Tag: Lucien Castaing-Taylor

Berlinale 2013 – Tag 8

Posted by 15. Februar 2013

To the Wolf (Christina Koutsospyrou, Aran Hughes, Griechenland / Frankreich 2013)

Ich bin kaum wach und schon erlebe ich die Apokalypse. Fast fühle ich mich zurück ins letzte Jahr versetzt, als ich im Wettbewerb „The Turin Horse“ von Béla Tarr gesehen habe. Die Schäfer in den westgriechischen Bergen haben alle Hoffnung aufgeben. Wie auch die Nation so müssen sie sich immer weiter verschulden. Die Tiere, Existenzgrundlage der Schäfer, werden in zunehmendem Maße Opfer des Hungers und der Wut der verzweifelten Männer. Zum Schluss hört der Zuschauer Schüsse und sieht Mündungsfeuer in einem fernen Tal. Dann schweigen die Ziegen und Lämmer.  „We are not dead yet“ sagt einmal eine der Figuren. Dass das wirklich nur eine Frage der Zeit ist, daran lässt der deprimierende „To the Wolf“ (OT: Sto lyko) kaum einen Zweifel.

The Act Of Killing (Joshua Oppenheimer, Dänemark / Norwegen / Großbritannien 2012)

„The Act Of Killing“ ist mit Sicherheit einer der Filme, die mich auch nach dem Festival noch länger beschäftigen werden. Der Dokumentarfilm von Joshua Oppenheimer begleitet Anwar Congo, Herman Koto und andere Kriegsverbrecher, die in den 1960er Jahren für Massenmorde in Indonesien verantwortlich waren. Mit stolzgeschwellter Brust und einem Lächeln im Gesicht berichten die Männer von ihren Taten und beginnen sogar, nachdem sie ihre Bewunderung für merikanische Gangsterfilme zum Ausdruck gebracht haben, ihre Verbrechen für Oppenheimers Dokumentarfilm nachzustellen. Ist das die Banalität des Bösen von der Hannah Arendt sprach? Oder kann das Böse vielleicht sogar frivol sein? Ich weiß es nicht und will es in diesem Moment auch erstmal nicht wissen. Und ich will den grinsenden Anwar Congo vergessen, der auf demselben Dach, auf dem er eigenhändig hunderte Menschen tötete, für „The Act Of Killing“ einen Cha Cha Cha auf’s Pakett legt.

Leviathan (Lucien Castaing-Taylor, Véréna Paravel, Großbritannien / USA / Frankreich 2012)

Ich dachte, ich würde keinen weiteren Film mehr schaffen, erstens, weil der letzte Film noch nachwirkt und ich nichts Neues draufschütten will, zweitens weil ich so müde bin. Und dann sehe ich doch noch einen Film und bin einfach nur glücklich, mich aufgerafft zu haben. So ging es mir heute mit „Leviathan“ – und jetzt folgen viele Sätze mit Ausrufezeichen! Was für ein Film! Für mich eines der Highlights dieser Berlinale! Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel verbrachten ein Jahr mit Hochseefischern aus New England auf dem Meer und kehrten mit Bild und Tonmaterial zurück, das mir die Sprache verschlagen hat. Es gibt ihn wirklich den Leviathan, doch das Seeungeheuer ist kein biblisch-mythologisches Wesen, sondern ein stählernes, menschengemachtes Monster, das über die Meere kreuzt und Leben verschlingt. Castaing-Taylors und Paravels Film ist keine klassische Dokumentation, sondern ein audio-visueller (Höllen-)Trip. Sowas hast du noch nicht gesehen!!!