Tag: Fantasy Filmfest Nights

German Angst (Jörg Buttgereit, Andreas Marschall, Michal Kosakowski, Deutschland 2015)

Posted by 30. April 2015

German Angst„German Angst“ bezeichnet eigentlich die „typisch deutsche Zögerlichkeit“, die den Deutschen im angelsächsischen Raum zugeschrieben wird. Dass dieser Film ein Beispiel für eben diese kollektive Charaktereigenschaft ist, kann man allerdings nicht behaupten. Eher ist das Gegenteil zutreffend, denn so radikal und schmerzhaft war wohl schon lange kein deutscher Genre-Beitrag mehr. Somit darf der Titel des Films, der aus drei Kurzfilmbeiträgen von Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski und Andreas Marschall besteht, auch eher in seinem eigentlichen Wortsinne verstanden werden: Hier geht es um Ängste, die zwar nicht typisch deutsch, wohl aber auf die ein oder andere Weise mit der Bundesrepublik eng verwoben sind. Damit berührt der Film auf nicht besonders zärtliche Weise einen einen halb freiliegenden Nerv. Und das tut weh!

Den Anfang der Kurzfilmkompilation macht Jörg Buttgereits „Final Girl“. Hier geht es um ein missbrauchtes Mädchen (Lola Gave), das sich rächt. Eigentlich war ich auf „German Angst“ auch vor allem wegen Buttgereits Beitrag gespannt, da mich der Berliner Filmemacher in den 1990er Jahren bereits nachhaltig durch seine beiden „Nekromantik“-Filme verwirrt hat. „Final Girl“ besticht nun weniger durch seine expliziten Gewaltdarstellungen – hier ist er entgegen der Erwartungen sogar relativ zurückhaltend –, sondern durch seine eindrucksvolle Inszenierung und die psychologisch stimmige Charakterisierung von Täter und Opfer. Direkt während des Schauens war ich ob der schmalen Geschichte eher unbeeindruckt, mit zwei Tagen Abstand muss ich jedoch sagen, dass Buttgereits Film am meisten nachwirkt.

Michal Kosakowskis „Make A Whish“ fällt dagegen trotz guter Prämisse in meinen Augen etwas ab. Es geht um ein taubstummes Pärchen, das von Nazis aufgegriffen und grausam gequält wird. Einem Amulett, mit dem Menschen angeblich die Körper tauschen können, kommt in dieser Geschichte eine entscheidende Bedeutung zu. Die Idee ist stark, der Gewaltpegel schwer erträglich, aber leider sind die Figuren zu sehr Klischee und die Geschichte auch recht umständlich erzählt. Vielleicht ist „Make A Whish“ einfach zu sehr Kopfgeburt, um wirklich seine volle Kraft zu entfalten. Was bleibt, ist ein schlechtes Gefühl durch einige wirklich grausame Szenen – aber einen nachhaltigen Eindruck hat der Film bei mir trotz seiner bösen Schlusspointe nicht gemacht.

Ein wenig besser hat mir dann wieder der letzte Beitrag von Andreas Marschall gefallen, auch wenn der ebenfalls nicht ohne Klischees auskommt (Stichwort: Party). Von Marshall, der seine Karriere als Comiczeichner begann und einigen vielleicht auch durch seine Artworks für diverse Metalbands bekannt sein dürfte, kannte ich schon „Tears Of Kali“, der aus meiner Erinnerung heraus ganz ok war. In „Alraune“, den ich mir auch als Comic ganz gut vorstellen kann, erzählt Marshall die Geschichte um einen Modefotografen (Milton Welsh), der die Schattenseiten von sexueller Erfüllung kennenlernen muss. Dass hinter der sichtbaren eine weitere, unsichtbare aber verheißungsvolle Welt liegt, die sich dann allerdings meist als ziemlich abgründig und ambivalent entpuppt, ist ein Thema, das man z.B. in den Werken Clive Barkers häufig findet und das auch immerhin in „Alraune“ touchiert wird. Das bringt ihm das Prädikat „ganz ordentlich“ ein.

