Tag: Jennifer Jason Leigh

The Hateful Eight (Quentin Tarantino, USA 2015)

Posted by 14. Mai 2016

hateful eightUnd hier noch ein paar Sätze zu einer Filmleiche. Ich habe den Film zwar schon vor Monaten gesehen, irgendwie war mir jedoch der Textentwurf verrutscht und ich habe ihn gerade erst wiedergefunden und zu Ende getippt.

Ein paar Jahre nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg kreuzen sich die Wege von acht Personen in einer einsamen Herberge namens „Minnies Kurzwarenladen“. Bevor ich etwas zu dem Film sage, vielleicht ganz kurz etwas zu meinem ambivalenten Verhältnis zu Quentin Tarantino, dies ist ja mein erster Text zu einem Film von ihm hier im Blog: Obwohl mir schon immer, also seit „Reservoir Dogs“ und „Pulp Fiction“, klar war, welch außergewöhnlicher Filmemacher er ist, sind mir seine Filme bis heute nicht so richtig ans Herz gewachsen. Ich hatte bei ihm stets ein komisches Gefühl, vielleicht weil er für einen guten Gag seine Figuren verraten würde; dadurch haben seine Filme für mich auch immer etwas Zynisches habt. Trotzdem bin ich schwer beeindruckt von den genannten und einigen weiteren seiner Filme. Trotz Tarantinos geringen Outputs hat sich aber in letzter Zeit noch ein weiteres Gefühl zu meiner ohnehin skeptischen Grundhaltung eingeschlichen. Auch wenn er inhaltlich verschiedene Themen bearbeitet, so kommen mir seine Filme formal recht ähnlich vor. Kernstück seiner Filme sind die geschliffenen, von dem typischen Tarantino-Humor geprägten Dialoge. Und auch, wenn sich diese nicht wiederholen, scheint das Prinzip stets das gleiche. Deswegen hatte ich auch bei „The Hateful 8“ – vielleicht so stark wie nie zuvor – das Gefühl, alles schon zu kennen. Direkt nach dem Film war ich also zunächst enttäuscht. Wo sich andere stilbewusste Filmemacher weiterentwickeln oder ihr Können chamäleonhaft in den Dienst der Sache stellen, tritt Tarantino auf der Stelle. So zumindest meine erste, enttäuschte Reaktion.

Doch nach ein wenig Bedenkzeit sehe ich das Ganze etwas anders. (Das ist meiner Meinung nach übrigens das Schöne an der Beschäftigung mit Film o.ä. – sich dabei zu beobachten, wie seine Meinung reift, sich ändert und manchmal zum genauen Gegenstück des ersten Eindrucks wird…) Sicherlich, auch in „The Hateful Eight“ hat Tarantino seine Figuren mal wieder überhaupt nicht lieb. Aber in diesem Fall kann ich es ihm dann doch nicht übel nehmen. Schließlich gab es noch keinen so wütenden Film von ihm, der Titel ist hier so was von Programm! In seinem Film „tastet sich Tarantino in die Abgründe von Rassismus, Hass und Willkür hinein, aus denen sich die heutige US-Gesellschaft mit ihren Brüchen und Härten geformt hat,“ wie es Andreas Borcholte bei Spiegel Online Kultur formuliert. Ich würde sogar sagen: nicht nur das. Auch der Krieg der Geschlechter, die Gewohnheiten der Amerikanischen Herzen sind seine Themen. Und er tastet sich nicht nur heran. Er schießt einen Pfeil mitten in dieses Herz und sieht seinen Figuren beim Sterben zu – wohlweislich, dass die Lebensform, die hier in ihren Umrissen karikiert wird, sich auch heute noch bester Gesundheit erfreut.

