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Final Words (Manuel Antônio de Macedo, Brasilien 1993)

Posted by 7. Dezember 2014

Madox FinalDie Apokalypse ist schriftgewordene Ekstase – Honoré de Balzac

Ich hatte neulich den Auftrag, einen Text über die Apokalypse bzw. apokalyptische Filme zu schreiben. (Anfangs hieß das Thema noch „Endzeit“, wozu mit wesentlich mehr eingefallen wäre.) Gar nicht so leicht, denn so viele Filme, ist mir nach einigem Nachdenken aufgegangen, die sich wirklich mit dem Untergangs beschäftigen und Bilder dafür finden, gibt es gar nicht. Entweder die Apokalypse wird gerade noch verhindert, oder sie wird im Vorspann des Films kurz abgehandelt. Zum Glück ist mir ein Film wieder eingefallen, den ich im Rahmen eines Brasilien-Specials mal auf einem Regionalsender gesehen habe. Meine Erinnerung ist zugegebener Maßen etwas nebulös und ich bitte vage und ungenauere Aussagen zu entschuldigen.

„Final Words“ (OT: O último relatório) von Manuel Antônio de Macedo, hierzulande auch bekannt unter dem korrekt übersetzten, aber doch irgendwie weniger schönen Titel „Der letzte Bericht“, ist in meiner Erinnerung das Manifest der Apokalypse schlechthin. Hier geht die Welt unter, aber so richtig! In ihm bekommt der arbeitslose Journalist Madox (Wilson Carrero) den Auftrag, den Tag des jüngsten Gerichts zu protokollieren. Ob von Gott oder dem Teufel beauftragt und warum gerade er, das weiß er selber nicht so genau. Auf jeden Fall steht eines Morgens ein offensichtlich nicht-menschliches Geschöpf vor seiner Apartmenttür in São Paulo und weiht den ungläubigen Reporter in seine neue Aufgabe ein. Widerspruch ausgeschlossen und schwupps geht auch schon die Welt unter.

So schön und detailverliebt wie in de Macedos TV-Film hat man das allerdings noch nie erlebt, da öffnen sich die Himmelspforten, schwarz wird zu weiß, oben zu unten; der Boden reißt auf, ihm entströmen die Himmels- und Höllenscharen, welche die Menschen ihrer Bestimmung zuführen, frei nach dem Motto „Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“. Und der gute (faule?) Madox ist gezwungen, über alles haarklein zu berichten. Ein Haufen Arbeit, was die über sechsstündige Laufzeit des Films durchaus rechtfertigt. Viel passiert auf der reinen Handlungsebene nicht, Langeweile kommt in diesem apokalyptischen Doku-Thriller, der die bürokratische Seite des Weltuntergangs zeigt, zumindest für den Zuschauer, trotzdem nicht auf. Während die Szenen im Pugatorium nichts für schwache Nerven sind, entbehren die Interviews mit den vor der Himmelspforte Wartenden allerdings nicht einer gewissen Komik, ach was, sie sind zum Schreien! Wenn der Teufel ein Eichhörnchen ist, sind die himmlischen Heerscharen Schafe im Wolfsfell. Freud und Leid liegen auch am Ende unserer Tage und in diesem letzten Bericht nicht allzu viele Seiten auseinander.

„Schönschmerz“ und „Gutweh“ sind wohl die Begriffe, der das Gefühl, das der Film auslöst, am ehesten beschreiben. „Final Words“ ist ein Film über das Ende. Doch gibt es kaum eine zweite Geschichte, die so stark den Wunsch auslöst, zu wissen, wie es weitergeht. Insofern bewahrheitet sich mal wieder, dass jedem Ende auch ein Anfang innewohnt. De Macedos tragikomisches Stück TV lässt den Zuschauer nicht allein, sondern vermittelt – gerade ob der Endgültigkeit seiner Geschichte – paradoxerweise Hoffnung. Und vielleicht ist das die Erkenntnis, die ich aus meinem Streifzug durch die Filmwelt der Apokalypse mitgenommen habe und die dieser Film mir noch einmal in besonderer Weise ins Gedächtnis zurückgerufen hat, dass es nämlich nie um das Ereignis als solches geht, sondern um das Gefühl. Der Weltuntergang am frühen Morgen kann einem dem Sprichwort nach ja den ganzen Tag versauen. Wenn die Welt allerdings so schön wie hier untergeht, zehrt man da Jahre von.

Bild © Mil Imagens