Insgesamt ganz ordentlich ist auch die gesamte Horror-Anthologie „German Angst“ mit einem sehr guten und zwei passablen Beiträgen. Es gibt ihn also doch, den deutschen Genre-Film – und er muss sich nicht verstecken. Das haben Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski und Andreas Marschall hier eindrucksvoll und schmerzhaft bewiesen. Ein Unding ist es, dass es der aus der breiten Masse herausstechende deutsche Genre-Beitrag fast gar nicht geschafft hat, eine Freigabe ab 18 Jahren zu erhalten und ungeschnitten auf DVD zu erscheinen. Zum Glück hatten die Jugend- und Erwachsenenschützer nach einigem Zaudern doch ein Einsehen und erkannten, dass die deutsche Kurzfilm-Kompilation „German Angst“ zwar äußerst brutal und furchteinflößend, aber keinesfalls gewaltverherrlichend ist.

Bild © Drop-Out Cinema

Fantasy Filmfest Nights 2014

Posted by 12. April 2014

The Sacrament (Ti West, USA 2013)FFN14

Die Vice-Reporter Sam (AJ Bowen), Jake (Joe Swanberg) und Patrick (Kentucker Audley) reisen in den Urwald, wo Patricks Schwester Caroline (Amy Seimetz) in der Gemeinde der Eden Parish lebt. Obwohl sich die Mitglieder der sektenartigen Kommune anfangs durchaus freundlich zeigen und ihr geistiges Oberhaupt (Gene Jones) in einem Interview die Vorzüge der Gemeinschaft betont, wird bald deutlich, dass hinter der glücklichen Fassade doch nicht alles gut ist, wie alle behaupten. Ich möchte in diesem Moment noch gar nicht so viel über den Film sagen, lieber später noch einmal, mit etwas Abstand, wenn ich ihn verdaut habe. Vielleicht nur so viel: Er hat mich cineastisch wahnsinnig glücklich und gleichzeitig unglaublich traurig gemacht. Meisterwerk.

Enemy (Denis Villeneuve, Kanada / Spanien 2013)

Hab ich ja schon was zu gesagt (klick!). Nach dem Film haben wir kurz rumgeblödelt: „Enemy“ sei ein wenig wie Marc Fosters „Stay“ – nur aus Sicht einer Spinne. Und so ganz falsch ist dieser Ansatz sicherlich nicht, sich dem Film nicht über die faktischen Figuren, sondern eher über ein im Hintergrund angenommenes Bewusstsein zu nähern, dessen Gefühlswelt es zu entschlüsseln gilt.

In Fear (Jeremy Lovering, GB 2013)

Tom (Iain De Caestecker) und Lucy (Alice Englert) wollen eigentlich zu einem Festival, doch Tom hat eine Überraschung für Lucy: Er hat eine Nacht in einem abgelegenen Hotel im englischen Nirgendwo gebucht. Doch der Weg dahin erweist sich als schwierig. Was von Tom als romantische Liaison geplant war, entwickelt sich zum Alptraum. Bald haben sich die beiden jungen Leute hoffnungslos in einem Labyrinth von fremden Wegen und unwirklichen Landstraßen verirrt. „In Fear“ ist einer dieser Filme, der reift. Während des und direkt nach dem Schauen, habe ich noch dazu tendiert, Jeremy Lovering Debüt als ganz spannendes, aber letztlich konventionelles Horrorfilmchen abzutun, ein paar Tage später gefällt er mir aber richtig gut und ich würde ihn sogar als für mich größte positive Überraschung der diesjährigen Fantasy Filmfest Nights bezeichnen. Ist das Gesehene alles nur ein düsterer Schatten, der seinen wahren Gegenstand nur in Andeutungen enthüllt? Oder gibt es tatsächlich einen fiesen Killer, der heimlich Schilder umstellt? Ich sage jetzt extra nicht, welche Variante mir besser gefällt.

