, weil er für alle genügend Vorteile bietet. Bezogen auf die oben genannte Definition der Bundeszentrale heißt das, dass bei Kriegen gar nicht unbedingt der Konflikt, verstanden als das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Interessen, im Mittelpunkt stehen muss. Bei unterschiedlichen Interessen würde sich das stärke Interesse irgendwann durchsetzen. Vielleicht ist es deswegen sinnvoller, den Krieg, von dem hier die Rede ist, als eine Art Beziehung zu interpretieren, bei der alle Partner mit genug Macht etwas davon haben. Dass diese polyamoröse Partnerschaft aka „der mexikanische Drogenkrieg“ jährlich mitunter 5-stellige Zahlen an Todesopfern zu verzeichnen hat, spielt keine Rolle. Es ändert sich nichts. Alles ist gut so wie es ist.

Bild © Studiocanal

Inherent Vice (Paul Thomas Anderson, USA 2014)

Posted by 15. August 2015

Inherent ViceIm Los Angeles der 1970er Jahre arbeitet Larry „Doc“ Sportello (Joaquin Phoenix) als Privatdetektiv – wenn er den Tag nicht gerade stoned im Marihuana-Nebel auf dem Sofa verbringt. Dann taucht seine Ex-Freundin Shasta Fay Hepworth (Katherine Waterston) auf, und er hat einen neuen Fall: er soll ihren Liebhaber, den Immobilienhai Mickey Wolfmann (Eric Roberts) retten, den dessen Frau Sloane (Serena Scott Thomas) und deren Lover Riggs Warbling (Andrew Simpson) in eine psychiatrische Anstalt stecken wollen. Doch kaum hat Sportello erste Nachforschungen anstellt, überschlagen sich die Ereignisse – Shasta wie auch Wolfmann sind plötzlich verschwunden, sein Freundfeind, der Cop Christian „Bigfoot“ Bjornsen (Josh Brolin), tritt ihm die Tür ein, und dann wird Sportelle auch noch in der Wüste niedergeschlagen. Soweit alles klar? Sportello jedenfalls nicht. Aber das hält ihn nicht davon ab, sich von da an noch mehr in den Fall zu hängen.

„Boogie Nights“, „Magnolia“, „Punch-Drunk Love“, „There Will Be Blood“,„The Master“ – Paul Thomas Anderson macht sehr unterschiedliche aber ohne Frage brillant Filme. Doch mit ihrer Makellosigkeit geht auch eine gewisse Kälte einher, die es mir schwer macht, sie richtig zu mögen – von großer Liebe ganz zu schweigen. Das gilt auch für die Thomas-Pynchon-Verfilmung „Inherent Vice“. In dieser somnambul-dämmrigen Krimi-Face, zeigt Anderson weitere Facetten seines Könnens, aber auch diesmal bin ich nicht so richtig war mit dem Film geworden. Anderson ist der Erste, der sich an eine Verfilmung eines Romans des geheimnisvollen Thomas Pynchon gewagt hat, und man könnte sagen – hier haben sich zwei gefunden, denn beide Künstler sind in ihrem Schaffen überaus eigensinnig. Das kommt „Inherent Vice“ doppelt zu gute. Auf der inhaltlichen Ebene fordert der skurrile Zeitgeist-Krimi-Plot heraus, die Inszenierung von Anderson schafft es aber irgendwie einen ästhetischen Sinn über diesen „Unsinn“ zu legen, so dass es der Geschichte möglich wird, auch als Film zu funktionieren. Und auch wenn es, wie gesagt, die große Liebe zwischen mir und dem Film nicht geworden ist, habe ich es trotzdem irgendwie genossen habe, mit Doc Sportello durch diese Geschichte zu gleiten. Den Faden hatte ich recht schnell verloren, glaube ich jedenfalls, vielleicht auch nicht, egal, jedenfalls, „Big Lebowski“ trifft hier „China Town“ und „Der Tod kennt keine Wiederkehr“. Und dann ist da natürlich noch viel Anderson-Eigenes, die Kälte und Distanz, die den Film irgendwie unnahbar macht und einen außen, ihn aber auch zu dem macht, was er ist, einen weiteren verdammt starken Film von Paul Thomas Anderson nämlich: kryptisch, kühl und clever. Und auf seine sehr spezielle lethargische Art und Weise brüllend komisch.

© Warner Bros.

