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F (Johannes Roberts, Großbritannien 2010)

Posted by 25. Juli 2014

FAls der Lehrer Robert Anderson (David Schofield) die Klassenarbeiten austeilt, wird er von einem Schüler, den er hat durchfallen lassen, angegriffen. Die Eltern des Schülers drohen mit einer Klage, schließlich ist die Note „F“ ein Tabu im britischen Schulsystem. Einige Monate nach dem Vorfall nimmt Robert den Unterricht wieder auf, doch ganz erholt hat er sich von dem Vorfall nicht: Er hat ein massives Alkoholproblem, seine Frau (Juliet Aubrey) hat ihn verlassen und seine Tochter (Eliza Bennett), die auch seine Schülerin ist, hat sich von ihm abgewendet. Doch dann erhält Robert die Chance, sich zu rehabilitieren. Als eines Abends die Schule von mörderischen, vermummten Männern angegriffen wird, ist er der erste, der die Gefahr erkennt.

Der Amoklauf an der Columbine High School im Jahre 1999 war nicht der erste Amoklauf an einer Schule, doch man kann sagen, dass seit diesem grausamen Vorfall das Thema einen Platz im öffentlichen Bewusstsein hat. Der Dokumentarfilm von Michael Moore „Bowling for Columbine“ hat sicherlich seinen Teil dazu beigetragen. Es ist eine Wunde entstanden, die seit dem unaufhörlich schmerzt. Zumal der Amoklauf an der Columbine High nicht der einzige blieb. Wir haben Amokläufe an Schulen in Eching, Erfurt, Coburg, Emsdetten, Kauhajoki, Blacksburg, Winnenden, Newtown erlebt. Politiker, Pädagogen, Psychologen und Medienwissenschaftler grübeln, wie es zu den Taten kommen kann, und natürlich gibt es auch ein ganzes Regal voller Filme, die sich in der einen oder anderen Form mit dem Thema auseinandersetzen. Johannes Roberts „F“  gehört – seines reißerischen deutschen Untertitels „London Highschool-Massaker“ zum Trotz – nicht dazu.

Ehrlich gesagt stellt mich der Film vor ein Rätsel. Eine Auseinandersetzung mit Schulgewalt (in der einen oder anderen Form) ist er auf den ersten Blick ebenso wenig wie ein klassischer Slasher. Am Anfang wird man verleitet zu glauben, der Film würde einen Vorstoß in die dunkle Welt der Schule wagen, in ein System, in dem Menschen andere Menschen bewerten, sie aburteilen und körperliche wie seelische Gewalt an der Tagesordnung sind. Kein Wunder, wenn sich die Schüler irgendwann für die schlechte Behandlung rächen. Dann wieder wirkt der Film wie ein Sozialdrama. Ist es vielleicht der Lehrer selbst, der durch die unfassbar anstrengende Situation, die fehlende Anerkennung durch die Schüler und den nicht vorhandenen Rückhalt seiner Kollegen, in den Wahnsinn getrieben wird? Alles falsche Fährten! Die vermummten Gestalten, welche die Schüler überfallen und sich einen nach dem anderen vorknöpfen, sind wahrscheinlich keine Schüler; und dass Lehrer Anderson selbst der Täter ist, wäre nur dann möglich, wenn die Erzählung des Films eine absolut unzuverlässige ist. Aber auch als Slasher, als bloßes Effekt- und Spannungskino, macht „F“ eine komische Figur. Ich würde fast sagen: durchgefallen. Zwar mochte ich David Schofield als heruntergekommenen Lehrer und sehr gut gefallen hat mir die Musik, aber wirklich spannend oder – von der Irritation einmal abgesehen – inhaltlich interessant ist „F“ nicht.

„F“ steht im britischen Schulsystem für durchgefallen. Vielleicht geht es am ehesten noch um seinen Protagonisten Robert Anderson, der sowohl als Lehrer, aber vor allem auch als Ehemann und Familienvater versagt hat. Das „F“, das er am Anfang des Films einem Schüler mit einer spöttischen Bemerkung austeilt und das vermeintlich die Ereignisse in Gang setzt, ist eigentlich das Zertifikat seines eigenen Versagens. Insofern ist es nur folgerichtig, dass der Film so unvermittelt endet: Als er sich zum Schluss entscheidet, seine verwundete Tochter ins Krankenhaus zu fahren, anstatt, wie es Männer in Filmen so gerne tun, in größerem Maßstab zum Held zu werden, tut Anderson vielleicht zum ersten mal das absolut Richtige. So endet dieser wenig spannende, unentschlossen und unfertig wirkende Film immerhin noch mit einem Happy End.

Für die Akten: Irgendwann in den frühen Morgenstunden des 18. Juli 2014 habe ich – nachdem ich zwecks Freischaltung der „ab 18“-Inhalte durch das extrem unkomfortable PostIdent-Verfahren 2 Mal persönlich zur Post und gefühlte 70 Mal Handy-Pins eingeben musste – „F“ über  Watchever angesehen. Vielleicht ist es auch der leichten PostIdent-Genervtheit oder der Müdigkeit, die mir seit ein paar Tage in den Knochen sitzt geschuldet, dass ich den Film nicht mit komplett offenen Augen und gebührend wachem Geist sehen konnte. Aber eines ist sicher: Ich werde mich immer an den Film erinnern, denn „F“ war der erste Film, den ich nach der Geburt meines Sohnes gesehen habe.

Bild © Universal Pictures