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Der Zinker (Alfred Vohrer, Deutschland /Frankreich 1963)


Der Zinker Universum FilmMan kann die gleiche Erfahrung nicht zweimal machen. Dieses Blog ist ja auch ein wenig der Versuch, mir meine wegbröckelnde Erinnerung ein Stück weit zurückzuerobern, zumindest den filmischen Anteil. Ein Antrieb, dieses Blog überhaupt zu starten, war, mir die Filme meines Lebens, also diejenigen, die mich aus den späten siebziger, achtziger und neunziger Jahren besonders beeindruckt haben, noch einmal anzusehen und zu überprüfen, wie sich die Erinnerung zur Neuerfahrung verhält.

Mich interessiert schon seit einer ganzen Weile, wie mir wohl heute die Edgar-Wallace-Filme gefallen. Einige davon habe ich als Kind gesehen, weil sie ständig im Fernsehen liefen. Bis auf „Der Frosch mit der Maske“, den ich definitiv erinnere, kann ich nicht einmal genau sagen, welche ich kenne. Ich habe keine konkreten Erinnerungen, aber ich weiß noch, dass mich die Filme damals fasziniert haben. Sie haben Gänsehaut produziert und meine Fantasie beflügelt. Und wahrscheinlich haben sie bereits die Anlage dafür geschaffen, dass ich eine bestimmte Art von Gruselkrimi sehr mag. Funktionieren die Wallace-Filme für mich heute immer noch? Ohne große Vorbereitung springe ich mitten in die Reihe und schaue mir den 14. von Alfred Vohrer inszenierten Film der 1959 bis 1972 entstanden Wallace-Reihe an: „Der Zinker“.

„Der Zinker“ ist der Name eines geheimnisvollen Verbrechers, der in London sein Unwesen treibt und von der Polizei und Gangstern gleichermaßen gefürchtet ist. Wer sich ihm in den Weg stellt, wird mit dem Gift der schwarzen Mamba aus dem Weg geräumt. Doch das Gift bringt Inspektor Elford (Heinz Drache) auf eine Spur: Könnte es sein, dass die einer Tierhandlung nahestehenden Personen etwas damit zu tun haben? Schließlich wurde dort vor kurzem eine schwarze Mamba gestohlen. Zu den Verdächtigen gehören Mrs. Mulford (Agnes Windeck), die Besitzerin der Tierhandlung, ihre Nichte Beryl (Barbara Rütting),  der Geschäftsführer der Tierhandlung, Frank Sutton (Günter Pfitzmann), und der verrückte Tierpfleger Krischna (Klaus Kinski).

Als „handwerklich ordentlichen Kriminalfilm“ beurteilt der katholische Film-Dienst diesen Wallace. Ich kann nicht anders als mich darüber zu wundern. Nicht, dass mir „Der Zinker“ nicht gefallen hätte, im Gegenteil: Ich finde ihn durchaus auch ordentlich inszeniert. Allerdings kann ich keine Ordnung in diesem total irren, durchgeknallten Film finden. Beim Sehen habe ich zwei Dinge festgestellt. Erstens: „Der Zinker“ gehört, soweit ich das heute sagen kann, zu den mir noch völlig unbekannten Wallace-Filmen. Zweitens: Meine Erinnerung an die Serie als eine ziemlich gruselige Angelegenheit, erweist sich heute als falsch bzw. völlig veränderte Erfahrung  (,was natürlich auch an diesem spezifischen Film gelegen haben mag). Ich saß beinahe die ganze Zeit mit einem Grinsen vor dem Fernseher, das mit jedem absurden Einfall breiter wurde. Dabei war es nicht nur die Geschichte (dieses seltsame Haus mit den Tieren im Keller, die skurrilen Figuren), sondern auch die Inszenierung Vohrers, die mich begeistert hat. Der Shot aus dem Mund einer Figur während sie eine Karotte isst, Eddi Arent als Journalist und seine witzigen Geräuscheinlagen, das alles hat mir sehr gefallen. In das Vergnügen hat sich jedoch noch ein anderes Gefühl gemischt: Wehmut.

„Der Zinker“ ist sicherlich ein typischer Wallace, was mir aber erst jetzt so langsam bewusst wird. Ich habe zwischenzeitlich noch den ebenfalls von Vohrer inszenierten „Der Hexer“ gesehen, in dem ich große Ähnlichkeiten, insbesondere was den Tonfall und diese skurrilen Einfälle betrifft, entdecken konnte. Früher war ich empfänglicher für den Mystery-Aspekt der Stoffe, ich habe mich echt gegruselt. Heute fällt mir eher das Absurde auf. Ich bin mir nicht sicher, ob mir diese veränderte Wahrnehmung gefällt. Es ist schön, dass ich jetzt die zahlreichen Gags verstehe, aus denen Vohrers Version des Wallace-Stoffs besteht, andererseits scheint mir durch das bessere Verstehen irgendetwas verloren gegangen zu sein – eine Art ungefilterte Erfahrung, reine, von Wissen ungetrübte Faszination. Aber vielleicht ist das auch nur sinnlose Nostalgie. Man kann einen Film nur einmal zum ersten Mal sehen. Doch statt zu Jammern sollten man seinen Geist lieber fürs zweite, dritte, vierte Mal öffnen.

Bild © Universum Film