Tag: Jessica Chastain

Interstellar (Christopher Nolan, USA 2014)

Posted by 5. November 2014

interstellarDie globale Nahrungsknappheit hat die Erdbevölkerung an den Rand des Abgrunds gebracht. Diese hat sich infolgedessen von der Wissenschaft abgewandt und steckt ihre ganze Energie in die Landwirtschaft. Der Ingenieur und ehemalige NASA-Pilot Cooper (Matthew McConaughey), Vater von Tochter Murph (Mackenzie Foy) und Sohn Tom (Timothée Chalamet), gehört zu den wenigen, die dies für den falschen Weg halten, seiner Meinung nach kann nur die Wissenschaft die Menschheit retten. Wie durch ein Wunder erhält er dazu die Chance: Mysteriöse Hinweise führen ihn und Murph zu einem geheimen Labor der US-Regierung, wo unter der Leitung von Professor Brand (Michael Caine) fieberhaft an der Rettung der Menschheit gearbeitet wird. Cooper erhält die Chance, seinen Beitrag zu leisten – allerdings muss er dafür seiner Kinder zurücklassen…

Wenn man etwas über aktuelle Filme sagt, muss man natürlich oberhöllisch aufpassen, nicht zu spoilern (d.h. anderen den Film zu verderben, indem man darüber spricht). Das gilt natürlich besonders für Filme von Geheimniskrämer Christopher Nolan, die ja immer atemraubende Überraschung bereithalten. Insofern verrate ich der Inhaltsangabe nicht einmal, warum der Film eigentlich „Interstellar“ heißt und beiße mir heftig auf die Zunge, ehe ich mich darüber auslasse, dass Nolan hier eigentlich ein altbekanntes Sci-Fi-Topos aufgreift, das niemanden, der mehr als einen ersten Kontakt mit der Materie hatte, besonders erstaunen dürfte. Die schönen Kritiken gibt’s also anderswo (z.B. hier und hier und hier und hier). Was gibt es sonst zu sagen?

Es ist wahrscheinlich nicht übertrieben, Nolans neuestes Werk als meisterwarteten Film des Jahres zu bezeichnen. Zumindest kam es nach den geheimnisvollen Trailern, den ehrfürchtigen Ankündigungen und den kindlich-nervösen Diskussionen im Netz so vor. Ich glaube der Hype tut „Interstellar“ nicht gut, und das in doppelter Hinsicht: Zum einen wird eine übertriebene Erwartungshaltung („Was hat der Nolan diesmal wieder Großes vollbracht?“) früher oder später dazu führen, dass die Zuschauer enttäuscht sein werden. Zum anderen scheint Nolan – möglicherweise hervorgerufenen durch die Erwartungen des Publikums? – selbst mehr und mehr dem (Irr-)Glauben zu verfallen, er müsste etwas nie Dagewesenes liefern. Im schlimmsten Fall kommen beide Probleme zusammen: Der ständige Druck zum Meisterwerk führt zum Kollaps der Wundermaschine, während Nolan sich selber weiter als Innovator wähnt und das in seinen Filmen unglücklicherweise etwas zu sehr raushängen lässt. Das kann schnell peinlich werden. (Nicht, dass Nolan noch irgendwann das Schicksal eines M. Night Shaymalan erleidet!) Schon „Inception“, „The Dark Knight Rises“ und „Interstellar“ geben – alle auf ihre Weise – einen Vorgeschmack darauf, was sein könnte, wenn’s schlecht kommt. Doch noch ist es zum Glück nicht so weit. Denn „Interstellar“ ist gut, sehr gut sogar.

Auch wenn er nicht frei davon ist, sich etwas zu (und den Zuschauer etwas zu wenig) ernst zu nehmen. Der Eindruck des Wichtigtuerischen liegt weniger an Nolans Themen – Identität, Wahrheit, Erinnerung, Ordnung, Chaos sind natürlich allesamt wirklich bedeutend! – es geht um den Impetus, mit dem Nolan eine Stoffe vorstellt. Sätze wie „Love is the one thing that transcends time and space“ sagen sich eben nicht so leicht ohne große Geste. Zum Glück bietet der in diesem Fall gelegentlich aufflackernde Humor einen angenehmen Kontrapunkt zum Ernst der Lage, denn der Film bietet einen reichhaltigen Zitatfundus aus Jahrzehnten Sci-Fi-Geschichte: „2001“, „Star Wars“ „The Black Hole“,„Sunshine“ oder aktuelle „Gravity“ sind nur einige der offensichtlichen Bezugspunkte, Referenzen die mitunter ganz putzig sind. Außerdem ist „Interstellar“ abgesehen von einigen hochtrabenden Dialogen und dem zunehmend aufdringlicher werdenden Hans-Zimmer-Score und trotz der galaktischen Fragen, die ihn umtreiben, glücklicherweise erstaunlich bodenständig in Inhalt und Ausführung. Im Zentrum der Geschichte steht weniger die Technik als das, was Menschen verbindet und antreibt. Das ist mitreißend erzählt, emotional herausfordernd und bildgewaltig in Szene gesetzt. Vielleicht sind es diese Superlativen, die mir etwas die Lust rauben, mich mit den Feinheiten zu beschäftigen und die es erschweren, „Interstellar“ richtig gerne zu haben.

Bild © Warner Bros. GmbH
 

Mama (Andrés Muschietti, Spanien / Kanada 2013)

Posted by 24. März 2013

MamaNicht nachvollziehbar handelnde Figuren, Versatzstücke am laufenden Band, ein bis zum Anschlag aufgerissener Score, um den Zuschauer zu erschrecken, sinnfreie Szenen, die nur dazu dienen etwas Atmosphäre zu erzeugen – die aber genau das Gegenteil bewirkten,… – willkommen im Gruselkino des neuen Jahrtausends!