Rigor Mortis (Juno Mak, Hongkong 2013)

Dass die Filmwelt absurd ist, die wirkliche Welt aber noch viel absurder sei, heißt es ausgerechnet am Anfang eines Films in dem im Showdown der wiederbelebte Held, unterstützt von einem ulkigen Mann im Bademantel, gegen zwei Vampire im Geist gewordenen Körpers eines Zombies antritt. Wobei das Wort Vampir hier mit Vorsicht zu genießen ist – mit klassischen Vampirfilmen hat „Rigor Mortis“ so wenig zu tun wie Gepfähltwerden mit einer Herzrhythmus-Massage. Vielleicht ist Juno Maks Geisterbahnfahrt insgesamt etwas zu verworren erzählt, der Schlusstwist wohl möglich sogar nötig und der Look zu digital, aber irgendwie mochte ich diesem komischen Film trotzdem.

Witching & Bitching (Álex de la Iglesia, Spanien / Frankreich 2013)

„Mad Circus“ war für mich nicht leicht zu konsumieren, aber letzten Endes fand ich diesen visuell starken und inhaltlich reichhaltigen Trip ziemlich toll. Grund genug sich auf „Witching & Bitching“ (OT: Las brujas de Zugarramurdi) zu freuen. Wie man es von de la Iglesia gewohnt ist, ist der Film eine Provokation, allerdings in der Hinsicht, dass man weniger bekommt als erwartet. Ein brachialer Trip mit starkem Anfang und durchgeknalltem Finale ist der Film ohne Frage, doch die Zeit dazwischen zieht sich hin, trotz aller Hektik. Mit der richtigen Einstellung macht diese alberne Achterbahnfahrt voller Geschlechterklischees und Krötenschleim vielleicht Spaß, diese zu entwickeln wollte mir allerdings nicht so ganz gelingen.

Snowpiercer (Bong Joon-Ho, Südkorea / USA /Frankreich / Tschechien 2013)

Nach einer vom Menschen gemachten Katastrophe versinkt die Erde in eine neue Eiszeit. Die Überlebenden rasen mit dem Zug „Snowpiercer“ durch die Eiswüste. Die Mehrheit der Passagiere lebt im hinteren Zugteil in großer Armut, eine reiche Minderheit genießt in den vorderen Waggons ihren Luxus. Der Zeigefinger – wir sitzen alle in einem Zug! – fuchtelt dem Zuschauer vom ersten Augenblick störend im Gesichtsfeld herum. Auf der anderen Seite versucht Bong Joon-Ho sein Szenario möglichst detailversessen, ernsthaft und realistisch umzusetzen. Für mich ging das nicht zusammen. Das Parabelhafte verhindert, dass man wirklich mitfühlt und wirkt, nebenbei gesagt, nicht besonders durchdacht. Spoilerwarnung: Das im Zug hergestellte Gleichgewicht wird mit  billigen, in erster Linie ästhetischen Mittel als das Falsche „entlarvt“, um dann – fast schon unverschämt – die Lösung aus der Box zu zaubern: Dass das im Film propagierte „Off the track“-Thinking als probates Mittel zum Systemsturz erscheinen kann, funktioniert nur, weil Bong Joon-Ho kurzerhand die Regeln eben dieses Systems ändert. Könnt ja rausgehen, ist ja gar nicht kalt.

Wolf Creek 2 (Greg Mclean, Australien 2013)

Für mich ist Greg Mcleans „Wolf Creek“ einer der stärksten Horrorfilme der letzten 10 Jahre. Mit der Fortsetzung, „Wolf Creek 2“, in der Mcleans vor allem auf Steigerung setzt, habe ich allerdings große Probleme. Mehr Gewalt, mehr „Witze“, mehr Zynismus ist die Formel, nach der dieser Film gestickt ist. Die einst so interessante Figur des Psychopathen Mick Taylor ist zum unbesiegbaren Superschurken und Sprüche klopfenden Irren verkommen. Sehr schade. Wären da nicht ein paar inszenatorische Highlights, bei denen Mclean zeigt, was er drauf hat – z.B. als der Killer einen einsamen Highway entlang fährt und dabei gleich eine ganze Reihe Kängurus überfährt, während im Hintergrund „The Lion Sleeps Tonight“ trällert; oder das bizarre Frage-und-Antwort-Spiel zwischen Paul und Mick – dann würde ich „Wolf Creek 2“ wahrscheinlich einfach nur komplett Scheiße finden.

Bild © Fantasy Filmfest