Tag: Keith Gordon

Dressed To Kill (Brian de Palma, USA 1980)

Posted by 13. April 2013

dressed to killDo you want to fuck me? – Liz

Kate (Angie Dickinson) ist gelangweilt von ihrer Ehe. Kurz nachdem sie ihrem Psychiater Dr. Elliott (Michael Caine) davon erzählt und anschließend  mit einem Unbekannten fremd geht, wird sie umgebracht. Zeuge des Mordes ist Callgirl Liz (Nancy Allen), die als Täter eine große blonde Frau mit Sonnenbrille gesehen zu haben glaubt. Doch die Polizei nimmt ihr das nicht ab. Schlimmer noch: Liz selbst gerät als vermeintliche Mörderin ins Visier der Cops. Gemeinsam mit Kates Sohn Peter (Keith Gordon) macht sie sich auf die Suche nach dem wahren Killer.

So erzählt, könnte dies die Story eines ganz normalen Thrillers sein. Doch „Dressed To Kill“ ist anders. Sex sickert ihm aus jeder Pore. Er ist auf eine Art und Weise pervers, die sich mir im ersten Moment noch gar nicht erschlossen hat. Ein wenig wie ein Apfel – außen wunderschön, verlockend, innen: faul. Ich lasse jetzt mal seine stilistischen Merkmale des Films, die offensichtlichen Hitchcock-Zitate und Giallo-Momente, die Plansequenzen, Splitscreens, de Palmas thematisches Repertoire von Voyeurismus und multiplen Persönlichkeiten weg und sage lieber ein paar Worte zu diesem Ton, diesem Missklang, der sich, manchmal kaum hörbar, dann wieder überdeutlich, durch den Film zieht.

„Dressed To Kill“ ist ein Film über (gestörte) Sexualität. Schon die erste Szene, eine Vergewaltigungsfantasie von Kate während des unbefriedigenden Beischlafs mit ihrem Mann, gibt die Richtung vor. Kurze Zeit später baggert sie zuerst ihren Psychiater und danach im Museum einen Fremden an. Mit beiden Männern hat sie keinen Glücksgriff getan. Mit dem Psychiater, weil dieser gleichzeitig ein gefährlicher Psychopath ist, mit dem anderen Mann, weil dieser sie  beim auf den Museumsbesuch folgenden Sex mit einer Geschlechtskrankheit ansteckt. Und so geht es in dem Film auch weiter: Angestaute sexuelle Energie wohin man sieht, notgeile Frauen, gestörte Männer. Ich bin mir relativ sicher, dass de Palma, dem wir auch das seltsame Drehbuch zum Film verdanken, nicht sagen wollte: Frauen, gebt Acht, vor welchem Mann ihr mit dem Kotelett winkt – er könnte ein Wolf sein. Es geht wohl eher in die Richtung zu zeigen, was das krampfhaft Verdrängte aus dem Menschen macht, wenn es sich mit Gewalt wieder seinen Weg an die Oberfläche bahnt. Die Menschen in de Palmas Film sind nicht Opfer ihrer Triebe – sie sind Opfer des Versuchs, ihre Triebe zu kontrollieren. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, sind die Frauen des Films trotz ihrer Opferrolle hier die stärkeren Figuren, ganz einfach aus dem Grund, weil sie im Gegensatz zu den grotesken Männern ihren Instinkten folgen.  Wohltuend habe ich deswegen auch die Beziehung zwischen Liz und Peter empfunden. Auch wenn sie sich aufgrund ihrer angedeuteten erotischen Konnotation außerhalb von gesellschaftlich Normen bewegt, ist sie doch angenehm entspannt, unverkrampft und deswegen ein auffälliger Kontrapunkt zum Rest des Films.

Man kann es bestimmt herauslesen: Ich bin mir über den Film ziemlich im Unklaren. Irgendwas ist da, das ich nicht zu greifen kriege. Zum Schluss, nach etwas Nachdenken, bin ich mir aber zumindest in dieser Hinsicht (fast) sicher: „Dressed To Kill“ ist nicht nur eine Verbeugung vor Hitchcock, sondern gleichzeitig auch eine Form von Satire auf den Erfinder des Thrillers. Und – das ist das Seltsame daran – ich bin mir gar nicht sicher, ob dies von de Palma wirklich beabsichtigt war. Ich würde nicht soweit gehen, den Film als unfreiwillig komisch zu bezeichnen. Komisch, auf eine bizarre Art und Weise, ist er nichtsdestotrotz. Vielleicht muss er das auch sein, weil man das Thema Sexualität bei aller gesellschaftlichen Überformung heute gar nicht mehr anders thematisieren kann. „Dressed To Kill“ erinnert mich ein wenig an die Geschichte von Eva, Adam und dem Apfel, weil auch dort die Frau dafür bestraft wird, dass sie sich normal verhält. Und weil man auch diese Geschichte auslegen kann, wie man gerade Lust hat.