The Usual Suspects (Bryan Singer, USA / Deutschland 1995)

Posted by 20. August 2014

die üblichen verdächtigenVor ein paar Tagen habe ich ihn mal wieder zufällig im TV gesehen, zwar auf deutsch, aber dafür ohne Werbeunterbrechung. Ein wirklich toller Film, der auf mehreren Ebenen funktioniert. Zum einen als spannender Krimi, zum anderen als Meisterstück einer unzuverlässigen Erzählung. Darum geht’s: Nach einer Schiffsexplosion mit 27 Toten im Hafen von San Pedro, wird der Kleinkriminelle Verbal Kint (Kevin Speacy) von der Polizei verhört. Er soll zu den Drahtziehern des Massakers gehört haben. Nach und nach enthüllt Kint, was „wirklich“ passiert ist. Demnach soll der geheimnisvolle Gangsterboss Keyzer Soze hinter den Vorfällen stecken.

Wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte nicht weiterlesen. Denn schon in diesem Satz verrate ich, dass Verbal Kint hinter allem steckt und er – wenn vielleicht auch nicht Keyzer Soze – entgegen dem ersten Anschein ein verdammt cleverer Gauner ist, der jeden nach Belieben manipulieren kann. Ja, eigentlich könnte nahezu der komplette Film nur die lebendig ausgeschmückte Geschichte Kints sein, die dieser der Polizei auftischt. Das Großartige darin ist, wie gut der Film funktioniert – auch beim mehrmals sehen! – obwohl alles, was man als Zuschauer sieht, Lug und Trug sein könnte. Vielleicht ist außer den groben Rahmendaten überhaupt nichts wahr. Und selbst die „harten Fakten“ müsste man konsequenterweise noch in Zweifel ziehen. Ich kann ehrlich gut verstehen, wenn jemand damit nicht klar kommt, sich möglicherweise sogar vom Film betrogen fühlt. Ich spreche da sogar aus Erfahrung, ist es nun doch schon ein fast 20jähriger Disput zwischen mir und meinem besten Freund, der den Film aus diesem Grund überhaupt nicht mag.

Ich hingegen finde es charmant, dass sich die Illusion, die ja bekannterweise eine Illusion ist – schließlich gucken wir hier einen Film –, schlussendlich zu erkennen gibt. Auf der einen Seite möchten wir getäuscht werden, wir möchten, eine Weile zumindest, glauben was wir sehen oder hören, so funktionieren fiktive Geschichten nun einmal. Dass sich in Singers Film sich in seiner vollen Künstlichkeit zu erkennen gibt, hätte mich wahrscheinlich auch ärgern können, nicht selten wird hierdurch die Kraft der Geschichte geschwächt, und oft ist es nur das Ego des Regisseurs, das hier zum Vorschein kommt. Michael Hanekes „Caché“ und „Funny Games“ z.B. mag ich aus diesem Grund nur bedingt. In diesem Fall, und das ist das wirkliche Kunststück der Üblichen Verdächtigen, wird die Fiktion durch die Offenbarung ihrer selbst nur noch schöner! Wie Singer und McQuarrie, der sein Drehbuch zu Recht einen Oscar bekommen hat, das genau hinbekommen haben, weiß ich auch nicht.  Jetzt auf das besagte Drehbuch zu verweisen (warum hat McQuarrie eigentlich danach nie wieder etwas ähnlich Gutes hinbekommen?) oder Singers besonnene aber doch ausdrucksstarke Regie oder die wahnsinnig gute Darsteller-Riege zu loben, die den Film mit Leben erfüllen, man hat sie alle lieb, wären letztlich nur die rezensions-typischen Null-Aussagen.

Auf den letztgenannten Punkt, die Darsteller, möchte ich aber trotzdem noch kurz eingehen, vor allem auf das meiner Meinung nach wirklich ganz fantastische Schauspiel von Gabriel Byrne. Der hat die anspruchsvolle Aufgabe, mit seiner Figur dem Doppelbluff des Drehbuchs gerecht zu werden: Er muss den freundlichen, den geläuterten Dean Keaton verkörpern, den, den Kint in seiner Story imaginiert – und gleichzeitig die Möglichkeit offen halten, dass er eigentlich der Drahtzieher-Keaton ist, der Oberboss, für den ihn die Polizei hält. Byrne oszilliert virtuos zwischen diesen Varianten sehr überzeugend. Ja, wahrscheinlich ist es dies, was auch für die anderen, ebenfalls großartigen Darsteller (Spacey, del Torro, Baldwin, Pollack,…), wie für den ganzen Film gilt: Er ist mehr, als etwas einzelnes, er ist ein Spektrum an Möglichkeiten, ganz so wie jede gute Geschichte, die ganz anders sein kann, je nachdem wer sie erzählt und wer sie sich anhört.

Bild © Columbia TriStar