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Daisies (Věra Chytilová, CSSR 1966)


TausendschönchenVon zu viel Kunst bekomme ich schlechte Laune. Und den Begriff „experimentell“ übersetze ich mir fast automatisch mit „angestrengt künstlerisch“. Das macht es mir schwer, Filme wie „Daisies“ – besser bekannt unter dem deutschen Titel „Tausendschönchen“ (OT: Sedmikrásky) und Hauptwerk der Tschechischen Neuen Welle, zu der auch „Valerie And Her Week Of Wonders“ gehört – richtig zu mögen. Auch „Daisys“ gilt als Kunst- bzw. Experimentalfilm.

Es geht um die Mädchen Marie 1 (Jitka Cerhová) und Marie 2 (Ivana Karbanová), die beschließen, weil die Welt verdorben ist, selbst verdorben zu sein. Das bedeutet für die beiden vor allem, ältere Herren auszunehmen und sich bei jeder Gelegenheit ordentlich die Wampe vollzuschlagen. Ihre Odyssee beginnt im Garten Eden, wo sie vom Baum der Erkenntnis naschen – zu mehr Schamgefühl trägt das allerdings nicht bei – und endet an einer festlich gedeckten Tafel. Auch hier wird noch einmal ordentlich zugelangt.

Ich gebe zu: Ich hatte große Startschwierigkeiten. „Daisies“ kommt mir von Anfang an stilistisch reichlich überladen vor, fast wie die Tafel bei der sich die beiden Frauen am Ende reichlich bedienen. Der Zuschauer bekommt ein mehr oder weniger form- und farbschönes Rauschen präsentiert, bedeutungsschwanger aber gleichzeitig so offen, dass alles, was man dazu sagt, irgendwie passt. Oder eben nicht. Denn „alles“ ist ja auch nur ein Synonym für „nichts“. Ein wenig hat sich meine Laune im Verlauf gebessert, aber richtig warm geworden bin ich mit diesem wahrscheinlich wichtigen und auf jeden Fall besonderen Film aber nie. Wenn man so umher liest, scheinen viele Autoren zu glauben, dem Film am ehesten dadurch Herr zu werden, indem darauf verwiesen wird, dass er sich jeder Beschreibung entziehe, und tatsächlich weiß ich auch nicht recht, von welcher Seite ich mich ihm nähern soll. Mich hat der Film ein bisschen an „Don’t Deliver Us From Devil“ oder sogar auch „The Nine Lives of Tomas Katz“ erinnert. Was sind die beiden? Sind sie defekte Automaten oder Unheilsboten, die vom nahen Ende künden? Oder verlorene Geschöpfe, die an der Sinnlosigkeit des Lebens zugrunde gehen? Oder Prototypen Frau, die sich das zurückholen, was ihnen von der Männerwelt gestohlen wurde. Insofern: Auch irgendwas mit Feminismus, definitiv. Oder auch nicht.

Jedenfalls tickt die Uhr, ganz buchstäblich, das Glück der Völlerei kann nicht ewig dauern, und zum Schluss wird noch einmal ordentlich bereut: „Wir werden brav sein, ganz brav, und fleißig…“ versichern die beiden im Finale, in dem ich den Film dann mal für einige Momente ganz großartig fand. Diese repetitive, äußerst hypnotische Litanei aus Entschuldigungen geht mir seitdem nicht aus dem Kopf. Und spätestens ab hier (eigentlich schon im Vorspann, da sieht man ein Räderwerk und es explodieren Bomben) geht es in dem Film auch um Politik: Das Bankett, über die sich die beiden Fressmaschinen hermachen, gehört ja möglicherweise der Kommunistischen Partei. Nicht nur die eigene Freiheit endet dort wo die Freiheit des anderen (der herrschenden Klasse) beginnt – auch die Verdorbenheit der beiden Frauen findet ihre Grenze dort, wo sie der Verdorbenheit der Bosse in die Quere kommt. Du kannst fressen soviel du willst – solange du nicht den Falschen die Torte von der Tafel mopst.