Was ich an „The Hateful Eight“ nebenbei gesagt noch interessant finde – das darf man sich jetzt eher als theoretisches Hintergrundrauschen und noch nicht komplett durchdachte Fußnote vorstellen – ist, wie hier zwei moralische Systeme gegeneinander antreten, eine „Staatsmoral“, die den Prinzipien von Law & Order folgt sowie eine „Kumpelmoral“, die Familienbande in ihr Zentrum stellt. Ich weiß nicht, wer sich mal näher mit Lawrence Kohlberg und seiner Theorie der Moralentwicklung beschäftigt hat. Ihm nach verläuft die moralische Entwicklung des Menschen in sechs Stufen, die sich in drei Ebenen zuordnen lassen – der präkonventionellen, der konventionellen und der postkonventionellen Ebene. Die Figuren des Films agieren alle auf der konventionellen Ebene, den Stufen drei („good boy/nice girl“-Orientierung“) und vier („Orientierung an Gesetz und Ordnung“). Was die Theorie und Kohlbergs Stufenmodell aber in Bezug auf den Film spannend macht, ist natürlich, dass die Figuren, die ja symbolische Stellvertreter für Gründungsväter der USA sind, sich fern jedes postkonventionellen moralischen Niveaus bewegen. Aber genau auf solchen Prinzipien muss ein Staat natürlich aufgebaut sein. Wenn Tarantino meint, dass dies für die USA nicht gilt, hätte er die Message tatsächlich kaum besser verpacken können als in diesem bitterbösen, von unangenehmen Menschen bevölkerten ultra-brutalen, achten Wert.

Aus diesen Gründen, aber auch weil „Daisy Domergue“ einfach mal der allerbeste Figurenname ist, den sich Tarantino bisher ausgedacht hat und Jennifer Jason Leigh als eben selbige alle Herren des Films (die ihre Sache auch nicht schlecht machen) an die Wand spielt, mag ich „The Hateful Eight“ doch sehr gern. Und wieder ist es eine Hassliebe, aber diesmal passt’s ja.

Bild © Universum Film

The Hitcher (Robert Harmon, USA 1986)

Posted by 18. Juli 2015

HitcherIch komme bedauerlicher Weise gerade nicht besonders oft dazu, mir einen Film anzugucken. Und selbst zu den wenigen, die ich sehe, schaffe ich es leider nicht immer, etwas aufzuschreiben. Für Robert Harmons „The Hitcher“ muss ich dem zeitintensiven Alltag jetzt aber noch eine Stunde abringen, denn zu diesem Film nichts zu sagen – das geht einfach nicht. Robert Harmons Wahnsinnswerk aus Feuer und Wasser, Staub, Blut und Zelluloid gehört zu der Handvoll Filme, die eine besonders wichtige Rolle bei meiner cineastischen Sozialisation gespielt haben.

Schon der Anfang: Da fährt der junge und zu Beginn noch reichlich naive Jim Halsey (C. Thomas Howell) einsam über den Highway. Er hat den Auftrag, einen Wagen von Chicago nach San Diego zu überführen. Er kämpft mit aller Kraft gegen die Müdigkeit an und denkt im ersten Augenblick, dieser Anhalter (Rutger Hauer), der am Straßenrad im Regen steht, wäre seine Rettung. Doch der Mann, der sich als John Ryder vorstellt, entpuppt sich nicht als die erwünschte Abwechslung von der monotonen Autofahrt – zumindest nicht so, wie Jim es sich vorgestellt hat. Ryder ist ein Psychopath, das wird schon in den ersten Minuten dieses Films klar. „Say ‚I want to die’“ fordert er den junge Mann auf. (Ich. Gänsehaut. Jedes Mal.) Doch dieser entscheidet sich für das Leben und schafft es sogar, Ryder aus dem Auto zu schmeißen. Was folgt ist ein spannendes, von einer seltsam ambivalenten Atmosphäre getragenes Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Kurier und dem Anhalter. Die endlose Straße bietet keine Zuflucht. Wo immer der eine auftaucht, ist der andere schon gewesen und hat sein blutiges Werk verrichtet.

