Tag: Deragh Campbell

Berlinale 2013 – Tag 1

Posted by 7. Februar 2013

IMG_7608

So wie das Glöckchen den Speichelfluss des  Pawlowschen Hundes anregte, so versetzt mich der Berlinale-Jingle und das goldene Feuerwerk immer in einen ganz besonderen Gemütszustand. Der liegt irgendwo zwischen erweiterter Aufmerksamkeit und Trance. Ich kann es leider nicht besser beschreiben. Aber nun zu den heute gesehenen Filmen.

Die 727 Tage ohne Karamo (Anja Salomonowitz, Österreich 2013)

In diesem Jahr starte ich mit „Die 727 Tage ohne Karamo“ von Anja Salomonowitz nicht, weil ich die Regisseurin kenne oder mich der Inhalt angesprochen hat, sondern allein, weil es der erste Film im Programm ist. Es geht um bilinguale Paare in Österreich und ihre Probleme mit dem restriktiven, unmenschlichen Ausländerrecht. Betroffene berichten von ihren Erfahrungen. Allerdings handelt es ich bei „Die 727 Tage ohne Karamo“ nicht um eine klassische Dokumentation. Die Texte sind einstudiert, die einzelnen Szenen inszeniert. Alles wirkt durch Kleidung und Setting sehr künstlich. Was gut zur der von einem unmenschlichen System erschaffenen, unwirklichen Lebenssituation der portraitierten Paare passt. Höhepunkt des Films, der die Absurdität des Systems meiner Meinung nach am besten einfängt, ist folgende Szene: Eine Gruppe von wut-gelb gekleideten Chinesen sitzen in einer Sprachschule und wiederholen unisono den Satz „Wir kommen aus Norwegen“. Nachdem Film denke ich: Österreich ist doch ein perverses kleines Land.

The Grandmaster (Wong Kar Wai, China 2012)

Nachdem ich im vorletzten Jahr schon  Wong Kar Wais „Ashes Of Time – Redux“ fast unerträglich fand, hielt sich meine Vorfreude auf „The Grandmaster“ (OT: Yi dai zong shi) in Grenzen. Im Film geht es um die beiden Kung-Fu-Meister Ip Man (Tony Leung) und Gong Er (Zhang Ziyi), Traditionen von Körperlichkeit, verschiedene Kampfstile, die japanische Invasion, die drohende Teilung des Landes, Familienzwist und Liebe – aber um nichts davon richtig. Denn eigentlich geht es dem Regisseur wieder einmal nur um sich selbst und wie schön er spritzende Pfützen in Zeitlupe filmen kann. Dieser „Wong Kar Wai“-Film wirkt wie eine Parodie auf einen „Wong Kar Wai“-Film. Und so endet der Film folgerichtig auch mit der Frage „What is your style?“, was deutlich machen sollte, was den Regisseur vorrangig interessiert.

I Used to Be Darker (Matt Porterfield, USA 2013)

Der beste Film heute. Und ich kann nicht mal genau sagen, warum. In „I Used To Be Darker“ besucht die junge Taryn (Deragh Campbell) ihre Verwandten in Baltimore. Erst nach und nach kommen die Schattenseiten ans Licht. Erstens: Taryn  ist von zu Hause abgehauen. Zweitens: Sie ist schwanger. Drittens: Tante Kim und Onkel Bill haben selbst Probleme, denn sie sind gerade dabei, sich zu trennen. An der Handlung kann ich meine Begeisterung nicht richtig festmachen, wohl eher an den Figuren, denen ich unglaublich gerne zugesehen habe. Besonders Ned Oldham, der Taryns Onkel spielt, hat es mir angetan. Der Moment, in dem er zu seiner Gitarre greift und einen wunderbaren Song ganz ausspielt und dann sein Instrument zertrümmert, gehört jetzt schon zu den Höhepunkten meiner Berlinale. „I Used To Be Darker“ ist ein ruhiger, aber auch ein reifer und reichhaltiger Film des erst 35jährigen Amerikaners. Musst du gucken.