„Dieser Film ist all jeden gewidmet, deren einziger Anlass zur Empörung, ein Haar in der Suppe ist“, heißt es am Ende. Ein bisschen fühle ich mich ertappt, weil ich gerade so rumnöle. Aber wahrscheinlich richtet sich der Satz doch eher an die politische Führung der Tschechoslowakei des Jahres 1966. Kein Wunder, dass „Daisies“ gleich nach Erscheinen verboten wurde und Věra Chytilová Berufsverbot erhielt. Da der Film jedenfalls auch in seiner experimentellen Form umgehend als nicht-systemkonform erkannt wurde, hätte Chytilová vielleicht einfach ganz direkt Kritik üben können. So ganz unverblümt hätte er mir, dessen Organ zum Genuss von Kunst wie gesagt etwas unterentwickelt scheint, vielleicht noch besser gefallen. Andererseits: Was bleibt eigentlich noch von einem Gänseblümchen, wenn man ihm die Blütenblätter ausreißt?

Bild © Bildstörung / Alive 
 

Valerie And Her Week Of Wonders (Jaromil Jireš, CSSR, 1970)

Posted by 23. Juni 2013

ValerieDie Tschechoslowakische „Neue Welle“ der späten Sechziger Jahre steht für kreative Energie und mutige, unverbrauchte und originelle Filme. „Valerie And Her Week Of Wonders“ (OT: Valerie a tyden divu) – der Film von Jaromil Jires nach dem gleichnamigem Roman von Vítězslav Nezvals aus dem Jahr 1935 kann dieser Bewegnung wohl zugerechnet werden – war meine erste, ein wenig ernüchternde Begegnung mit ihr.

Alles beginnt damit, dass der 13-jährigen Valerie (Jaroslava Schallerová) ihre Ohrringe gestohlen werden. Der Dieb, Orlík (Petr Kopriva), bringt sie allerdings kurze Zeit später zurück und weist Valerie darauf hin, dass nur diese Ohrringe sie retten können. Am nächsten Tag kommt eine Truppe Schauspieler in ihr Dorf , um auf der Hochzeit von Hedvika (Alena Stojáková) zu spielen. In Menge entdeckt Valerie eine seltsame Person, bleich, mit fürchterlichen Zähnen. Seltsamerweise scheint auch ihre Großmutter (Helena Anýzová)  mit einem Mal verändert.

„Valerie And Her Week Of Wonders“ war für mich am ehesten wohl so etwas wie ein verästeltes Coming-of-Age-Movie; der Film enthält aber auch Spuren von Märchen, Fantasy und Horror, wirkt als Ganzes jedoch eher wie ein surrealistisches Kunstprojekt und ist als Film ein ganz und gar entrücktes, aus der Welt gefallenes Etwas. Und genau hier haben für mich als Zuschauer die Probleme angefangen: Ich will die Leistungen von Jaromil Jireš in keiner Weise herabwürdigen. „Valerie And Her Week Of Wonders“ ist mit Sicherheit ein außergewöhnlicher Film mit einer eigenen Bildsprache. Doch,in einem Niemandsland, wo keine erkennbaren Regeln gelten, wo alles möglich ist, fällt es mir sehr schwer interessiert zu bleiben. Die Lebenden verhalten sich wie die Toten; und die Toten erstehen wieder auf. Es gibt keine Fallhöhe, kein Drama.

Fazit für mich: Ich habe wenig mitgenommen und wenn, dann eher Frust als Wunder. Dass ich nach „Valerie And Her Week Of Wonders“ zuerst überlegt habe, wohin ich die DVD ins Regal stelle (entweder alphabetisch oder zu den Vampiren oder zu den zu verschenkenden Filmen?), spricht wohl nicht für mich, aber vielleicht auch nicht für den Film.

Bild © Bildstörung / Alive