Die Motive des geheimnisvollen Killers bleiben im Verborgenen. Es ist fast so, als hätte sich Jim durch seinen ersten kleinen Etappensieg als würdiger Mitspieler erwiesen, vielleicht sieht Ryder auch etwas in dem jungen Fahrer, das er zum Vorschein bringen will. „Stop me“ fordert er ihn an einer Stelle auf, aber man weiß nicht, ob es sein Ernst ist oder ob es zu seinem sadistischen Spiel gehört. Hier verhält es sich mit Ryder ein wenig wie mit dem ganzen Film, dessen vielleicht größte Stärke es ist, dass man bei ihm nicht weiß, woran man ist und dass man ihn auf viele Arten deuten kann: als apokalyptischen Highway-Western, als brutale Coming-of-Age-Parabel (vielleicht sogar mit homoerotischem Subtext?) oder auch als den ultimativen Kampf des Guten gegen das Böse. Gerade einige weniger unlogische Momente heben die surrealen Aspekte des Films hervor und manchmal wähnt man sich beinahe in der Halluzination eines schizophrenen Killers. Die Bilder des Films leben, sie flirren in der Hitze über dem Asphalt, verschwimmen beim Blick durch die schmierige Windschutzscheibe und verlieren sich im explodierenden Licht des nächtlichen Regens. Jedenfalls scheinen sie bei jeder Sichtung ihr Erscheinungsbild geringfügig zu ändern. Doch ob hier zwei gegeneinander oder einer gegen sich selbst kämpft – sicher scheint nur: hier findet eine Auseinandersetzung statt, die so kraftvoll und elementar wohl nur selten ins Bild gesetzt worden ist.

Mit dem Gewehr streicht Jim zum Schluss dem vor ihm auf der Straße liegenden Anhalter eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Geste hat beinahe etwas Zärtliches, Intimes. Vielleicht, weil er neben aller Qual Ryder auch etwas zu verdanken hat? Durch ihn ist er in eine Welt eingeführt worden, in der Mann-Sein vor allem bedeutet, zu töten. Diese Botschaft macht den ohnehin nicht gerade heiteren Film gleich noch etwas trostloser.

Bild © Momentum

In The Cut (Jane Campion, USA / Australien 2003)

Posted by 8. Januar 2015

In The CutNach fast drei Wochen unfreiwilliger Film-Abstinenz habe ich endlich mal wieder was gesehen. Und zwar „In The Cut“, welches ein sonderbar uneindeutiger Film ist und das nicht nur weil sich Meg Ryan vor meinem inneren Auge mehrmals in Nicole Kidman verwandelt hat (die ja, aber das wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht, tatsächlich für die Rolle vorgesehen war). Der ganze Film ist ein seltsam oszillierendes Etwas irgendwo zwischen Pulp, Poesie und Politik. Erzählt wird die Geschichte der Englischlehrerin Frannie (Meg Ryan), die zunächst in einer Bar beobachtet, wie ein Paar Sex hat. Den Mann kann sie nicht erkennen, sieht nur seine auffällige Tätowierung am Handgelenk. Kurze Zeit später steht die Polizei in Gestalt von Detective Giovanni Malloy (Mark Ruffalo) vor ihrer Tür. Die beobachtete Frau ist tot, umgebracht von einem Serienkiller, Frannie wurde in der Bar gesehen und der Kopf der Toten wurde in ihrem Garten gefunden.

Virginia Woolf meets Brian de Palma: Jane Campions Film ist ein klassischer, atmosphärischer Serienkillerfilm auf der einen, ein mit wahnsinnig vielen Bezügen, Symbolen etc. bis zum bersten vollgestopftes Kunstwerk auf der anderen Seite. Beide Seite haben hier Qualitäten, so ganz fügt sich das aber nicht zu einem homogenen Ganzen zusammen. Viele tolle Momente gibt es ohne Frage, mitunter war ich beinahe berauscht von den Bildern, die wie Blicke durch ein schmutziges Fenster auf eine Welt wirkten, die man sonst nicht zu sehen bekommt. Diese Fantasiefragmente sind manchmal kaum mehr als Szenen aus einem Groschenroman, dann wirken sie wieder wie eine geistreiche Reflexion über… ja, über was eigentlich? Irgendwas mit Männern und Frauen sicherlich. Frauen wollen Liebe, die Männer sind bestenfalls vulgäre Sex-Maniacs, in der Regel aber völlig durchgeknallte Wracks, was man ihnen nur nicht auf den ersten Blick ansieht. Ob sich Campions Einschätzung auf das Genre bezieht, in dem er beheimatet ist oder auf die wirkliche Welt, gibt der Film nicht preis.

