Tag: Georg Friedrich

Stereo (Maximilian Erlenwein, Deutschland 2014)

Posted by 27. Februar 2014

Stereo„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, Die eine will sich von der andern trennen…“ heißt es in Goethes „Faust“ und auch im Film von Maximilian Erlenwein geht es um eine zerrissene Seele.

Erik (Jürgen Vogel) betreibt eine Motorrad-Werkstatt in einer kleinen Stadt. Seine Beziehung zu Julia (Petra Schmidt-Schaller) läuft blendend. Doch dann tauchen plötzlich Fremde in der Stadt auf, die behaupten, ihn zu kennen, und sie setzen ihn unter Druck. Dann gibt es noch den mysteriösen Henry (Moritz Bleibtreu), der sich massiv in Eriks Leben einmischt…

Vergleiche mit „Fight Club“ oder „A History Of Violence“ sind schnell gefunden, doch müßig. Wichtig ist: Derart kraftstrotzendes, vitales Kino gibt es hierzulande nicht oft. Eine Inspiration für den Film war nach Aussage des Regisseurs, den ich im Rahmen der letzten Berlinale interviewen durfte, Henry Kosters „Harvey“ aus dem Jahr 1950. Was wäre, fragte Erlenwein sich, wenn dieser Hase aus dem Film eine miese Sau wäre? Das Ergebnis bekommen wir hier zu sehen. Erlenwein, selber ein großer Liebhaber von Genrefilmen, hat versucht, mit „Stereo“ selber so einen Film zu machen und zeigt eindrucksvoll, dass das auch in Deutschland möglich ist. Wenn man die richtigen Leute im Team hat. Jürgen Vogel und Moritz Bleibtreu spielen sich in dem düsteren Psychothriller im wahrsten Sinne des Wortes die Seele aus dem Leib, von Petra Schmidt-Schaller bekommt der Film seine Wärme und Georg Friedrich rockt als schmieriger Gangster und Endgegner. Die Besetzung des Films ist auch insofern interessant, als dass es auf den ersten Blick naheliegend gewesen wäre, Bleibtreu als den netten Mechaniker und Vogel als seine dunkle Seite zu besetzen. Doch erst anders herum wird ein Coup draus!

Im Finale kommt es zum rohen, kathartischen Showdown: Knochen brechen, Blut spritzt, die Lichter gehen aus. Ein Motorrad rast mit heulendem Motor in die Nacht. Trotz alledem ist „Stereo“ irgendwie auch ein Liebesfilm. Die Liebe zwischen Erik und Julia spielt eine ganz wichtige Rolle, ohne sie würde der Film nicht funktionieren. So hart, so zart, so vielseitig kann deutsches Kino sein.

Bild © EuroVideo

Faust (Alexander Sokurow, Russland 2011)

Posted by 29. April 2012

“Wenn das Gewölbe widerschallt, fühlt man erst recht des Basses Grundgewalt”… Ich habe den Faust in der Schule gelesen und war durchaus angetan von der Wortgewalt des Textes und dem Inhalt der Geschichte. In  Johann Wolfgang von Goethes „Faust“ schließt der Gelehrte, Doktor Heinrich Faust, einen Pakt mit dem Teufel. Zum Preis seiner Seele der Teufel dem Doktor Einsicht in die tiefsten Dinge ermöglichen. Mephisto fädelt darauf hin eine Liebschaft zwischen dem Doktor und der jungen Margarete ein. Ganz klar, dass das nicht gut ausgeht.

Bei Aleksandr Sokurov heißt Mephisto Mauritius (Anton Adassinsky), doch ist nicht die einzige Änderung, die der russische Filmemacher an dem Stoff vorgenommen hat. Der Teufel ist hier kein charismatischer Verführer, sondern ein unförmiges, fast schon Mitleid erregendes Wesen und auch Heinrich Faust (Johannes Zeiler), ein armer, gleichwohl egoistischer und gieriger Mann, der  mit dem Intellektuellen aus Gothes Fassung wenig gemein hat. Sein Gehilfe Wagner (Georg Friedrich) hat die Grenzen zum Wahnsinn noch offensichtlicher überschritten. Die Figuren in Sokurovs Version drängeln sich förmlich durch die Szenen, schmiegen sich aneinander oder wirken, als wollten sie sich verschlingen. Hinzu kommen Sokurovs schwindelerregende Experimente mit verschiedenen Kameralinsen, die mir ein Gefühl der Desorientierung vermitteln. Angenehm ist das nicht. Aber interessant.

Doch auch wenn dieser „Faust“ hier auch ein faszinierender Film sein mag – mich konnte er nicht ganz überzeugen. Zwar habe ich die Stimmung als sehr unangenehm empfunden (was ich mochte!) und fand darüber hinaus die Neuinterpretation der Figuren zumindest spannend, doch mir fehlte ein Moment, den ich in Goethes Faust so mag: Die Unzufriedenheit des Protagonisten mit der Welt, die Sehnsucht, nach etwas anderem und die Bereitschaft, dafür seine Menschlichkeit zu opfern (ha, so beschrieben, ist Clive Barkers „Hellraiser“ auch nur eine Version des Faust..). Sehnsucht bleibt in dieser Version auf der Stecke. Außerdem hat sich mir nicht erschlossen, was der Zweck dieses Neuansatzes sein soll. Aber das mag an mir liegen und daran, dass ich Sokurovs andere Filme nicht kenne. „Faust“ ist nach „Moloch“, „Taurus“ und „Solntse“ der vierte und letzte Teil seiner Tetralogie über die Beschaffenheit der Macht.

Vermutlich sollte ich erst Sokurovs anderen Werke studieren, ehe ich mir ein Urteil über seinen „Faust“ erlaube. Aber soviel schon mal: Es ist ein herausfordernder, alles andere als angenehmer Film, der, wenn er wirklich Geheimnisse versteckt hält, diese zumindest nicht allzu bereitwillig freigibt. Und es ist auf jeden Fall ein Film, nach dem ein großer Schluck Vodka nichts schaden kann.

Bild © Ascot Elite