Ein Mann bringt seine Frau um und flieht mit den beiden Töchtern Victoria (Megan Charpentier) und Lilly (Isabelle Nélisse). Sein Bruder Lucas sucht ihn und die Mädchen (Nikolaj Coster-Waldau) in den folgenden Jahren verzweifelt – bis sie fünf Jahre später tatsächlich in einer verfallenen Hütte im Wald gefunden werden. Vom Bruder keine Spur. Lucas und seine Freundin Annabel (Jessica Chastain) nehmen die verwilderten Kinder bei sich auf, müssen aber bald feststellen, dass mit Victoria und Lilly noch etwas anderes, etwas Böses, in ihr Haus gekommen ist.

Wie oben schon angedeutet: Vieles hat mir an „Mama“ nicht gefallen. Der Film wirkt zu sehr wie ein aufgeblasener Kurzfilm, was er ja seinem Wesen nach auch ist. Viel zu oft unterwirft sich Andres Muschietti dem Diktat des (Er)Schreckens, anstatt sich auf seine Geschichte zu konzentrieren. Aber einiges fand ich dann doch richtig prima. Muschiettis Film ist nämlich eigentlich weniger normaler Gruselfilm als ein sozialpsychologisches Märchen darüber, wie Menschen durch ihr Milieu beeinflusst werden. Allerdings erzählt er diese Geschichte nicht wissenschaftlich-analytisch, sondern wählt vielmehr eine im doppelten Sinne fantastische Bildsprache und imposante Metaphern. Als sie nach fünf Jahren in der Hütte gefunden werden, sind sie mehr Monster als Menschen, was sich nicht nur durch ihr Aussehen, sondern in ihrer gesamten Körpersprache zeigt. Erst als sie von Lucas und Annabel liebevoll in die Familie aufgenommen werden, werden sie nach und nach wieder zivilisiert. Zumindest Victoria ist für die Vorzüge des neuen Zuhauses und die Zuneigung ihrer neuen Eltern durchaus empfänglich. Die jüngere Lilly hingegen findet sich in ihrer neuen Lebenswelt nicht zurecht. Zu einflussreich waren ihre Erlebnisse in den Wäldern, zu stark die Bindung zu ihrer „eigentlichen“ Mutter. Muschietti findet für diesen Kampf zweier Adoptivmütter um ihre Kinder starke Bilder, die die Auswirkungen des Milieus auf die beiden Mädchen und ihre Zerrissenheit illustrieren. So bildet das Ziehen und Zerren auch ein ganz zentrales Motiv des Films. Und zumindest auf dieser Ebene ist „Mama“ tatsächlich überaus gelungen. Ob das schon reicht, um „Mama“ insgesamt einen gelungenen Film zu nennen? Hier bin ich jetzt etwas zerrissen. Aber ich würde sagen: Eher nicht. Trotzdem hat er mich okay unterhalten und auch nach dem Kinobesuch noch einige Zeit beschäftigt. Insofern war es auf keinen Fall verschenkte Zeit.

Die gleiche Meinung in anderen Worte gibt’s auch in Nr. 25 des  Multimania-Magazins oder der aktuellen Ausgabe des Kontroversum-Podcasts.

Bild © Universal Pictures Germany
 

Zero Dark Thirty (Kathryn Bigelow, USA 2012)


Am 11. September 2001 entführt die Terrororganisation al-Qaida vier Passagierflugzeuge. Über 3000 Menschen kommen bei den folgenden Anschlägen ums Leben. Die Ereignisse sind ein Leuchtfeuer, das überall gesehen wird und die Welt, wie wir sie kannten, grundlegend ändert. Die anschließende Arbeit der Geheimdienste findet allerdings wieder in der Dunkelheit statt. Insofern hätte sich Kathryn Bigelow für ihren Film, der durchweg im moralischen Zwielicht spielt, auch keinen besseren Namen ausdenken können als „Zero Dark Thirty“ – ein militärischer Begriff, der die halbe Stunde nach Mitternacht bezeichnet. Im Film erzählt Bigelow die Geschichte einer CIA-Spezialeinheit, die versucht, Osama bin Laden, den Kopf von al-Qaida aufzuspüren und zu eliminieren. Besonders Maya Lambert (Jessica Chastain) ist nahezu besessen von der Suche, die sich mehr und mehr als Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen entpuppt. Mit „Near Dark“ hat Kathryn Bigelow einen meiner Lieblings(vampir)filme gemacht. Ihre anderen Arbeiten finden ebenfalls durchaus mein Gefallen. Das ist bei „Zero Dark Thirty“ nicht anders. Es ist ein sehr spannender, vielschichtiger Film, aber auch einer, der es dem Zuschauer – wie schon zuvor „The Hurtlocker“ – nicht ganz leicht macht. Ähnlich wie David Finchers „Zodiac“ ist auch Bigelows Film ein Recherchethriller, der sich über viele Jahre erstreckt und dabei eher die Mechanismen der Suche und des zugrunde liegenden Konflikts analysiert, als auf konkrete Charaktere abhebt. Auch wenn Maya die zentrale Figur ist, fungiert sie doch eher als Stellvertreterin für ein gesamtgesellschaftliches Trauma. Wie groß dieses Trauma tatsächlich ist, und ob die Rache an dem Mann, der der Welt diese Wunde zugefügt hat, zur Heilung beträgt, wird die Zeit zeigen.

Ein wenig ausführlicher beschäftige ich mich mit dem Film auf Kino-Zeit.