Ein wenig hat mich „In The Cut“ an die Satz-Schnipsel an Frannies Wand erinnert (sie sammelt Poesie, die sie an ihre Zimmerwand heftet): Jeder Satz ist für sich genommen schön, doch tritt man einen Schritt zurück und sieht sich das „Kunstwerk“ aus der Entfernung an, verlieren die Details ihre Bedeutung. Neue Muster entstehen, die aber noch nicht so recht ein Bild ergeben wollen. Was bleibt ist ein großes Durcheinander.

Bild © Euro Video

Flesh + Blood (Paul Verhoeven, Niederlande, Spanien, USA 1985)


fleshbloodKrieg, Pest, Aberglaube, Zwangsehen, Hinrichtungen, Vergewaltigung, Verrat, Mord & Totschlag… Nein, das Mittelalter war nichts für Warmduscher. Das zeigt uns Paul Verhoeven  (RoboCop, Total Recall) in seinem Film „Flesh + Blood“ sehr deutlich. Doch der niederländische Skandalregisseur will wie immer nicht nur schocken. Sein Film ist weniger ein zynischer Blick auf den Menschen als eine kühle, wenn auch mit einigem Spott vorgetragene Diagnose über die Mechanismen zivilisatorischen Fortschritts.

Im Jahr 1501 will Lord Arnolfini (Fernando Hilbeck) sein Schloss zurückerobern. Doch als er die Söldner, die für ihn kämpfen, um ihren Sold betrügt, sinnen diese auf Rache. Bei einem Überfall nehmen sie Prinzessin Agnes (Jennifer Jason Leigh), die zukünftige Frau von Arnolfini Sohn Steven (Tom Burlinson), als Geisel. Doch Agnes weiß sich trotz der Demütigungen zu helfen. Schnell versteht sie den Söldneranführer Martin (Rutger Hauer) für sich einzunehmen. Währenddessen macht sich Steven auf die Suche nach seiner Verlobten.

Die Welt ist schlecht in Verhoevens Film. Ob er ein realistisches Bild des ausgehenden Mittelalters zeichnet, sei einmal dahin gestellt. Es darf jedenfalls angenommen werden, dass seine Darstellung authentischer ist als die im gemeinen Ritterfilm. Helden im herkömmlichen Sinne finden sich hier jedenfalls nicht. Helden – das sind in „Flesh + Blood“ diejenigen, die es schaffen, irgendwie zu überleben. Und das sind z.B. Menschen wie Martin, dem es immer wieder gelingt seine Söldnerkumpane durch Bezugnahme auf Religion für sich einzunehmen; oder wie Agnes, die anfangs wirkt wie eine naive Aristokratin, die sich im weiteren Verlauf der Geschichte als begnadete Manipulatorin herausstellt; oder eben wie Steve, dessen Geschick eindeutig im Erfinden von technischen Gadgets liegt. Ohne sein Know-how hätte weder sein Vati seine Burg, noch er Agnes zurückbekommen.

Man darf somit anzweifeln, ob „Flesh + Blood“ wirklich als Allegorie auf die menschliche Verkommenheit gemeint ist. Verhoeven will nicht zeigen, wie schlecht der Mensch ist, sondern mit welchen Mitteln und durch welche Fähigkeiten sich der Homo Sapiens (weiter-)entwickelt. Essen, Trinken, Sex, ein Dach über dem Kopf – solche elementaren Bedürfnisse mögen seine Antriebe sein, seine Ziele erreicht der Mensch allerdings nur mit kühlem, zweckrationalem Verstand. Verhoeven tut in „Flesh + Blood“ somit das, was er auch in späteren Filmen immer wieder macht: Er beschäftigt sich mit Fortschritt und zeigt die Dynamiken, die ihn herbeiführen und ihn vorantreiben. Damit weisen Verhoevens Filme immer ein Stück weit über sich selbst hinaus, sodass sogar ein ultra-brutaler Historienfilm gleichzeitig ein Stück spöttisch-elegante Science-Fiction ist. Das klingt abstrakt, aber man kann es auch einfacher sagen: Verhoeven macht schmerzhaft gute Filme über den Menschen, über das, was er ist und sein könnte. Fleisch und Blut sind unendlich formbar.

Bild © Koch  Media