Bild © MGM
 

Christine (John Carpenter, USA 1983)

Posted by 13. April 2013

ChristineLet me tell you something about love. It has a voracious appetite. It eat’s everything. Friendship, family…“ – Arnie Cunningham

Wenn es einen Film von John Carpenter gibt, mit dem ich noch nie so richtig warm geworden bin, dann ist das „Christine“.  Das könnte natürlich auch an der Roman-Vorlage von Stephen King liegen. Für die gilt das gleiche. Da mein Kontakt mit Roman und Film allerdings bis in die Schulzeit zurückreicht, wird es Zeit, so denke ich mir gerade, zumindest den Film, der seit ein paar Monaten unbeachtet im Regal steht, einer Neusichtung zu unterziehen.

Darum geht’s: Arnie (Keith Gordon), hat es nicht leicht an der High School. Er ist der Prügelknabe der Stärkeren. Vor allem Buddy (William Ostrander) und seine Gang haben es auf ihn abgesehen. Doch als sich Arnie einen stark renovierungsbedürftigen 1958er Plymouth Fury zulegt und diesen wieder auf Vordermann bringt, geht auf einmal eine Veränderung in dem Außenseiter vor. Selbst sein bester Freund Dennis (Dennis Guilder) erkennt ihn bald kaum noch wieder. Als plötzlich Buddys Gang unfreiwillig ins Jenseits befördert wird, beginnt sich auch der Polizist Rudolph Junkins (Harry Dean Stanton) für Arnie und sein Auto zu interessieren.

Mich erinnert der Film gerade an die maskuline Variante von „Carrie“. Statt einem Mädchen, das sich mit den Problemen des Erwachsenwerdens herumschlagen muss, ist es hier der junge Außenseiter Arnie. In beiden Filmen geht es um die erste Liebe.  Doch statt des Schulballs, um den sich bei Carrie alles dreht, geht es hier um Autos. Und ich mag einfach keine Filme mit Autos. Mochte ich noch nie. Vielleicht ist das der Grund, warum ich dem Film bzw. dem Roman bisher so wenig abgewinnen konnte. Aber eigentlich geht es in „Christine“ nicht um ein Auto. Im weitesten Sinne geht es um falsche Freunde, seien es Personen, Gruppen oder Gegenstände, jedenfalls um Dinge, die einem das Gefühl von Stärke vermitteln, die einen aber letzten Endes zerstören. Drogen könnte man hierzu zählen. Manche Fetische. Extreme Gruppierungen.

Aber diese Ebene, die der Stoff um das mörderische Auto zweifellos besitzt, ist nur eine vom mehren Aspekten, die ich an dem Film mag. Keith Gordons Performance als Arnie Cunningham beispielsweise, die ich früher immer etwas over the top fand, hat mir heute ziemlich gut gefallen. Alle Figuren des Films sind in gewisser Weise ja Karikaturen, aber trotz der Übertreibungen – hier passt es und bringt sogar noch den ironischen Ton des Stoffes besser heraus. Das größte Pfund ist aber –  wie bei allen Filmen des Regisseurs – John Carpenters Inszenierung. Und das, obwohl das Skipt Carpenter eigentlich wenig Möglichkeiten gibt, seine Stärken wie die Inszenierung von geschlossenen Räumen voll auszuspielen. Aber auch so gibt es einiges, das ins Auge springt. Die brennende Christine beispielsweise, die Buddy verfolgt und überfährt und dann irgendwann – beobachtet vom Garagenbesitzer – verkohlt zurück zu ihrem Stellplatz kommt, gehört zu den maßvollen, aber nichtsdestotrotz vorhandenen Highlights dieses insgesamt recht ruhigen Films. In dieser Sequenz zeigt Carpenter sein Gefühl für Bild, Bewegung, Erzählton (unheimlich, aber nicht ohne Augenzwinkern) und Musik sehr gut. Ebenfalls erwähnenswert die Szene mit Arnie, der schon völlig von Christine besessen ist und Dennis während einer Spritztour. Aus ihr stammt auch das Zitat am Anfang des Textes, das die – ich sag jetzt einfach mal – „Moral“ des Films deutlich macht. Die falsche Liebe kann dich verschlingen.

Ich denke, „Christine“ gehört trotz einiger Vorzüge nicht zu Carpenters besten Filmen. Trotzdem muss ich meine Meinung von damals revidieren und sage, doch, heute gefällt er mir. Eine der besseren Stephen-King-Verfilmungen ist er obendrein. Und, obwohl ich keine Autos mag: Christine ist verdammt schön.

Bild © Sony